Hochstapler

George Psalmanazar, französischer Hochstapler, gab um 1700 an der erste Ureinwohner der Insel Formosa zu sein, der Europa erreicht hätte.

Ein Hochstapler ist eine Person, die in der Absicht, sich Vorteile zu verschaffen, vorgibt, besser zu sein, als sie ist. Dazu zählt insbesondere das Vortäuschen eines höheren gesellschaftlichen Rangs, einer besseren beruflichen Position oder eines größeren Vermögens.

Die Grenzen zwischen Hochstapelei und einfachem Betrug sind fließend und hängen vor allem von der moralischen Ambivalenz in der Außenwahrnehmung und dem Motiv der Täuschung ab. So kann Hochstapelei als „Kunst der Täuschung“ ein gewisses Ansehen genießen und finanzielle Bereicherung gilt nicht als ihr primäres Ziel.

Etymologie

Das rotwelsche Wort „Hochstapler“ trat zuerst als Hochstabler 1728 in Schwaben auf und bezeichnete einen „hoch“, das heißt vornehm auftretenden Bettler. „Stapeln“ (verwandt mit stappen „gehen“) bezeichnete das oft unterbrochene Gehen des Bettlers, woraus sich stappeln im Sinne von „betteln“, (so 1792 in Bayern) ableitet. Rotwelsch erscheint Stapler (mit der Bedeutung „Bettler“) in verschiedenen Formen seit 1490. In die Schriftsprache fand das Wort Hochstapler erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts Eingang. Das Zeitwort hochstapeln ist ab 1871 belegt.

1851 wird ein Hochstapler in dem Buch Die gefährlichen Klassen Wiens definiert als „ein gefährlicher Bettler, der mit falschen Attesten über erlebte Unglücksfälle oder dergleichen und, indem er gewöhnlich adlige Namen und Titel sich beilegt, vorzüglich die höheren Stände brandschatzt.“

Strafbarkeit

Hochstapelei als solche ist kein Straftatbestand, sie kann aber einen der folgenden Straftatbestände erfüllen:

Eine der Voraussetzungen für Betrug liegt vor, wenn der Hochstapler sein Opfer durch Vortäuschung falscher Tatsachen schädigt. Im Fall einer Amtsanmaßung führt der Hochstapler Handlungen aus, zu deren Ausführung nur Amtspersonen berechtigt sind. „Unrechtmäßige Führung akademischer Grade“ wird einem Hochstapler vor allem dann vorgeworfen, wenn er sich mit Außenwirkung zum Beispiel zu Unrecht „Doktor“ nennt.

Eine Ordnungswidrigkeit begeht der Hochstapler, wenn er sich unbefugt mit einem staatlich geschützten Berufstitel bezeichnet (siehe Titelmissbrauch).

Mediale Rezeption

Die mediale Rezeption von Hochstapelei ist historisch betrachtet häufig von einer unkritischen und unterhaltungsorientierten Berichterstattung geprägt, die berühmten Hochstaplern häufig eine zweite Karriere ermöglicht. Als eine erste Hochphase des medialen Interesses an Hochstapelei gelten die Jahrzehnte zwischen 1890 und den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Ein früher Prototyp für die erfolgreiche Selbstvermarktung nach der Enttarnung ist Harry Domela, dessen Autobiografie verfilmt wurde und der darin selbst die Hauptrolle spielte. Auch in jüngerer Zeit, insbesondere zwischen dem Jahr 2000 und den frühen 2010er Jahren, überführen Täter wie Gert Postel oder Jürgen Harksen ihre Täuschungen in eine zweite mediale Karriere, indem sie in Talkshows auftreten oder Bücher veröffentlichen. Dabei übernahmen die Medien oft die literarisch erprobten Narrative der Täter und stilisierten sie zu humoristischen Schelmfiguren, wodurch die negativen Aspekte verloren gehen, emotionale Distanz zu Betrogenen aufgebaut und die Taten von Hochstaplern primär als Offenlegung von Systemfehlern präsentiert werden. Eine Grenze findet die wohlwollende Rezeption bei Täuschungen in stark moralisch besetzten Kontexten, wie dem Fall des Holocaust-Hochstaplers Binjamin Wilkomirski, bei dem die Öffentlichkeit mit Empörung reagiert und die Faszination eher zu einer pathologisierenden Perspektive wechselt.

Beispiele

Friedrich Wilhelm Voigt (1910), der Hauptmann von Köpenick, ein Schuhmacher, der 1906 in der Uniform eines preußischen Hauptmanns das Rathaus von Köpenick überfiel, um die Stadtkasse zu rauben.

Das Motiv der „Hochstapelei“ in der Literatur (Auswahl)

Das Motiv der „Hochstapelei“ im Film (Auswahl)

Anna Anderson (1920), die bis an ihr Lebensende behauptete, die russische Großfürstin Anastasia Nikolajewna Romanowa, Tochter des letzten Zaren Nikolaus II., zu sein.

Siehe auch

Literatur

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Wiktionary: Hochstapler – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Nina Witwicki: Was ist ein Hochstapler? In: Erklär's mir. Badische Zeitung, 5. November 2020, abgerufen am 12. Februar 2025.
  2. ↑ Hochstapler (Soziologie). In: Rhetos. Lernwerkstatt Aachen, abgerufen am 5. Dezember 2022.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 Melanie Mühl: Im Bann der Betrüger: Öffnet Hochstapelei die Türen für eine zweite Karriere? In: FAZ. 30. April 2026, abgerufen am 1. Mai 2026.
  4. 1 2 Melanie Mühl: Wirecard: Der Unterschied zwischen Hochstaplern und Betrügern. In: FAZ. 28. August 2020, abgerufen am 5. Dezember 2022.
  5. ↑ Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 312.
  6. ↑ Adolf Storfer: Wörter und ihre Schicksale. Berlin 1935, S. 178.
  7. ↑ Katja Schmidt: Lüge, Hochstapelei und Bildung: Bildungstheoretische Annäherungen und biographische Rekonstruktionen (= Pädagogik). 1. Auflage. transcript Verlag, Bielefeld, Germany 2018, ISBN 978-3-8376-4556-9, Kap. 3, S. 79, doi:10.14361/9783839445563 (transcript-verlag.de [abgerufen am 5. Dezember 2022]).
  8. ↑ Josef Schnelle: Der Unsterbliche. In: Süddeutsche Zeitung vom 22./23. Juni 2019, S. 38.
  9. ↑ Lothar Schröder: Vor 100 Jahren gestorben: Die Verwandlung des Karl May. In: RP Online.
  10. ↑ Armin Nack. Der Spiegel 24/2013 vom 10. Juni 2013, abgerufen am 15. Januar 2016.
  11. ↑ Die Welt (20. Januar 1999): Die Doktorspiele des Hochstaplers Postel. In: Die Welt. 20. Januar 1999.
  12. ↑ Reinhard Platzek: Die psychiatrische Behandlung nach Kaufmann – in Wahrheit ärztliche Folter? Eine Überlegung zur modernen Wahrnehmung der Elektrosuggestivtherapie. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 169–193, hier: S. 170.
  13. ↑ Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt: Gert Postel: Der falsche Dr. Dr. zeigt, was Nerven sind. In: Roloff und Henke-Wendt: Geschädigt statt geheilt. Große deutsche Medizin- und Pharmaskandale. S. Hirzel, Stuttgart 2018, S. 109–122, ISBN 978-3-7776-2763-2.
  14. ↑ Gestatten, Scheich Volker (Memento des Originals vom 18. März 2024 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., Spiegel, 3/2013, S. 98
  15. ↑ Als «Scheich Volker» GC zur Lachnummer macht, Tages-Anzeiger, 20. Februar 2024, S. 26
  16. ↑ Hochstapler in Weiß. Christian E. brillierte als Arzt am Erlanger Uniklinikum. In: Süddeutsche Zeitung. 19. Oktober 2009, ISSN 0174-4917, S. 46.
  17. ↑ Der Schalterbeamte am Skalpell. In: sueddeutsche.de. 2010, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de).
  18. ↑ Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge: das System Relotius und der deutsche Journalismus. Rowohlt Berlin, 2019, ISBN 978-3-7371-0086-1 (google.de [abgerufen am 10. Juli 2026]).
  19. ↑ Moritz W. Lange: Kalter Abgrund. Berlin 2010, Nachwort S. 285.
  20. ↑ Süddeutsche Zeitung vom 8. März 2010, S. 15.