Holger Strohm

Holger Strohm (2012)

Holger Strohm (* 7. August 1942 in Lübeck) ist ein deutscher Autor, der durch seine Sachbücher zu Gefahren der Kernenergie, zur Sicherheit von Kernkraftwerken und andere Themen im Bereich Umweltschutz bekannt wurde.

Leben und Wirken

Strohm studierte Fertigungstechnik in Berlin, Business Administration in Toronto und Göteborg sowie Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. Er arbeitete als Berufsschullehrer und war in der Industrie als Angestellter und als Organisations- und Industrieberater tätig.

1971 schrieb er mit Friedlich in die Katastrophe sein erstes Buch über die Gefahren der Kernenergie. Nachdem es von über 80 Verlagen abgelehnt worden war, veröffentlichte Strohm es zunächst im Privatdruck und dann 1973 im Kleinverlag Association mit einer Auflage von 4000 Stück. Von der 1981 bei Zweitausendeins erschienenen Neuausgabe wurden schnell 130.000 Exemplare verkauft. Die Gesamtauflage der bei Zweitausendeins verlegten Bücher von Strohm beläuft sich auf 640.000. Laut dem Historiker Joachim Radkau war das Buch ein „erheblicher Niveausprung in der bundesdeutschen Kernkraft-Kritik“ und wurde schon bald nach Erscheinen „zu einer Art Bibel der Anti-AKW-Bewegung“.

Bereits 1972 hatte Strohm im Melzer Verlag den Band Umweltsch(m)utz vorgelegt, der im Anhang ein 16-seitiges Literaturverzeichnis und ein 25-Punkte-Programm enthielt, das der Ausgabe zusätzlich als Poster beilag. Die Musikzeitschrift Sounds hob das Buch im Juni 1973 aus den zahlreichen Umweltschutzveröffentlichungen jener Jahre hervor, weil darin „nicht geschwafelt, nicht beschönigt, sondern gewarnt“ werde, und forderte ihre Leser auf, es zu kaufen und mit Eltern und Lehrern darüber zu sprechen.

Ursprünglich war Strohm Mitglied der SPD, aus der er 1978 ausgeschlossen wurde, da er als Spitzenkandidat der Bunten Liste – Wehrt Euch (BuLi) bei den Wahlen zur Hamburgischen Bürgerschaft kandidierte. Hier wandte er sich insbesondere gegen rechte Radikale bei der Grünen Liste Umweltschutz und glaubte auch die kommunistischen Aktivisten „gut verkraften“ zu können. Von der BuLi schied er schließlich im Zorn, nachdem er sich mit seinem Vorschlag einer Europawahlteilnahme nicht gegen den die BuLi dominierenden Kommunistischen Bund hatte durchsetzen können.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl lebte er mit seiner Familie zehn Jahre lang in Portugal. Heute lebt er abwechselnd dort und in Mölln.

Strohm ist Autor von rund 40 Büchern. Als Sachverständiger war er 1972 für den Innenausschuss des Deutschen Bundestages tätig. Er ist Träger der Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens und Preisträger der internationalen Umweltschutzmedaille.

Da der Erziehungswissenschaftler Peter Struck an der Universität Hamburg seine Promotion nicht betreuen wollte, ging Strohm 2002 an die Universität Bremen zu Johannes Beck, kurz vor dessen Emeritierung. Strohms Promotion von 2007 wurde nach Verfahrensunklarheiten 2012 gerichtlich bestätigt. Die Promotionsurkunde zum Dr. phil. erhielt er am 7. August 2012.

Umweltstaatssekretär Michael Müller schrieb 2008 das Vorwort zu Strohms Buch Gaia weint. Im Herbst 2010 erschien im Sokrates Verlag Das Wunder des Seins und seine Zerstörung, 2011 eine um ein Vorwort von Müller erweiterte Ausgabe von Friedlich in die Katastrophe in der Edition Nautilus und 2012 Neues von der Euro-Mafia beim Kai Homilius Verlag in der Edition Zeitgeschichte ebenfalls mit einem Vorwort von Müller. Letzterer schreibt über Strohm, er „gehört zu denen, die den eigenen Kopf benutzen“ und damit „den anderen Blick“ einnehmen, „den wir brauchen, um im Dickicht der Interessen und Ideologien bessere Einsichten zu bekommen.“

Im September 2012 wurde der von Strohm produzierte Dokumentarfilm Friedlich in die Katastrophe von Marcin El im Abaton-Kino Hamburg erstmals aufgeführt. Der Film fand keinen Verleih, wurde aber in vielen deutschen Städten gezeigt und auf DVD veröffentlicht.

Kontroversen

Inzwischen ist Strohm Anhänger diverser Verschwörungstheorien, beispielsweise über Chemtrails. Seine Schriften zu diesem Thema wurden von etablierten Verlagsanstalten abgelehnt oder ignoriert. Strohm gründete daraufhin den Eigenverlag Wider die Zensur. Seiner Meinung nach stammt AIDS aus amerikanischen Forschungslabors. Auch hätten die Vereinigten Staaten das Wetter in Nordkorea manipuliert und seien damit für die dortige Hungersnot verantwortlich. Zudem behauptet Strohm, in Berlin bestehe seit 1985 eine „Reichsregierung“, die eigene Pässe ausstelle und dem amerikanischen Präsidenten unterstehe.

2012 gab Strohm dem NPD-nahen Magazin Umwelt & Aktiv ein Interview. Andreas Speit kritisierte Strohm für das Gespräch mit den Neonazis, mit dem er dem Magazin bei der Etablierung über die Szenegrenze hinweg helfe.

Im Dezember 2015 erschien ein in der Projektwerkstatt Saasen erstellter Film mit einer kritischen Biografie zu Holger Strohm unter dem Titel „Empörung und Verschwörung – Porträt einer Person auf dem Weg in rechte Ideologien“. Eine Klage Strohms gegen den Film wurde im Februar 2015 vom Landgericht Hamburg zurückgewiesen.

Veröffentlichungen

Film

Commons: Holger Strohm – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Klaus Schramm: Rezension zu Holger Strohms „Die stille Katastrophe“. Website von Netzwerk Regenbogen
  2. 1 2 3 Frank Lübberding: Kernkraftkritiker der ersten Stunde: Einer steht im Weg. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. April 2011, archiviert vom Original am 15. März 2015; abgerufen am 22. Januar 2024.
  3. ↑ Historiker Joachim Radkau: «Es gehört zur Political Correctness, sich zum Glauben an den Klimawandel zu bekennen. In Wahrheit nimmt man ihn nicht ernst.» Interview mit Joadchim Radkau, Neue Zürcher Zeitung, 24. November 2019
  4. ↑ P. Klaus: Holger Strohm: Umweltsch(m)utz. In: Sounds. Nr. 6, Juni 1973, S. 32 (Buchbesprechung).
  5. ↑ Keine Schwarzen, keine Roten, einfach Grüne. In: Der Spiegel. Nr. 24, 1978 (online – 12. Juni 1978).
  6. ↑ Benno Schirrmeister: Atomkritiker klagt Doktortitel ein: Gestatten, Dr. Holger Strohm. In: die tageszeitung. 28. Juni 2012
  7. ↑ Michael Müller: Vorwort. Die Krise des Spätkapitalismus. In: Holger Strohm: Neues von der Euro-Mafia. Eine Medien-Dokumentation. Berlin 2012, S. 7–10, hier S. 10.
  8. ↑ Friedlich in die Katastrophe: Termine
  9. ↑ Wilfried Hippen: Weltuntergang auf DVD: Schlechte Aussichten. In: die tageszeitung. 11. Juli 2013
  10. ↑ Rainer Roeser: Verschwörungstheorie trifft AfD-Politik. In: bnr.de. 27. September 2019, abgerufen am 22. Januar 2024 (deutsch).
  11. ↑ Andreas Speit: Rechte Website interviewt Holger Strohm: Grüner Pionier im Nazi-Sumpf. In: die tageszeitung. 2. Dezember 2012.
  12. ↑ Andreas Speit: Holger Strohm klagt gegen kritischen Film: Unfriedlich nach rechts, Taz, 21. Januar 2016
  13. ↑ Andreas Speit: Holger Strohm scheitert mit Klage. In: Die Tageszeitung: taz. 29. Februar 2016, ISSN 0931-9085, S. 25 (taz.de [abgerufen am 22. Januar 2024]).
  14. ↑ Friedlich in die Katastrophe, Website des Films