Horstfriedhof

Horstfriedhof (2016)

Der Horstfriedhof, auch Friedhof auf der Horst genannt, ist ein historischer Friedhof in Stade mit ca. 5.500 Grabstätten, der an den benachbarten Horstsee angegrenzt. Die Anlage ist gekennzeichnet von einem rechtwinkligen Grundriss und einem orthogonalen Wegesystem. Eine Kopflindenallee verläuft von Nord nach Süd; der Friedhof verfügt über einen bemerkenswerten Bestand alter Grabmale des 18. und 19. Jahrhunderts.

Geschichte

Der Horstfriedhof in Stade gehört zu den kulturhistorisch bedeutenden Friedhofsanlagen der Stadt.

Vorgeschichte und Gründung 1789

Seine Entstehung im Jahr 1789 steht im Zusammenhang mit einem grundlegenden Wandel der Bestattungskultur im späten 18. Jahrhundert. Aus hygienischen, städtebaulichen und aufklärerischen Gründen wurden Begräbnisplätze zunehmend aus den dicht bebauten Städten heraus verlegt. Bis ins 18. Jahrhundert wurden die verstorbenen Einwohner Stades überwiegend in den Kirchen oder auf den unmittelbar bei den Stadtkirchen gelegenen Kirchhöfen bestattet. Besonders St. Wilhadi sowie St. Cosmae et Damiani verfügten über solche Begräbnisplätze. Die hygienischen Verhältnisse wurden bereits Mitte des 18. Jahrhunderts kritisiert. 1782 forderte die Regierung den Stader Magistrat auf, das Begräbniswesen neu zu ordnen und die Bestattungen aus der Stadt herauszuverlegen. Die Stadtkirchen standen einer solchen Reform zunächst zurückhaltend gegenüber, unter anderem, weil ihnen dadurch Einnahmen aus Begräbnisgebühren verloren gingen.

Als Standort wurde schließlich die „Horst“ südwestlich der Altstadt gewählt. Dort befand sich bereits ein wesentlich älterer Garnisonsfriedhof: Die Stadt hatte schon 1671 der schwedischen Garnison Gelände „Am Budenberg“ als militärische Begräbnisstätte zur Verfügung gestellt. Der Garnisonsfriedhof war 1781 erweitert worden.

Am 27. August 1789 erließ der Stader Magistrat eine Verordnung zur Neuordnung des Begräbniswesens. Sie bestimmte, dass vom 1. Oktober 1789 an keine Beerdigungen mehr innerhalb der Stadt stattfinden sollten. Zu diesem Termin wurde der neue Friedhof auf der Horst eingeweiht. Die Begräbnisfelder wurden den verschiedenen Kirchengemeinden zugeteilt. Dabei handelte es sich um einen kommunalen Friedhof, dessen Nutzung und Verwaltung den Kirchen übertragen wurde.

Entwicklung im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Bereits wenige Jahrzehnte nach seiner Anlage reichte die ursprüngliche Fläche nicht mehr aus. Das Wachstum der Stader Bevölkerung machte mehrere Erweiterungen, insbesondere in den Jahren 1852 und 1891, notwendig; dafür wurden angrenzende Grundstücke angekauft. Der Friedhof entwickelte sich damit von einem relativ überschaubaren Begräbnisplatz des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu einer größeren Anlage. Bereits bei der Erweiterung im Jahre 1852 war die ursprüngliche Einteilung des Friedhofs nach Kirchspielen aufgegeben worden.

Besonders interessant ist der erhaltene Bestand an Grabmalen. Er dokumentiert unterschiedliche Epochen der Sepulkralkultur und zugleich die Sozialgeschichte Stades. Grabstätten von Kaufleuten, Beamten, Geistlichen und alteingesessenen Familien machen den Friedhof gewissermaßen zu einem steinernen Personen- und Familienarchiv der Stadt. Beispielhaft sei hier das Grab der Familie Eichstaedt genannt, die über drei Generation von 1867 bis 1967 die Löwenapotheke besaß und dort begraben wurde. Zu den frühen erhaltenen Grabsteinen gehören klassizistische Denkmäler mit zeittypischer Todessymbolik. Der älteste erhaltene Stein stammt aus dem Jahr 1799.

Horstfriedhof, Garnisonsfriedhof und jüdischer Friedhof

Neben dem Horstfriedhof von 1789 gibt es den Jüdischen Friedhof und den älteren Garnisonsfriedhof aus der schwedischen Besatzungszeit. Er wurde später auch für staatliche Beamte sowie für Kriegstote verschiedener Epochen genutzt. Unter anderem befinden sich dort Gräber und Erinnerungsstätten für Tote der Napoleonischen Kriege, der beiden Weltkriege und weitere Kriegsopfer.

Kirchliche Trägerschaft und heutige Bedeutung

Seit 1947 befindet sich der Horstfriedhof in der Trägerschaft des damaligen evangelisch-lutherischen Gesamtverbandes Stade, heute des evangelisch-lutherischen Kirchengemeindeverbands.

Die Anlage besitzt neben ihrer Funktion als aktiver Friedhof einen erheblichen denkmal-, stadt- und sozialgeschichtlichen Wert. Der alte Baumbestand und die historischen Grabmale verleihen ihr einen parkartigen Charakter. Der Horstfriedhof wird deshalb nicht nur als Bestattungsort, sondern auch als historischer Erinnerungsraum verstanden. Ein Förderverein unterstützt auch die Nutzung als Begegnungsort.

Zur Sicherung des historischen Bestandes wurde 2013 die Siegel-Stiftung für den Horst-Friedhof durch Arnd Siegel und die Stader evangelischen Kirchen gegründet. Aufgabe der Stiftung ist die Bewahrung historischer Grabstätten und kunsthistorisch wertvoller Grabmale.

Friedhofskapelle

Der Bau der Backstein-Friedhofskapelle erfolgte im Jahr 1930. Der Entwurf stammte vom Architekten Hans Meyer aus Altona, ein Vertreter des Neues Bauen. Neben einem Vorraum und einem Andachtsraum waren acht Leichenkammern vorgesehen. Die Kapelle verfügt heute über 72 Sitzplätze im Hauptraum und etwa 20 Plätze auf der Empore. Zur Ausstattung gehört eine 1940 von Paul Ott in Göttingen erbaute Orgel mit sieben Registern auf einem Manual und Pedal, mechanischer Traktur und Schleifladen. Das Instrument wurde 2012 von Claus Sebastian instandgesetzt. Auf dem Portal der Kapelle findet sich in goldenen Lettern die Inschrift: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14) sowie darüber ein sandsteinfarbenes Kreuz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Kapelle vorübergehend eine zusätzliche kirchliche Bedeutung. Seit 1951 hielt Pastor Curt Georgi dort Sonntagsgottesdienste für den südlich der Bahnlinie gelegenen Pfarrbezirk ab. Diese Gottesdienste bildeten eine Keimzelle der späteren Stader Johannisgemeinde. Die Kapelle wird weiterhin für Trauerfeiern sowie für kirchliche Andachten genutzt.

Gräber auf dem Horstfriedhof

Unter den auf dem Horstfriedhof beigesetzten Persönlichkeiten findet man:

Auf dem Friedhof befindet sich das Grabmal für die „Camper Speeldeel“, eine bekannte plattdeutsche Laienspielgruppe – benannt nach dem Stader Stadtteil Campe –, von dem ein Teil des Ensembles 1934 bei einem Unfall mit dem Sonderzug von Adolf Hitler ums Leben gekommen ist.

Von den Gräbern lokalhistorisch bedeutsamer Persönlichkeiten sind zu erwähnen:

Literatur

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Fußnoten

  1. ↑ Wilhelm Heinrich Jobelmann / W. Wittpenning / M. Bahrfeldt, Geschichte der Stadt Stade, 1898, S. 89.
  2. ↑ Abendausgabe des Hamburgischen Correspondenten vom 17. Juni 1930
  3. ↑ Döscher, in: Lebensläufe zwischen Elbe und Weser, Bd. 1, S. 316.

Koordinaten: 53° 35′ 39,6″ N, 9° 27′ 55,8″ O