Hermann Wanderscheck (* 16. Mai 1907 in Rixdorf; † 24. April 1971 bei Recklinghausen) war ein Redakteur und Referent im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Theaterkritiker und Dramatiker. Sein Pseudonym war Hermann W. Anders.
Hermann Wanderscheck war der Sohn von Dr. phil. Hermann Wanderscheck, der nach dem Berliner Adressbuch von 1907 in Rixdorf in der Schönstedtstraße 15 wohnte. Seine Mutter war Katharina Wanderscheck, geb. Ertel. Wanderscheck besuchte ein Realgymnasium in Dresden. Er studierte Literaturgeschichte, Geschichtswissenschaft und Zeitungswissenschaft an den Universitäten: Université de Genève, Universität London, Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und an der philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München bei dem Professor für Neuere Geschichte Arnold Oskar Meyer, und bei dem Planmäßigen außerordentlichen Professor für Zeitungswissenschaft Karl d’Ester, Im Wintersemester 1933/34 wohnte Hermann Wanderscheck in der Ohmstraße 14/2. Wanderscheck promovierte mit der Arbeit Die englische Propaganda im Weltkrieg gegen Deutschland 1914–1918 in München 1934 zum Dr. phil. Das mündliche Examen fand am 12. Juli 1934 statt.
Mit seinen Schriften diente Wanderscheck Goebbels Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda bei der Verbreitung von Feindbildern zur Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs, zum Beispiel mit seinen Büchern:
So waren etwa die The Times oder der Observer „Englische Propaganda Schriften“. Als Mitglied der Reichsschrifttumskammer war er von 1936 bis 1938 Redakteur der „Deutschen Theaterzeitung. Fach- und Korrespondenzblatt für das gesamte Theaterwesen“. Im Fragebogen der Reichsschrifttumskammer vom 12. Februar 1937 gab er an, kein Mitglied der NSDAP zu sein. Von 1938 bis 1943 war er Hauptschriftleiter der Zeitschrift „Der Autor“ und Musikkritiker der Zeitschrift „Film-Kurier“.
Wanderscheck notierte in seinem Artikel: Der Schauspieler des Dritten Reiches – Gespräch mit Staatsschauspieler Lothar Müthel: „Wie stehen Dramatiker und Schauspieler heute zueinander? Der nationalsozialistische Dramatiker, der einen neuen Dialog mit kämpferischem Gefälle schreibt, verlangt einen Schauspieler der politischen Intensität. Die Figuren und Personen verlangen ein Bekennertum. Die Form dieses Bekennertums wird von der dramatischen Dichtung vorgeschrieben. Sie ist eine Form der stilistischen und weltanschaulichen Disziplin, Zucht und gradlinigen Haltung, eine Form der stählernen Romantik in der konzentrierten Dialektik und Tragik. Idee und Bekennertum sind eine unlösbare Einheit eingegangen. Fiebernd und voller Einsatzbereitschaft drückt sich der neue Schauspieler in dieser neuen, kraftgeladenen, spannungsvollen Dialogbewegung aus.“ In seinem Buch „Deutsche Dramatik der Gegenwart“ schreibt er in typischer nazistischer Manier: „Hier wird der letzte Sinn des politischen Dramas klar, daß es nicht um den einzelnen geht, sondern um das, was er dem Leben als Vermächtnis hinterläßt. Der politische Held ist herausgehoben ins Zeitlose, ein Held von ewiger Gültigkeit“.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er im September 1939 Referent bei der Presseabteilung im Reichspropagandaministerium. Am 8. November 1939 verübte Georg Elser im Münchener Bürgerbräukeller ein Bombenattentat gegen Hitler und nahezu die gesamte NS-Führungsspitze. Daraufhin verfasste Wanderscheck das Buch „Mord! Spionage! Attentat! Die Blutspur des englischen Geheimdienstes und der Münchner Bomben-Anschlag“, in dem er Großbritannien dafür verantwortlich machte.
Hermann Wanderscheck ereiferte sich in der „Filmwelt“ über den „gemeinen Taschenspielertrick Rothschilds, der mit seinen lumpigen Jobbern der Londoner Börse aus millionenfacher Ehre millionenfachen Profit zog. Da starben die besten Soldaten Europas, Niederländer, Preußen, rheinische und braunschweigische Männer auf dem Schlachtfeld bei Waterloo – und eine dritte Macht war es, die aus Blut Kapital schlug: der Bankier Rothschild“.
Anlässlich des 60. Geburtstages seines Doktorvaters Karl d’Ester im Dezember 1941 schrieb Wanderscheck den Artikel „Kamerad Professor“, wobei er offensichtlich auf die gemeinsame weltanschauliche Gesinnung im Sinne der NSDAP anspielte. D’Ester war im Oktober 1934 vom Gauleiter Adolf Wagner zum ordentlichen Professor ernannt worden.
Hans Hömberg widmete ihm Ostern 1943 ein Exemplar seiner Komödie „Kirschen für Rom“. Friedrich Schreyvogl widmete ihm mit den Zeilen „Hermann Wanderscheck in dankbarer und guter Kameradschaft Friedrich Schreyvogl Juni 1942“ sein Werk Die Weiße Dame. Lustspiel nach einem Entwurf von Hermann Bahr. Mit Schreyvogl stand er auch noch 1963 in Korrespondenz.
Nach dem 8. Mai 1945 befahl Marschall Schukow am 15. September 1945 für die Sowjetische Besatzungszone nationalsozialistische Literatur aus den Bibliotheken zu entfernen. Im Februar 1946 wurden alle Werke von Wanderscheck in das „Verzeichnis der auszusondernden Literatur“ aufgenommen. Aber Wanderscheck, in den Westzonen als angeblich „Unbelasteter“ eingestuft, konnte dort nach kurzer Zeit wie später in der Bundesrepublik und in West-Berlin wieder in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen unbehelligt wirken und sich wie viele NS-belastete nahtlos in den westdeutschen Kulturbetrieb einfügen. In den von ihm selbst gegebenen Informationen in Kürschners biographisches Theater-Handbuch oder in Wer ist wer? taucht seine Vergangenheit im NS-Staat nicht auf. Seit 1948 war er Berliner Theaterkritiker, seit 1950 ständiger Kritiker bei der Frankfurter Abendpost. Seit 1950 war er Leiter und Gründer der Mykenae-Theater-Korrespondenz in Berlin-Charlottenburg und korrespondierte mit P. Walter Jacob. Wanderscheck korrespondierte mit dem Dramaturgen Rainer Antoine. Auch mit dem Zeitungswissenschaftler Wilhelm Klutentreter trat er in Briefwechsel. Mit dem Schauspieler Jochen Brockmann briefwechselte er 1966. Der Schauspieler und Sänger Franz Zehrer schenkte ihm 1950 ein Foto mit der Widmung: „Meinem erfahrenem Dr. Wanderscheck zur Erinnerung an die Uraufführung Liebe im Dreiklang vom Ur-Mucki-Mix in Old-Heidelberg ! In herzlicher Verbundenheit Ihr Franz Zehrer 15.XI.1950“. Zu dem Dramaturgen Hanno Lunin scheint er ein enges Verhältnis gehabt zu haben, denn dieser wirbt auf seiner Webseite mit Artikeln von Wanderscheck zwischen 1959 und 1963. Wanderscheck war auch ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift Der Literat.
Seine Texte wurden von zahlreichen Bühnen in ihre Programmhefte aufgenommen. Er schrieb auch Beiträge für die offiziellen Schriften der Berliner Festwochen.
Hermann Wanderscheck verfasste auch einige Theaterstücke nach den Märchen der Gebrüder Grimm, die von zahlreichen Laienspielgruppen aufgeführt wurden. Er war seit 1950 Chefdramaturg des Astoria-Verlages, Senatsmitglied der 1956 in Hamburg gegründeten Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, Mitglied der „Wiener Dramaturgie“, der Dramaturgischen Gesellschaft und der „Berliner Gesellschaft für Theatergeschichte“.
Wanderschek war verheiratet mit der Schauspielerin Erika Biebrich (1938), einer Tochter von Rudolf Biebrach. Geschieden wurde er zwischen 1956 und 1967. Er hatte zwei Kinder: Rainer Wanderscheck und Regina Wanderscheck. Hermann Wanderscheck wohnte zuletzt in „Berlin 19, Länderallee 11“ und starb bei einem Verkehrsunfall am 24. April 1971 in der Nähe von Recklinghausen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Wanderscheck, Hermann |
| ALTERNATIVNAMEN | Anders, Hermann W. (Pseudonym); Vanderšek, Cherman (bulgarisch) |
| KURZBESCHREIBUNG | nationalsozialistischer Redakteur und Autor, bundesdeutscher Theaterkritiker |
| GEBURTSDATUM | 16. Mai 1907 |
| GEBURTSORT | Rixdorf |
| STERBEDATUM | 24. April 1971 |
| STERBEORT | bei Recklinghausen |