Ilse Weber

Ilse Weber (vor 1928)

Ilse Weber, geborene Herlinger (11. Januar 1903 in Witkowitz (heute Vítkovice), damals Österreich-Ungarn – 6. Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau), war eine tschechische deutschsprachige Schriftstellerin. Viele ihrer Texte erschienen postum. Ilse Weber wurde als Jüdin während der Judenverfolgung durch die SS in der Tschechoslowakei nach einer ersten Deportation (1942) aus dem Konzentrationslager Theresienstadt 1944 weiter in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort gemeinsam mit ihrem Sohn und anderen von ihr in der Gefangenschaft betreuten Kindern in der Gaskammer ermordet.

Leben

Ilse Herlinger wurde in einer deutschsprachigen Familie geboren und wuchs - als zweites von drei Kindern mit den Brüdern Ernst (1900–1995) und Oskar (1907–2011) Herlinger - in einem tschechischen Umfeld zweisprachig auf. Ihr Vater Moritz Herlinger (1862–1913) starb durch Suizid, als sie zehn Jahre alt war, so dass ihre Mutter Therese (geb. Bellak, 1866–1942, ermordet im Vernichtungslager Treblinka) die Geschwister allein aufzog und sowohl religiös als auch kulturell stark prägte. (Therese Herlinger war eine in Wien ausgebildete Sängerin, die Gustav Mahler vorgesungen hatte.) Dreizehnjährig begann Ilse Herlinger eine Brieffreundschaft mit der schwedischen Diplomatentochter Lilian von Löwenadler (1902–1943), und ab ihrem 14. Lebensjahr verfasste sie in deutscher Sprache jüdische und andere Kindermärchen, kleine Theaterstücke für Kinder und Gedichte, die sie auch vertonte. Ihre Texte wurden in deutschen, tschechischen, österreichischen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften, in Büchern und auch im Radio veröffentlicht. Ihr erstes Buch, Jüdische Kindermärchen, erschien 1928.

1930 heiratete Ilse Herlinger den Drucker Willi Weber (1901–1973). Neujahr 1931 wurde der Sohn Hanuš (1931–2022) und im März 1934 sein Bruder Tomáš (1934–1944) geboren.

Als das Leben für die mährischen Juden nach der Annexion des Sudetenlandes durch NS-Deutschland immer schwieriger wurde, zog die Familie 1939 nach Prag. Im Mai 1939 wurde Hanuš Weber mit einem von dem Briten Nicholas Winton in Prag organisierten Kindertransport nach England und von dort weiter nach Schweden verschickt, wo er von der Mutter Lilian von Löwenadlers als Pflegekind großgezogen wurde. So entkam er der Vernichtung. Am 6. Februar 1942 wurde die restliche Familie Weber von Prag in das Ghetto Theresienstadt genannte deutsche Konzentrationslager deportiert. Dort arbeitete Ilse Weber als Krankenschwester in der Kinderkrankenstube.

Im Lager entstanden weitere Gedichte. Berühmt durch zahlreiche Interpretationen wurden das von ihr komponierte Schlaflied Wiegala und das Lied Ich wandre durch Theresienstadt. Dieses Gedicht schrieb Weber für ihren Sohn Hanuš, „den sie vor Ausbruch des Krieges in Prag in einen Zug gesetzt hatte, in der Hoffnung, ihn eines Tages wiederzusehen“.

Als die Kinderkrankenstube, in der sie arbeitete, zur Deportation nach Auschwitz bestimmt wurde, meldete sich Ilse Weber freiwillig, um die kranken Kinder zu begleiten. Sie, ihr Sohn Tomáš („Tommy“) und die anderen Kinder wurden gleich nach ihrer Ankunft am 6. Oktober 1944 im KZ Auschwitz ermordet. Ein Häftling vom Leichenträgerkommando, der Ilse Weber von der früheren Haft im Ghetto Theresienstadt her kannte, ging zu den Wartenden. Zitat: „‚Stimmt es, dass wir duschen dürfen nach der Reise?‘ fragte sie. Ich wollte nicht lügen und so antwortete ich: ‚Nein, das hier ist kein Duschraum, es ist eine Gaskammer, und ich gebe dir jetzt einen Rat. Ich habe euch oft singen hören in der Krankenstube. Geh so schnell wie möglich in die Kammer. Setz dich mit den Kindern auf den Boden und fangt an zu singen. Sing, was du immer mit ihnen gesungen hast. So atmet ihr das Gas schneller ein. Sonst werdet ihr von den andern zu Tode getreten, wenn Panik ausbricht.‘ Ilses Reaktion war seltsam. Sie lachte irgendwie abwesend, umarmte eines der Kinder und sagte: ‚Also werden wir nicht duschen –‘.“

Nachleben der Familie und postume Veröffentlichungen

Ilse Webers Mann Willi hatte sich bereits im September 1944 freiwillig nach Auschwitz deportieren lassen, weil den Transportteilnehmern versprochen worden war, dass die Familienangehörigen in Theresienstadt bleiben und Briefkontakt halten dürften. Da er wenige Tage später als Zwangsarbeiter in das KZ Gleiwitz verlegt wurde, überlebte er den Holocaust. Er kehrte nach Kriegsende nach Theresienstadt zurück, um Ilse Webers Gedicht-Manuskripte, die er vor der Deportation eingemauert hatte, zu bergen. Sie blieben auf diese Weise erhalten und konnten postum herausgegeben werden. Willi Weber lebte nach dem Krieg in der ČSSR und starb 1974 bei einer Reise in Kopenhagen.

Hanuš Weber lebte nach dem Krieg mit seinem Vater in Prag und arbeitete später für den Tschechischen Rundfunk. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings kehrte er 1969 nach Schweden zurück, wo er Fernsehjournalist wurde und am 14. September 2021 starb.

Werke (Auswahl)

Literatur

Commons: Ilse Weber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Ilse Weber, geb. Herlinger. Schriftstellerin. In: jmberlin.de. Abgerufen am 15. Juni 2026. sowie Wolfgang Rathert, Einleitung zu „Es war einmal, es ist noch gar nicht lange her“. Erzählungen für Kinder 1928–1935 (siehe oben 'Werke'), S. 11–24.
  2. ↑ Norman Lebrecht: Das Geschenk einer Tochter. In: Frankfurter Rundschau, 27. November 2007.
  3. ↑ Ulrike Migdal: Zu Ilse Weber und ihren Gedichten. In: Wann wohl das Leid ein Ende hat. Briefe und Gedichte aus Theresienstadt. Hanser, München 2008, S. 327.
  4. ↑ Die Toten Hosen erinnern mit Klassik an Nazi-Terror. In: Der Westen. 20. Oktober 2013, archiviert vom Original am 19. Mai 2021; abgerufen am 29. Dezember 2022.
  5. ↑ Ulrike Migdal in: Wann wohl das Leid ein Ende hat. S. 275.
  6. ↑ Ulrike Migdal: "...ich schicke Dir 155 Küsse und 398 Grüße" Lyrik, Lieder und Briefe der Dichterin Ilse Weber (Radiofeature Transkript). In: Deutschlandfunk. Abgerufen am 5. Juni 2026.
  7. ↑ Ulrike Migdal in: Wann wohl das Leid ein Ende hat. S. 284 f.
  8. ↑ Ulrike Migdal in: Wann wohl das Leid ein Ende hat. S. 290.
  9. ↑ Ulrike Migdal in: Wann wohl das Leid ein Ende hat. S. 287–290.
  10. ↑ Micha Guttmann, David Dambitsch: Portrait Hanus Weber, Sohn der Dichterin Ilse Weber. (mp3-Audio; 6,4 MB; 6:59 Minuten) In: Deutschlandfunk-Sendung „Schalom“. 22. Mai 2020, abgerufen am 31. August 2021.
Personendaten
NAME Weber, Ilse
ALTERNATIVNAMEN Herlinger, Ilse (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG tschechoslowakische deutschsprachige jüdische Schriftstellerin
GEBURTSDATUM 11. Januar 1903
GEBURTSORT Witkowitz, Österreich-Ungarn
STERBEDATUM 6. Oktober 1944
STERBEORT KZ Auschwitz-Birkenau