Guarda-Hirschmaus

Guarda-Hirschmaus
Systematik
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Überfamilie: Mäuseverwandte (Muroidea)
Familie: Wühler (Cricetidae)
Unterfamilie: Neotominae
Gattung: Hirschmäuse (Peromyscus)
Art: Guarda-Hirschmaus
Wissenschaftlicher Name
Peromyscus guardia
Townsend, 1912

Die Guarda-Hirschmaus (Peromyscus guardia) ist eine möglicherweise ausgestorbene Art der Hirschmäuse (Peromyscus) aus der Familie der Wühler (Cricetidae). Sie kam mit drei Unterarten auf der Isla Ángel de la Guarda und ihren Nachbarinseln im nördlichen Baja California in Mexiko vor. Die IUCN stuft die Art als „vom Aussterben bedroht (möglicherweise ausgestorben)“ (Critically Endangered (Possibly Extinct)) ein.

Merkmale

Die Guarda-Hirschmaus ist eine kleine Hirschmaus, die der Kaktusmaus (Peromyscus eremicus) morphologisch sehr ähnlich ist. Die Kopf-Rumpf-Länge beträgt 96 bis 100 mm, die Schwanzlänge 93 bis 123 mm, die Ohrlänge 20 bis 23 mm und die Hinterfußlänge 23 bis 25 mm. Angaben zum Körpergewicht liegen nicht vor.

Das Rückenfell ist graumeliert mit rötlich-braunen Schattierungen, während der Kopf gräulich und die Unterseite weißlich ist. Entlang der Körperseiten verläuft eine schmale, blassgelbe Seitenlinie. Der Schwanz ist länger als die Kopf-Rumpf-Länge, nur spärlich behaart und auf der Oberseite dunkler, ohne deutlich zweifarbig zu sein. Die verhältnismäßig großen Ohren erreichen mehr als 75 % der Hinterfußlänge und sind nackt oder nur dünn behaart. Die Sohlen der Hinterfüße weisen sechs Ballen auf.

Der Schädel ist hoch und stark gewölbt; seine Oberseite ist leicht konkav. Das Rostrum ist groß, lang und schmal, und die Paukenhöhlen sind groß. Die hinteren Ränder des Nasenbeins sind abgerundet oder zugespitzt. Die Foramina incisiva sind kurz und reichen nicht bis zur vorderen Ebene der ersten oberen Backenzähne. An den ersten oberen Backenzähnen fehlen die kleinen zusätzlichen Zahnhöcker in der Mitte und an der Innenseite nahezu vollständig.

Die Zahnformel der Guarda-Hirschmaus lautet I 1/1 – C 0/0 – P 0/0 M 3/3, insgesamt also 16 Zähne.

Taxonomie

Die Art wurde 1912 von Charles Haskins Townsend als Peromyscus guardia beschrieben. Die Typuslokalität liegt auf der Isla Ángel de la Guarda in Baja California, Mexiko. Peromyscus guardia gehört zur Artengruppe von Peromyscus eremicus. Die San-Lorenzo-Hirschmaus (Peromyscus interparietalis) wurde historisch als Unterart von P. guardia betrachtet.

Historisch wurden drei Unterarten unterschieden: die Nominatform P. g. guardia von Ángel de la Guarda, P. g. mejiae von der Insel Mejía und P. g. harbisoni von der Insel Granito. P. g. mejiae wurde 1932 von William Henry Burt und P. g. harbisoni 1967 von Richard C. Banks beschrieben.

Auf der kleinen Insel Estanque wurde 1995 eine zuvor unbekannte Population von P. guardia entdeckt, die inzwischen als ausgestorben gilt.

Verbreitung

Die Guarda-Hirschmaus ist auf den Ángel-de-la-Guarda-Archipel im nördlichen Golf von Kalifornien beschränkt. Die Nominatform kam auf der Hauptinsel Ángel de la Guarda vor; historische Vorkommen bestanden außerdem auf den kleineren Inseln Mejía, Granito und Estanque. Die Art ist auf Granito und Mejía ausgestorben und von Estanque verschwunden.

Auf Álvarez-Castañeda wurde sie lediglich an der Nordspitze, im Gebiet um Puerto Refugio und im Nordosten bei Los Cantiles nachgewiesen. Der letzte Nachweis auf der Hauptinsel betrifft zwei 1991 gesammelte Exemplare.

Lebensraum und Lebensweise

Die Art bewohnte xerophile Buschlandschaften in sehr niedrigen Höhenlagen, darunter Bereiche mit Hygrophyten, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. Sie wurde in verschiedenen Mikrohabitaten festgestellt, darunter in felsigen Bereichen mit Vegetation, auf offenen Ebenen mit Opuntien und in dichtem Buschwerk in Strandnähe. Weitere Nachweise stammen aus trockenen Buschlandschaften nahe Stränden, von felsigen Stränden und aus buschbestandenen Sandebenen.

Zur Ernährung und Nahrungsaufnahme, zu den Aktivitätsmustern sowie zu Wanderungen, Aktionsraum und Sozialorganisation liegen keine näheren Angaben vor. Die Fortpflanzung erfolgt im Frühjahr.

Zu den bekannten Fressfeinden gehören Eulen, Schlangen und Hauskatzen.

Gefährdung

Die IUCN klassifizierte die Guarda-Hirschmaus 2025 als „vom Aussterben bedroht (möglicherweise ausgestorben)“ (Critically Endangered (Possibly Extinct)). Obwohl die Art Mitte der 1960er-Jahre offenbar noch häufig war, setzte anschließend ein starker Populationsrückgang ein. Gegenwärtig ist keine noch existierende Population bekannt; die Art könnte daher tatsächlich ausgestorben sein.

Auf der Isla Ángel de la Guarda wurde die Art zuletzt 1991 nachgewiesen. Bereits frühere Untersuchungen hatten auf einen starken Rückgang hingedeutet. Aufgrund der Prädation durch verwilderte Katzen wurden die Bestände auf der Insel als äußerst klein eingeschätzt; eine lokale Ausrottung wurde bereits für möglich gehalten. Gezielte Erhebungen in den Jahren 2010 und 2015 erbrachten keinen Nachweis weiterer Individuen. 1999 berichtete der mexikanische Zoologe Gerardo Ceballos von einer einzelnen Katze namens Cold, die 1997 die letzten Exemplare der Population auf der Insel Estanque erlegte und somit zum Aussterben der Guarda-Hirschmaus beitrug.

Auch bei mehreren Erhebungen auf Mejía und Granito wurden keine Individuen mehr festgestellt. P. g. mejiae und P. g. harbisoni gelten daher als ausgestorben.

Zu den wichtigsten Bedrohungen zählen die Konkurrenz durch eingeführte Nagetiere, insbesondere die Hausmaus (Mus musculus), sowie die Prädation durch verwilderte und Hauskatzen (Felis catus). Hinzu kommt die besondere Anfälligkeit, die sich aus der sehr kleinen Populationsgröße und dem äußerst begrenzten Verbreitungsgebiet ergibt.

Entwicklungspläne der mexikanischen Regierung für den Golf von Kalifornien als bedeutendes Reiseziel könnten zu einer Zunahme menschlicher Aktivitäten und damit zu einem erhöhten Risiko weiterer Einschleppungen gebietsfremder Arten führen.

Analysen stabiler Isotope zeigten, dass Hausmäuse marine Ressourcen in ähnlicher Weise nutzen wie die Guarda-Hirschmaus. Dies wird als Hinweis darauf gewertet, dass die Hausmaus möglicherweise die ökologische Nische der möglicherweise ausgestorbenen Guarda-Hirschmaus besetzt hat. Kotuntersuchungen verwilderter Katzen ergaben Überreste einheimischer Arten, darunter Chaetodipus spinatus guardiae, darüber hinaus Samen, Insekten, Hausmäuse und weitere Kleintiere. Die Prädation durch verwilderte Katzen gilt daher als wesentlicher Faktor für den Rückgang von P. guardia.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Peromyscus guardia in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2025. Eingestellt von: Álvarez-Castañeda, S.T., Vázquez, E. & Hurtado Materon, M.A., 2025. Abgerufen am 24. August 2026.
  2. ↑ C. H. Townsend: Mammals collected by the Albatross expedition in Lower California in 1911, with descriptions of new species. In: Bulletin of the American Museum of Natural History. Band 31, Nr. 13, 14. Juni 1912, S. 117–130.
  3. 1 2 Evelyn Rios, Sergio Ticul Álvarez-Castañeda: Peromyscus guardia (Rodentia: Cricetidae). In: Mammalian Species. Band 43, 21. Januar 2011, ISSN 0076-3519, S. 172–176, doi:10.1644/885.1.
  4. ↑ William Henry Burt: Descriptions of heretofore unknown mammals from islands in the Gulf of California, Mexico. In: Transactions of the San Diego Society of Natural History. Band 7, Nr. 16, 31. Oktober 1932, S. 161–185.
  5. 1 2 Sergio Ticul Álvarez-Castañeda, Alfredo Ortega-Rubio: Current status of rodents on islands in the Gulf of California. In: Biological Conservation. Band 109, Nr. 2, Februar 2003, S. 157–163, doi:10.1016/S0006-3207(02)00121-0.
  6. ↑ Richard C. Banks: The Peromyscus guardia-interparietalis Complex. In: Journal of Mammalogy. Band 48, Nr. 2, Mai 1967, S. 210, doi:10.2307/1378023.
  7. 1 2 3 Eric Mellink, Gerardo Ceballos, Jaime Luévano: Population demise and extinction threat of the Angel de la Guarda deer mouse (Peromyscus guardia). In: Biological Conservation. Band 108, Nr. 1, November 2002, S. 107–111, doi:10.1016/S0006-3207(02)00095-2.
  8. 1 2 3 4 Ella Vázquez-Domínguez, Gerardo Ceballos, Juan Cruzado: Extirpation of an insular subspecies by a single introduced cat: the case of the endemic deer mouse Peromyscus guardia on Estanque Island, Mexico. In: Oryx. Band 38, Nr. 3, Juli 2004, ISSN 0030-6053, S. 347–350, doi:10.1017/s0030605304000602.
  9. ↑ Gerardo Ceballos: Mammals of Mexico. Johns Hopkins University Press, Baltimore (Md.) 2014, ISBN 978-1-4214-0843-9, S. 29 (englisch).
  10. ↑ Gerardo Ceballos: Áreas prioritarias para la conservación de los mamíferos de México. In: Biodiversitas. Nr. 27, 1999, S. 1–8 (spanisch, biodiversitylibrary.org).
  11. ↑ Sergio Ticul Álvarez-Castañeda, Patricia Cortés-Calva, Lia Méndez, Alfredo Ortega-Rubio: Development in the Sea of Cortés Calls for Mitigation. In: BioScience. Band 56, Nr. 10, 2006, ISSN 0006-3568, S. 825–829, doi:10.1641/0006-3568(2006)56[825:DITSOC]2.0.CO;2 (englisch).
  12. ↑ Ma Carmen Blázquez, Gustavo Arnaud, Víctor Ortiz-Avila, Alfredo Ortega-Rubio, Miguel Delibes: Stable isotope analyses suggest Mus musculus occupies the place of the “possibly extinct” Peromyscus guardia in Angel de la Guarda Island, (Mexico). In: Mammal Research. Band 64, Nr. 1, Januar 2019, ISSN 2199-2401, S. 121–125, doi:10.1007/s13364-018-0382-0.