Interhotel

Das im Bau befindliche Palasthotel in Berlin, 1979

Interhotel war eine am 1. Januar 1965 gegründete Hotelkette in der DDR. Interhotels waren Hotels der gehobenen Klasse, in denen bevorzugt Gäste aus dem sozialistischen Ausland (SW), den „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebieten“ (NSW) und des FDGB der DDR (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) beherbergt wurden.

Geschichte

Das Hotel Merkur in Leipzig, 1981 (Bildmitte: Gebäude im Hintergrund)
Das Hotel Elephant in Weimar
Das Grandhotel Berlin, 1987 als eines der bedeutendsten Interhotels eröffnet

Ursprünglich bestand die Hotelkette aus je einem Hotel in Berlin, Erfurt, Jena und Magdeburg, zwei Hotels im damaligen Karl-Marx-Stadt und fünf Hotels in der Messestadt Leipzig.

Die sogenannten „Devisenhotels“, Fünf-Sterne-Häuser, standen nahezu ausschließlich Besuchern aus dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ (NSW) offen, die Bezahlung hatte durch sie in frei konvertierbaren Währungen zu erfolgen. Sie unterstanden indirekt dem Bereich Kommerzielle Koordinierung im Ministerium für Außenhandel. Das „Metropol“, das „Palasthotel“ und das „Grand Hotel“ in Berlin, das „Merkur“ in Leipzig, das „Bellevue“ und der „Dresdner Hof“ in Dresden zählten zu dieser Gruppe; auch das „Domhotel“ in Berlin und das „Belvedere“ in Weimar – die jedoch erst nach der Währungsunion eröffnet wurden – sollten noch hinzukommen.

Das „Interhotel Potsdam“ und das „Hotel Panorama“ in Oberhof wurden ebenfalls als Fünf-Sterne-Häuser geführt. Den Besuchern wurden Leistungen nach internationalem Standard geboten, einschließlich Gastronomie, Kongress- und Bankettmöglichkeiten sowie verschiedene Freizeitangebote. Durch entsprechende Verträge mit westdeutschen Autovermietern war es NSW-Gästen sogar möglich, einen West-PKW (vor allem Fiat, Renault, Volvo) zu mieten. In sämtlichen Interhotels war zudem ein Intershop-Devisenladen eingerichtet.

Für die Innenausstattung der Hotels wurden Aufträge an namhafte Künstler und Kunsthandwerker der DDR erteilt. Viele der damals entstandenen Werke sind nach der deutschen Wiedervereinigung verloren gegangen.

In Vier-Sterne-Häusern wurden oft Gäste des FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) und aus den Ländern des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe untergebracht. Ein bekanntes Beispiel ist das „Hotel Stadt Berlin“ in Ost-Berlin, das vor allem als Hotel für sowjetische Gäste galt. Die niedrigste Kategorie von Interhotels waren Drei-Sterne-Häuser, vor allem in kleineren Städten, wie das traditionsreiche, aber baulich vernachlässigte „Hotel Elephant“ in Weimar. Nach internationalen Maßstäben waren die Interhotels bis auf Ausnahmen jeweils etwa einen Stern zu hoch eingestuft.

Nahezu alle Hotels der gehobenen Klasse in der DDR waren Interhotels; bekannte Ausnahmen stellten das HO-Hotel Neptun in Warnemünde und das (dem Reisebüro der DDR zugehörige) Hotel Cecilienhof in Potsdam dar. In den meisten Bezirksstädten existierten Interhotels, aber auch in Jena (bis Anfang der 1980er Jahre: „Hotel International“) und Oberhof (Hotel Panorama).

Als Folge des Wechsels von Walter Ulbricht zu Erich Honecker als Staats- und Parteichef und der neuen wirtschaftspolitischen Ausrichtung nach dem VIII. Parteitag der SED – der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik – wurden in ausgewählten Hotels (Bastei in Dresden, Hotel Panorama in Oberhof und Interhotel Potsdam) Kontingente an den FDGB abgegeben. Das bereits im Bau befindliche „Hotel Rennsteig“ in Oberhof und das geplante Hotel in Oberwiesenthal wurden nicht als Interhotels, sondern als FDGB-Ferienheime eröffnet. Das in Dresden am nördlichen Ende der Prager Straße geplante Hotel „Stadt Dresden“ wurde – weil der Wohnungsbau Vorrang hatte – nicht gebaut.

1987–1989 ließ die Interhotelkette das Hotel „Dresdner Hof“ (1990 Eröffnung; seit 1992 Hilton Dresden) bauen. Außerdem begann der Bau des Domhotels am Berliner Gendarmenmarkt, das aber schon kurz nach seiner Eröffnung 1991/1992 an Hilton verkauft wurde. In Weimar war bereits seit Jahren die Baugrube für das „Hotel Belvedere“ ausgehoben, das jedoch erst 1991 eröffnet und bereits kurz danach ebenfalls von Hilton betrieben wurde.

Nach der Wiedervereinigung wurden zahlreiche Interhotels von der Treuhandanstalt verwaltet und von der Interhotel AG weitergeführt. 1991 fand ein Verkauf an die Klingbeil-Gruppe statt.

Die Deutsche Interhotel GmbH hat 1994 das Hotel Schwarzer Bock in Wiesbaden gekauft.

Die Deutsche Bank und die Depfa Bank haben die Deutsche Interhotel Holding GmbH & Co. KG mit allen Häusern im Jahr 1995 von der Berliner Trigon-Gruppe (vormals Klingbeil-Groenke-Guttmann-Gruppe) übernommen. Die Deutsche Bank hielt 45,6 Prozent an der Deutschen Interhotel, die Aarealbank hielt etwa ein Drittel. Zu den von dem Finanzinvestor nun übernommenen Interhotels zählt auch das The Westin Grand Berlin an der Friedrichstraße.

Im Dezember 2006 wurden die verbliebenen Hotels der Deutschen Interhotel an die Blackstone Group für ca. 750 Mio. € verkauft. Der amerikanische Finanzinvestor Blackstone, der zuvor das Sheraton Frankfurt-Airport für 168 Millionen Euro sowie das Grand Hotel Esplanade in Berlin erworben hatte, hat zwölf Häuser der Interhotel-Gruppe erworben.

Standorte

Hotel Metropol, Berlin, 1977
Hotel Astoria, Dresden, 1951
Stadtmodell Dresden 1970 – Blick vom Hauptbahnhof in die Prager Straße. Vorn mittig Hotel Newa, dann die „Prager Zeile“, dahinter das Rundkino. Danach das bis auf die Fundamente nie gebaute Hotel Stadt Dresden.
Ehemaliges Hotel Kosmos, Erfurt, 2006
Interhotel Gera, 1967
Ehemaliges Hotel Stadt Halle, 2016
Ehemaliges Hotel International, Jena, 1989
Hotel Chemnitzer Hof, 2010
Hotel Moskau, Karl-Marx-Stadt, 1962
Hotel Deutschland, Leipzig, 1967
Hotel Zum Löwen, Leipzig, 1974
Hotel International, Magdeburg, 1963
Hotel Vier Tore, Neubrandenburg, 1990
Hotel Warnow, Rostock, 1971
Hotel Thüringen-Tourist, Suhl, 1967
Modell des in Weimar zu errichtenden Hotels Belvedere

Berlin

Dresden

Erfurt

Gera

Halle

Jena

Karl-Marx-Stadt

Leipzig

Magdeburg

Neubrandenburg

Oberhof

Oberwiesenthal

Potsdam

Rostock

Suhl

Weimar

Interhotels und Ministerium für Staatssicherheit

Interhotels standen unter der Beobachtung der Hauptabteilung VI des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), Abteilung Touristik. Das MfS versuchte, sowohl die Aktivitäten internationaler Gäste zu überwachen als auch nachrichtendienstlich zu nutzen. Oft wurden kompromittierende Situationen konstruiert (Einsatz von als IM verpflichteten Prostituierten in audio- und videoüberwachten Hotelzimmern), um den Betroffenen zur Mitarbeit zu „bewegen“. Aufgrund der Kontaktmöglichkeiten mit Reisenden aus dem kapitalistischen Ausland war auch der IM-Prozentsatz der Hotelbelegschaft überproportional hoch. Besonders im Fokus standen Hotels, an denen politische Weichenstellungen diskutiert wurden, wie das Hotel Bellevue in Dresden.

Literatur

Filmografie

Commons: Interhotel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Interhotel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Hotel der Spione: Das 'Neptun' am Ostseestrand in Warnemünde
  2. ↑ Da kriegst du alles, was es nicht gibt. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1985, S. 131 ff. (online – 7. Oktober 1985, hier S. 140).
  3. ↑ Tourist-Verlag Berlin / Leipzig, Reiseatlas der DDR, 4. Auflage 1988, Seite 203
  4. ↑ https://www.zeit.de/1985/30/ddr-rent-a-car/komplettansicht
  5. ↑ Hasso Spode, Urlaub macht Geschichte, S. 149
  6. ↑ https://taz.de/Vom-Jahrhundert-Deal-zum-Mega-Flop/!1524194/
  7. ↑ http://www.voelcker-hospitality.de/downloads/05_GRANDHOTEL_SCHWARZER_BOCK_Juni_1987_bis_Dez_1993.pdf
  8. ↑ https://www.das-neue-dresden.de/hotel-bellevue-1985.html
  9. ↑ https://www.das-neue-dresden.de/hotel-hilton.html
  10. ↑ https://www.tophotel.de/barcelo-expandiert-nach-dresden-354920/
  11. ↑ Kay Haufe: Prager Straße Dresden: Aus dem alten Lilienstein-Hotel wird Holiday Inn Express. In: Sächsische Zeitung. 6. Dezember 2023, abgerufen am 17. Dezember 2023.
  12. ↑ https://www.das-neue-dresden.de/hotel-astoria.html
  13. ↑ https://www.saechsische.de/plus/dresdner-bastei-wird-jetzt-50-jahre-5075232.html
  14. ↑ Tanja Scheffler: Dresden | Deutschland Archiv. In: bpb.de. 6. Dezember 2012, abgerufen am 13. Februar 2024.
  15. ↑ https://www.tageskarte.io/hotellerie/detail/erfurt-radisson-blu-jetzt-ein-nyx-hotel.html
  16. ↑ http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Hotel_Gera
  17. ↑ Richard Haimann: Flüchtlinge: So viel Geld kriegen Hotels von den Städten. In: welt.de. 16. Dezember 2015, abgerufen am 27. Januar 2024.
  18. ↑ https://holzmarkt-passage.de/project/1954-der-holzmarkt-ist-wieder-das-zentrum/
  19. ↑ Horst Neubert: ‚Hotel Moskau‘ Karl-Marx-Stadt, in: Deutsche Bauakademie zu Berlin et al. (Hrsg.) Deutsche Architektur, Nr. 13, 1964
  20. ↑ https://chemnitz-gestern-heute.de/vom-moskau-zum-hotel-an-der-oper/
  21. ↑ https://www.tageskarte.io/hotellerie/detail/hotel-fuerstenhof-leipzig-startet-als-boutique-hotel-neu.html
  22. ↑ Marktplatz (Neubrandenburg)
  23. ↑ http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?HotelVierTore
  24. ↑ Hasso Spode, Urlaub macht Geschichte, S. 55
  25. ↑ https://www.schoen-tv.de/film-fdgb-ferien-in-oberhof-wir-waren-im-rennsteig/
  26. ↑ https://e-pub.uni-weimar.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/2696/file/heft_heritage_06_spiegel_pdfa.pdf
  27. ↑ Texte des RECS #61: Ein Luxushotel im Neuen Palais – Das kühne Projekt des Rates des Bezirkes Potsdam
  28. ↑ Hasso Spode, Urlaub macht Geschichte, S. 150
  29. ↑ https://www.nordkurier.de/regional/rostock/schluss-mit-radisson-jetzt-kommen-die-scanhotels-in-die-hansestadt-3756902
  30. ↑ Neues Deutschland vom 25. September 1968 (S. 13)
  31. ↑ https://www.tageskarte.io/hotellerie/detail/60-jahre-achat-hotel-suhl.html
  32. ↑ https://www.tophotel.de/achat-waechst-auf-50-hotels-275622/
  33. ↑ https://www.tophotel.de/hotelmarkt-weimar-elephant-schliesst-bis-ende-2018-18428/
  34. ↑ Belvederer Allee
  35. ↑ https://www.bachweltweimar.de/vorgeschichte.html
  36. ↑ https://www.salve.tv/tv/Salve/pressejournal-vom-20.02.2021/12339/UEber-den-Umgang-mit-Raeumen-oder-Erbprinz-ein-Hotel-in-Weimar
  37. ↑ „Ich sollte Herren im Hotel aushorchen“. In: Der Spiegel. Nr. 47, 1976, S. 67 (online – 15. November 1976).
  38. ↑ Stasi: Leichte Nahrung. In: Der Spiegel. Nr. 50, 1990, S. 97–103 (online – 10. Dezember 1990).
  39. ↑ Der Stasi-Schatten über dem "Dresdner Hof": Die Kontrolle von DDR-Devisenhotels begann lange vor ihrer Eröffnung
  40. ↑ dokfilm. Abgerufen am 27. Dezember 2020.