
Ein Vorgehensmodell ist ein abstraktes Referenzmodell, das die Struktur, Reihenfolge und die Ergebnisse von Aufgaben oder Projekten beschreibt. Vorgehensmodelle dienen als Vorlage und/oder Vorgabe für die Planung, Steuerung und Kontrolle von Prozessen, insbesondere in einem ingenieurstechnischen Umfeld wie der Softwareentwicklung oder verwandten Technologien. Die Modelle werden außerdem zur Herstellung von Produkten und Dienstleistungen anderer Art und in anderen Branchen verwendet.
Vorgehensmodelle dienen mehreren Zwecken. Einer davon ist die Schaffung einer bestimmten Struktur, die einen übersichtlichen Ablauf von Aktivitäten ermöglicht und sicherstellt, dass nach möglichst einheitlichen, systematischen und rationalen Regeln vorgegangen wird. Durch die vorgegebene Struktur und Vorgehensweise können beispielsweise potenzielle Risiken frühzeitig erkannt und geeignete Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Vorgehensmodelle eignen sich als Vorlagen für eine effektivere und effizientere Arbeitsweise.
Als Teil der Vorgehensmodelle wird ein Rahmen sowie ein schrittweiser Weg eröffnet, der von der Identifizierung eines Problems (Herausforderung) bis zur Erarbeitung einer systematischen Lösung reicht. In der Praxis haben sich hierfür auch iterative Ansätze behauptet. Des Weiteren geben phasenorientierte Meilensteine Auskunft über den Stand der Aktivitäten und dienen als Orientierung und Entscheidungshilfe für das weitere Vorgehen.
Vorgehensmodelle können als eine „Navigationshilfe“ im Projektmanagement verstanden werden. Sie strukturieren die grundlegenden Abläufe in sinnvolle Arbeitspakete und Abarbeitungsphasen, ordnen ihnen Rollen zu und dienen als Vorlage. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der Strukturierung und Systematisierung von Projekten, ohne dabei zunächst auf spezifische inhaltliche Details einzugehen.
Die Definition der Inhalte der Aufgaben und Rollen obliegt dem Projektmanagement und ist eine Aufgabe, die durch die Leitungsorgane an die jeweilige Situation angepasst werden muss. Dies gilt für restriktive Modelle mit genauen Vorgaben, beispielsweise in Bezug auf die geforderten Arbeitsprodukte, bis hin zu flexibleren Ansätzen, beispielsweise in Bezug auf die Team-Aufstellung. Zusammengefasst bieten Vorgehensmodelle die Chance einer effizienten und effektiven Vorgehensweise bei der Entwicklung oder Herstellung komplexer Produkte oder Dienstleistungen.
Ein Vorgehensmodell beschreibt kein konkretes Prozessereignis, sondern gibt einen allgemeinen Rahmen für die (idealisierte) Durchführung vor. Mit anderen Worten: Es handelt sich um ein Modell für einen potenziellen Prozess. Die Phasen, die in einem Modellen definiert sind, dienen zunächst als Idealtypen. Ein Modell kann jedoch nie die Realität exakt abbilden. Sie sind daher kein hinreichender Faktor für den Erfolg eines Projekts oder eines Produkts am Markt, aber ein notwendiger Ansatz zur Herstellung oder Verwaltung (Produktlebenszyklus). Das Vorgehensmodell ist dabei ein Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck.
Die Methoden und Techniken der Vorgehensmodelle können als organisatorische Hilfsmittel und Werkzeuge verstanden werden. Sie müssen aber für konkrete Aufgabenstellungen (Projekte) individuell angepasst, zugeschnitten und geschult werden. Erst daraus ergibt sich ein konkretisierter Prozess mit Aktivitäten, Abläufen und Arbeitsprodukten. Ein Vorgehensmodell ist daher von einem instanziierten Prozess zu unterscheiden, da Letzterer bereits eine konkrete Ausprägung beziehungsweise Umsetzung eines Vorgehensmodells darstellt.
Zusammengefasst organisiert ein Vorgehensmodell einen Prozess, um ein Projektziel mithilfe von bereitgestellten Methoden und Techniken aus der Organisationstechnik im Rahmen des Projekt- und/oder Programmmanagements.
Ein Vorgehensmodell besteht typischerweise aus mehreren strukturellen Elementen. Dazu zählen eine Phasen- oder Aktivitätsstruktur, definierte Methoden und Techniken, Rollen und Verantwortlichkeiten sowie die Beschreibung der zu erstellenden Ergebnisartefakte und Meilensteine.
In der Fachliteratur werden unterschiedliche Klassen von Vorgehensmodellen unterschieden. Lineare Modelle folgen einer sequenziellen Abfolge von Phasen. Iterative und evolutionäre Modelle sehen wiederholte Durchläufe zur schrittweisen Verfeinerung der Ergebnisse vor. Agile Vorgehensmodelle betonen kurze Iterationen, kontinuierliches Feedback und Anpassungsfähigkeit an Veränderungen. Allgemein werden somit klassische, moderne und agile Vorgehensmodelle unterschieden. Genauer ist jedoch eine Kategorisierung in
Während klassische Vorgehensmodelle das Projekt in hintereinander ablaufende Phasen gliedern, werden bei anderen Vorgehensmodellen die Beteiligten in mehr als einer Phase eingebunden. Agile Vorgehensmodelle hingegen sind durch kurze Iterationen gekennzeichnet, um geeigneter auf Veränderungen reagieren zu können (Agilität). Ein iteratives Modell kann sich jedoch auch auf die Planung konzentrieren und nicht auf Agilität.
Klassische Phasen, die in unterschiedlichen Vorgehensmodellen vorkommen, sind die Anforderungserhebung, die Entwurfs- und Designphase, die Implementierung oder Herstellung, das Testen, die Verifizierung und Validierung (V&V), sowie die Inbetriebnahme und weitere Aspekte wie die Wartung und Stilllegung. In Vorgehensmodellen werden neben den definierten Aktivitäten, Phasen und Methoden in der Regel auch die zu erzielenden Ergebnisse sowie die erforderlichen Voraussetzungen für jede Aktivität festgelegt. Zudem werden die Rollen und Zuständigkeiten der Personen festgelegt, die innerhalb des Modells bzw. Prozesses arbeiten.
Für verschiedene Disziplinen und Anwendungsbereiche existieren daher unterschiedliche Arten von Vorgehensmodellen. Diese Modelle variieren nicht nur in der Anzahl und Bedeutung der Phasen, sondern auch hinsichtlich ihres spezifischen Einsatzgebietes. Einige der bekannteren Anwendungsbereiche von Vorgehensmodellen sind:
Ein Vorgehensmodell kann auch als ein Projektmanagementsystem verstanden werden (vgl. Projektumfeld oder DIN 69901). Aufgabe dieses Systems ist es, die allgemein in einem Gestaltungs- oder Produktentstehungsprozess und Geschäftsprozess auftretenden Aufgabenstellungen und Aktivitäten in eine konkrete Abfolge von Schritten zu bringen, um eine bessere Orientierung zu ermöglichen. Ein Projektmanagementsystem umfasst jedoch zusätzlich Führungs-, Steuerungs-, Entscheidungs- und Kontrollmechanismen.
Im Unterschied zu einem Vorgehensmodell, das zeitlich begrenzt für Projekte gilt, ist ein Verhaltenskodex eine Sammlung von Regeln für bestimmte Handlungen, die für eine unbeschränkte Zeit gelten und ggf. sanktioniert werden, beispielsweise im Zusammenhang mit der Gleichstellung. Eine weitere Variante von Vorgehensregeln sind Geschäftsprozessmodelle. In diesen wird das Vorgehen für Geschäftsprozesse festgelegt.
Ihren Ursprung haben die Vorgehensmodelle in den Ingenieurenswissenschaften und bei der Entwicklung komplexer Geräte oder Systeme. Ab den 1960er Jahren wurden die Modelle auch für die Entwicklung von Software genutzt und dafür weiterentwickelt. Die Methoden ergänzen oder stellen das Projektmanagement und andere Disziplinen und ermöglichen eine strukturierte und systematische Arbeitsweise. In Deutschland beschrieb Erwin Grochla in den 1980er Jahren einen ersten Ansatz für ein modernes Vorgehensmodell.
Das von Erwin Grochla in den 1980er Jahren erarbeitete und zuerst für öffentliche Verwaltungen und Körperschaften des öffentlichen Rechts und deren Beschaffung von Datenverarbeitungsanlagen und von Anwendungsprogrammen (siehe auch Ergänzende Vertragsbedingungen für die Beschaffung von IT-Leistungen) vorgegebene Vorgehensmodell unterschied in straffer Trennung folgende Phasen:
Die Phasen sind im Detail:
In der Softwaretechnik beschreiben Vorgehensmodelle den strukturierten Ablauf zur Entwicklung von Software. Dabei werden viele oben genannte Aspekte berücksichtigt, von der Anforderungsermittlung über den Entwurf und die Implementierung bis hin zu Test der Software, ihrer Einführung und Wartung. Vorgehensmodelle dienen somit dem strukturierten und systematischen Ablauf von Entwicklungsaktivitäten. Seit den 2010er Jahren sind auch die agilen Softwareentwicklungsmethoden populär geworden, welche dem Prinzip folgen, möglichst zügig eine funktionsfähige und auslieferbare Software (Minimum Viable Product, MVP) bereitzustellen, um frühzeitig auf Probleme und möglicherweise sich ändernden Erwartungen von Kunden reagieren zu können. Da es kein universelles Modell für alle Software- und IT-Technologien gibt, muss für den jeweiligen Fall ein Vorgehensmodell zur Entwicklung oder Herstellung von Software ausgewählt werden.