Hymen

Mit dem Begriff Hymen (der oder das, altgriechisch ὑμήν hymḗn „Haut, Häutchen“) oder Hymenalsaum, im Sprachgebrauch auch Jungfernhäutchen, medizinisch auch vaginale Korona oder vulvinale Korona genannt, wird in der Anatomie ein dünner Schleimhautsaum bezeichnet, welcher sich direkt in der Vaginalöffnung befindet, diese umrandet und den Scheideneingang (das Ostium vaginae) teilweise verschließt.

Der Zustand des Hymens kann keinen Aufschluss darüber geben, ob eine Frau noch Jungfrau ist. Vermeintliche „Jungfrauentests“ anhand des Hymens sind unwissenschaftlich und werden von der Weltgesundheitsorganisation als Menschenrechtsverletzung angesehen.

Entwicklung

Geschlechtsentwicklung in der Embryonalphase

In den frühen Stadien der fetalen Entwicklung weist die Vagina des Menschen keinerlei Öffnung auf. Das Hymen entwickelt sich erst aus der dünnen Gewebeschicht, welche die Vagina vom Sinus urogenitalis trennt. Es stammt ebenso wie der untere Anteil der Vagina von den Sinovaginalhöckern ab und besteht aus Zellen des Sinus wie der Vagina. Das Hymen öffnet sich normalerweise schon vor der Geburt. Größe und Form des Hymens unterscheiden sich individuell sehr stark. Falls diese Öffnung des Hymens ausbleibt, liegt eine Hymenalatresie vor.

Erstmals anatomisch beschrieben wurde das Hymen durch den Mediziner Alessandro Achillini.

Aussehen

Verschiedene Hymenalformen bei Menschen weiblichen Geschlechts

Einige der üblichsten, hier lateinisch bezeichneten, Formen sind:

Nur in Ausnahmefällen ist die Vaginalöffnung als eine besondere Form einer Gynatresie völlig vom Hymen verschlossen, was die Medizin als Hymenalatresie oder Atresia hymenalis (lat.: Hymen imperforatus, engl.: imperforate hymen oder hymenal atresia) bezeichnet. Da in diesen Fällen nach Einsetzen der Regelblutung das Menstruationsblut nicht abfließen kann, kommt es allmählich zur Bildung eines sogenannten Hämatokolpos bzw. einer Hämatometra (die Vagina bzw. Gebärmutter füllen sich mit Blut). Dies lässt sich mit einem kleinen chirurgischen Eingriff beheben: hierbei wird unter Lokalanästhesie der Hymen eröffnet. Selten ist der Hymen so stabil, dass ein chirurgischer Eingriff notwendig ist, um schmerzfreien Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Eine solche operative Hymenentfernung wird als Hymenektomie bezeichnet.

Verletzungen

Die Vorstellung, dass das Hymen beim ersten Vaginalverkehr (Defloration) einreißt, entspricht nicht der Realität. Der Schleimhautsaum ist sehr dehnbar und hat, ähnlich wie die Vagina, die Fähigkeit, sich stark zu weiten (beispielsweise bei einer Geburt) und sich anschließend wieder zusammenzuziehen. Etwa drei von vier Frauen haben daher beim ersten Vaginalverkehr keine Blutungen; zudem stammen eventuelle Blutungen meist nicht vom Hymen, sondern von Verletzungen der vaginalen Schleimhaut.

Da die natürlich vorkommenden Formen des Hymens sehr unterschiedlich sind (siehe Grafik) und die am häufigsten vorkommenden Formen beim Geschlechtsverkehr nicht einreißen, kann eine „Jungfräulichkeit“ durch Untersuchung des Hymens in der Regel nicht festgestellt werden. Nur bei den seltener vorkommenden, teilweise oder ganz geschlossenen Formen kann dies möglich sein.

Verletzungen des Hymens sind auch bei anderen Aktivitäten üblich. Dazu zählen sportliche Betätigungen wie Radfahren, Gymnastik, Spagat, Stürze oder die Verwendung von Tampons. Masturbation kann ebenfalls zu Verletzungen des Hymens führen. Ob es beim Einführen eines Dildos oder Vibrators verletzt wird, hängt vom individuellen Durchmesser der Öffnung, von der Festigkeit der Haut und von der Dicke des Sexspielzeugs ab. In der medizinischen Literatur sind keine derartigen Fälle beschrieben.

Beim Einreißen des Hymens durch „Geschlechtsverkehr (Defloration), Geburt, Masturbation oder sonstiger Manipulation am Scheideneingang“ können kranzförmige narbige Reste, die als Carunculae hymenales bezeichnet werden, verbleiben. Die Carunculae hymenales sind medizinisch ohne Bedeutung.

In Schweden wurde 2009 als der Begriff Jungfernhäutchen (mödomshinna, wörtlich Jungfräulichkeitshäutchen) ersetzt durch den Begriff vaginale Korona (slidkrans, wörtlich Scheidenkranz). Der schwedische Sprachrat nahm das neue Wort offiziell in die Wortliste der schwedischen Sprache auf. Er merkt dazu an, dass das bisherige Wort im doppelten Sinne falsche Assoziationen wecke, da das Hymen weder ein Häutchen sei noch Aufschluss über die sexuelle Erfahrung einer Frau gebe. Das neue Wort dagegen sei eine bessere Beschreibung des Hymens als Kranz am Scheideneingang, der zudem ein Leben lang bestehen bleibe.

In manchen Kulturen und Religionen, in denen großer Wert auf die Jungfräulichkeit von Frauen vor einer Ehe gelegt wird, gilt sichtbares Blut aus einem vermeintlich gerissenen Hymen (nach einem vermuteten Vollzug der Ehe) als Beleg für voreheliche Jungfräulichkeit. Dies führt dazu, dass manche Frauen vor der Hochzeit einen chirurgischen Eingriff durchführen lassen, bei welchem das Hymen vernäht wird. Bei dieser sogenannten Hymenalrekonstruktion wird ein Hymen operativ so umgestaltet, dass er beim Vaginalverkehr reißt und zu bluten beginnt; alternativ kann eine Kunststoffmembran mit Kunstblut eingesetzt werden. In einer niederländischen Studie wurden 68 Frauen über eine längere Zeit begleitet, die sich für eine „Hymenrekonstruktion“ interessierten. 48 % von ihnen hatten angegeben, Opfer von sexueller Gewalt geworden zu sein, die meisten hatten Angst davor, beim ersten Geschlechtsverkehr nicht zu bluten oder nicht „eng genug“ zu sein. Die Frauen wurden ausführlich beraten und aufgeklärt. Nur 2 von 19 Frauen, die tatsächlich operiert wurden, berichteten anschließend von einer Blutung.

Hymen bei anderen Säugetieren

Bei den meisten Säugetieren ist der Hymen nur in Form einer kleinen Ringfalte an der Grenze zwischen Scheidenvorhof und Scheide ausgebildet.

Siehe auch

Wiktionary: Defloration – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur

Dokumentarfilm

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Wiktionary: Hymen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Rosa Bömelburg: Vom Mythos ‚Jungfernhäutchen' zur vulvinalen Korona. Eine Broschüre in Leichter Sprache. (PDF; 3,3 MB) Masterarbeit. Studiengang Angewandte Sexualwissenschaft, Hochschule Merseburg, 2019.
  2. ↑ ‘Virginity testing’: a human rights violation, with no scientific basis. In: UN News. 17. Oktober 2018, abgerufen am 2. Februar 2025 (englisch).
  3. ↑ Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 20.
  4. 1 2 3 Susanne Donner: Nichts zu reißen. Das Jungfernhäutchen? Existierte nie. Trotzdem bleibt das Hymen für viele Frauen ein heikler Mythos. In: badische-zeitung.de. Badischer Verlag, 28. Dezember 2011, abgerufen am 1. März 2018.
  5. 1 2 Mythos Jungfernhäutchen. Bayerischer Rundfunk, Dokumentation. ARD-Mediathek; abgerufen am 13. Dezember 2023.
  6. ↑ J. McCann, A. Rosas, S. Boos: Child and adolescent sexual assaults (childhood sexual abuse). In: Jason Payne-James, Anthony Busuttil, William S Smock (Hrsg.): Forensic medicine. Clinical and pathological aspects. Greenwich Medical Media, San Francisco / London 2003, ISBN 1-84110-026-9, S. 453–468, doi:10.1136/bmj.326.7388.556 (englisch, 832 S.).
  7. 1 2 Mithu Sanyal: Vaginale Corona. Der Mythos. In: emma.de. EMMA Frauenverlags, 6. September 2010, abgerufen am 1. März 2018. „Auch wird die Corona keineswegs von dem Penis beim „ersten Mal“ durchstoßen – noch beim Sport und anderen körperlichen Aktivitäten zerrissen.“
  8. ↑ B. Stier, N. Weissenrieder: Jugendmedizin: Gesundheit und Gesellschaft. Springer-Verlag, 2006, ISBN 3-540-29718-9, S. 261.
  9. 1 2 Carunculae hymenales. Pschyrembel online.
  10. ↑ Slidkrans. In: sprakochfolkminnen.se. Institutet för språk och folkminnen, Schwedischer Sprachrat, 15. April 2014, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 1. März 2018; abgerufen am 1. März 2018 (nordsamisch).
  11. ↑ Bianca R. van Moorst, Rik H. W. van Lunsen, Dorenda K. E. van Dijken, Concetta M. Salvatore: Backgrounds of women applying for hymen reconstruction, the effects of counselling on myths and misunderstandings about virginity, and the results of hymen reconstruction. In: The European Journal of Contraception & Reproductive Health Care. Band 17, Nr. 2, 1. April 2012, ISSN 1362-5187, S. 93–105, doi:10.3109/13625187.2011.649866, PMID 22292534.
  12. ↑ Lesung und Gespräch: „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ – Stadtgespräch (fudder). Badische Zeitung, abgerufen am 27. November 2020.