Indienne

Indienne, Textilmuseum von Wesserling, Elsass (Frankreich).
Jacke und Schal aus Chintz, Kleid aus bedruckter Baumwolle (ca. 1770–1800)
Damenoberteil aus Indiennedruck (ca. 1860–1870), Neues Museum Biel
Ein Wandbild im Kreuzgang des ehemaligen Inselklosters in Konstanz erinnert an die dort von Genfer Emigranten betriebene Indienne-Fabrikation.

Mit Indienne (französisch Indienne ‚Indisch‘; englisch Indianshirting, früher auch Druckperkal oder Zitz) bezeichnet man ein ursprünglich aus Indien stammendes, qualitativ hochwertiges und mit vielfältigen ornamentalen Motiven handbemaltes oder handgedrucktes sowie später mittels industrieller Verfahren bedrucktes Baumwollgewebe, gelegentlich auch als Kattungewebe bezeichnet.

Geschichte

Das Bemalen von Baumwollstoffen wurde in Indien seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. entwickelt und verlangte sowohl hohe künstlerische Fertigkeiten als auch ein sehr spezialisiertes technisches Wissen im Umgang mit den verwendeten Farben. Indische Baumwolltextilien waren seit jeher aufgrund ihrer hohen Qualität ein begehrtes Produkt und wurden weltweit gehandelt. Das Gros der in Heimarbeit produzierten Baumwollstoffe waren Gebrauchstextilien unterschiedlicher Struktur und Qualität, andererseits entstanden auch luxuriöse Stoffe, die sich von Region zu Region unterschieden. Der Nordwesten Indiens (heute Westbengalen und Bangladesch) war für seine hauchdünnen, fast durchsichtigen Mousseline bekannt. In Gujarat und Rajastan wurden Baumwollstoffe im Blockdruckverfahren hergestellt. Im Südosten an der Koromandelküste wurden vor allem fein gezeichnete und leuchtend gefärbte Chintze produziert.

Das Herstellen von Chintz-Stoffen hatten für den indischen Markt eine lange Tradition, vor allem in Burhanpur in Madhya Pradesh als Zentrum der Produktion für den Hof der Mogulherrscher. Chintze mit figürlichen und szenischen Motiven wurden eher im Südosten Indiens von den Sultanen von Golkonda bevorzugt. Vorrangig in leuchtenden Farben gehaltene Ornamente und Muster entsprachen im 17. Jahrhundert insbesondere dem europäischen Geschmack und stießen auf starkes Interesse.

Im kulturell führenden Frankreich erhielten die indischen Stoffe (französisch toiles indiennes) ihren Namen. Dort fanden sie als Luxusmaterial in der Frauenbekleidung großes Interesse sowie dekorative Verwendung als Überzüge für Sitzmöbel, Betten oder als Tapeten.

Potenzial und Handelswege

Über Land erreichten die Stoffe aus Indien den Mittleren Osten, Zentralasien und Europa, per Schiff Nord- und Ostafrika sowie Ost- und Südostasien. Kaufleute aus Portugal führten die Textilien im späten 15. Jahrhundert als erste nach Europa ein. Später folgten Handelskompagnien aus Holland, Dänemark und England.

Ihre große Beliebtheit als Kleidungsstoffe verdankten die bunten Baumwollgewebe der Tatsache, dass sie trotz ihrer Farbenpracht sehr viel pflegeleichter als Seide waren. Zudem boten sie bei einem relativ günstigen Preis einen höheren Tragekomfort als zum Beispiel Leinengewebe. Hinzu kam die in jener Zeit in Europa aufkommende und sich bis Ende des 18. Jahrhunderts haltende Vorliebe für exotisch anmutende Dessins.

Den Handelsfirmen war das Verkaufspotenzial in Europa sehr schnell bewusst. Unterlagen aus den 1680er-Jahren belegen, dass niederländische Kompagnien 1,12 Millionen Stoffbahnen über Amsterdam nach Europa und englische Kompagnien etwa 1,5 Millionen Stoffbahnen nach London importierten. Im frühen 18. Jahrhundert umfassten indische Baumwollstoffe fast 80 Prozent des gesamten Handelsvolumens der englischen Ostindien-Kompagnie. Bis in die 1790er-Jahre kamen die meisten, durchwegs handgefertigten Baumwollstoffe für den europäischen Markt aus Indien, im Zuge der Industrialisierung änderte sich dies rasant und verlagerte sich.

Aufschwung der Produktion in Europa

Mit dem Ausbau der industriellen Baumwollverarbeitung und der Verfeinerung maschineller Färbetechniken entstanden Indienne-Manufakturen in vielen europäischen Regionen, die den heimischen Markt bedienten, aber gleichzeitig auch Textilien für den Export produzierten. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren Textilen aber eigentlich ein Luxusprodukt. Als Beispiel für den geringen Kleidungsbedarf einfacher Leute erwähnte Fernand Braudel das Testament eines französischen Bauern aus dem Jahre 1631, der seiner Frau „alle zwei Jahre ein Paar Schuhe und ein Hemd und jedes dritte Jahr ein Kleid aus groben Tuch“ zubilligte, was für Bauern ein ungeheurer Luxus gewesen sei, während es rund 100 Jahre früher vom Hofe König Henri IV. die Nachricht gibt, „ein Mann […] gilt erst dann als reich, wenn er 25 bis 30 Gewänder verschiedener Machart besitzt und täglich ein anderes anlegt.“ Noch 1769 entsprach der Baumwollabsatz auf dem englischen Binnenmarkt mit 300 Gramm etwa einem Hemd pro Einwohner und Jahr.

Die erste Fabrikationsstätte eröffneten armenische Kaufleute 1640 in Marseille, London und Amsterdam folgten, strategisch meist in der Nähe großer Häfen, über die der Transport und Handel führte. Eine Besonderheit war Indienne aus Marseille, der – mit aus Krapp gewonnenen Naturfarben gefärbt – ausschließlich in Rottönen gehalten war.

So gründete Christophe-Philippe Oberkampf 1759 in Jouy-en-Josas nahe Versailles die größte und bedeutendste französische Fabrik für bedruckte Stoffe im Indienne-Stil. Die Fabrik, zeitweise die größte Europas, überstand die Wirren der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege. Bis heute ist Toile-de-Jouy in Frankreich ein Synonym für Indiennes.

Weitere Zentren entstanden in der französischsprachigen Schweiz, nachdem viele Hugenotten, die zu den Pionieren der Indienne-Produktion in Frankreich zählten, nach 1685 dorthin geflohen waren. Einige von ihnen errichteten Manufakturen in Grenznähe, nachdem der französische König Ludwig XIV. zum Schutz französischer Produzenten die Einfuhr von Textilien verboten hatte. Besonders in Frankreich verspürten die traditionellen Produzenten und Lieferanten von (Seiden-)Stoffen und Kleidern erhebliche Geschäftseinbußen durch das neue Massenprodukt. Auf ihr Drängen hin veranlasste Ludwig XIV. die Protektion der französischen Textilindustrie, die vor allem auf die Produktion von Seidenwaren ausgerichtet war, und ließ 1686 die Produktion und den Import von Baumwollstoffen verbieten.

Auch in England wurde der Import von indiennes 1721 verboten, das Tragen von Baumwollstoffen von 1701 bis 1774, aber 1736 stellte der Manchaster Act klar, dass sich das Verbot, Leinen und Baumwolle zu tragen, nicht auf im Inland hergestellte Stoffe bezieht. 1774 verfügte das Parlament erneut, dass in England ausschließlich Bauwollstoffe verkauft werden dürfen, die im Inland gesponnen und gewebt worden waren. Dies bewirkte einerseits einen zunehmenden Schleichhandel mit den weiterhin begehrten, weil billigeren Indiennes und anderseits den Aufbau einer Indiennes-Wirtschaft in den französischen Nachbarstaaten.

Diese Prohibition beförderte den Aufschwung der Indienne-Produktion rund um Genf, von wo aus weitere Manufakturen in Neuenburg, Freiburg und Biel entstanden. In der Deutschschweiz entwickelten sich um Möriken-Wildegg, Aargau, Zürich, Appenzell und Glarus wichtige Zentren für die Indienne-Herstellung. In der Schweiz arbeiteten Ende des 18. Jahrhunderts achttausend bis zehntausend Menschen in den Indiennes-Betrieben, darunter auch viele Frauen und Kinder. Die größten Fabriken zählten mehrere hundert Beschäftigte, häufig Saisonarbeiter, da das Bleichen und Trocknen unter freiem Himmel im Winter nicht möglich war. Das ringsum aufgebaute Fachwissen führte nach der Öffnung des französischen Markts im Jahr 1759 letztlich dazu, dass in Frankreich sich Schweizer Fachkräfte ihre Expertise teuer bezahlen ließen.

In Deutschland entstanden in Konstanz Indienne-Manufakturen. Genfer Unternehmer, die 1782 vor der patrizischen Konterrevolution geflohen waren, betrieben während ihres Exils in Konstanz im ehemaligen Inselkloster eine Indienne-Fabrikation. Im Kreuzgang des heute als Hotel dienenden Gebäudes ist dazu eine Wandmalerei zu sehen.

Bedeutung für den kolonialen Dreieckshandel

Ende des 17. Jahrhunderts waren Indiennes inzwischen Teil eines globalisierten Handels und Tauschgeschäftes geworden: Indische Arbeiter stellten textile Rohware für den europäischen Markt her, da maschinelle Produktionsmethoden in Indien mehr Verbreitung fanden. Diese Rohware, veredelt in den zahlreichen europäischen Indienne-Manufakturen, kam bedruckt und maschinell veredelt als preiswerte Ware zurück nach Indien und sorgte dort – mit Ausnahme von Bombay – in einigen traditionellen Textilegionen für den Niedergang der Indienne-Produktion. Zahlreiche britische, französische, niederländische, deutsche und auch Schweizer Handelsunternehmen waren in den Zwischenhandel eingestiegen. Kaffee, Gewürze, Kautschuk, Baumwollstoffe und vieles mehr wurde zwischen Indien, Asien, Europa und Amerika transportiert und so zur gewinnträchtigen Tausch- und Handelsware im atlantischen Dreieckshandel.

Gegenwart

Auch heute kommen qualitativ hochwertige Indienne-Stoffe aus Frankreich. Das Zentrum der Produktion liegt in Rouen.

Siehe auch

Literatur

Wiktionary: Indienne – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 Avalon Fotheringham: Indiens Textilproduktion im 17. und 18. Jahrhundert. In: Schweizerisches Nationalmuseum (Hrsg.): Indiennes – Stoff für tausend Geschichten. Christoph Merian Verlag, Basel 2019, ISBN 978-3-85616-892-6, S. 25–27.
  2. 1 2 Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon. Band 2. Leipzig 1838, S. 587 (online).
  3. ↑ Avalon Fotheringham: Indiens Textilproduktion im 17. und 18. Jahrhundert. In: Schweizerisches Nationalmuseum (Hrsg.): Indiennes – Stoff für tausend Geschichten. Christoph Marian Verlag, Basel 2019, ISBN 978-3-85616-892-6, S. 26.
  4. ↑ Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Der Handel. München 1986, S. 339; zuerst Paris 1979
  5. ↑ Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Der Alltag. München 1985, S. 338; zuerst Paris 1979
  6. ↑ Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Der Handel. München 1986, S. 634; zuerst Paris 1979
  7. ↑ André Holenstein: Die Indiennes und die Schweiz: weit mehr als die Geschichte eines bunten Stoffes. In: Schweizerisches Nationalmuseum (Hrsg.): Indiennes – Stoff für tausend Geschichten. Christoph Merian Verlag, Basel 2019, ISBN 978-3-85616-892-6, S. 41–43.
  8. 1 2 H. Schöpfer: Geschichte der Tapetenfabrikation in Frankreich. In: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte. 1990, ISSN 0044-3476 (online).
  9. ↑ Ingrid Ehrensperger: Die Indienne-Druckerei im Drei-Seen-Land im 18. und 19. Jahrhundert; Pierre Caspard: Au temps des Indiennes: Neuchâtel au milieu du monde in: Elisabeth Crettaz-Stürzel und Chantal Lafontant Valloton: Sa Majesté en Suisse, Neuchâtel 2013, ISBN 978-2-940489-31-2, S. 252
  10. ↑ Helen Bieri Thomson: Die Indienne-Stoffe aus der Sammlung Xavier Petitcol. In: Schweizerisches Nationalmuseum (Hrsg.): Indiennes – Stoff für tausend Geschichten. Christoph Merian Verlag, Basel 2019, ISBN 978-3-85616-892-6, S. 61–63.
  11. ↑ Joya Indermühle: Weaving the Urban Fabric: Bombay, Baumwolle und die Stadtentwicklung. In: Schweizerisches Nationalmuseum (Hrsg.): Indiennes – Stoff für tausend Geschichten. Christoph Merian Verlag, Basel 2019, ISBN 978-3-85616-892-6, S. 69–71.
  12. ↑ Gilles Forster: Les indiennes de traite: une contribution neuchâteloise à l'essor del'économie atlantique in: Elisabeth Crettaz-Stürzel und Chantal Lafontant Valloton: Sa Majesté en Suisse, Neuchâtel 2013, ISBN 978-2-940489-31-2, S. 270