Hemmoor Zement

Die Hemmoor Zement AG war ein Unternehmen mit Stammsitz im niedersächsischen Hemmoor. Es stellte von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1983 Zement her. Zu seiner Blütezeit war das Unternehmen einer der größten Arbeitgeber des Elbe-Weser-Dreiecks und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, der das Gebiet infrastrukturell prägte. Vom Ton- und Kreideabbau des Unternehmens ist die Gegend bis heute landschaftlich geprägt.

Unternehmen

Im Jahre 1859 ließ die Königlich-Hannoversche Regierung zwischen Hamburg und Cuxhaven Explorationen nach Braunkohlevorkommen vornehmen. Bei Bohrungen stieß man dabei im Raum Hemmoor auf mächtige Kreidevorkommen und in unmittelbarer Nähe auf tertiären Ton, den wesentlichen Rohstoffen für die Zementproduktion. Von den Bohrergebnissen erfuhr der Stader Holzhändler Jürgen-Hinrich Hagenah und erwarb 1862 größere Flächen zur Nutzung der Rohstoffe. Hagenah errichtete noch im gleichen Jahr auf dem Gelände eine Kalkbrennerei und eine Ziegelei.

Ein Unternehmen der Zementproduktion wurde von Jürgen-Hinrich Hagenah 1866 gegründet. Der für die Herstellung außerdem benötigte Ton kam vom Westerberg aus Lamstedt und die Kohle für die Brennöfen aus dem Ruhrgebiet per Schiff. Auf der Rückfahrt wurde der fertige Zement als Schüttgut oder in Säcken abgefüllt mit den Leichtern verschifft. 1868 kaufte Hagenah den Oste-Hafen Schwarzenhütten auf. Zwischen der Fabrik und dem Ostehafen im Ortsteil Schwarzenhütten bestand eine schmalspurige Werksbahn. Hierdurch wurde der zunächst schwierige Absatz von Zement durch die Transportmöglichkeiten auf dem Seewege erleichtert. Gleichzeitig stieg der Umsatz sprunghaft mit dem Beginn der Industrialisierung an. Die Zementindustrie in Warstade und Alt-Hemmoor lockte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert tausende Arbeiter aus anderen Teilen Deutschlands und aus Polen an. Um den Wohnungsbedarf zu decken, errichtete das Werk werkseigene Siedlungen und Arbeiterhäuser. Die Bauten prägten die Ortsstrukturen der vorher eher landwirtschaftlich geprägten Dörfer nachhaltig.

Auch eine betriebliche Sozialstruktur entstand. Bereits 1874 wurde eine Betriebskrankenkasse für die Beschäftigten gegründet; sie bestand bis 1975. Auf dem Werksgelände gab es außerdem einen Sanitätsraum mit einem ständig verfügbaren Sanitäter.

Mit der Gründung der – später börsennotierten – Aktiengesellschaft Portland Cementfabrik Hemmoor AG 1882, die das Werk von Hagenah erwarb, entwickelt sich hieraus eine der weltweit größten Firmen der Zementproduktion. Die Jahresproduktion betrug zu diesem Zeitpunkt 170.000 Fass (1 Fass = 170 kg netto) bei 1.000 Beschäftigten. Mit der Herstellung von Portlandzement erlebte das Unternehmen einen rasanten Aufstieg. Es lieferte Zement für die Neubauten an der Niederelbe sowie für Bauten der Hansestadt Hamburg – u. a. das Chilehaus (1924), das Hotel Atlantic (1909), den Alten Elbtunnel (1911) und den Sockel der New Yorker Freiheitsstatue (1886). Lange Zeit wurde nach Übersee geliefert, bis dortige Unternehmen ähnlich gute Zementqualität erzielen konnten.

Bereits 1899 in Hemmoor ging der erste in Deutschland gebaute und brauchbare Drehofen in Betrieb. 1905 zählte die Zementfabrik 2.000 Beschäftigte. Durch die zunehmende Technisierung und Rationalisierung halbierte sich die Belegschaft bis 1913. 1910 wurde erstmals mit 1.002.666 Fass in der Produktion die Millionengrenze überschritten. auch in LaSalle, U.S.A, wurde eine Zementfabrik betrieben, die jedoch nach dem Ersten Weltkrieg als feindliches Vermögens konfisziert wurde.

Bis zum Zweiten Weltkrieg konnten trotz volkswirtschaftlicher Rückschläge die Produktionsanlagen auf den seinerzeit neuesten Stand der Technik ausgebaut und Mehrheitsanteile an weiteren deutschen Zementwerken aufgebaut werden.

Die Zahl der Mitarbeiter stieg wenige Jahre nach Kriegsende auf 500 an. Die Produktionskapazität wurde durch die Inbetriebnahme zweier Drehöfen von 300 t bzw. 400 t Tagesleistung erhöht.

Durch weitere Investitionen im Zeitraum von 1960 bis 1963 in Höhe von 70 Mio. DM wurde das Werk grundlegend erneuert und gleichzeitig die Produktion erhöht. Zu den Investitionen zählten u. a. der Bau eines Drehofens mit einer Tagesleistung von 1.100 t, die Errichtung von drei großen Zementmühlen und der Ausbau des Werkhafens.

1971 konnte mit 779.000 t der höchste Jahresabsatz an Zement in der Firmengeschichte erzielt werden, zu diesem Zeitpunkt bestand die Belegschaft aus 500 Mitarbeitern.

1967 übernahm die Alsen’sche Portland Cementfabrik aus Itzehoe durch Erwerb eines Aktienpakets von der Deutsche Bank AG die Aktienmehrheit und gliederte die Gesellschaft durch den Abschluss eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrags im Jahre 1972 in ihren Konzern ein. Die Alsensche Portland Cementfabrik wurde 1997 mit der „Nordcement AG“ zur „Alsen AG“ – heute zum Holcim-Konzern gehörend – fusioniert, die heute als „Holcim (Deutschland) GmbH“ firmiert.

Bereits 1976 wurde die Klinkerproduktion eingestellt und das Werk als Mahlwerk mit 70 Beschäftigten fortgeführt. 1983 kam es zur Stilllegung der Produktion, da die Kreide aus einer immer tiefer werdenden Grube geholt werden musste und das Absichern ihres Randes immer schwieriger wurde. Ebenfalls stellte die direkt an dieser Kante vorbeiführende B 73 zunehmend ein Sicherheitsrisiko für den Abbau und die angrenzenden Häuser dar. Die zwei weithin sichtbaren hohen Schornsteine wurden als letzte Teile der Produktionsgebäude abgerissen, nur das Gelbklinker-Verwaltungsgebäude an der B 73 blieb erhalten. Die mehr als ein Jahrhundert andauernde Zementproduktion in Hemmoor endete am 31. Dezember 1983 mit der Werksschließung.

Erinnerungsorte

Die Fördergrube lief nach dem Einstellen des Abpumpens mit Wasser voll und bildet heute den Kreidesee Hemmoor. Er ist heute als Tauch- und Freizeitzentrum international bekannt. Taucher können das Gewässer ganzjährig nutzen. Eine Tauchbasis ist dort eingerichtet. Der See stellt aufgrund der Tiefe, Sichtverhältnisse und niedrigen Wassertemperatur ein anspruchsvolles Tauchgebiet dar. Als Attraktionen unter Wasser gelten neben der versunkenen Industrieanlage mit Förderbändern und Rampen unter anderem Autowracks, ein gesunkenes Segelboot, ein versenkter Lastwagen und zwei Flugzeuge. Neben einigen noch verbliebenen Arbeitshäusern in Neu-Warstade und den vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen drei Direktorenvillen erinnert heute insbesondere das deutsche Zement-Freilichtmuseum gegenüber der alten Produktionsstätte an die frühere Zementproduktion in Hemmoor.

Nach einigen Persönlichkeiten aus der Geschichte der Zementherstellung in Hemmoor, dem Gründer des Werks, J. H. Hagenah, dem ehemaligen Vorstand Ewald Marby sowie dem Betriebsleiter Kurt Tielmann, wurden Straßen, Plätze oder Wege benannt.

Literatur