Hoffaktor

Ein Hoffaktor war ein an einem höfischen Herrschaftszentrum bzw. Hof beschäftigter Kaufmann, der (Luxus-)Waren, Heereslieferungen oder Kapital für den Herrscher beschaffte. Viele Hoffaktoren waren Juden, für die der zeitgenössische Quellenbegriff Hofjude verwendet wurde. Eine weitere Bezeichnung ist Hofagent. Etliche Hoffaktoren dienten auch mehreren Höfen.

Geschichte

Mit Isaak aus Aachen, der für Karl den Großen diplomatische Missionen übernahm, wirkte bereits Ende des 8. Jahrhunderts ein Großkaufmann im Dienste eines Fürsten. Im Mittelalter wurden Pfandleihe und Kreditvergabe gegen Zinsen ein Schwerpunkt jüdischer Kaufleute. Mehr durch ihre praktische Erfahrung und weitreichenden Beziehungen als durch das von der katholischen Kirche erst 1179 bekräftigte Zinsverbot für Christen und 1215 neu hervorgehobene Wucherverbote, die zudem schon bald kaum beachtet wurden, gewannen sie ihre Kunden. Für den im Spätmittelalter wachsenden Finanzbedarf der Wirtschaft und Politik gewährten Christen (italienische Banken, z. B. die Compagnia dei Bardi) und Juden Kredite gegen Zinsen.

Als erster jüdischer Hoffaktor im Sinne eines Amtes gilt Salomon oder Salmon, der 1315 als Hof- und Küchenmeister von Herzog Heinrich VI. in Breslau tätig war. Samuel von Derenburg diente vier Kirchenfürsten im Erzbistum Magdeburg, so Otto und Dietrich von Portitz. Vivelin von Straßburg war im Elsass eine der reichsten Personen in Europa vor seinem Tod in den Judenpogromen in Straßburg 1349. In England war Aaron von Lincoln bereits im 12. Jahrhundert tätig. Isaak Abarbanel war in Spanien ein großer Finanzier in der Reconquista. In Savoyen/Turin finanzierten Amedeo Foà und Elia Alamanno Herzog Amadeus VIII. von Savoyen.

Beginn am Wiener Kaiserhof und Berliner Hof

Die Geschichte der eigentlichen Hofjuden begann erst im 16. Jahrhundert: Im Jahr 1582 schuf Kaiser Rudolf II. die Institution des Hofbereiten Juden in Wien. Dieser war frei von Abgaben an Land und Stadt, hatte Maut- und Zollfreiheit für seine Waren, war ausschließlich der Gerichtsbarkeit des Obersthofmarschalls unterstellt, war befreit vom Tragen des Judenzeichens und durfte sich dort aufhalten, wo sich der Hof befand. Ab 1596 mussten diese befreytten Juden auch Sonderkontributionen für Kriegszwecke leisten. Jakob Bassevi von Treuenberg, ab 1616 Vorsteher der Prager Judengemeinde, erhielt 1622 auf Betreiben Wallensteins von Ferdinand II. den Adelstitel und wurde gemeinsam mit Fürst Liechtenstein Pächter der Münzprägung. 1624 wurde auch in Wien das Prägegeschäft im Kaiserlichen Münzhaus dem befreiten Juden Israel Wolf Auerbach und seinem Konsortium übertragen.

Mit Michael von Derenburg hatte auch das Haus Hohenzollern in Kurbrandenburg ab 1543 früh einen Hoffaktoren. Kurfürst Joachim II. (1535–1571) ernannte den aus einer Prager Judenfamilie stammenden Lippold 1556 zum Münzmeister. Er gilt als erster Hoffaktor im umfassenden Sinne; zu seinen Aufgaben gehörte die Beschaffung des Münzmetalls und die Betreuung des Schlagschatzes.

Verbreitung im Heiligen Römischen Reich im 17. und 18. Jahrhundert

Hoffaktoren arbeiteten vor allem im 17. und 18. Jahrhundert für die Fürstenhöfe des Alten Reiches. Sie versorgten die Herrscher mit Kapital und Waren, beschafften Luxusgüter, belieferten die Heere mit Proviant, Waffen und Pferden und waren mit der Herstellung von Münzen beauftragt. Aufgrund ihrer jahrhundertelangen Tätigkeit als Kaufleute und Geldhändler, ihrer teilweise auch internationalen Vernetzung und ihrer höheren Risikobereitschaft waren Juden für diese Aufgaben an den Höfen gern gesehen. Zur Erleichterung ihrer Tätigkeit wurden Hoffaktoren in der Regel Privilegien, Vorrechte und Titel verliehen, womit die mittelalterliche Tradition des Judenregals fortgesetzt wurde. Häufig brachte Justizwillkür sie um Besitz und Stellung. An fast allen Höfen des Reiches wurden zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Beginn des 19. Jahrhunderts Hoffaktoren in Dienst gestellt. In den Reichsstädten waren sie nicht, wie die anderen Bürger, von der Ratsversammlung abhängig, sondern direkt von Kaiser und Reich. Im 19. Jahrhundert ging man dann zur Bezeichnung „Hofbankier“ über.

Zwischen den jüdischen Hoffaktoren und den Herrschaftsträgern sowie deren Beamten entstand eine neue kommunikative Nähe, die den Hoffaktoren neue ökonomische, politische und kulturelle Handlungsspielräume für sich, ihre Familien und ihre Gemeinden eröffneten. Im 18. Jahrhundert und mit deren Zustimmung war die Praxis der Fürsten, Hofjuden auch mit der Regierung über ihre Heimatgemeinden zu betrauen, weit verbreitet. So regierten sie von ferne nach Art absolutistischer Herrscher, bildeten damit jedoch noch keine eigene Kaste oder Klasse, sondern waren nur einzelne Individuen einer sehr kleinen privilegierten Gruppe von Juden. Die Kastenbildung innerhalb des jüdischen Volkes begann erst mit den Heiraten zwischen führenden Hofjudenfamilien, die den internationalen Heiraten der Aristokratie glichen.

Rezeption in Antisemitismus und NS-Propaganda

Bereits im 19. Jahrhundert galten jüdische Hoffaktoren als ein negatives Merkmal einer vormodernen merkantilistischen Fürstenwirtschaft, die der Liberalismus überwunden habe. Privatbankiers waren nicht mehr religiös orientiert. Die antisemitische Propaganda des Nationalsozialismus nutzte die Rolle der jüdischen Hoffaktoren, um die angebliche Schädlichkeit der Juden unter Beweis zu stellen. Bekanntestes Beispiel dafür ist der Film Jud Süß von Veit Harlan. Gleichzeitig sollte die NS-Geschichtsforschung mit dem Buch Hofjuden von Peter Deeg diesen Thesen einen wissenschaftlichen Anstrich geben. Auch die Forschungen von Heinrich Schnee sind in diesem Kontext begonnen worden. Schnee hat sich auch später nie ganz davon frei machen können. Sein Werk bietet jedoch einen Überblick über viele Quellen.

Bedeutende Hoffaktoren im Heiligen Römischen Reich und seinen Nachfolgestaaten

Ansbach

Augsburg

Aurich

Bamberg

Bernburg

Brandenburg/Preußen

Braunschweig

Bückeburg

Darmstadt

Dessau

Detmold

Diez

Dresden

Düsseldorf

Frankfurt am Main

Glückstadt

Hamburg

Hannover

Hildesheim

Hechingen

Innsbruck / Hohenems

Karlsruhe

Kassel

Kleve / Wesel

Köln / Bonn

Mainz

Mannheim

Meiningen

München

Münster

Neuwied

Oettingen

Paderborn

Prag

Regensburg

Saarbrücken

Schwerin

Stuttgart

Trier

Weimar

Weißenfels

Wien

Wolfenbüttel

Würzburg

Hoffaktoren im übrigen Europa

Kopenhagen

Madrid

Lissabon

London

Paris / Straßburg

Stockholm

St. Petersburg

Venetien

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Dan Diner: Hoffaktor. In: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Band 3. Springer-Verlag, 2016, ISBN 978-3-476-01218-0 (books.google.de).
  2. ↑ Johann Christoph Adelung: Hofjude, der. In: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. 2. Auflage. Band 2: F–L. Breitkopf, Leipzig 1796, S. 1244 (Digitalisat. zeno.org).
  3. ↑ Hofagent. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Band 9: Hautgewebe–Ionĭcus. Bibliographisches Institut, Leipzig / Wien 1907, S. 414 (Digitalisat. zeno.org).
  4. 1 2 Michael Toch: Wirtschaftsgeschichte der mittelalterlichen Juden: Fragen und Einschätzungen. Walter de Gruyter, 2016, ISBN 978-3-11-044649-4 (books.google.de).
  5. ↑ Smol von Derenburch (Samuel of Derenburg). In: JewishEncyclopedia.com. Abgerufen am 25. März 2020.
  6. ↑ Cultor - Atlante di Torino - S -. Abgerufen am 17. Juli 2026.
  7. ↑ Kurt Schubert: Jüdische Geschichte. 7. Auflage. C.H. Beck, 2012, ISBN 978-3-406-44918-5, S. 91.
  8. ↑ Hans Behrens: Anpassung – Abwehr – Aufbruch / Deutsch-jüdische Literatur zwischen 1935 und 1947 am Beispiel der Erzähltexte „Auf drei Dingen steht die Welt“ und „Die Waage der Welt“ von Gerson Stern. Igel Verlag, 2017, ISBN 978-3-86815-716-1, S. 22.
  9. ↑ Heinz Gstrein: Jüdisches Wien. H. Wien, 1984, ISBN 978-3-7008-0264-8, S. 14.
  10. ↑ Rotraud Ries: Juden als herrschaftliche Funktionsträger. In: Werner Paravicini (Hrsg.): Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe, bearb. von Jan Hirschbiegel/Jörg Wettlaufer, Teil 1-2, 1: Begriffe. Sigmaringen 2005, S. 303–306 (Residenzenforschung 15.II, Teil 1); resikom.adw-goettingen.gwdg.de (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis..
  11. ↑ John F. Oppenheimer (Red.) u. a.: Lexikon des Judentums. 2. Auflage. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh u. a. 1971, ISBN 3-570-05964-2, Sp. 294.
  12. ↑ Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. Piper, München / Zürich 1986 (TB). 11. Auflage: 2006, ISBN 978-3-492-21032-4, S. 158 ff.
  13. ↑ Heinrich Schnee: Die Hoffinanz und der moderne Staat. Geschichte und System der Hoffaktoren an deutschen Fürstenhöfen im Zeitalter des Absolutismus. Nach archivalischen Quellen. 1–6 Bände. Berlin 1953–1967.
  14. ↑ Speyer. In: Judengasse.de. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 11. Oktober 2015; abgerufen am 5. April 2020.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  15. ↑ Judengasse:Haas, auch Gerotwohl. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 15. September 2019; abgerufen am 5. April 2020.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  16. ↑ Kann. In: Judengasse.de. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 30. Januar 2020; abgerufen am 5. April 2020.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  17. ↑ Hildesheim, Jüdischer Friedhof Teichstraße. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 7. April 2020; abgerufen am 7. April 2020.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  18. ↑ Thomas Albrich: Jüdisches Leben in Tirol und Vorarlberg von 1700 bis 1805: Jüdisches Leben im historischen Tirol. Haymon Verlag, 2014, ISBN 978-3-7099-7341-7 (books.google.de).
  19. ↑ Salomon Meyer. In: Stadtlexikon Karlsruhe. Abgerufen am 17. Juli 2026.
  20. ↑ Juden – Stadtlexikon. Archiviert vom Original am 11. April 2026; abgerufen am 17. Juli 2026.
  21. ↑ Eintrag im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Abgerufen am 17. Juli 2026.
  22. ↑ David Seeligmann (seit 1814 Freiherr von Eichthal) – Stadtlexikon. Archiviert vom Original am 5. November 2025; abgerufen am 17. Juli 2026.
  23. ↑ Heinrich Schnee: Die Hoffinanz und der moderne Staat. Band 4, 1963, S. 48.
  24. ↑ Monika Grübel, Georg Mölich: Jüdisches Leben im Rheinland: vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Böhlau Verlag, Köln / Weimar 2005, ISBN 3-412-11205-4 (books.google.de).
  25. ↑ Heinrich Schnee: Die Hoffinanz und der moderne Staat. Band 6, S. 153–170.
  26. 1 2 Diethard Aschoff: Die Juden Im Fürstbistum Münster. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften der Territorien Westfalen und Lippe. S. 86.
  27. ↑ Biografie Remy (Rasselstein) deutsche-biographie.de
  28. ↑ Erika Bucholtz: Henri Hinrichsen und der Musikverlag C. F. Peters: deutsch-jüdisches Bürgertum in Leipzig von 1891 bis 1938. Mohr Siebeck, Tübingen 2001, ISBN 3-16-147638-7, S. 18 (Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts, 65; zugleich: Dissertation, Berlin, Techn. Univ., 2000).
  29. ↑ Andreas Reinke, Barbara Strenge: Eine Bestandsübersicht. Walter de Gruyter, 2016, ISBN 978-3-11-095413-5 (google.de [abgerufen am 7. April 2020]).