Sie lehrte an der École supérieure d’art et design Grenoble-Valence (2000 und 2014), war Lehrbeauftragte an der Universität der Künste Berlin (2012/13 für Aktzeichnen) und an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (2022–2024). Seit 2024 lehrt sie erneut an der UdK Berlin (Grundlagen der Zeichnung). Von 2005 bis 2008 gehörte sie dem kuratorischen Team der 2yk Galerie in der Kunstfabrik am Flutgraben an und leitete den Ausstellungsraum.
Kulturpolitisches Engagement
Heidi Sill engagiert sich seit ihrer Studienzeit für Künstlerinnen und Künstler. Sie setzt sich insbesondere für faire Honorare und mehr Sichtbarkeit von Kunstschaffenden ein.
2005–2011 Vorstandsmitglied und 2016–2022 Sprecherin des bbk berlin
Während der Corona-Pandemie setzte sie sich in dieser Funktion für ein schnelles Soforthilfe-Programm für Berliner Künstlerinnen und Künstler ein.
Werk
Heidi Sills Werk umfasst Tuschezeichnungen, Collagen und Installationen. Ihre zentralen Themen sind das Spannungsfeld von Ästhetik und Gewalt, Körperbilder jenseits gängiger Normen, die Rolle der Frau sowie Fragen von Sichtbarkeit, Kontrolle und Befreiung. Formal beschäftigt sie sich mit der Oberfläche, mit Einschreibungen, Verletzungen und Spuren sowie mit dem Abdruck.
Vorbilder weiblicher Transgression
Die Serie Vorbilder weiblicher Transgression (englisch Models of Female Transgression) besteht aus Tuschezeichnungen auf Papier nach Medienbildern von Frauen, die in ihrem Leben Brüche und Grenzüberschreitungen verkörperten, darunter Hannah Wilke und Carolee Schneemann. Während ihres Aufenthalts in Schloss Wiepersdorf 2020 setzte sie die Serie mit Porträts von Bettina von Arnim fort. Eine Arbeit aus der Serie, Hannah II (2014), wurde 2018 mit dem zweiten Preis des Kunstpreises der Nürnberger Nachrichten ausgezeichnet.
Cuts
In der Collage-Serie Cuts bearbeitet Sill die Bildwelt von Lifestyle, Mode- und Kunstmagazinen. Sie legt diverse Schichten aus den unterschiedlichsten Fotostrecken übereinander, die sie zuvor mit einem Skalpell herausgetrennt hat, wodurch den Dargestellten ihre individuellen Erkennungsmerkmale genommen werden. Das Neue Museum Nürnberg liest dies als Absage an eine Welt des makellosen Scheins und stereotyper Bilder des Weiblichen.
skins
Die Serie skins (ab etwa 2006) besteht aus großformatigen Tuschezeichnungen gesichtsloser Köpfe. Die Umrisse von Köpfen, Schultern und Haar lassen Porträts erahnen, die Gesichtszüge sind ausgespart und durch ein dichtes Geflecht feiner Tuschelinien ersetzt. Der Titel bezieht sich laut Neuem Museum Nürnberg, nicht nur auf die Haut, sondern auf deren Verletzungen. Die Vorlagen erhielt die Künstlerin aus dem Zentrum für Brandverletzte im Unfallkrankenhaus Berlin und aus dem Brandenburgischen Institut für Rechtsmedizin, jeweils rund 300 Fotografien, deren Augen zuvor unkenntlich gemacht worden waren. Sie übertrug die Motive auf Transparentfolien, sortierte sie nach Form, Haltung und Größe der Köpfe und schichtete bis zu 30 Folienzeichnungen übereinander. Das Ergebnis projizierte sie an die Wand und übertrug es mit Tusche auf große Blätter. Durch die Überlagerung bleiben die Verletzten anonym, wodurch die Künstlerin deren Würde wahre.
Die Serie wurde 2006 in der Einzelausstellung Ähnliche Wirkungen im Brandenburgischen Kunstverein Potsdam gezeigt, die in Zusammenarbeit mit dem Brandenburgischen Landesinstitut für Rechtsmedizin als Teil der Reihe Art + Science: Modell und Imagination entstand. Die Kritikerin Almut Andreae beschrieb die Blätter im Tagesspiegel als „Spurenbilder“, die den Opfern ihre Würde zurückgäben.
Apokalypse
2025 zeigte sie im MUK Kunstverein Zirndorf im Rahmen der Biennale der Zeichnung die Ausstellung Apokalypse mit Arbeiten zu Dürers Apokalypse.
Kunst im öffentlichen Raum (Auswahl)
Seit mehr als zehn Jahren realisiert Heidi Sill Kunst-am-Bau-Projekte, die sie als Erweiterung ihres künstlerischen Denkens versteht.
Flagge zeigen (2020, Realisierung 2023), Künstlerhaus Nürnberg: Siegerentwurf eines Wettbewerbs der Stadt Nürnberg; eine skulptural geformte Rosa Flagge an einem acht Meter hohen ebenfalls pinken Edelstahlmast markiert den Eingang.
Die Leiter der Welt (2018, Realisierung 2022), Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Berlin (1. Preis): eine Installation in Anlehnung an die Tieftemperaturforschung des Hauses
La Silhouette des Citoyens (2018, Realisierung 2027), Deutscher Bundestag, Schadowstraße 4, Berlin (1. Preis)
Das flotte Wappen (2018), Lärmschutzwand am Frankenschnellweg, Nürnberg (1. Preis)
2015: Gesichter – Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske, Neues Museum Nürnberg (Kuratorin: Melitta Kliege; Sills Arbeiten im Kapitel „Überzeichnung und Selbstinszenierung“; von der AICA Deutschland als „Besondere Ausstellung des Jahres 2015“ ausgezeichnet)
2017: Hours and Hours of Inactivity, n.b.k., Berlin
2018: Ausstellung zum Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten, Kunsthaus Nürnberg
2019: Pirating Presence, u. a. Museum Villa Rot
2026: Collage – current European positions, Neue Sächsische Galerie Chemnitz
Literatur
Claudia Marquardt: Gesichter. Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske. Begleitheft. Neues Museum Nürnberg 2015, S. 17–18.
Gesichter. Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske. Katalog, hrsg. vom Neuen Museum Nürnberg, Verlag für moderne Kunst Nürnberg 2015.
Almut Andreae: Spurenbilder. In: Potsdamer Neueste Nachrichten, 9. Juni 2006.
Ähnliche Wirkungen | Similar Effects. Matthes & Seitz, Berlin 2010.
La vague des sentiments – la tentation du défaut. Centre d’Art Contemporain d’Istres 2014.
Nicola Kuhn: BRUCE SILL. Kunsthaus Erfurt 2015.
Zeichen & Wunder III. Kunsthaus im KunstKulturQuartier, Nürnberg 2018.