Herta Cohn-Bendit

Herta Judith Cohn-Bendit (* 16. Januar 1907 in Posen, Deutsches Reich, heute Polen, als Herta David; gestorben 23. September 1963 in London) war eine deutsche Juristin. Sie gehörte während des Zweiten Weltkriegs zu einer Gruppe intellektueller deutscher Exilanten in Paris um Walter Benjamin, Hannah Arendt und Heinrich Blücher. Sie war die Mutter von Daniel und Gabriel Cohn-Bendit und war mit Erich Cohn-Bendit verheiratet. Mit ihm zusammen leitete sie nach der Befreiung Frankreichs ein Heim für jüdische Kinder des Œuvre de secours aux enfants (OSE) in Cailly-sur-Eure und war ab 1948 Verwaltungsleiterin des jüdischen Gymnasiums École Maïmonide in Boulogne-Billancourt.

Leben

Herta Cohn-Bendit wurde als Herta David in Posen geboren, als Posen noch zum Deutschen Reich gehörte. Ihre Eltern, Lina und Albert Abraham David, zogen nach Berlin, wo sie bis 1933 einen Großhandel für Schuhwaren („Engrosgeschäft“) betrieben. Zusammen mit ihrer Schwester Alice und ihrem Bruder Julius lebten sie in der Landshuter Straße in Berlin-Schöneberg. Ihre Eltern waren beide jüdisch, die Kinder erhielten aber keine jüdische Erziehung, auch wenn sie ein wenig jiddisch lernten.

Nach ihrem Abitur begann sie 1926 ein Medizinstudium in Berlin, entschied sich jedoch bald, zu den Rechtswissenschaften zu wechseln. Im März 1931 absolvierte sie ihre erste juristische Staatsprüfung und ging im Anschluss für ein Semester nach Heidelberg, um ihre Doktorarbeit fertigzustellen. Im Herbst 1931 begann sie ihr dreijähriges Referendariat. Ihre Stationen waren das Amtsgericht Köpenick, Notar Leo Pincuss, Landgericht Berlin und Berliner Kammergericht absolvierte. Am Landgericht hatte sie Alfred Witkon zum Kollegen. In Berlin wurden der Anwalt Erich Cohn-Bendit und Herta David ein Paar. Sie lernten sich vermutlich in der linken Szene kennen.

Flucht nach Frankreich

Erich Cohn-Bendit übernahm gemeinsam mit Hans Litten den Felseneck-Prozess. Dieser behandelte einen gewalttätigen Zusammenstoß zwischen SA-Mitgliedern und Kommunisten in der Berliner Laubenkolonie Felseneck am 19. Januar 1932, bei dem der Kommunist Fritz Klemke getötet wurde. Trotz klarer Beweise für die Mordtat wurden die SA-Beteiligten aufgrund einer Weihnachtsamnestie freigelassen. Als Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, es zum Reichstagsbrand kam und Litten verhaftet wurde, floh Erich Cohn-Bendit im März nach Paris. Herta David war kurz vor ihrem Abschluss als das sogenannte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im April in Kraft trat. Der darin enthaltene Arierparagraph führte dazu, dass Herta David entlassen wurde und ihre Ausbildung nicht beenden konnte. Sie folgte im Juli ihrem Partner nach Paris. Mit der Flucht nach Frankreich wurde ihr der deutsche Pass entzogen und sie galt als staatenlos.

Gemeinsam lebten sie im 15. Arrondissement, wo viele deutsche Exilanten lebten. Bald gehörten sie zum Bekanntenkreis von Walter Benjamin, der in seinem Haus in der Rue Dombasle 10 regelmäßig Diskussionstreffen organisierte, wodurch sie beispielsweise Hannah Arendt, Heinrich Blücher, Arthur Koestler und Max Ophüls kennenlernten. Herta David und Erich Cohn-Bendit erhielten beide keine Arbeitserlaubnis, weshalb Herta David in der jüdischen Gemeinde arbeitete und Gelegenheitsjobs (ab 1938 arbeitete sie als Verkäuferin in einer Textilfirma) annahm. Als die Familie aus Deutschland kein Geld zur Unterstützung mehr schicken konnte, wurde Herta David zeitweise zur Alleinverdienerin.

Im Jahr 1934 heiratete das Paar. Zwei Jahre später wurde der erste Sohn, Jean Gabriel Cohn-Bendit (1936–2021), geboren. Herta Cohn-Bendits Schwester emigrierte nach Palästina. Erich Cohn-Bendit wurde 1939/1940 mit Heinrich Blücher in Villemalard und Brest interniert. Währenddessen floh Herta Cohn-Bendit im Zuge der Niederlage Frankreichs mit ihrem Sohn nach Montauban in Südfrankreich, das zu dieser Zeit noch unbesetzte Zone war. Dort traf sie erneut auf Hannah Arendt. Erich Cohn-Bendit kam zu Fuß aus der Bretagne nach Montauban. 1942 brachte das Ehepaar Cohn-Bendit seinen Sohn im jüdischen Kinderheim Maison des enfants de Moissac in Moissac unter, dessen Arbeit Hertha selber unterstützte. Als im November 1942 die sogenannte freie Zone ebenfalls unter deutsche Besatzung kam, musste das Kinderheim aufgegeben werden, um die Kinder und die Mitarbeiter nicht zu gefährden. Sohn Gabriel kam mit falschen Papieren bei einer Familie Collet in Moissac unter, wo ihn seine Mutter von Zeit zu Zeit immer noch besuchen konnte. Sie selber und ihr Mann befanden sich von nun an auf der Flucht. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wechselte sie häufig das Quartier und verwendeten den Nachnamen Delpioux. Aus diesem Grund erfuhr Herta Cohn-Bendit erst viel später, dass ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder mit dem 20. Osttransport am 26. September 1942 nach Raasiku bei Tallinn deportiert und kurz darauf ermordet worden waren.

Nachdem die Alliierten Südfrankreich befreit hatten, wurde im Jahr 1945 Daniel Cohn-Bendit, das zweite Kind des Ehepaares Cohn-Bendit, geboren. Herta Cohn-Bendit wollte nach Palästina auswandern, Erich Cohn-Bendit lehnte dies aber ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach der Geburt Daniels, des zweiten Sohnes, zogen Herta und Erich Cohn-Bendit zurück nach Paris und nach kurzem Aufenthalt dort nach Cailly-sur-Eure, um dort ein jüdisches Kinderheim der OSE zu leitete. Zwei Jahre später, 1949, zogen die Cohn-Bendits wieder nach Paris, und Herta und Erich Cohn-Bendit trennten sich voneinander. Herta Cohn-Bendit zog mit Daniel in den Vorort Boulogne-Billancourt und übernahm die wirtschaftliche Leitung des jüdischen Gymnasiums École Maïmonide. Erich Cohn-Bendit zog 1950 nach Frankfurt weiter und eröffnete dort eine Anwaltskanzlei. Er erzielte für Herta Wiedergutmachungszahlungen in Höhe von 2.000 DM pro Monat, da sie aufgrund der diskriminierenden nationalsozialistischen Gesetze aus dem Staatsdienst entlassen worden war und nicht Jugendrichterin hatte werden können. Erich Cohn-Bendit erkrankte 1958 an Krebs, weshalb Herta Cohn-Bendit mit ihrem jüngeren Sohn, Daniel, für seine Pflege nach Frankfurt kam und bis zu seinem Tod 1959 dort blieb.

1963 besuchte Herta Cohn-Bendit die Schwester ihres früheren Ehemanns in London und erlitt dort zwei Herzinfarkte, an denen sie starb. Ihr Leichnam wurde auf dem Golders Green Jewish Cemetery beigesetzt.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 Sebastian Voigt: Der jüdische Mai '68: Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann im Nachkriegsfrankreich (= Schriften des Simon-Dubnow-Instituts). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-37036-0, S. 136–156.
  2. Daniel Cohn-Bendit mit Marion van Renterghem: Erinnerungen eines Vaterlandslosen
    1. ↑ S. 31; S. 34 f
    2. ↑ S. 29 f
  3. ↑ Knut Bergbauer, Sabine Fröhlich, Stefanie Schüler-Springorum: Hans Litten – Anwalt gegen Hitler: eine Biographie. Wallstein Verlag, Göttingen 2022, ISBN 978-3-8353-5159-2, S. 209.
  4. ↑ Bundesarchiv Internet - 7. April 1933: Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Abgerufen am 16. Juli 2024.
  5. 1 2 3 4 Jochen Wegner, Christoph Amend: Interviewpodcast "Alles gesagt?": Daniel Cohn-Bendit, wie sehen Sie heute die RAF? In: Die Zeit. 5. März 2024, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 16. Juli 2024]).
  6. ↑ Deutsches Historisches Museum: Interview mit Daniel Cohn-Bendit | Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert. 26. März 2020, abgerufen am 16. Juli 2024.
  7. ↑ Deutsche Biographie: Blücher, Heinrich - Deutsche Biographie. Abgerufen am 16. Juli 2024.
  8. ↑ Robert Maggiori: La lettre à Cohn-Bendit. Abgerufen am 16. Juli 2024 (französisch).
  9. ↑ philomag: War 68 in Arendts Sinne? | Philosophie Magazin. 15. Juli 2016, abgerufen am 16. Juli 2024.
  10. ↑ Tobias Freimüller: Frankfurt und die Juden: Neuanfänge und Fremdheitserfahrungen: 1945-1990 (= Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts). Wallstein Verlag, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8353-3678-0.
  11. ↑ 20. Osttransport. Abgerufen am 16. Juli 2024.
Personendaten
NAME Cohn-Bendit, Herta
ALTERNATIVNAMEN Cohn-Bendit, Herta Judith (vollständiger Name); David, Herta (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG deutsche Juristin
GEBURTSDATUM 16. Januar 1907
GEBURTSORT Posen, Deutsches Reich
STERBEDATUM 23. September 1963
STERBEORT London