Hans Netzle

Hans Netzle (* 10. Dezember 1902 in München; † 15. März 1946 in Kowel) war ein deutscher Vermessungsbeamter, Volkskundler, Fotograf und Puppentheaterforscher. Er veröffentlichte 1938 die Monographie Das süddeutsche Wander-Marionettentheater. Während des Zweiten Weltkriegs setzte er seine Forschungen fort, bevor er 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet und 1946 in Kowel, heute in der Ukraine, starb.

Volkskundliche Forschungen und Marionettentheater

Während seiner Tätigkeit als Vermessungsassistent in Oberbayern entwickelte Netzle ein Interesse an Volkskunst, Architektur und insbesondere am süddeutschen Barock. Im Zuge seiner Forschungen kam er um 1930 mit Wanderbühnen und Marionettenspielern in Kontakt, die zu einem Schwerpunkt seiner volkskundlichen Forschungen wurden. Er untersuchte die Bestände des Münchner Theatermuseums und dokumentierte die Aufführungspraxis des süddeutschen Wandermarionettentheaters anhand schriftlicher Quellen, eigener Beobachtungen und Gespräche mit noch aktiven Puppenspielerfamilien.

1938 veröffentlichte er mit Unterstützung der Bayerischen Landesstelle für Volkskunde das Werk Das süddeutsche Wander-Marionettentheater. Er wurde Geschäftsführer des Vereins Freunde des künstlerischen Puppenspiels (ab 1945 Gesellschaft zur Förderung des Puppenspiels). Gemeinsam mit dem Bibliothekar und Journalisten Ludwig Krafft bereitete er die Ausstellung Das süddeutsche Puppenspiel vor, die vom 9. September bis 15. Oktober 1939 in München stattfinden sollte. Wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs wurde sie nicht mehr eröffnet. Die für die Ausstellung von Krafft und Netzle zusammengetragenen Materialien wurden später als Grundstock für das 1940 gegründete städtische Puppentheatermuseum genutzt.

Im Jahr 2005 wurde die Monografie „Das süddeutsche Wander-Marionettentheater“ neu aufgelegt. Die Publikation wurde erweitert durch ein zuvor unveröffentlichtes Manuskript von Hans Netzle „Das süddeutsche Puppenschauspiel“ und ergänzt u. a. durch eine Einleitung des Puppenspielers und Theaterwissenschaftlers Olaf Bernstengel. Die Neuausgabe enthält u. a. spezifische Stücke und Spielpläne des süddeutschen Wandermarionettentheaters und wurde auch in neueren theaterwissenschaftlichen Studien herangezogen.

Fotografische Tätigkeit

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit betätigte sich Netzle als Fotograf. Er dokumentierte Architektur, Kunstwerke, Kirchen sowie Marionetten- und Puppentheater. Im Archiv des Puppentheatermuseums haben sich über 300 Fotografien volkstümlicher Barockkunst erhalten. Geplant war zudem ein Bildband unter dem Titel Das Volksbarock, der jedoch nicht mehr zur Veröffentlichung gelangte.

Nachlass

Ein Teil von Hans Netzles Fotografien und Arbeiten zum Puppentheater werden im Archiv des Puppentheatermuseums im Münchner Stadtmuseum aufbewahrt.

Werke

Buch

  • Das süddeutsche Wander-Marionettentheater., Neuer Filser Verlag, München 1938 (Beiträge zur Volkstumsforschung II)
    • Erweiterte Neuausgabe mit Vorwort der Herausgeberin Ursula Volbehr und Einleitung durch Olaf Bernstengel: Das süddeutsche Wander-Marionettentheater und seine Puppenschauspiele, Verlag Puppen & Masken, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-935011-37-7

Beiträge

  • Barock-Topographie, in: Das Innere Reich, Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deutsches Leben, September 1936, S. 732–734.
  • 10 Barockbilder, in: Deutsche Zeitschrift, 49. Jahrgang des Kunstwarts, Heft 7/8, 1936.
  • Das Marionettentheater als Träger volkstümlicher dramatischer Literatur, in: Heimat und Volkstum, Heft 18 (23. September 1938).
  • Der ‚Bayerische Hiesel‘ in der volkstümlichen Dichtung, in: Bayerische Hefte für Volkskunde, 12. Jahrgang, 3. Heft (1939), S. 25–27.

Einzelnachweise

  1. ↑ Hans Netzle: Das süddeutsche Wander-Marionettentheater. In: Beiträge zur Volkstumsforschung der Bayerischen Landesstelle für Volkskunde. Nr. II. Filser-Verlag, München 1938.
  2. 1 2 Hans Netzle: Das Süddeutsche Wander-Marionettentheater und seine Puppenschauspiele. Puppen & Masken, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-935011-37-7.
    1. ↑ S. 3–11
    2. ↑ S. 9–13.
    3. 1 2 S. 7–8.
  3. ↑ Hans Netzle, Wander-Marionettentheater (2005), Vorwort und Einleitung, S. 3–13.
  4. Manfred Wegner (Hrsg.): Handbuch zum künstlerischen Puppenspiel 1900-1945. Utzverlag, München 2019, ISBN 978-3-8316-4783-5.
    1. ↑ S. 389
    2. ↑ S. 390
  5. ↑ Gesellschaft zur Förderung des Puppenspiels e.V.
  6. ↑ Silke Technau: Ein Beruf im Wandel. 50 Jahre Verband Deutscher Puppenspieler. In: Takey.com (The World of Puppetry). Verlag Puppen & Masken, Frankfurt am Main, November 2018, S. 80, abgerufen am 10. Juni 2026.
  7. ↑ Barbara Krafft: Ludwig Krafft und die Münchner Puppentheatersammlung. In: Schriftenreihe des Münchner Puppentheatermuseums. Heft, Nr. 1. München 1979.
    1. ↑ S. 9–11.
  8. ↑ Einführung zu „Postkarten aus der Sammlung Puppentheater und Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums“. In: Bavarikon - Internetportal des Freistaats Bayern zur Präsentation von Kunst-, Kultur- und Wissensschätzen aus Einrichtungen in Bayern. Freistaat Bayern, abgerufen am 10. Juni 2026.
  9. ↑ Isabella Schuster: Das Kölner Hänneschen-Theater im 19. Jahrhundert. Masterarbeit an der Karl-Franzen-Universität Graz. Graz 2012, S. 8, 20, 23, 37, 66 (Online).
  10. ↑ Judith Öllinger: Johann Nestroys Der böse Geist Lumpazivagabundus auf der Puppenbühne des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Editionen und Studien. Masterarbeit Karl-Franzens-Universität Graz. Graz 2015, S. 5 (Online [PDF; abgerufen am 17. Juni 2026]).
  11. ↑ Beatrix Müller-Kampel und Lars Rebehn: Marionettentheater im 19. und 20. Jahrhundert. Feld- und habitussoziologische Annäherungen aus lebensgeschichtlichen Erzählungen und romantischer Kunstillusion. In: Lutz Hieber (Hrsg.): Gesellschaftsepochen und ihre Kunstwelten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-658-18467-4, S. 148.
  12. ↑ Beatrix Müller-Kampel: Puppentheater im 19. Jahrhundert. Mit Kasperl und Pimperl, Hanswurst und Hänneschen, Peterl und Polichinell. Studien zur Figuralität, Motivik und Komik. In: Beatrix Müller-Kampel und Marion Linhardt (Hrsg.): LiTheS. Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie. Sonderband "Kasperl", Jahrgang 12 (2019). Unipress Graz Verlag GmbH, Graz 2019, ISBN 978-3-902666-47-5, S. 10, 12, 31, 104, 167.
  13. ↑ Jean Boutan: In the peep box of satire: Johann Friedrich Schink's Prinz Hamlet von Dännemark. In: Cahiers Élisabéthains: A Journal of English Renaissance Studies. Special issue: Shakespeare and puppets, Volume 117 Issue 1, July 2025. Montpellier 3. Juli 2025, S. 11, doi:10.1177/01847678251339030 (englisch).