Schema des Messaufbaus mit einer ionenselektiven Elektrode: mit einem empfindlichen Spannungsmessgerät wird die Spannung gegen eine Bezugselektrode gemessen.
Eine ionenselektive Elektrode, auch ionenspezifische oder ionensensitive Elektrode(ISE) genannt, dient als Sensor für die Konzentration oder genauer die Aktivität eines bestimmten gelöstenIons.
Für die Messung taucht man die ionenselektive Elektrode und eine zweite Elektrode, die Bezugselektrode, in die Messlösung und misst die Spannung zwischen ihnen. Daraus lässt sich die gesuchte Konzentration bestimmen.
Die Messgröße ist also eine konzentrationsabhängige Spannung gegen die Bezugselektrode. Diese Spannung hängt nach der Nernstgleichunglogarithmisch von der Aktivität des betreffenden Ions ab.
Ionenselektive Elektroden werden in vielen Bereichen eingesetzt, z.B. in der analytischen Chemie einschließlich der Umweltanalytik, in biochemischer und biophysikalischer Forschung und in industriellen Prozessen. Es wird geschätzt, dass in klinischenLaboratorien jedes Jahr weit über eine Milliarde Analysen mit ionenselektiven Elektroden ausgeführt werden, so dass die medizinische Untersuchungen heute die wichtigste Routineanwendung von ionenselektiven Elektroden sind.
Vorteile
Messungen mit ionenselektiven Elektroden sind schnell – sie dauern nur Sekunden bis wenige Minuten – und einfach, z.B. im Vergleich mit Titrationen.
Die Messung der Konzentration kann kontinuierlich erfolgen. Immer dann, wenn eine lückenlose Aufzeichnung und/oder eine schnelle Regelung erfolgen soll, haben ionenselektive Elektroden einen Vorteil im Vergleich zu diskontinuierlichen Messverfahren.
Auch wenn die Messlösung eventuell gepuffert werden muss, werden für die eigentliche Analyse keineReagenzien benötigt, im Gegensatz zu Titrationen oder zu vielen photometrischen Verfahren. Das trägt dazu bei, dass das Verfahren relativ preisgünstig bleibt.
Ein System aus ionenselektiver Elektrode und Bezugselektrode liefert eine Spannung als Messgröße; dies eignet sich gut für die weitere elektronische Verarbeitung.
Viele Messungen können direkt in biologischen Flüssigkeiten wie Pflanzensaft, Blut oder Urin durchgeführt werden. Zumeist braucht vor der Analyse keine Trennung zu erfolgen, d.h. zeitraubende Schritte wie Filtration, Destillation oder Fällung sind nicht nötig. Trübungen oder Färbungen stören in der Regel nicht, im Gegensatz zu photometrischen Verfahren.
Die Elektroden können zwar verschmutzen, zeigen aber ansonsten keinenVerschleiß und können daher im besten Falle jahrelang ohneWartung verwendet werden.
Im Vergleich zu vielen Analyseautomaten wie z.B. Titratoren sind ionenselektive Elektroden preiswert.
Viele Geräte sind portabel und können nicht nur im Labor, sondern auch im Feld verwendet werden.
Die Analysen können in einem sehr weiten Konzentrationsbereich ausgeführt werden, oft z.B. von1·10−6mol/l bis0,1mol/l, manchmal auch bis zur Sättigungsgrenze des Ions. Für mindestens 12 Ionen gibt es selektive Elektroden, deren Detektionslimit im Bereich 10−8mol/l bis10−11mol/l oder noch darunter liegt.
Wichtige bestimmbare Ionen
Es gibt ionenselektiven Elektroden für mehr als 50 zu bestimmende Ionen. Für die Anwendungspraxis besonders wichtig sind die kommerziell erhältlichen, die für die folgenden Ionen verfügbar sind:
Die ideale ionenselektive Elektrode wäre ionenspezifisch, d.h., sie würde nur auf das zu bestimmende Ion ansprechen, aber nicht auf andere Ionen.
In der Praxis haben ionenselektive Elektroden jedoch oft eine Querempfindlichkeit gegenüber anderen Ionen. Beispielsweise reagieren viele pH-Elektroden nicht nur auf Protonen, sondern auch gegenüber hohen Konzentrationen an Natriumionen, vor allem bei hohen pH-Werten; Fluoridelektroden sind auch gegenüber Hydroxidionen empfindlich. Daher empfiehlt dieIUPAC, den Begriff „ionenspezifisch“ nicht zu verwenden.
Eine ionenselektive Elektrode ist also in den seltensten Fällen vollständig ionenspezifisch, und mögliche Quereinflüsse anderer Ionen müssen daher für genaue Analysen berücksichtigt werden.
Eine quantitative Beschreibung kann mit der Nicolsky-Eisenman-Gleichung erfolgen:
Beispiele für die Selektivitätskoeffizienten findet man in.
Historisches
Der prinzipielle Aufbau von ionenselektiven Elektroden und die Konzentrationsabhängigkeit der Spannung waren schon in der ersten Hälfte des20.Jahrhunderts bekannt: Zygmunt Klemensiewicz hatte im Labor von Fritz Haber das Prinzip der pH-Elektrode gefunden, und Izaak Kolthoff hatte Zellen mit Silberhalogenidmembranen untersucht.
Die gezielte Entwicklung und Anwendung anderer ionenselektiven Elektroden fand erst in den1950er und1960erJahren statt, z.B. wurde 1957 eine Natriumelektrode bekanntgegeben. 1962 gründete der Glashersteller Corning die Firma Orion Research zur Entwicklung neuer Elektroden. Diese stellte 1966 eine Calcium- sowie eine Fluoridelektrode vor und hatte 1967 neun verschiedene Elektroden im Programm (für Ag+, Ca2+, Cu2+, F−, Br−, I−, ClO4−, NO3− und S2−).
↑Eric Bakker, Philippe Bühlmann, Ernö Pretsch:Carrier-Based Ion-Selective Electrodes and Bulk Optodes. 1. General Characteristics. In: Chemical Reviews. Band97, Nr.8, Dezember 1997, S.3083–3132, doi:10.1021/cr940394a.
12Eric Bakker, Dermot Diamond, Andrzej Lewenstam, Ernö Pretsch:Ion sensors: current limits and new trends. In: Analytica Chimica Acta. Band393, Nr.1–3, Juni 1999, S.11–18, doi:10.1016/S0003-2670(99)00056-2.
12Ernö Pretsch:The new wave of ion-selective electrodes. In: Trends in Analytical Chemistry. Band26, Nr.1, Januar 2007, S.46–51, doi:10.1016/j.trac.2006.10.006, PMC2358928(freier Volltext).
12Yoshio Umezawa, Philippe Bühlmann, Kayoko Umezawa, Koji Tohda, Shigeru Amemiya:Potentiometric Selectivity Coefficients of Ion-Selective Electrodes – Part I. Inorganic Cations. In: Pure and Applied Chemistry. Band72, Nr.10, Januar 2000, S.1851–2082, doi:10.1351/pac200072101851.
↑Yoshio Umezawa, Kayoko Umezawa, Philippe Bühlmann, Naoko Hamada, Hiroshi Aoki, Jun Nakanishi, Moritoshi Sato, Kang Ping Xiao, Yukiko Nishimura:Potentiometric selectivity coefficients of ion-selective electrodes. Part II. Inorganic anions (IUPAC Technical Report). In: Pure and Applied Chemistry. Band74, Nr.6, Juni 2002, S.923–994, doi:10.1351/pac200274060923.
↑Zygmunt Aleksander Klemensiewicz, Fritz Haber:Über elektrische Phasengrenzkräfte. In: Zeitschrift für physikalische Chemie. Band67, 1909, S.385–431.
↑Barbara Marczewska, Krzysztof Marczewski:First Glass Electrode and its Creators F. Haber and Z. Klemensiewicz – On 100th Anniversary. In: Zeitschrift für physikalische Chemie. Band224, 2010, S.795–799, doi:10.1524/zpch.2010.5505.
↑Izaak M. Kolthoff, H. L. Sanders:Electric Potentials at Crystal Surfaces, and at Silver Halide Surfaces in Particular. In: Journal of the American Chemical Society (JACS). Band59, Nr.2, 1937, S.416–420, doi:10.1021/ja01281a059.
↑D. A. MacInnes, Malcolm Dole:The Behavior of Glass Electrodes of Different Compositions. In: Journal of the American Chemical Society (JACS). Band52, Nr.1, 1930, S.29–36, doi:10.1021/ja01364a005.
↑PatentUS2058761:Apparatus for Testing Acidity.Angemeldetam12.Oktober 1934,veröffentlichtam27.Oktober 1936,Anmelder:National Technical Laboratories,Erfinder:Arnold Orville Beckman, Henry E. Fracker.
↑George Eisenman, Donald O. Rudin, James U. Casby:Glass Electrode for Measuring Sodium Ion. In: Science. Band126, Nr.3278, Oktober 1957, S.831–834, doi:10.1126/science.126.3278.831.
↑Martin S. Frant:Historical perspective. History of the early commercialization of ion-selective electrodes. In: Analyst. Band119, 1994, S.2293–2301, doi:10.1039/AN9941902293.
↑Martin S. Frant, James W. Ross Jr.:Electrode for Sensing Fluoride Ion Activity in Solution. In: Science. Band154, Nr.3756, 23.Dezember 1966, S.1553–1555, doi:10.1126/science.154.3756.1553.