
Herbert Gustav Tiemer (lettisch Herberts Tīmers; * 25. März 1879 in Riga; † 24. Oktober 1938 in Berlin) war ein deutsch-baltischer Architekt, Erfinder und Unternehmer. Von 1909 bis 1914 führte er ein eigenes Architekturbüro in Riga. Sein dokumentiertes Rigaer Werk umfasst zehn Bauten, darunter vier Einfamilienhäuser im Stadtteil Mežaparks. Nach seiner Übersiedlung nach Deutschland war Tiemer in Berlin an mehreren Unternehmen beteiligt; er entwickelte unter anderem das Zahlensprachsystem Timerio und ein Konstruktionsspielzeug aus wiederverwendeten Verpackungsschachteln.
Herbert Tiemers Vater war der Rigaer Kaufmann, Stadtrat und Ratsherr Heinrich Tiemer, seine Mutter Johanna Luise geborene Bierich. Seine Brüder Paul Tiemer (geboren 1866) und Robert John Tiemer (1868–1916) waren als Ärzte tätig.
Tiemer besuchte die Realschule in Riga und begann 1898 am Rigaer Polytechnischen Institut ein Maschinenbaustudium; das Institut führte ihn unter der Matrikelnummer 5738. Im März 1899 wurde er als Mitglied Nr. 329 in die Studentenverbindung Fraternitas Baltica aufgenommen. Von 1900 bis 1907 studierte er dort Architektur. Während der durch die Revolution von 1905 bedingten Schließung des Instituts setzte er sein Studium an der Technischen Hochschule Karlsruhe fort.
Am 30. Januar 1907 legte Tiemer die Staatsprüfung in der Architekturabteilung des Instituts ab. Von 1909 bis 1914 betrieb er in Riga ein eigenes Architekturbüro. Die Fachliteratur rechnet seine Bauten vor allem dem rationalistischen Jugendstil und neoklassizistischen Strömungen der Rigaer Architektur zu.
Von 1914 bis 1917 leistete Tiemer Dienst im russischen Heer. Im Januar 1919 floh er nach Deutschland und ließ sich in Berlin nieder.
Zum 15. Oktober 1919 gründeten der Kaufmann Eduard Lion, der Architekt Herbert Tiemer und der Ingenieur Henryk Lion die offene Handelsgesellschaft Lion & Tiemer in Berlin. Der Handelsregistereintrag bezeichnete Tiemer weiterhin als Architekten und nannte Charlottenburg als seinen Wohnort. Die Gesellschaft wurde 1922 aufgelöst und aus dem Register gelöscht.
Im November 1922 wurde Tiemer gemeinsam mit dem Ingenieur Gottlieb von Lilienfeld Vorstandsmitglied der neu gegründeten Offerten-Kontor Aktiengesellschaft. Das Unternehmen sollte Angebote und Nachfragen unter anderem zu Waren, Unterricht, Unternehmen, Grundstücken, Gebäuden und Adressen vermitteln. Spätestens im Mai 1924 gehörten Tiemer und Lilienfeld dem Vorstand nicht mehr an.
Seit dem 1. Januar 1927 war Tiemer als Diplomingenieur Gesellschafter der Berum-Plan-Gesellschaft von Rautenfeld, von Zimmermann und Tiemer. Die Registerbekanntmachung nennt daneben den Direktor Victor Berens von Rautenfeld und den Diplomingenieur Wilhelm von Zimmermann; zum Gegenstand des Unternehmens macht sie keine Angabe.

Am 6. Januar 1929 veröffentlichte die Berliner Illustrirte Zeitung einen Entwurf Tiemers und F. Schülers für Hochhäuser über den Berliner Spreekanälen. Der Begleitartikel führte aus, dass eine Überbauung städtischer Wasserwege den Flächenbedarf der Großstädte für Bebauung und Verkehr miteinander in Einklang bringen könne. Vorgesehen waren Türme mit Bootsanlegestellen, nach Süden ausgerichteten Sonnenterrassen, einem Schwimmbecken, einem Dachgarten und Cafés über dem Wasser.
1921 stellte Tiemer unter dem Namen Timerio ein System zur schriftlichen Verständigung zwischen Menschen verschiedener Sprachen vor. Rund 7000 Wörtern waren Zahlen zugeordnet; typografische Zusatzzeichen erweiterten das System nach zeitgenössischer Darstellung auf etwa 12.000 Begriffe. Die Zeitung Vorwärts beschrieb das System als einfach aufgebaut, wies aber darauf hin, dass für seine Verwendung ständig ein gedruckter Schlüssel benötigt werde. 1922 wurde Timerio unter der Nummer 288720 als Wortmarke von Lion & Tiemer für Druckerzeugnisse, Spielkarten, Lehrmittel und weitere Waren eingetragen.
Daneben ließ Tiemer mehrere Gebrauchs- und Gestaltungsideen amtlich schützen. 1921 wurden für Lion & Tiemer eine „Warenpackung mit Reklame“ und für Herbert Tiemer ein Hosenhalter geschützt. Im Mai 1925 hinterlegte die Firma Herbert Tiemer sieben Muster für die Verkleidung von Schachteln, Rollen und anderen Verpackungen mit Abbildungen, die wie Baumaterialien wirkten.
Tiemers polnisches Patent Nr. 6456 beschrieb ein Konstruktionsspielzeug, bei dem gebrauchte Streichholz-, Zigaretten- und andere Verpackungsschachteln als Bausteine dienten. Aufgeklebte Darstellungen von Ziegeln, Stein, Fenstern und Türen sollten ihnen das Aussehen von Bauteilen geben; die Patentschrift erläuterte außerdem Säulen, Gewölbe und ganze Gebäude aus den Schachteln. Die Anmeldung erfolgte am 14. August 1925, die Patenterteilung am 1. Dezember 1926 und die Veröffentlichung am 10. Januar 1928.
Herbert Tiemer war mit der ebenfalls in Riga geborenen Elisabeth („Else“) Waldhauer (1885–1971) verheiratet, einer Tochter des Rigaer Arztes Werner Robert Waldhauer, Enkelin des Augenarztes Carl Friedrich Werner Michael Waldhauer und Cousine des Archäologen Oskar Waldhauer. Aus der Ehe gingen der Sohn Werner Tiemer (1909–1970) sowie die Töchter Gerda Else (1912–2002) und Irmela Wojna (1915–1994) hervor.
Tiemer starb am 24. Oktober 1938 in Berlin. Am 1. November 1938 erschien in der Rigaschen Rundschau eine Todesanzeige des Convents und des Philisterverbandes der Fraternitas Baltica.
Die Liste vereinigt die vier Einfamilienhäuser aus Krastiņš’ Mežaparks-Katalog von 1997 mit den sechs innerstädtischen Bauten aus dem Werkkatalog seines Jugendstil-Buches von 1980. Jahreszahlen und Nutzungsangaben folgen den jeweils genannten Katalogseiten.
| Jahr | Heutige Adresse | Historische beziehungsweise frühere Bezeichnung | Ursprüngliche Nutzung und Auftraggeber, soweit publiziert | Beleg |
|---|---|---|---|---|
| 1909 | Hamburgas iela 23 | Hamburger Straße 23 | Einfamilienhaus für E. Bernhards | |
| 1909 | Krišjāņa Valdemāra iela 61 | im Katalog von 1980: Gorkija iela 61 | Wohn- und Geschäftshaus | |
| 1910 | Gdaņskas iela 7 | Danziger Straße 7 | Einfamilienhaus für H. Hedvigs | |
| 1910 | Gdaņskas iela 9 | Danziger Straße 9 | Einfamilienhaus für F. Dībolds | |
| 1910 | Ščecinas iela 10 | Stettiner Straße 10 | Einfamilienhaus für E. Žukovska | |
| 1911 | Merķeļa iela 21 | – | Wohn- und Geschäftshaus | |
| 1911 | Baznīcas iela 13 | im Katalog von 1980: Veidenbauma iela 13 | Wohn- und Geschäftshaus | |
| 1911 | Hospitāļu iela 22 | Hospitalstraße 22 | Wohnhaus | |
| 1913 | Vaļņu iela 3 | Wallstraße 3 | Wohn- und Geschäftshaus; errichtet 1912–1914 | |
| 1914 | Kaļķu iela 24 | im Katalog von 1980: Ļeņina iela 24; historisch Kalkstraße 24 | Wohnungen, Geschäfte, Büros und Kino; errichtet 1913–1917 gemeinsam mit Maksis Deibners (Max Deubner, 1884–1947) |
Am Haus Vaļņu iela 3 befindet sich seit 2006 eine von Jānis Strupulis geschaffene Gedenktafel für Tiemer.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Tiemer, Herbert |
| ALTERNATIVNAMEN | Tiemer, Herbert Gustav (vollständiger Name); Tīmers, Herberts (lettisch) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-baltischer Architekt, Erfinder und Unternehmer |
| GEBURTSDATUM | 25. März 1879 |
| GEBURTSORT | Riga |
| STERBEDATUM | 24. Oktober 1938 |
| STERBEORT | Berlin |