Ilse Losa (* 20. März 1913 in Buer bei Melle; † 6. Januar 2006 in Porto; geb. Ilse Lieblich) war eine deutsch-portugiesische Schriftstellerin und Übersetzerin. Für journalistische Arbeiten benutzte sie das Pseudonym Ana Marcus.
Ilse Lieblich wurde als ältestes von drei Kindern eines jüdischen Pferdehändlers geboren und wuchs zunächst bei den Großeltern in der damals preußischen Provinzstadt Buer auf. Nach dem Schulbesuch in Melle und des Lyzeums in Osnabrück zog die Familie 1928 nach Hildesheim. Die Wirtschaftskrise und der frühe Tod des Vaters verhinderte das Abitur. Ein Sprachschnellkurs an der Handelsschule ermöglichte 1930 eine Au-pair-Stelle in England. Zurückgekehrt nach Berlin erfolgten bis 1933 Aushilfsbeschäftigungen in jüdischen Krankenhäusern und als Bürohilfe in Berlin. Ein Brief an Freunde, in der Ilse sich über die 'Verbrechen des Diskrimination' und den 'Verbrecher Hitler' beklagte, wurde 1934 abgefangenen und führte zu einem Verhör in der Gestapo-Zentrale. Von einem Offizier wurde ihr für den Wiederholungsfall die Verhaftung angedroht. So vorgewarnt besorgte sie sich eine Bahnfahrkarte nach Portugal. Dorthin war bereits ihr Bruder Ernst geflohen. Seit 1930 bestand in Portugal eine Militärdiktatur, die als Estado Novo unter Ministerpräsident Salazar sich dem NS-Staat vor allem wirtschaftlich annähern wollte und in dem Deutschkenntnisse sehr populär waren. Daher konnte Ilse gut als Deutschlehrerin arbeiten. Dadurch lernte sie auch schnell Portugiesisch und arbeitete zunehmend als Dolmetscherin und Übersetzerin. In den akademischen Kreisen lernte sie den Architekten Arménio Losa (1908–1988) kennen, den sie 1935 heiratete und so die portugiesische Staatsangehörigkeit erlangte, die eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst ermöglichte. Ilse konnte so 1937-1939 an einer Fachhochschule für Grundschullehrerausbildung und als Kindergartenleiterin in Porto arbeiten. Daraus ergaben sich sowohl eine Dozentur für Kinderliteratur als auch Lektorate für deutsche Literatur im Verlag Livros do Brasíl in Lissabon. Mit den vorsichtigen Demokratisierungen in der Nachkriegszeit unter Präsident Carmona wurden die Repressionen gegen Juden sowie die strenge Pressezensur liberalisiert. Damit wurden auch verdeckt regime-kritische Texte möglich, zu denen 1949 ihre autobiographische Erzählung 'O mundo em que vivi' gehörte.
„Losas Roman erstreckt sich über zwanzig Jahre deutscher Geschichte, doch er beschreibt nicht primär politisches oder gesellschaftliches Geschehen, sondern er zeigt deren Auswirkungen auf das Denken eines Kindes. Die Ich-Perspektive der kindlichen Erzählerin bewirkt Verfremdungseffekte (...) Die eindeutigen konventionellen Lesarten eines rationalistischen Denkens, wie es Erwachsenen zugeschrieben wird, werden durch das andersartige Denken des Kindes, das einer eigenen Logik gehorcht, überraschend gemacht, in Frage gestellt und relativiert. Der Roman beginnt mit dem Versuch der Erzählerin, den Beginn ihrer Vergangenheit im Haus der Großeltern, das die reduzierte Welt der kleinen Rose repräsentiert, zu erinnern. Sinnliche Eindrücke prägen diese Erinnerung; der Leser sieht das Bild eines Großvaters, dem Suppe vom Bart tropft (...) Auch die Gerüche der Pflanzen wirken als besonders dauerhafte Erinnerung. Von Anfang an macht die Erzählerin deutlich, daß ihre Erinnerungen lückenhaft sind, vielleicht sogar das faktische Geschehen verfälschen..“
Die erzählerische Vielfalt macht den Roman heute zum festen Teil des portugiesischen Lesekanons.
Die Überprüfungen der Geheimpolizei 'PIDE' konnte Ilse durch die geschickte Wahl der von ihr übersetzten deutschen Autoren austricksen. Die Werke z. B. von Bertolt Brecht, Max Frisch und Anna Seghers bearbeiten allesamt die Fragen um Diktatur, Ausgrenzung und Freiheitsdrang. Als Verlagslektorin und Übersetzerin förderte sie wichtige portugiesische Romanciers wie Manuel da Fonseca und übersetzte sein vom Salazar-Regime verbotenes Buch „Saat des Windes“ ins Deutsche. Ihr schriftstellerisches Standbein war und blieb die Kinderliteratur. Ihre Figuren sind dabei stets auch Helden und Vorkämpfer für Eigensinn und Anderssein, wie der 'kurzbeinige Herr' (1979), ihr eigensinniger Papagei 'Bonifácio' (1980) oder die unerschütterliche Umweltschützerin 'Beatriz' (2000). Zusammen mit ihren kleinen journalistischen Texten, Glossen und Kolumnen für Zeitungen gehören die Kinderbücher in Portugal zur Schullektüre. „Ilse Lieblich Losa hat sich als fest verankerte und dennoch zwischen den Polen stehende Mittlerin zweier sprachlicher Welten im transnationalen Kulturaustausch verdient gemacht.“ In Portugal wurden sie und ihr Werk geliebt, und anlässlich ihres 100. Geburtstags im März 2013 wurde sie dort als „Lichtblick portugiesischer Kultur geehrt“.
2024 wurde zu Ehren von Ilse Losa der 50. frauenORT in Melle eingeweiht.
Der Osnabrücker Schriftsteller (und Kulturamtsleiter) Ludwig Bäte (1892–1977) widmete Ilse Losa bereits 1947 sein Werk „Johanneslegende“ (Union-Verlag Berlin).
2002 verfasste Daniel Blaufuks nach dem Roman von Losa den 57-minütigen doku-fiktionalen Experimentalfilm Sob Céus Estranhos/Under strange skies der nach seiner Premiere auf dem Indie-Festivalm in Lissabon vom Künstlerkollektiv 'Tinta da China' 2007 zu einem Multimedial-Projekt Sob Céus Estranhos – Uma História de Exílio erweitert wurde.
Seit 2013 trägt die Zuwegung zum Jüdischen Friedhof in Buer bei Melle ihren Namen.
Theater-Impulse 2021: Warum gehe ich in diesen Straßen? Porque vou por estas ruas?. Theaterstück über Ilse Losa. Regie: Pauline Miller, mit Cornelia Rössler, Ramona Kozma, Jonas Panhuysen. Szenen aus Losas Kindheit, ihrer dramatischen Flucht und dem Leben in Lissabon und Porto. Musik und choreografische Elemente verbinden literarische Figuren und Texte von Losa, zusätzlich wurden Original-Audioaufnahmen der Schriftstellerin eingebunden.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Losa, Ilse |
| ALTERNATIVNAMEN | Lieblich, Ilse |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-portugiesische Schriftstellerin |
| GEBURTSDATUM | 20. März 1913 |
| GEBURTSORT | Buer bei Melle |
| STERBEDATUM | 6. Januar 2006 |
| STERBEORT | Porto |