Mykotherapie

Mykotherapie ist die Anwendung von Pilzen, vorzugsweise Großpilzen, und daraus gewonnenen Extrakten, für die eine Wirksamkeit im Rahmen von Prävention und unterstützender oder alleiniger Therapie behauptet wird. Für diese Anwendung existiert bislang keine hinreichende wissenschaftliche Basis. Eine Zulassung der Präparate als Arzneimittel besteht in Deutschland nicht.

„Heilpilze“

Hallimasch (Armillaria mellea)
Stinkmorchel (Phallus impudicus), mit bereits durch wohl Hunderte von Fliegen vom Sporenbrei befreiter wabiger Kappe

Die für medizinische Anwendung beworbenen Pilzarten werden von den Anbietern Heilpilze, Medizinalpilze oder Vitalpilze genannt. In China werden zahlreiche dieser Pilzarten wie beispielsweise Ganoderma lingzhi schon seit Jahrhunderten als Rezepturbestandteile in der sogenannten Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) verwendet. In Europa wurden sie zum Teil in den Kräuterbüchern des Hieronymus Bock, Peter Melius und Adam Lonitzer erwähnt.

Nach diesen veralteten Arzneibüchern verwendete man zum Beispiel die Stinkmorchel (Phallus impudicus) gegen die Gicht. Der Zunderschwamm (Fomes fomentarius) wurde zur Blutstillung und der Hallimasch (Armillaria mellea) als Abführmittel verwendet.

Eine Passage aus dem Kräuterbuch von Adam Lonitzer aus dem Jahr 1679 über das Judasohr (Auricularia auricula-judae), das im Volksmund auch „Holunderschwamm“ genannt wird:

„Hollunderschwämme löschen und trucken nieder allerlei Hiz und Geschwulst, zuvor in Rosenwasser oder Wein gewicht und übergelegt.“

Die Speisepilze werden in Trockenform, meist als konzentrierter Extrakt, verabreicht. Die Wirkungen der Pilze sollen auf ihrem Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen und auf hypothetischen Heilwirkungen bestimmter Inhaltsstoffe einiger Pilzarten beruhen.

Auch der in Taiwan beheimatete Taiwanofungus camphoratus (Synonyme: Antrodia camphorata, A. cinnamomea) wird in der traditionellen taiwanesischen Medizin, die historisch aus der TCM hervorgegangen ist, in unterschiedlichen gesundheitlichen Kontexten eingesetzt. Beispiele hierfür sind leberbezogene Beschwerden, Durchfallerkrankungen, Erschöpfungszustände und Beschwerden nach Alkoholkonsum.

Verschiedene Hersteller bewerben „Heil-“ oder „Vitalpilze“ in Form von Nahrungsergänzungsmitteln mit diversen medizinischen Wirkungen, sei es zur Prävention, als Unterstützung oder alleinige Therapie bestimmter Erkrankungen. Hierbei werden die verschiedene Pilze, die aufgrund ihres Geschmackes nicht verzehrt werden, getrocknet und zerkleinert, als Pulver oder Extrakte in Kapseln befüllt. Die Begriff „Vitalpilz“ indes ist weder definiert, noch rechtlich geschützt und dient dem Marketing. Es fehlen ausreichende Daten zur Wirksamkeit. Zudem können auch Nebenwirkungen auftreten, so wie beim Reishi-Pilz in Form von Reishi-„Kaffee“ (schwere Unterzuckerung). Außerdem besteht die Gefahr, dass eine evidenzbasierte Behandlung durch eine selbstbestimmte Pilztherapie verzögert oder unterlassen wird.

Verschiedene Pilzarten wie der Chaga-Pilz (Schiefer Schillerporling) oder Reishi werden als Therapie gegen diverse Krebsarten beworben. Klinische Prüfungen am Menschen fehlen entweder oder hatten schwere methodische Mängel bzw. waren sehr heterogen, wodurch sich keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit ableiten können. Außerhalb klinischer Prüfungen wird eine Verwendung nicht empfohlen.

Ein weiteres Problem der vertriebenen „Heilpilze“ ist eine mögliche Kontamination mit Schimmelpilzen wie Aspergillus, was insbesondere beim Chinesischen Raupenpilz vorkommen kann. Ob Händler tatsächlich Produkte mit dem beworbenen Chinesischen Raupenpilz wie angegeben vertreiben, kann angezweifelt werden. Da der Chinesische Raupenpliz mit 80 Euro pro Gramm relativ teuer ist, werden stattdessen andere, günstigere Pilzarten unter dessen Namen verkauft.

Rechtliche Einordnung

Eine Zulassung der Präparate als Arzneimittel besteht in Deutschland nicht. Als Nahrungsergänzungsmittel oder Novel Food angeboten, unterliegen sie den Regelungen des Lebensmittel- und Futtergesetzbuchs (LFGB) und der Health-Claims-Verordnung. Die Angabe medizinischer Indikationen und therapeutischer Versprechen ist danach unzulässig. Gesundheitsbezogene Aussagen wie auch Präventionsversprechen bedürfen einer Zulassung. Auf Klage der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs e.V. in Frankfurt am Main hat das Landgericht Tübingen (Beschluss vom 8. November 2005, Az. 21 O 184/05) einem Anbieter untersagt, für (angebliche) „Heilpilze“ mit Behauptungen zu werben, dass diese einen überhöhten Cholesterinspiegel senken sowie bei schweren und chronischen Erkrankungen – etwa Krebs, aber auch Migräne und Tinnitus – Heilwirkung entfalten.

Mykotherapie bei Tieren

In der Tierheilkunde wird Mykotherapie zunehmend auch bei Hunden und Katzen angewendet. Dabei werden „Heilpilze“ zur Unterstützung des Immunsystems, des Stoffwechsels und des allgemeinen Wohlbefindens beworben.

Die Anwendung erfolgt meist in Pulver- oder Extraktform. Dosierung, Verabreichungsform und Produktqualität gelten als entscheidend für Sicherheit und Wirksamkeit. Mykotherapie bei Tieren wird daher als ergänzende Maßnahme verstanden und sollte die tierärztliche Betreuung nicht ersetzen, klinische Studien zur Wirksamkeit beim Hund und bei der Katze liegen nicht vor.

Einzelnachweise

  1. 1 2 Helfen Heilpilze? In: Deutsche Gesellschaft für Mykologie. Abgerufen am 14. Oktober 2026.
  2. 1 2 3 Vitalpilze für die Krebstherapie? In: Verbraucherzentrale. 16. Oktober 2025, abgerufen am 14. Oktober 2026.
  3. 1 2 Bernd Kerschner: Chaga-Pilz: keine Belege für Heilwirkung. In: Medizin transparent. 30. September 2021, abgerufen am 14. Oktober 2026.
  4. 1 2 Iris Hinneburg: Pilz gegen Krebs: Wirkung von Reishi nicht erwiesen. In: Medizin transparent. 29. Juni 2018, abgerufen am 14. Oktober 2026.
  5. ↑ Wasser SP: Medicinal mushrooms as a source of antitumor and immunomodulating polysaccharides. In: Appl. Microbiol. Biotechnol. 60. Jahrgang, Nr. 3, November 2002, S. 258–74, doi:10.1007/s00253-002-1076-7, PMID 12436306 (englisch).
  6. ↑ Kein Einsatz von Huaier-Präparaten in der Onkologie. Heute im Bundestag, 28. April 2026, abgerufen am 14. Oktober 2026.
  7. ↑ Heilpilze: Kein Mittel gegen Krebs, Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Heidelberg. 1. August 2012. Zuletzt abgerufen am 4. September 2014.
  8. ↑ Reiner Münker: 2. Vorgehensweise der Wettbewerbszentrale In: Stellungnahme zum Grünbuch „Förderung gesunder Ernährung und körperlicher Bewegung: Eine europäische Dimension zur Verhinderung von Übergewicht, Adipositas und chronischen Krankheiten“, S. 2; Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs e.V., Frankfurt am Main, 22. Februar 2006. PDF
  9. ↑ Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs e.V., Frankfurt am Main: Rückblick auf die Arbeit 2005, S. 68. PDF
  10. ↑ Medicinal Mushrooms. VCA Animal Hospitals, 2025 (englisch).
  11. ↑ Mykotherapie im Kleintierzentrum Arndt. 2023.