Heinrich J. Dingeldein

Heinrich J. Dingeldein (2009)

Heinrich Jakob Dingeldein (* 9. Mai 1953 in Würzberg im Odenwald, heute Stadtteil von Michelstadt) ist ein deutscher Sprach- und Kulturwissenschaftler, der an der Philipps-Universität Marburg forschte und lehrte sowie nebenamtlich als Honorarprofessor („profesor onorific“) und Doktorandenbetreuer („conducător de doctorat“) im Fach Philologie an der Lucian-Blaga-Universität Sibiu/Hermannstadt in Rumänien wirkte.

Studium und Examina

Nach der Reifeprüfung 1971 am Gymnasium Michelstadt studierte Dingeldein an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Philipps-Universität Marburg die Fächer Deutsche Sprache und Literatur, Politikwissenschaft, Pädagogik, Evangelische Theologie und Europäische Ethnologie. Er legte 1977 das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab. Nach einem Magisterexamen in Linguistik 1987 in San Marino wurde er 1990 in Marburg mit einer Dissertation zur städtischen Alltagssprache „summa cum laude“ zum Dr. phil. promoviert. 1997 habilitierte er sich an der Marburger Universität und erhielt die venia legendi für das Fach Germanistische Sprachwissenschaft; woraufhin seine Ernennung zum Privatdozenten und im Jahr 2003 die zum außerplanmäßigen Professor im Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaften erfolgte.

Berufliche Laufbahn

Dingeldein arbeitete, vermittelt durch Kurt Rein; ab 1975 als studentische Hilfskraft im DFG-Projekt Atlas Linguarum Europae (Europäischer Sprachatlas) unter Leitung von Reiner Hildebrandt am heutigen Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas der Marburger Universität und ab 1977 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter zunächst an der von Joachim Göschel geleiteten Abteilung Phonetik, dann in der von Hans Friebertshäuser geleiteten Arbeitsstelle des Hessen-Nassauischen Wörterbuchs dieses Instituts. Er organisierte und leitete seitdem nebenamtlich als Lehrbeauftragter Seminare und Kurse in den Marburg-Programmen der University of Washington in Seattle und der Millersville University of Pennsylvania. Im Herbstsemester 1992 war er Gastprofessor an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest. 1994 wurde ihm die Leitung der „Arbeitsstelle Sprache in Hessen und Hessen-Nassauisches Wörterbuch“ übertragen.

Nachdem Dingeldein seit 1994 Blockseminare im Fach Germanistische Sprachwissenschaften in Sibiu/Hermannstadt abgehalten hatte und in Zusammenarbeit mit rumänischen Kollegen und weiteren Lehrenden der Marburger Universität mit zwölfjähriger Förderung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen einer Germanistischen Institutspartnerschaft einen Master-Studiengang „Germanistische Europastudien“ an der Lucian-Blaga-Universität einrichten konnte, ernannte ihn diese 1997 zum Honorarprofessor für Germanistische Sprachwissenschaft in der Fakultät für Philologie, Geschichte und Journalismus; 2007 erfolgte die Ernennung zum vollberechtigten Doktorandenbetreuer für das Fach Philologie durch Erlass des rumänischen Unterrichtsministers. Er betreute zudem als Doktorvater Dissertationen an den Universitäten in Marburg und im ungarischen Pécs/Fünfkirchen.

Im Jahr 1998 übernahm Dingeldein die Leitung des 1896 von Eduard Koschwitz begründeten Internationalen Sommerkurses der Philipps-Universität, des zweitältesten in Deutschland, aus dem er die jetzige Internationale Sommeruniversität (ISU) mit der Option, Studienkreditpunkte nach dem ECTS-System zu erwerben, entwickelte. Dieser stand er von 1999 bis 2009 als wissenschaftlicher Leiter vor.

Zwischen 2000 und 2003 gehörte er als Vizepräsident, schwerpunktmäßig zuständig für Studium, Lehre und Internationales, dem Präsidium der Philipps-Universität Marburg an.

Wegen einer 2014 diagnostizierten schweren Erkrankung musste Dingeldein im Jahr 2016 vorzeitig in den Ruhestand treten.

Neben- und Ehrenämter

Dingeldein war von 2005 bis zum Eintritt in den Ruhestand Prüfer für das Erste Staatsexamen im Fach Deutsch am staatlichen Prüfungsamt für das Lehramt an Gymnasien in Marburg. Als ordentliches Mitglied der Hessischen Akademie der Forschung und Planung im ländlichen Raum war er von 2003 bis 2008 deren Erster stellvertretender Vorsitzender. Von 1988 bis 2007 arbeitete er ehrenamtlich als assoziierter Dozent (ADoc.) bzw. Professor (AProf.) der Humanistik bei der Internationalen Akademie der Wissenschaften (AIS) San Marino und gab Kurse zur germanistischen Linguistik und Interlinguistik in deren Unterrichtsprogramm. Von 2004 bis 2007 war er Leiter des Fachbereichs Bazaj antroposciencoj (Grundlegende Wissenschaften vom Menschen) der AIS.

Er ist bzw. war Mitglied der Wissenschaftlichen Beiräte des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen und des Niedersächsischen Wörterbuchs in Göttingen sowie des Gesamtvorstandes der Gesellschaft für deutsche Sprache. Als Mitglied der Hessischen Vereinigung für Volkskunde war er zeitweise Teil ihres Vorstands. Er gehört zum Forschernetzwerk des Forschungszentrums Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (DiMOS) der Universität Regensburg. Der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen gehört er als Mitglied ihres Gründungsvorstandes an. Außerdem wurde er als Fachgutachter in die Rumänische Agentur für Qualitätssicherung in der Höheren Bildung (Agenţia Română de Asigurare a Calităţii în Învăţământul Superior ARACIS) und in die Auswahlkommission des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD), hier mit Schwerpunkttätigkeit für die Länder Rumänien, Republik Moldau und Ukraine, berufen.

Wissenschaftliche Schwerpunkte

Der Arbeitsschwerpunkte Dingeldeins liegen in der empirischen Erforschung der gesprochenen Sprache, insbesondere der Dialekte und Nonstandardvarietäten in Hessen, der Beschäftigung mit der Lexikologie, Lexikographie und Semantik sowie der Beschreibung der Rolle und Struktur des Deutschen als Verkehrs- und Minderheitensprache, besonders in Südosteuropa. In Zusammenarbeit mit Kollegen des benachbarten Fachgebiets verband er – vor allem auch in der Lehre – Fragestellungen der Sprachwissenschaft und der Kulturanthropologie bzw. Europäischen Ethnologie. In diesen Zusammenhang ist auch sein Engagement als Mitglied des 1976 vom Österreicher Hans Haid gegründeten Internationalen Dialektsinstituts zu stellen. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus seinen Arbeitsfeldern vermittelte er regelmäßig in Beiträgen zu Radio- und Fernsehprogrammen des Hessischen Rundfunks und anderer Medien.

Dingeldein spricht neben Deutsch (auch in der Ausprägung eines rheinfränkischen Dialekts) als Fremdsprachen Englisch, Französisch, Rumänisch, Afrikaans und Esperanto; er liest und korrespondiert in Jiddisch, außerdem übersetzt er aus den „alten Sprachen“ Latein, Griechisch und Hebräisch.

Publikationen (in Auswahl)

Ehrungen

Außerwissenschaftliches gesellschaftliches Engagement

Dingeldein war mehrere Jahre Vorsitzender des Stadtverbands Marburg und des Kreisverbands Marburg-Biedenkopf sowie Mitglied des Bezirksvorstands Mittelhessen der FDP. Im Jahr 2005 bewarb er sich als Direktkandidat im Bundestagswahlkreis Marburg um ein Mandat, 2009 war er Direktkandidat im Wahlkreis Marburg-Biedenkopf II für den Hessischen Landtag (8,6 % Erststimmen). Von 2006 bis 2011 war er Stadtverordneter in Marburg und Kreistagsabgeordneter des Landkreises Marburg-Biedenkopf. 2015 wurde ihm „für besondere Verdienste“ die Theodor-Heuss-Plakette verliehen. Im Jahr 1991 wurde er als Beisitzer in die Kammer für Kriegsdienstverweigerung bei der Wehrbereichsverwaltung IV berufen.

Er ist seit 1998 Mitglied der Marburger Freimaurerloge Zu den drey Löwen sowie seit 2008 der überregional arbeitenden Loge Jacob DeMolay zum flammenden Stern, deren Meister vom Stuhl er 2013–2014 war und Ehrenmitglied ihrer Deputationsloge Jacob DeMolay zum Stern im Westen er seit 2021 ist.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Die Betreuungs- und Prüfungsberechtigung, verbunden mit dem Titel „conducător de doctorat“, steht in Rumänien Professoren nicht qua Amt zu, sondern wird vom zuständigen Ministerium in einem gesonderten Prüfungsverfahren erteilt. – Listen der betreuten Promotionsverfahren an der Lucian-Blaga-Universität (abgerufen am 20. Mai 2022).
  2. ↑ Betreute Dissertation an der Universität Pécs/Fünfkirchen
  3. ↑ Informationsdienst Wissenschaft vom 18. März 1999
  4. ↑ Leitung der Philipps-Universität (abgerufen am 29. August 2018)
  5. ↑ Internacia Sciencista Dokumentaro 2004–2007. 5-a eldodno. Red.: Reinhard Fössmeier, Liana I. Tuhvatullina, München 2005, p. 60. ― Kursverzeichnis der AIS (Memento vom 30. November 2022 im Internet Archive)
  6. ↑ Leitung des Wissenschaftlichen Sektors der AIS
  7. ↑ Becker (s. Literatur).
  8. ↑ Forscherverzeichnis (Eintrag Dingeldein irrtümlich unter „Regensburg“ statt „Marburg“)
  9. ↑ Eintrag in der Evaluatorenliste der ARACIS
  10. ↑ DAAD-Jahresbericht 2008, S. 247. – Vom Vorstand berufene Mitglieder der Auswahlkommissionen des DAAD im Jahr 2016 (PDF; 323 kB)
  11. ↑ Beiträge im Programm hr2-kultur (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive)
  12. ↑ Beiträge im Programm hr4 (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive)
  13. ↑ Beitrag Das aktuelle Kulturgespräch zum Kulturcafé des hr-2 kultur (Memento vom 16. Juni 2018 im Internet Archive) (Podcast)
  14. ↑ Deutsche Dialekte (Fernsehsendung)
  15. ↑ Beitrag zu Hauptsache Kultur im hr-fernsehen
  16. ↑ Marburger Universitätszeitung Nr. 230 vom 17. Dezember 1992, S. 8.
  17. ↑ Preisträger des Schmeller-Preises
  18. ↑ Maria Wolfart-Stang: Ein Hesse bei den Schwaben in Ungarn. Festakt für Professor Heinrich J. Dingeldein an der ELTE. In: Neue Zeitung (Budapest) 57. Jg., Nr. 23, 7. Juni 2013
  19. ↑ Bericht über die Festansprache Dingeldeins zum 50-jährigen Bestehen der Freimaurerloge Jacob de Molay zum flammenden Stern in Marburg (Oberhessische Presse, 146. Jahrgang Nr. 241 vom 14. Oktober 2012); Bericht über das Stiftungsfest 2023 der Loge Zu den drey Löwen in Marburg (Oberhessische Presse, 157. Jahrgang Nr. 105 vom 6. Mai 2023).