Ruandische Revolution

Ruandische Briefmarkte zum 10. Jubiläum der Revolution von 1969; trotz des ethnischen Charakters der Revolution, wurden die Ereignisse von den folgenden Hutu-Regierungen als „soziale Revolution“ propagiert

Die Ruandische Revolution, auch bekannt als Hutu-Revolution, Soziale Revolution oder Wind der Zerstörung (Kinyarwanda: muyaga), war eine Phase ethnischer Gewalt in Ruanda von 1959 bis 1961 zwischen den Hutu und den Tutsi, zwei der drei ethnischen Gruppen in Ruanda neben den Twa. Die Revolution führte dazu, dass sich das Land von einer Tutsi-Monarchie unter belgischer Kolonialherrschaft zu einer unabhängigen, von den Hutu dominierten Republik wandelte.

Hintergrund

Ein royalistischer Ansteckpin mit der Aufschrift „Vive Kigeli V“ („Es lebe Kigeli V“) aus der Zeit der ruandischen Revolution

Nach dem Ersten Weltkrieg geriet Ruanda unter belgische Verwaltung, die auf den bestehenden königlichen Staat der Tutsi-Monarchie aufbaute. Die Belgier führten in den 1930er Jahren ethnische Ausweise ein und zementierten die Unterscheidung zwischen der Bevölkerungsmehrheit der Hutu und der bis dahin politisch dominanten Minderheit der Tutsi. Auf Grundlage kolonialistischer Rassentheorien betrachtete die Kolonialverwaltung die Tutsi als angeblich höherstehende hamitische Rasse und bevorzugte sie in Bildung und Verwaltung, während Hutu weitgehend von führenden Positionen ausgeschlossen blieben. Tutsi-Häuptlinge dienten als Werkzeuge der indirekten Kolonialherrschaft und trieben für die Belgier Steuern und Zwangsarbeitsleistungen ein, was unter der Hutu-Bevölkerung wachsende Ressentiments schürte. Die katholische Kirche, insbesondere die Missionsgesellschaft der Weißen Väter, unterstützte zunächst diese koloniale Ordnung und missionierte vor allem die Tutsi-Elite und ließen diesen höhere Bildung zukommen. Demzufolge waren 95 Prozent der einheimischen Führungspositionen im staatlichen Dienst unter den Belgiern zwischen 1932 und 1957 von Tutsis besetzt, obwohl diese ein Minderheit der Bevölkerung waren.

In den 1950er-Jahren vollzog sich jedoch ein Wandel. Angesichts der aufkommenden afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen erkannten einige belgische Verwaltungsbeamte und Missionare die Benachteiligung der Hutu-Masse und begannen, ihre Unterstützung von den Tutsi auf die Hutu zu verlagern. Besonders jüngere belgische Geistliche aus der Arbeiterklasse sympatisierten mit den Hutu. Unter ihnen waren mehr flämische als wallonische Belgier. 1957 verfasste eine Gruppe gebildeter Hutu mit kirchlicher Ermutigung (unter anderem durch Bischof André Perraudin) das Bahutu-Manifest. Darin prangerten sie die „duale Kolonialherrschaft“ durch Belgier und Tutsi an und forderten ein Ende der „Monopolstellung einer Rasse, der Tutsi“ in Ruanda.

Bald darauf gründeten Hutu-Aktivisten um Grégoire Kayibanda, einem ehemaligen katholischen Seminaristen, die Partei Parmehutu (Parti du Mouvement de l’Emancipation Hutu, deutsch etwa „Partei der Hutu-Emanzipationsbewegung“), die eine militant-konfrontative Haltung gegenüber den Tutsi einnahm. Ihnen gegenüber stand die königstreue UNAR (Union Nationale Rwandaise), in der sich viele Tutsi für einen sofortigen Übergang zu Unabhängigkeit unter Beibehaltung der Monarchie aussprachen.

Ablauf

Flagge der Republik Ruanda (bis 2001 im Gebrauch)

Die gesellschaftliche Spannung zwischen Hutu und Tutsi nahm in diesen Jahren stark zu, genährt durch jahrzehntelange Ungleichbehandlung, missionarische Einflussnahme und ethnische Rhetorik der Kolonialzeit. Am 1. November 1959 entzündeten sich die Spannungen schließlich in offenem Gewaltausbruch. Nachdem das Gerücht kursierte, Tutsi-Anhänger hätten den Hutu-Politiker Dominique Mbonyumutwa getötet, kam es zu einer Bauernrevolte, die in Gewalt ausartete. Dieses Ereignis gilt als Beginn der Ruandischen Revolution, die von Hutu-nahen Quellen auch als „Sozialrevolution“ bezeichnet wird. Innerhalb weniger Tage breiteten sich Unruhen und pogromartige Gewalt gegen Tutsi aus: Häuser der Tutsi wurden in Brand gesteckt, viele Tutsi wurden ermordet oder vertrieben. Zwar richtete sich die Gewalt vorwiegend selektiv gegen die Tutsi-Elite, doch wurden hunderte Menschen getötet und tausende vertrieben.

Belgische Behörden vor Ort intervenierten nicht, sondern unterstützten teils die Erhebung der Hutu. So erteilte der belgische Militärresident Colonel Guy Logiest den Aufständischen Rückendeckung und ersetzte abgesetzte Tutsi-Chefs durch Hutu, während katholische Missionare (etwa die Weißen Väter) den Aufstand moralisch rechtfertigten und unterstützten. Der Tutsi-König Mutara III. Rudahigwa war kurz zuvor (Juli 1959) überraschend unter unklaren Umständen verstorben; sein Nachfolger Kigeli V. erwies sich als machtlos, die Lage zu kontrollieren, und ging 1960 ins Exil.

Unter dem Schutz der belgischen Verwaltung übernahmen nun führende Hutu-Politiker die Macht. 1960 organisierten die Belgier Kommunalwahlen, bei denen die Hutu-Parteien einen überwältigenden Sieg errangen und die lokale Verwaltung übernahmen. Am 28. Januar 1961 proklamierten Parmehutu-Politiker unter Führung von Grégoire Kayibanda in Gitarama nach einer Art Staatsstreich einseitig die Abschaffung der Monarchie und riefen die Republik Ruanda aus. Diese Déclaration de Gitarama wurde zwar zunächst ohne Zustimmung der UNO durchgeführt, aber die belgischen Behörden duldeten sie und setzten eine provisorische Hutu-Regierung unter Kayibanda ein. In einem Referendum im September 1961 stimmte die Bevölkerung mit großer Mehrheit für die Abschaffung der Monarchie, womit Kigeli V. formell abgesetzt war. Gleichzeitig gewann die Parmehutu auch die Parlamentswahlen deutlich. Sie errang 160 von 229 Sitzen; Die Tutsi-Parteien kontrollierten nur 19.

Ruanda befand sich nun fest in der Hand der neuen Hutu-Elite, die von Belgien und der katholischen Kirche offen unterstützt wurde. Am 1. Juli 1962 erlangte Ruanda – getrennt von Burundi – die Unabhängigkeit von Belgien. Erster Präsident wurde Grégoire Kayibanda, dessen Regierung das Ende der jahrhundertealten Tutsi-Herrschaft besiegelte.

Nachwirkungen

Tutsi-Flüchtlinge auf der Flucht nach Uganda mit ihrem Vieh (Januar 1964)

Die Revolution mündete in der sogenannten Ersten Republik (1962–1973) unter Präsident Kayibanda, in der die Hutu-Mehrheit ihre Herrschaft festigte. Die vormals herrschende Tutsi-Minderheit war politisch entmachtet und soziale Aufstiegschancen für Tutsi wurden eingeschränkt. Ein Bericht des UNO-Treuhandrats stellte 1961 fest, die jüngsten Ereignisse hätten „die rassische Diktatur einer Partei“ gebracht sowie „ein unterdrückerisches System ist durch ein anderes ersetzt worden“ und warnte vorausschauend vor möglichen gewaltsamen Reaktionen der Tutsi in der Zukunft.

Tatsächlich lebten in Ruanda weiterhin Hunderttausende Tutsi, oft in diskriminierter Stellung, während gleichzeitig eine große Gemeinde von Tutsi-Exilanten jenseits der Grenzen auf eine Rückkehr hofften. In den 1960er-Jahren unternahmen Exil-Tutsi (von ihren Gegnern abfällig Inyenzi – „Kakerlaken“ – genannt) mehrere bewaffnete Vorstöße in ruandisches Gebiet, die jedoch von der Ruandischen Armee zurückgeschlagen wurden. Insbesondere ein Angriff bewaffneter Flüchtlinge aus Burundi im Dezember 1963 („Rote Weihnachten“) diente dem Regime als Vorwand für massive Vergeltungsmaßnahmen. Landesweit wurden Tausende verbliebene Tutsi von Regierungsanhängern ermordet. Bereits 1959–1961 hatten zehntausende Tutsi das Land verlassen, und nach der fehlgeschlagenen Invasion exilierter Tutsi-Kämpfer Ende 1963 wuchs die Zahl der Flüchtlinge bis 1964 auf 150.000 an, die sich in Nachbarländer absetzten (möglicherweise waren es sogar über 300.000 Flüchtlinge).

In den folgenden Jahrzehnten blieb Ruanda unter Hutu-Herrschaft (ab 1973 unter Präsident Juvénal Habyarimana). Die Tutsi-Diaspora, vor allem in Uganda, integrierte sich dort teilweise in die Gesellschaft, behielt aber das Ziel einer Rückkehr im Bewusstsein lebendig. Friedliche Rückkehrbemühungen wurden von der ruandischen Regierung lange blockiert, was dazu führte, dass exilierte Tutsi 1985 die Ruandische Patriotische Front (RPF) gründeten – eine Guerillaorganisation, die schließlich 1990 von Uganda aus einen Angriff gegen das Habyarimana-Regime begann.

Die Hutu-Führung in Kigali stilisierte diese Invasion als Versuch der früheren „feudalen“ Elite, die Verhältnisse der Vorkolonialzeit gewaltsam wiederherzustellen. Propaganda erinnerte an die Revolution von 1959 und schürte Angst vor einer Rückkehr der Tutsi-Herrschaft. Radikale Hutu-Ideologen bezeichneten es rückblickend als „Fehler von 1959“, dass man damals viele Tutsi ins Exil entkommen ließ, anstatt sie getötet zu haben. Als am 6. April 1994 Präsident Habyarimana ums Leben kam, setzten Hutu-Milizen und Armeeeinheiten einen bereits geplanten Vernichtungsfeldzug gegen Tutsi und moderate Hutu in Ruanda in Gang, der im Ruandischen Genozid mündete, bei dem zwischen 500.000 und eine Million Menschen ums Leben kamen.

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Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 Colette Braeckman: Belgium's role in Rwandan genocide. In: mondediplo.com. Le Monde diplomatique, 1. Juni 2021, abgerufen am 26. März 2026 (englisch).
  2. 1 2 3 4 5 Rwanda: The Preventable Genocide International panel of eminent personalities. (PDF; 1,63 MB) In: peaceau.org. Friedens- und Sicherheitsrat, S. 15–20, abgerufen am 29. März 2026 (englisch).
  3. ↑ Rwanda: The Preventable Genocide International panel of eminent personalities. (PDF; 1,63 MB) In: peaceau.org. Friedens- und Sicherheitsrat, S. 11, abgerufen am 29. März 2026 (englisch).
  4. 1 2 3 4 5 Revolution and independence in Rwanda Encyclopædia Britannica
  5. ↑ Mahmood Mamdani: When Victims Become Killers: Colonialism, Nativism, and the Genocide in Rwanda. Princeton University Press, 2002, ISBN 978-0-691-10280-1, S. 113 (englisch, Google Books [abgerufen am 27. März 2026]).
  6. ↑ Ariel Sabar: A King With No Country. Washingtonian, 27. März 2013, abgerufen am 26. März 2026 (amerikanisches Englisch).
  7. ↑ Beat Müller, beat (arobas) sudd (point) ch: Ruanda, 25. September 1961 : Kigeri V als König. 25. September 1961, abgerufen am 26. März 2026 (französisch).
  8. ↑ Gérard Prunier: The Rwanda Crisis: History of a Genocide. Fountain Publishers Limited, 1999, ISBN 978-9970-02-089-8, S. 51–52 (englisch, Google Books [abgerufen am 27. März 2026]).
  9. ↑ Helmut Strizek: Ruanda und Burundi: von der Unabhängigkeit zum Staatszerfall : Studie über eine gescheiterte Demokratie im afrikanischen Zwischenseengebiet. Weltforum, 1996, ISBN 978-3-8039-0451-5, S. 146, 156 (Google Books [abgerufen am 26. März 2026]).
  10. ↑ Gérard Prunier: The Rwanda Crisis: History of a Genocide. Fountain Publishers Limited, 1999, ISBN 978-9970-02-089-8, S. 62 (englisch, Google Books [abgerufen am 26. März 2026]).
  11. ↑ The Habyarimana era Encyclopædia Britannica
  12. ↑ Rwanda: The Preventable Genocide International panel of eminent personalities. (PDF; 1,63 MB) In: peaceau.org. Friedens- und Sicherheitsrat, S. 57, abgerufen am 29. März 2026 (englisch).
  13. ↑ Ruanda Völkermord Ursachen Analyse - Konflikte Bürgerkrieg - Gewalt zwischen Hutu und Tutsi - Konfliktporträt Ruanda - Konfliktanalyse Ruanda - Frieden für Ruanda - Friedensbildung. Archiviert vom Original am 30. Oktober 2023; abgerufen am 26. März 2026 (deutsch).