Als Shoah Education, Holocaust Education oder Holocaust-Erziehung werden pädagogische Konzepte bezeichnet, die eine Auseinandersetzung mit der Shoa ermöglichen sollen. Darunter werden unterschiedliche Ansätze, Methoden und Praktiken historischer und politischer Bildung gefasst.
Die Bezeichnung Holocaust Education hat sich international durchgesetzt, obwohl sie auf mehreren Ebenen umstritten ist. Kritik richtet sich gegen erstens den Begriff (Brandopfer), weil die ursprünglich christlich-religiöse Konnotation das Geschehen verharmlose. Zudem wird er auch für eine Vielzahl weiterer Gräueltaten genutzt, die nicht in direktem Zusammenhang zur Ermordung europäischer Juden im Nationalsozialismus stehen. Daher werden mitunter Bezeichnungen wie Shoah Education oder Pädagogik der Erinnerung vorgezogen.
In einem eher weiten Begriffsverständnis definiert Oliver Plessow diese als:
“every learning endeavor, concept or activity that focusses on the mass crimes during the National Socialist reign in Germany and - with the beginning of World War II or rather from 1938 onwards - over the neighboring countries that were annexed or occupied.”
„jegliche Lernbestrebungen, Konzepte oder Aktivitäten, die sich auf die Massenverbrechen des Nationalsozialismus in Deutschland und (ab Kriegsbeginn oder genauer gesagt ab 1938) in den annektierten oder besetzten Nachbarländern fokussieren.“
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielte in der Reeducation der deutschen Bevölkerung durch die Siegermächte bereits die Konfrontation mit der Shoah eine Rolle. In der deutschsprachigen Pädagogik verwies z. B. Theodor W. Adorno auf die besondere Rolle einer Erziehung nach Auschwitz. Das in diesem Text formulierte Postulat, jegliche Erziehung müsse darauf abzielen, „dass Auschwitz sich nicht wiederholte“, kann als ethische Grundlage der Holocaust Education gelten.
Der jüdische Autor Elie Wiesel sorgte seit den 1960er Jahren nicht nur für die Verbreitung des Begriffes Holocaust, sondern trat auch für eine besondere Pädagogik in den Schulen zuerst in den USA ein. Ihn unterstützte der Historiker Saul Friedländer, als er 1972 ein Quellenbuch für den Unterricht schuf, das über die Anti Defamation League verbreitet wurde. Eine weitere große Stiftung mit diesem Ziel wurde Facing History and Ourselves ab 1976.
Eine breite öffentliche Auseinandersetzung mit der Ermordung der europäischen Juden im Nationalsozialismus wurde in den USA und Deutschland durch die Ausstrahlung der Fernsehserie Holocaust Ende der 1970er Jahre angestoßen und in den 1980er Jahren auch international diskutiert. Diese „Globalisierung der ,Holocaust-Erziehung‘“ zeigte sich auch 1988 in der Gründung der Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research (ITF). Involviert in die „Supranationalisierung“ der Holocaust-Erziehung waren und sind auch eine Vielzahl internationaler Akteure wie die IHRA (vormals ITF), die UNESCO oder die OSZE. Mit der politischen Integration vormals kommunistischer osteuropäischer Staaten wuchs auch deren Anspruch, auch eine pädagogische Aufarbeitung der kommunistischen Regime in den Fokus zu rücken, was die Holocaust Education in einen „Wettbewerb um Anerkennung und Ressourcen mit Gulag-Erinnerungsarbeit“ führte.
Bei der UNESCO zählt die Erziehung über den Holocaust zu den Schwerpunktthemen innerhalb der Global Citizenship Education (GCED). Sie unterstützt Akteure der Bildungspolitik, die das Ziel verfolgen, „Lernende mit Wissen, Kompetenzen und Handlungsoptionen auszustatten, um zu kritischem Denken zu befähigen und verantwortungsvolle Weltbürger hervorzubringen, welche die Menschenwürde achten sowie Vorurteile und Ausgrenzung – die in Gewalt und Völkermord münden können – ablehnen“. Mitgliedsstaaten sollen Programme entwickeln, die dazu beitragen, Ursachen und Konsequenzen des Holocaust zu verstehen und eine Kultur der Prävention zu fördern. Die UNESCO ernannte Serge und Beate Klarsfeld im Jahr 2015 zu UNESCO-Ehrenbotschaftern für Holocaust Education und Genozid-Prävention.
In Deutschland ist die Erziehung über den Holocaust in den Lehrplänen aller Bundesländer vorgegeben und ist verpflichtender Unterrichtsgegenstand in den Jahrgangsstufen 9 oder 10, vereinzelt auch in Jahrgangsstufe 8. Das Thema wird im Fach Geschichte, bzw. in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, oft aber auch im Ethik-, Religions- oder Deutschunterricht mit einer fachspezifischen Schwerpunktsetzung behandelt. Im Sekundarbereich II sind Nationalsozialismus und Holocaust erneut verpflichtender Unterrichtsgegenstand. Im Jahr 2014 veröffentlichte die Kultusministerkonferenz neue Empfehlungen zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule. In Anschluss an internationale Entwicklungen wird darin ein breiterer Fokus der Holocaust-Erziehung, der auch Genozide wie in Sarajevo und Srebrenica oder Ruanda einschließt, empfohlen.
Die Erziehungswissenschaftlerinnen Eva Matthes und Elisabeth Meilhammer unterscheiden zwei Hauptlinien aus einer großen Zahl heterogener Ansätze, verweisen aber auch auf eine Vielzahl von Mischformen und Überschneidungen. Die erste Hauptlinie sei durch den Verweis auf die Singularität der Shoah geprägt und legt einen besonderen Fokus auf die Kenntnis des historischen Geschehens. Auf Basis dieses Wissens soll dann „eine weiterführende Reflexion mit Blick auf Haltungen und Verhalten heutiger Adressaten erfolgen“.
Andere Ansätze schließen indirekter an den Holocaust an und verstehen sich als allgemeine Menschenrechtsbildung, in der der Holocaust nur als ein, aber zentrales Beispiel für Völkermorde allgemein gilt. Sie entstanden aus der Übertragung der Vorurteilsproblematik und Diskriminierung vom europäischen Fall auf die US-amerikanische Rassensegretation. Diese Ansätze behandeln häufig auch Themen wie Rassismus oder Rechtsextremismus und stehen somit auch der antirassistischen Erziehung nahe. Diese international auch übertragbare Richtung läuft aber Gefahr, die nationalen Besonderheiten einer Vermittlung (etwa in Deutschland als Täterland oder in Israel) zu übergehen. Die Diagnose, dass es sich bei der deutschen Gesellschaft um eine Migrationsgesellschaft handelt, ist für die Holocaust Education ebenfalls mit Herausforderungen verbunden. Meilhammer und Matthes empfehlen deshalb in besonderem Maße die Orientierung an der jeweiligen Zielgruppe, ohne diese zu „othern“ oder mit bestimmten Zuschreibungen zu versehen.
Zu den in der Holocaust Education angewandten Konzepten gehören klassischerweise Gespräche mit Zeitzeugen. Weil diese aber mit fortschreitender Zeit unmöglich werden, werden sie durch Aufzeichnungen von Interviews ersetzt. Insbesondere durch die Popularität des Films Schindlers Liste (der inzwischen selbst pädagogisch genutzt wird) wurde eine weltweite Kampagne angestoßen, Zeitzeugeninterviews aufzunehmen. Eine ebenfalls wichtige Rolle nehmen Besuche von Gedenkstätten ein.
In Deutschland wurden Fälle bekannt, in denen Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund die Beschäftigung mit dem Holocaust ablehnten, Vorbehalte gegenüber entsprechenden Unterrichtsinhalten äußerten oder während des Unterrichts antisemitische Aussagen machten. Diese Vorfälle lösten Diskussionen über die Herausforderungen der Holocaustvermittlung in einer von Migration geprägten Gesellschaft und über den Umgang mit Antisemitismus an Schulen aus.
Im November 2020 berichtete Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, dass es muslimische Schülerinnen und Schüler gebe, die nicht am Unterricht teilnehmen wollten, wenn der Holocaust behandelt werde. Klein verwies außerdem auf die Verwendung des Wortes „Jude“ als Schimpfwort auf Schulhöfen sowie auf die Verbreitung antisemitischer Inhalte in digitalen Kommunikationsgruppen von Schülern. Er kritisierte, dass Lehrkräfte häufig nicht ausreichend darauf vorbereitet seien, mit antisemitischen Äußerungen und Vorfällen umzugehen.
Die Antisemitismusforscherin Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin beschäftigte sich bereits 2008 mit Widerständen gegen die Holocaustvermittlung bei Schülern mit Migrationshintergrund. In einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung verwies sie auf Berichte aus europäischen Ländern wie Frankreich und den Niederlanden, in denen muslimische Schüler aus Protest den Unterricht verlassen hätten, wenn der Holocaust behandelt wurde. In Deutschland seien derartige offene Protestformen zum damaligen Zeitpunkt seltener beobachtet worden. Gleichwohl gebe es auch hier ablehnende Reaktionen auf die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung.
Wetzel untersuchte außerdem den Einfluss des israelisch-palästinensischen Konflikts auf die Wahrnehmung des Holocaust. Ein Teil der Jugendlichen mit arabischem Familienhintergrund, insbesondere mit palästinensischen oder libanesischen Wurzeln, stelle einen Zusammenhang zwischen der nationalsozialistischen Judenverfolgung und der gegenwärtigen Politik Israels gegenüber den Palästinensern her. Dabei komme es mitunter zu Gleichsetzungen israelischer Politik mit nationalsozialistischen Verbrechen oder zu einer Umkehrung von Täter- und Opferrollen. Auch bei einem Teil der Jugendlichen mit türkischem Familienhintergrund könne eine religiös oder politisch begründete Solidarität mit den Palästinensern eine Rolle spielen.
Solche Auseinandersetzungen könnten Lehrkräfte vor besondere pädagogische Herausforderungen stellen, insbesondere wenn sich der Unterricht über den Holocaust zu einer Debatte über aktuelle politische Konflikte entwickle. Wetzel verwies darauf, dass Lehrkräfte nicht immer über ausreichende Kenntnisse der familiären und historischen Hintergründe ihrer Schüler oder über die Geschichte des Nahostkonflikts verfügten.
Wetzel betonte zugleich, dass zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung keine umfassenden empirischen Untersuchungen vorlagen, anhand derer sich das Ausmaß der Ablehnung des Holocaustunterrichts in Deutschland zuverlässig bestimmen ließ. Sie warnte davor, antisemitische Einstellungen oder Widerstände gegen die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus pauschal Jugendlichen mit Migrationshintergrund zuzuschreiben. Entsprechende Einstellungen und Verhaltensweisen seien auch unter Jugendlichen ohne Migrationshintergrund anzutreffen.
Der Umgang mit ablehnenden Reaktionen auf die Holocaustvermittlung und mit antisemitischen Äußerungen im Schulalltag ist Gegenstand bildungspolitischer und pädagogischer Debatten.
Felix Klein forderte eine stärkere Verankerung der Themen Antisemitismus und Rassismus in der Lehrkräfteausbildung. Nach seiner Einschätzung seien viele Lehrkräfte nicht ausreichend auf die Auseinandersetzung mit antisemitischen Vorfällen vorbereitet.
Juliane Wetzel plädierte dagegen für eine stärkere Berücksichtigung der unterschiedlichen familiären, kulturellen und historischen Erfahrungen der Schüler. Die Auseinandersetzung mit Migration, Diskriminierung und Verfolgung könne dazu beitragen, einen Zugang zur Geschichte des Holocaust zu eröffnen, ohne dessen historische Besonderheiten zu relativieren.
Wetzel betonte außerdem, dass antisemitische Äußerungen im Unterricht thematisiert und kritisch hinterfragt werden müssten. Zugleich warnte sie davor, Jugendliche aufgrund einzelner Aussagen oder ihrer Herkunft pauschal als Antisemiten einzuordnen. Eine differenzierte pädagogische Auseinandersetzung könne dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und die Bereitschaft zur Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu fördern.
Wichtige transnationale Akteure sind die Mitarbeiter von Gedenkstätten und Museen weltweit. Größere Museen und Gedenkstätten wie das Anne-Frank-Haus oder Yad Vashem haben eigene pädagogische Abteilungen, die nicht nur selbst Bildungsangebote konzipieren, sondern auch Fort- und Weiterbildungen für Pädagogen anbieten. Die unterschiedlichen Gedenkstätten sind zumeist gut untereinander vernetzt. Die staatlich geförderte Gedenkstätte Yad Vashem gehört zu den wichtigsten Institutionen innerhalb des Felds.
Viele der dort weitergebildeten oder anderweitig motivierte Lehrer betreiben Holocaust-Erziehung auch in Schulen. Auch an Universitäten findet eine Auseinandersetzung mit Holocaust-Erziehung statt. Die UNESCO fördert Forscher und Lehrende an Universitäten, um den internationalen Austausch im Feld zu stärken. Zuletzt wird auch in NGOs und von nicht-schulischen staatlichen Stellen aus Holocaust-Erziehung betrieben und gefördert. Die entsprechenden Akteure vernetzen sich häufig untereinander und auch international. In Deutschland trug beispielsweise die Aktion Sühnezeichen dazu bei, Freiwillige in Ansätzen der Shoah-Erziehung zu schulen. Mit Beginn des Schuljahres 2022/23 soll Holocaust und Geschichte der Juden in Rumänien als verbindliches Unterrichtsfach an den Schulen eingeführt werden.