Hubert Fichte

Hubert Fichte (* 21. März 1935 in Perleberg; † 8. März 1986 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller und Ethnograph. Er gilt als Vordenker von Queer Studies und postkolonialer Forschung.

Leben

Hubert Fichte wurde 1935 im Krankenhaus Perleberg als unehelicher Sohn von Dora Fichte, einer protestantischen Stenotypistin, und Erwin Oberschützki, einem jüdischen Händler, geboren. Kurze Zeit später traten die Nürnberger Gesetze, die sexuelle Beziehungen zwischen sogenannten Ariern und Juden als „Rassenschande“ unter Strafe stellten, in Kraft. Wenige Wochen nach der Geburt zog die Familie in das großelterliche Miethaus im Hamburger Stadtteil Lokstedt, Beethovenallee. Dora Fichte war berufstätig, deswegen wurde ihr Sohn meist von der Großmutter erzogen. Der Vater musste wegen des zunehmenden Antisemitismus ins Exil nach Schweden flüchten. Nachdem der Großvater eine Kuhkoppel erworben hatte, wohnte Fichte im Haus Karlstraße 30 (heute Julius-Vosseler-Straße) in Lokstedt.

Während des Zweiten Weltkriegs kam Hubert Fichte im Rahmen der Kinderlandverschickung im Jahr 1941 nach Steingriff (Oberbayern), einem heutigen Ortsteil von Schrobenhausen, wo er anschließend von 1942 bis 1943 ein Jahr in einem Waisenhaus verbringen musste. Kurz vor dem Beginn der Operation Gomorrha, die vom 25. Juli bis zum 3. August 1943 dauerte, kehrte Fichte gemeinsam mit seiner Mutter nach Hamburg zurück. Nach den Luftangriffen wurde die Familie nach Liegnitz in Schlesien evakuiert.

Bereits kurz nach Kriegsende 1946 trat Fichte als Kinderdarsteller in Hamburg am Deutschen Schauspielhaus, Thalia Theater und in den Hamburger Kammerspielen auf. 1948 spielte er – neben der Hauptdarstellerin Lil Dagover – eine Rolle in dem Film Die Söhne des Herrn Gaspary in der Regie von Rolf Meyer. 1949 lernten sich Fichte, Hans Henny Jahnn, Hans-Herman Rief und Herbert Jäger kennen.

1950 begann Fichte mit dem Schauspielstudium bei Helmuth Gmelin und trat in dessen Theater im Zimmer auf. In diesem Jahr begann die Freundschaft mit der Fotografin Leonore Mau (1916–2013).

In den folgenden Jahren unternahm Fichte mehrere Auslandsreisen und hielt sich wiederholt in Frankreich auf. Um 1953 herum arbeitete er zeitweilig als Schafhirte in der Provence, 1954 war er verantwortlich für eines der Lager von Abbé Pierre im Camp de la Pomponette an der Marne, Ende der 1950er Jahre war er wiederum in der Provence in der Landwirtschaft tätig. Zwischenzeitlich hatte er von 1955 bis 1957 im norddeutschen Holstein ein Landwirtschaftsstudium absolviert und 1958 im schwedischen Järna die Landwirtschaft in einem Heim für schwererziehbare Kinder geleitet.

1961 unternahm er gemeinsame Reisen mit Leonore Mau. Sie zogen 1963 in eine Wohnung in der Dürerstraße 9 im Hamburger Stadtteil Othmarschen. Im selben Jahr las Fichte auf der Tagung der Gruppe 47 in Saulgau das Anfangskapitel seines Romans Das Waisenhaus. In dieser Zeit entstand Fichtes Freundschaft mit Fritz J. Raddatz.

Gedenktafel an der ABC-Straße in Hamburg zur Erinnerung an das Szenelokal Die Palette (2018)

Das Szenelokal Palette in der Hamburger ABC-Straße war ab den fünfziger Jahren bis 1964 ein legendärer Treffpunkt von Bohemiens, Gammlern und Hafenarbeitern, dem Hubert Fichte mit seinem Roman Die Palette von 1968 ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

1971 studierte Fichte die afrobrasilianischen Religionen in Bahia. Von dort reiste er nach Argentinien zu Jorge Luis Borges und nach Chile zu Salvador Allende. 1972 hielt Fichte sich in Haiti auf. Es folgten von 1973 bis 1974 Reisen nach Tansania, Äthiopien, Trinidad und in die Dominikanische Republik.

Die später von ihm selbst als „Ethnopoesie“ zusammengefassten Werke wie Xango (1976) und Petersilie (1980) verließen dabei die lyrische Perspektive nicht. Eher einer Ethnografie des Inlands verpflichtet sind seine St.-Pauli-Interviews, die zuerst 1972 unter dem Titel Interviews aus dem Palais d’Amour etc. dann 1978 erweitert unter dem Titel Wolli Indienfahrer erschienen sind, ebenso seine Interviews mit Hans-Peter Reichelt (Hans Eppendorfer. Der Ledermann spricht mit Hubert Fichte, 1977). Parallel zu Fichtes ethnografischen Büchern erschienen die Fotobände Xango und Petersilie – gemeinsam mit der Fotografin Leonore Mau.

1974 begann Hubert Fichte die auf neunzehn Bände angelegte Geschichte der Empfindlichkeit, die unvollendet blieb und ab 1987 aus dem Nachlass als Fragment veröffentlicht ist. Der letzte Band, Die zweite Schuld, wurde vom Autor mit einer Sperrfrist von 30 Jahren versehen, ist aber trotzdem bereits 2006 erschienen. In diesem Band erzählt Fichte von der Zeit im Literarischen Colloquium in Berlin 1963/64, wobei Interviews mit Joachim Neugröschel, Elfriede Gerstl, Walter Höllerer und Hermann Peter Piwitt verwendet sind.

Außer als Verfasser seines literarischen, in Büchern, Zeitschriften, Zeitungen veröffentlichten Werks war Fichte seit Mitte der 1960er Jahre auch immer wieder als Radioautor tätig. Für mehr als 40 Radioproduktionen – Hörspiele und Features –, spätere freie Bearbeitungen seiner Romane nicht einmal mitgerechnet, schrieb er die Textvorlagen. Hierbei war insbesondere die enge Zusammenarbeit mit dem Hörspielregisseur Peter Michel Ladiges wichtig.

Zu seinen prägenden Einflüssen gehörten Marcel Proust, Hans Henny Jahnn und Jean Genet. Fichtes Verhältnis zu Jahnn – und dessen Einfluss auf die Entdeckung der eigenen Homosexualität – hat er im Roman Versuch über die Pubertät (1974) dargestellt.

Fichte starb 1986 kurz vor seinem 51. Geburtstag im Hafenkrankenhaus Hamburg an den Folgen von Aids. Er wurde auf dem Nienstedtener Friedhof beigesetzt.

Hubert-Fichte-Preis

Seit 1995 verleiht die Stadt Hamburg im Gedenken an Fichte den Hubert-Fichte-Preis für besondere literarische Leistungen.

Asteroid

Nach Fichte ist der Hauptgürtel-Asteroid (3475) Fichte (ursprünglich „1972 TD“) benannt, den Luboš Kohoutek am 4. Oktober 1972 vom Observatorium Hamburg-Bergedorf entdeckte.

Auszeichnungen

Grabstein von Hubert Fichte.
Die Inschrift lautet:
„Denn ich war schon einmal ein Junge und ein Mädchen und ein Busch und ein Vogel und ein aus dem Meer springender wandernder Fisch.“
Empedokles (DK 31 B 117 = Diogenes Laertios 8,77, Übersetzung nach Kirk, Raven, Schofield, Hülser).

Veröffentlichungen

Prosa

Schauspiel

Interview

Dokumentationen (Audio)

Die Geschichte der Empfindlichkeit

(die weiteren Bände außerhalb der Nummerierung)

Briefe

Fotofilme

Gemeinsam mit Leonore Mau:

Sekundärliteratur

Monografien

Aufsätze

Ausstellung

Filme

Musik

Einzelnachweise

  1. 1 2 Gürsoy Doğtaş: Die Götter sind schwul. In: sz.de. Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH, 19. Dezember 2019, abgerufen am 22. Dezember 2019.
  2. ↑ Alle biographischen Angaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der von Hubert Fichte selbst verfassten Biographischen Skizze in: Thomas Beckermann (Herausgeber): Materialien zu Leben und Werk, S. 317–322.
  3. ↑ Von Reinhold Koller und von Bertil Madsen recherchierte Lebensdaten Erwin Oberschützkis finden sich, zusammengefasst, bei: Hartmut Böhme, Riten des Autors und Leben der Literatur, S. 184, Fußnote 4.
  4. ↑ Thomas Beckermann (Hrsg.): Hubert Fichte. Materialien zu Leben und Werk. Fischer, Frankfurt am Main 1985, S. 317.
  5. ↑ Eine ausführliche Darstellung dieser Jahre Fichtes in der Landwirtschaft und in der Sozialarbeit in: Bandel, Hempel, Janßen: Palette revisited, darin: S. 96–107, das Kapitel Aufbrüche. Hubert Fichte: Tramp, Hirte, Lagerleiter.
  6. ↑ Biografie. In: Leonore Mau. bpk-Bildagentur, eine Abteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, archiviert vom Original; abgerufen am 24. Januar 2026.
  7. ↑ In dem Buch Hans Eppendorfer. Der Ledermann. Versuch einer Biografie (in-Cultura.com, Hamburg 2018, ISBN 978-3-930727-57-5) zitiert dessen Autor François Maher Presley Schriftverkehr zwischen Fichte und Eppendorfer, der Zweifel an der Authentizität der Interviews aufkommen lässt; er beleuchtet zudem die Beziehung und den Rechtsstreit die Interviews betreffend der beiden Schriftsteller untereinander.
  8. ↑ Hartmut Böhme, in Riten des Autors und Leben der Literatur, S. 22, geht so weit zu sagen: „Fichte ist aber nicht in erster Linie ein Buchautor, sondern ein Radioautor.“ Und auch für sein schriftliches Werk gelte: „Seine Literatur ist radiophon oder zumindest audiophon.“
  9. ↑ Ausführlich hierzu Peter Braun: Die doppelte Dokumentation, Kapitel III/2, Die Fotofilme, S. 133–151.
  10. ↑ Filmdaten bei filmportal.de (abgerufen am 6. Juli 2021).
  11. ↑ Als PDF verfügbar bei textem.de (abgerufen am 30. Januar 2025).
  12. ↑ Thomas Palzer: Hubert Fichte – Der schwarze Engel, auf der Website thomaspalzer.de (abgerufen am 2. Juli 2021).
  13. ↑ Information zum Film auf der Website hubertfichte.de, dort: Zum Film ... (abgerufen am 2. Juli 2021).
Personendaten
NAME Fichte, Hubert
KURZBESCHREIBUNG deutscher Schriftsteller
GEBURTSDATUM 21. März 1935
GEBURTSORT Perleberg, Provinz Brandenburg
STERBEDATUM 8. März 1986
STERBEORT Hamburg