
Die Isia (lateinisch, altgriechisch Ἰσιεῖα Isieia) waren das wichtigste Fest der Göttin Isis in der hellenistischen und römischen Welt, das in Rom jedes Jahr vom 28. Oktober bis zum 3. November gefeiert wurde. Es stellte den Mythos von Osiris dar: Die Gläubigen trauerten mit Isis um ihren getöteten Gatten, spielten ihre Suche nach ihm nach und feierten zum Abschluss mit einem Freudenfest, den Hilaria, seine Auffindung (Inventio Osiridis). Die Rolle des Anubis, der Isis bei der Suche geholfen hatte, übernahm ein Mann mit Hundemaske.
Das Fest ging auf ägyptische Osirisfeiern im Monat Athyr zurück. Unter dem Namen Isieia ist es seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten und in der griechischen Welt bezeugt, und im 1. Jahrhundert n. Chr. kam es in den römischen Festkalender. Noch der Chronograph von 354 verzeichnet es, und Monatsbilder stellten den November mit Gestalten aus dem Isiskult dar, etwa einem Priester der Isis oder einem Mann mit Anubismaske.
Heidnische wie christliche Autoren verspotteten das Fest, vor allem das jährliche Verlieren und Wiederfinden des Gottes. Im Kalender stand es bis ins 5. Jahrhundert, und im Jahr 416 feierte die Landbevölkerung bei Populonia noch die Wiederbelebung des Osiris.
Die Isia waren das wichtigste Fest der Isis, noch vor dem Navigium Isidis, mit dem man am 5. März die Schifffahrt eröffnete. Obwohl es an das Verschwinden des Osiris erinnerte, stand die Göttin im Mittelpunkt, worauf schon der Name hinweist. Die Isia dauerten sieben Tage, vom 28. Oktober bis zum 3. November. Für den ersten Tag nennt ein Wandkalender aus den Jahren 180 bis 200, der unter der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom erhalten ist, ein Fest, dessen Name als Castus oder Luctus Isidis („Enthaltung“ oder „Trauer der Isis“) gelesen wird. Der Kalender des Chronographen von 354 führt die fünf Tage vom 28. Oktober bis zum 1. November unter dem Namen Isia auf. Die Feiern im Isistempel schlossen nach Johannes Lydos am 1. oder 2. November, und auch der Chronograph bezeichnet den 2. November noch als dies Aegyptiacus („ägyptischer Tag“). Am 3. November folgten die Hilaria, mit denen das Fest endete. Diesen Schlusstag nannte man auch Heuresis („Auffindung“) oder Inventio Osiridis („Auffindung des Osiris“), und unter dem Namen Heuresis führen ihn die Menologia rustica im November auf.

Die Isia waren die römische Form einer alten ägyptischen Feier. Schon ein Papyrus aus der Zeit der 19. Dynastie setzt die Totenklage der Isis und der Nephthys um Osiris auf den 17. Athyr. Nach Plutarch fiel das Fest in die Zeit, in der der Nil zurückging und die Nächte länger wurden. Das Zurückgehen des Nils deutete man als Tod des Osiris. Vom 17. Athyr an zeigten die Priester vier Tage lang eine goldene Kuh in schwarzem Gewand als Bild der trauernden Isis. Am Abend des 19. Athyr zogen sie mit einem heiligen Schrein zum Meer, gossen Süßwasser in das Kästchen darin, und die Anwesenden riefen, Osiris sei gefunden. Suche und Auffindung (griechisch zetesis und heuresis) bildeten so schon in Ägypten den Kern des Festes.
Um die Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. feierte man die Isieia in Alexandria und Memphis. Das Fest fiel dort auf die Tage, die Plutarch beschreibt. Ein Papyrus aus dem Archiv des Zenon nennt die Isieia in Memphis für einen Tag des Jahres 258/257 v. Chr., der dem 20. Athyr entsprach. Bis in die römische Kaiserzeit sind sie an vielen Orten Ägyptens bezeugt, etwa in Oxyrhynchos und im Fayyum.
Außerhalb Ägyptens kennt man die Isieia aus Beschlüssen von Kultvereinen (Thiasoi), die ihre Ehrungen an dem Fest verkünden ließen. Auf Keos bekränzten die Verehrer des Sarapis im 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. einen Wohltäter und ließen den Kranz an den Isieia ausrufen. In Kios in Bithynien beschloss noch um die Zeitenwende ein Verein, die Ehrung eines Mitglieds jedes Jahr an den Isieia neu auszurufen.
Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurden die Isia in den römischen Kalender aufgenommen, wahrscheinlich unter Caligula, der Isis anerkannte und ihren Tempel auf dem Marsfeld neu errichten ließ. Ihre Daten passen jedoch nicht zum festen alexandrinischen Kalender, in dem die Römer nach der Eroberung Ägyptens das ägyptische Jahr auf dem Stand von 30 v. Chr. festgeschrieben hatten. Dort entsprachen die ägyptischen Festtage vom 17. bis 19. Athyr dem 13. bis 15. November. Meist erklärt man die römischen Daten deshalb mit dem beweglichen ägyptischen Jahr, in dem die Festtage durch das Sonnenjahr wanderten und gerade auf Ende Oktober und Anfang November fielen, als man das Fest in Rom übernahm. Je nachdem, ob man vom letzten oder vom ersten Festtag ausgeht, kommt man dabei auf eine andere Zeit. Der 19. Athyr, an dem man die Auffindung feierte, fiel in den Jahren 25 bis 28 n. Chr. auf den 3. November, also in die Regierungszeit des Tiberius. Der 17. Athyr, an dem die Trauer begann, entsprach dagegen erst in den Jahren 40 bis 43 dem 28. Oktober.
Reinhold Merkelbach hält diese Erklärung für verfehlt, weil das Fest, das Plutarch beschreibt, an die Jahreszeit gebunden gewesen sei und nicht habe wandern können. Er führt den Beginn der Isia am 28. Oktober stattdessen auf ein Fest der Ptolemäer am 1. Athyr zurück, das im festen Kalender auf diesen Tag fiel und nach dem Sturz der Dynastie als Isisfest weiter gefeiert worden sei.

Das Fest führte die Hauptereignisse des Osirismythos auf, vor allem die Suche nach dem Leichnam des Osiris und seine Auffindung durch Isis und Anubis. Wie die Feste für Attis im März, die am 25. März ebenfalls mit Hilaria endeten, führten die Isia von der Trauer zur Freude. Vom 28. Oktober an teilten die Gläubigen die Trauer der Isis um den Gott, den Seth getötet hatte. Sie trugen Schwarz, die Statuen der Göttin wurden schwarz verhüllt, und Priester, Priesterinnen und Eingeweihte sangen Klagelieder und schlugen sich die Brust. Vor dem Fest und an den heiligen Tagen war den Frauen geschlechtliche Enthaltsamkeit auferlegt.
Die meisten Handlungen fanden in den Heiligtümern statt, teils wohl auch in nahen Theatern, und waren nicht öffentlich. Im Heiligtum spielte man die Suche nach Osiris nach, wohl auf einem festgelegten Weg. Möglicherweise verwendete man dabei ein zerlegtes Osirisbild. Seine Teile wurden verstreut wie die Glieder des Leichnams, den Seth zerrissen hatte, und wieder zusammengesetzt, bevor man die Auffindung verkündete. Einer der Priester oder Eingeweihten trug die Maske des Anubis und stellte den Gott dar, der Isis wie ein Spürhund geholfen hatte, den Leichnam zu finden. Diese Darsteller heißen in der Forschung Anubophoren („Anubisträger“). Die Rolle galt als hohe Ehre, war aber wohl kein eigenes Priesteramt und wurde nur für die jeweilige Feier vergeben. Mitunter übernahmen wohl auch Berufsschauspieler diese Rolle. Am 3. November zogen die Gläubigen in einer fröhlichen Prozession aus dem Heiligtum durch die Straßen, schüttelten ihre Sistren und riefen: „Wir haben gefunden, wir freuen uns.“
Die Isia prägten das Bild des Monats November so stark, dass Mosaiken und Kalender ihn mit Gestalten aus dem Isiskult darstellten. Auf einem Kalendermosaik aus Thysdrus vom Anfang des 3. Jahrhunderts steht im Vordergrund des Novemberbildes ein Mann mit Anubismaske in weitem Mantel. Er hält einen Hermesstab, wie ihn Anubis nach Apuleius auch an der Spitze des Festzugs beim Navigium Isidis trug. Neben dem Maskenträger stehen zwei Pterophoren („Federträger“), deren Kappen mit zwei Federn des Horus besetzt sind.

Ein Mosaik aus Karthago im British Museum, vielleicht aus dem 4. Jahrhundert, zeigt den November als Frau mit Sistrum und Situla, das Monnus-Mosaik in Trier aus dem 3. oder 4. Jahrhundert Isis oder eine ihrer Priesterinnen mit Sistrum. Im Chronographen von 354 verkörpert den November ein kahlgeschorener Priester der Isis mit einem Sistrum in der Rechten und einer Schale mit einer Schlange in der Linken. Neben ihm ruht auf einem Sockel eine Maske des Anubis. Auf der Schale des Priesters liegen wohl auch abgebrochene Olivenzweige, denn bei der Feier der Wiederbelebung des Osiris trugen die Gläubigen einen zerbrochenen Olivenzweig.
Schon um 40/41 n. Chr. machte sich der Philosoph Seneca, der Caligula und dessen Schwärmerei für Ägypten und Osiris verabscheute, in seiner Schrift De superstitione über das Fest lustig: Man beweine Osiris als verloren und finde ihn bald darauf mit großer Freude wieder, dabei hätten die Feiernden weder etwas verloren noch etwas gefunden. Die Stelle ist durch Augustinus überliefert. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts verspottete auch der Dichter Juvenal den Darsteller des Anubis, der, umgeben von seinen kahlgeschorenen Begleitern in Leinengewändern, umherlaufe und dabei die Klage des Volkes um Osiris verlache. Für eine fette Gans und ein Stück Opferkuchen verschaffe er Ehefrauen, die an den heiligen Tagen die Enthaltsamkeit gebrochen hatten, die Vergebung des Osiris.
Ähnlich spotteten später auch christliche Autoren. Ende des 2. Jahrhunderts schrieb Minucius Felix, Isis beklage und suche mit ihrem „Hundskopf“ und ihren kahlgeschorenen Priestern ihren verlorenen Sohn, die Gläubigen schlügen sich die Brust, und wenn der Hundskopf den Knaben gefunden habe, jubelten alle. Sie hörten nicht auf, „jedes Jahr zu verlieren, was sie finden, und zu finden, was sie verlieren“ (nec desinunt annis omnibus vel perdere quod inveniunt vel invenire quod perdunt). Im Mythos suchte Isis jedoch nicht ihren Sohn, sondern ihren Gatten Osiris. Denselben Fehler machten zu Beginn des 4. Jahrhunderts auch Lactantius und Arnobius.
Bis zum Ende des 4. Jahrhunderts griffen christliche Schriften wie das Carmen contra paganos den Isiskult an. Sie stellten die Rolle des Anubis heraus, die heftige Ergriffenheit der Gläubigen und das jährlich wiederholte Nachspielen von Schmerz und Freude der Isis. Viele betonten zudem, dass sich die Teilnahme für einen Amtsträger nicht schicke. So greift ein Gedicht einen Konsul scharf an, der mit dem Sistrum die Hundemaske trug. Für diese Autoren und ihre Nachfolger im frühen 5. Jahrhundert waren die Isis-Anhänger vor allem am Sistrum, am kahlgeschorenen Kopf und an der Feier der Isia zu erkennen.
Gegen Ende des 4. Jahrhunderts wurde das Christentum Staatsreligion, doch volkstümliche heidnische Feste wie die Isia überlebten das Ende des offiziellen Heidentums noch lange. Ihr Datum blieb bis ins 5. Jahrhundert im römischen Festkalender unverändert. Noch im Jahr 416 legte der Dichter Rutilius Namatianus auf seiner Heimreise zur See in Faleria an, einem kleinen Hafen bei Populonia. Dort feierte die Landbevölkerung gerade mit Gesang und Spiel den Tag, an dem der wiederbelebte Osiris die Saat neu keimen lasse.