Hofstadgruppe

Die Hofstadgruppe (auch Hofstadnetzwerk, niederländisch Hofstadgroep bzw. Hofstadnetwerk) ist eine islamistische Gruppe von hauptsächlich jungen niederländischen Muslimen meist marokkanischer Abstammung.

Der Name „Hofstad“ war ursprünglich der Deckname des niederländischen Geheimdienstes AIVD für einen bestimmten Personenkreis, welcher schließlich in die Medien gelangte. Der Name bezieht sich auf den Spitznamen der Stadt Den Haag (Hofstad, also „Hofstadt“ oder „höfische Stadt“, kennzeichnet Den Haag als Sitz des Niederländischen Königshauses), wo einige Mitglieder wohnen, wenngleich der AIVD dies bestreitet.

Der Gruppe werden Verbindungen zu anderen Netzwerken in Spanien und Belgien zugeschrieben. Unter ihren Kontakten befindet sich auch Abdeladim Akoudad (auch bekannt als Naoufel), einer der Verdächtigen der Anschläge von Casablanca von 2003. Die Gruppe ist von der Weltanschauung der at-Takfir wa-l-Higra, einer salafitischen Strömung aus Ägypten, beeinflusst. Redouan al-Issar, auch bekannt als „der Syrer“, ist der mutmaßliche religiöse Führer der Gruppe. Größte Bekanntheit erlangte das Netzwerk durch den Mord an Theo van Gogh durch das Hofstad-Mitglied Mohammed Bouyeri, der dafür zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Samir Azzouz, der verdächtigt wird, Anschläge auf das niederländische Parlament, auf den Flughafen Schiphol und das Kernkraftwerk Borssele geplant zu haben, wird ebenfalls enge Verbindungen zur Hofstad-Gruppe zugeschrieben, allerdings wurde er nie wegen Mitgliedschaft strafverfolgt.

Geschichte

Der AIVD nannte die Gruppe „Hofstad-Netzwerk“ im Herbst 2002 für interne Zwecke. Dieser Name wurde erstmals von der niederländischen Staatsanwaltschaft am 10. November 2004 öffentlich benutzt, nach einer Razzia der Polizei in der Antheunisstraat, einer Straße im Laakkwartier (Laak-Quartier) in Den Haag.

Am 14. Oktober 2003 wurden Samir Azzouz, Ismail Akhnikh, Jason Walters und Redouan al-Issar wegen der Planung terroristischer Anschläge in den Niederlanden verhaftet, wenig später wurden sie allerdings wieder freigelassen.

Kurz nach dem Mord an Theo van Gogh durch Bouyeri im November 2004 erlangte die Organisation Aufmerksamkeit von niederländischen Medien, als der Versuch, die mutmaßlichen Mitglieder Jason Walters und Ismail Akhnikh festzunehmen, zu einer 14-stündigen Belagerung eines Hauses in Den Haag führte. Während dieser Ereignisse wurde die Bezeichnung „Hofstad-Gruppe“ öffentlich und die Berichterstattung benutzte fortwährend diesen Spitznamen. In den Monaten nach der Belagerung wurden eine Reihe von Verdächtigen, bei denen man eine Mitgliedschaft vermutete, festgenommen. Am 5. Dezember 2005 begann die Gerichtsverhandlung gegen 14 mutmaßliche Mitglieder.

Dass das Hofstad Netwerk Verbindungen zu Terrorgruppen in Spanien und Belgien hatte und Anhänger von Bouyeri, deren geistiger Mentor ein flüchtiger Syrer namens Redouan Al Issar war, in pakistanischen Lagern trainiert hatten, hatten Ermittler nach dem 2. November 2004 öffentlich bekannt gegeben.

Gerichtsverfahren

Am 10. März 2006 traf sich das Rotterdamer Gericht in einem überwachten Gerichtssaal in Amsterdam-Osdorp und kam zu folgenden Urteilen für Mitglieder der Hofstadgruppe:

Mohammed Bouyeri verbüßte bereits eine lebenslange Haftstrafe und konnte nicht zusätzlich bestraft werden. Jermaine Walters wurde von dem Vorwurf entlastet, das ehemalige niederländische Parlamentsmitglied Ayaan Hirsi Ali bedroht zu haben.

Jermaine Walters, Nadir Adarraf, Rachid Belkacem, Mohamed El Bousklaoui und Zakaria Taybi wurden freigesprochen.

Am 23. Januar 2008 verwarf das Den Haager Berufungsgericht die Urteile, setzte einige Urteile herab und sprach fünf der Verdächtigen frei, mit der Begründung, dass es keine Beweise gebe für die Existenz der terroristischen Vereinigung, die in der Öffentlichkeit Hofstadgruppe genannt werde. Daraufhin verhängte ein Berufungsgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft am 2. Oktober 2008 verschärfte Strafen gegen vier Angehörige bzw. Sympathisanten der Gruppe.

Am 2. Februar 2010 hob das oberste Gericht, der Hohe Rat der Niederlande das Urteil vom 23. Januar 2008, demzufolge eine terroristische Vereinigung nicht bestanden hätte, auf. Damit einhergehend wurden die Freisprüche aufgehoben und eine Neuverhandlung der betreffenden Fälle angeordnet. Am 17. Dezember 2010 verurteilte das Berufungsgericht Amsterdam Nouredine el Fahtni, Yousef Ettoumi, Mohammed Fahmi Boughabe, Mohammed El Morabit und Ahmed Hamdi wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu Haftstrafen von 15 Monaten.

Nach seiner Entlassung 2013 bekannte Jason Walters seine Abkehr von einem radikalen Verständnis des Islam. Im Oktober 2023 trat er bei einer Pro-Israel-Demonstration in Amsterdam auf.

Einzelnachweise

  1. ↑ Terrorismus und Radikalisierung in den Niederlanden heise.de, 9. März 2005
  2. ↑ The 'Hofstad' trial - the perils of punishing terrorist thoughts (Memento des Originals vom 15. Januar 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  3. ↑ Souad Mekhennet, Claudia Sautter, Michael Hanfeld: Die Kinder des Dschihad. Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04933-8; aktualisierte Taschenbuchausgabe ebenda (Juni) 2015, ISBN 978-3-492-30858-8, S. 76–86 (Mohammed Bouyeri – der selbsternannte Shaikh), hier: S. 80–86.
  4. ↑ Urteil als PDF online auf der Homepage der Politieacademie
  5. ↑ Informationen über Nourredin aus dem Prozess von Michael Borgstede in der FAZ vom 3. Januar 2006
  6. ↑ (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Juni 2025. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.)>
  7. ↑ NRC/Handelsblatt Artikel vom 3. Oktober 2008: Extended prison sentence for four terror plotters wiedergegeben auf der Homepage Closer
  8. ↑ Rechtspraak.nl
  9. ↑ Institut für Islamfragen, Artikel vom 16. Juni 2018: Ehemaliges Mitglied der Hofstadgruppe distanziert sich von radikalem Islamverständnis und Antisemitismus
  10. ↑ EW-Magazin, Artikel vom 13. Oktober 2023: Jason Walters, voormalig lid Hofstadgroep, op pro-Israëldemonstratie: kijk niet weg voor genocidaal antisemitisme