In HomersIlias wird der austretende Ichor als klarer Saft beschrieben. Im fünften Gesang wird Aphrodite von einer Lanze des Diomedes verletzt. Dort heißt es:
„Nah am gelenk in der fläche: da rann unsterbliches blut ihr
Klarer saft, so lauter er fleußt den seligen göttern;
Denn nicht kosten sie brot, noch trinken sie funkelndes weines;
Blutlos sind sie daher, und heißen unsterbliche götter.“
Andere Bedeutungen
Ursprünglich war der Ichor jede ungefärbte Flüssigkeit in lebenden Körpern. Homer bezeichnete mit diesem Begriff den Lebenssaft oder das Blut der Götter. Die altenAnatomen nannten das Blutwasser (Serum sanguinis) ebenfalls Ichor.
Später meinte der Begriff Ichor so viel wie Gauche (lateinischsanies = eitriges Blut, blutiger Eiter) in der Bedeutung von Jauche, Geschwürabsonderung oder Wundjauche. „Ichor: Blutwasser, schlechte Wundflüssigkeit, soviel wie Jauche. – Jauche: durch Fäulnis zersetzter, übelriechender, dünner, bräunlicher Eiter.“ „Ichor: Jauche: besonders die blutigseröse Flüssigkeit, die von brandigen Geschwüren abgesondert wird. Adjektiv ichorös.“
Noch heute beschreibt das Adjektivjauchig die infolge einer Fäulnisfötide oder putrid riechenden Gewebszerfallprodukte oder Gewebsabsonderungen, zum Beispiel bei einer Gangrän, in einem Abszess, beim Tumorzerfall oder bei einem Erguss.
„Ichorrhaemie = Infektion mit Fäulnisbakterien – Ichorroe = jauchige Absonderung.“ „Ichorrhämie: eigentlich Blutwasser, Wundserum; ältere Chirurgen bezeichneten damit auch dünnen, schlechten Eiter und übles Wundsekret. Virchow: Nach dem bisherigen Sprachgebrauch ziemlich identisch mit Septikämie und Pyämie.“ „Ichorrhaemie: Blutvergiftung durch Aufnahme putrider Stoffe in die Blutbahn.“ „Ichorrhoe: profuse dünnflüssige, jauchige Geschwürssecretion oder Wundsecretion.“
Auch der aktuelle Medizin-Duden kennt noch den alten Fachbegriff Ichor mit der Bedeutung „Blutwasser, Lymphe, Eiter – blutig-seröse Absonderung brandigerGeschwüre.“
Im Englischen gilt die medizinische Bezeichnung ichor heute dagegen als antiquiert. Im Ernst-Klett-Verlag erschien 1967 ein Schulwörterbuch (englisch→deutsch); hier hieß es noch: „ichor: Medizin: Jauche, Wundsekret, Absonderung“. Außerhalb der Medizin gibt es das Wort aber auch jetzt noch; es bezeichnet einfach eine Flüssigkeit: „ichor: fluid – a substance that is fluid at room temperature and pressure.“
In der Petrologie versteht man unter einem Ichor eine „hypothetische gasreiche Schmelzlösung, die die Granitisation fester Gesteine bewirkt haben soll.“ „Geologie: granitische Lösung, die infolge extremer Temperatur- und Druckverhältnisse das Gestein durchdringt und durch teilweises Umschmelzen eine Umwandlung bewirkt.“ Im Französischen hat das Wort ichor die beiden Bedeutungen Jauche (Pathologie) und Ichor (Geologie) im Sinn von Auswurfgestein.
In der Chemie ist Ichor „bei hohem Druck und hoher Temperatur ein gutes Lösungsmittel für Silikate. [Dabei ist Ichor (ähnlich wie in der Geologie) das] bei der Metamorphose von Gesteinen frei werdende Wasser.“
Ichor Holdings (ICHR) ist eine börsennotierte (NASDAQ, S&P 600) Firma (Halbleiter-Industrie; critical fluid delivery subsystems) in Fremont (Kalifornien).
↑Ernst Erwin Lange-Kowal: Langenscheidts Handwörterbuch Französisch. Teil I (Französisch – Deutsch), Langenscheidt, 12. Auflage, Berlin / München / Wien / Zürich 1982, ISBN 3-468-04151-9, S. 326.