Jacob Taubes war in erster Ehe mit Susan Taubes (1928–1969) verheiratet; sie wurde von Paul Tillich promoviert. Der Ehe entstammen der Sohn Ethan (*1953, später Rechtsanwalt in New York) und die Tochter Tanaquil (*1957, später Ärztin für Psychotherapie in New York). Susan Taubes verfasste den Roman Divorcing, der im Herbst 1969 in den USA in englischer Sprache erschien. Eine Woche nach dem Erscheinen des Romans beging sie am 6. November 1969 Suizid. Das Werk wurde ins Deutsche übersetzt und 1995 unter dem Titel Scheiden tut weh veröffentlicht. Es handelt vom Leben der Autorin und ihrer Ehe mit Taubes. Ihr umfangreicher schriftlicher Nachlass wurde vom Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin erforscht.
In zweiter Ehe war Jacob Taubes mit Margherita von Brentano verheiratet. Ein 2005 posthum veröffentlichter Brief aus dem Jahr 1981 behauptet ein längeres Liebesverhältnis mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.
Taubes litt an einer bipolaren Störung, die häufige Klinikaufenthalte erforderlich machte.
Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Taubes an der FU Berlin wurde im Jahr 1983 der Judaist Peter Schäfer.
Philosophie
Taubes bezeichnete sich selbst als „Erzjude“ und „Pauliner“ zugleich oder auch „Judenchrist“. Charakteristisch für ihn ist ein Denken in polemischer Spannung, in Antinomien. Mit Carl Schmitt traf er sich in der apokalyptischen Überzeugung, das eschatologische Ende der Geschichte eröffne die Möglichkeit einer neuen politischen Praxis. Israel steht für ihn als „Ort der Revolution“, als „unruhiges Element in der Weltgeschichte“, das erst eigentlich einen Geschichtsbegriff erschaffen habe. Wie Nietzsche und Max Weber betont er die weltgeschichtliche Bedeutung Israels als „axiologischen“ Anfang der abendländischen Eschatologie. Gegen Carl Schmitt will Taubes die Perspektive einer Erlösung von der Gebundenheit an diese Welt aufrechterhalten; ohne die notwendige Unterscheidung zwischen weltlich und geistlich sei der Mensch Herrschern und Gewalten ausgeliefert, die in einem „monistischen Kosmos kein Jenseits mehr kennen würden“. Den „Kern des Judentums“ habe Taubes nach dem Holocaust in einem „mit Hilfe von Paulus spiritualisierten Judentum“ gefunden, während etwa Scholem diesen in der Kabbala gefunden habe. „Taubes rekonstruierte das Judentum nicht aus den Quellen der jüdischen Mystik, sondern aus denen der jüdisch-urchristlichen Apokalyptik, die den explosiven Gehalt der Gnosis aufnahm.“
Edition des Briefwechsels
Von 2008 bis 2012 lief am Zentrum für Literaturforschung in Berlin unter Leitung von Martin Treml ein Projekt für die Edition des Briefwechsels von Taubes. Im Januar 2012 wurde ein Band mit dem Briefwechsel zwischen Taubes und Carl Schmitt herausgegeben.
Schriften
Als Verfasser
Studien zur Geschichte und System der abendländischen Eschatologie. Verlag Rösch, Bern (Schweiz) 1947. 62 Seiten. Philosophische Dissertation an der Universität zu Zürich 1947.
Abendländische Eschatologie. 1. Auflage 1947. In der Buchreihe: Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie: Band 3. Francke, Bern 1947.
Abendländische Eschatologie. Mit einem Anhang. 2. Auflage 1991. In der Buchreihe Batterien: Band 45. Matthes & Seitz, München 1991.
Abendländische Eschatologie. Mit einem Anhang. 3. Auflage 2007. Mit einem Nachwort von Martin Treml. In der Buchreihe Batterien: Band 45. Matthes & Seitz, ISBN 3-88221-256-X, (italienische Ausgabe 1997, ungarische 2004, kroatische 2009, französische 2009, englische 2009, spanische 2010, tschechische 2024).
Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung. Merve Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-88396-054-3online (englische Ausgabe: To Carl Schmitt, Letters and Reflections, Columbia University Press 2013).
Vom Kult zur Kultur. Bausteine zu einer Kritik der historischen Vernunft. Gesammelte Aufsätze zur Religions- und Geistesgeschichte. Herausgegeben von Aleida Assmann und Jan Assmann, Wolf-Daniel Hartwich und Winfried Menninghaus. Wilhelm Fink, München 1996, 2. Auflage 2007, ISBN 3-7705-3027-6.
Apokalypse und Politik: Aufsätze, Kritiken und kleinere Schriften, herausgegeben von Herbert Kopp-Oberstebrink und Martin Treml unter Mitarbeit von Theresia Heuer und Anja Schipke, Wilhelm Fink, Paderborn 2017, ISBN 978-3-7705-6056-1.
Als Herausgeber
Religionstheorie und Politische Theologie; 3 Bde., Fink, München und Schöningh, Paderborn:
I: Der Fürst dieser Welt. Carl Schmitt und die Folgen, 1983
II: Gnosis und Politik, 1984
III: Theokratie, 1987
Briefwechsel
Jacob Taubes an Aharon Agus, Berlin, 11. November 1981. Aus einem Non-Lieux des Archivs. Herausgegeben von Sigrid Weigel. In: Trajekte. Zeitschrift des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, Nr. 10/April 2005
Der Preis des Messianismus. Briefe von Jacob Taubes an Gerschom Scholem und andere Materialien. Herausgegeben von Elettra Stimilli. Aus dem Italienischen übersetzt von Astrida Ment. Redaktionelle Mitarbeit an der deutschen Ausgabe Astrida Ment. Mit einem Text von Elettra Stimilli: Der Messianismus als politisches Problem. Königshausen & Neumann, Würzburg 2006
„Creation is always violent“. Susan Taubes an Jacob Taubes, Zürich, 4. April 1952. Herausgegeben von Christina Pareigis. In: Trajekte. Zeitschrift des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, Nr. 15/Oktober 2007.
Susan Taubes. Die Korrespondenz mit Jacob Taubes 1950–1951. Herausgegeben und kommentiert von Christina Pareigis. Fink, Paderborn 2011, ISBN 3-7705-5181-8.
Herbert Kopp-Oberstebrink u.a. (Hrsg.): Briefwechsel Carl Schmitt – Jacob Taubes. Wilhelm Fink, München 2012, ISBN 3-7705-4706-3.
Herbert Kopp-Oberstebrink u.a. (Hrsg.): Hans Blumenberg – Jacob Taubes. Briefwechsel 1961–1981. Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-58591-7.
Krisis. Der Briefwechsel mit Axel Rütters nebst Materielien und Dokumenten, hrsg. v. Herbert Kopp-Oberstebrink, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2023, ISBN 978-3-86393-162-9.
Interview
Taubes im Gespräch mit Florian Rötzer. In: Florian Rötzer (Hrsg.): Denken, das an der Zeit ist. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987
Literatur
Julia Amslinger: Eine neue Form von Akademie. Poetik und Hermeneutik – die Anfänge. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2017, ISBN 978-3-7705-5384-6. (Zugleich Dissertation Humboldt-Universität Berlin, 2013).
Norbert W. Bolz (Hrsg.): Spiegel und Gleichnis. Festschrift für Jacob Taubes. Königshausen & Neumann, Würzburg 1983.
Wolfgang Dreßen: Wir leben noch im Advent – Jacob Taubes und der Preis des Messianismus, Essay im Deutschlandfunk, Dezember 2013 online.
Richard Faber: ad Jacob Taubes. Historischer und politischer Theologe, moderner Gnostiker. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2022, ISBN 978-3-86393-126-1.
Joshua Robert Gold: Jacob Taubes. 'Apocalypse From Below.' In: Telos, 134/Spring 2006, S. 140–156.
Herbert Kopp-Oberstebrink, Hartmut von Sass (Hrsg.): Depeche Mode. Jacob Taubes between Politics, Philosophy, and Religion. Brill, Leiden 2022, ISBN 978-90- 04-50509-4.
deutschsprachige Ausgabe: Professor der Apokalypse. Die vielen Leben des Jacob Taubes. Suhrkamp, Berlin 2022, ISBN 978-3-633-54321-2.
Hauke Ritz: Der Kampf um die Deutung der Neuzeit. Die geschichtsphilosophische Diskussion in Deutschland vom Ersten Weltkrieg bis zum Mauerfall. Fink, München u. Paderborn 2015, ISBN 978-3-7705-5868-1, S. 253–364.
Elettra Stimilli: Jacob Taubes. Sovranità e tempo messianico. Morcelliana, Brescia 2004, ISBN 978-88-372-1991-8.
Ethan Taubes: Prodigal Father.
deutschsprachige Ausgabe: Der verlorene Vater. Erinnerungen an Jacob Taubes. Aus dem Englischen von Herbert Kopp-Oberstebrink. Mit einem Vorwort von Aleida Assmann. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2026, ISBN 978-3-7518-2109-4.
123Henning Ritter: Der Mann, der zuviel wußte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 16 v. 19. Januar 2008, S. Z 1.
↑ Jacob Taubes: Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung. Merve, Berlin 1987, S. 67.
↑In: Trajekte (Zeitschrift des Zentrums für Literaturforschung Berlin). Nr. 10. 5. Jg., April 2005; siehe auch den Pressespiegel im Ingeborg-Bachmann-Forum
↑Richard Faber, Eveline Goodman-Thau, Thomas Macho (Hrsg.): Abendländische Eschatologie. Ad Jacob Taubes. Würzburg 2001, S. 24.
↑Art. Jacob Taubes. In: Metzler-Lexikon jüdischer Philosophen. Philosophisches Denken des Judentums von der Antike bis zur Gegenwart. Metzler, Stuttgart 2003, S. 445–447.
↑Jacob Taubes: Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung. Merve, Berlin 1987.
↑Aleida und Jan Assmann, Wolf-Daniel Hartwich: Einleitung, in: Vom Kult zur Kultur. Bausteine zu einer Kritik der historischen Vernunft. Gesammelte Aufsätze zur Religions- und Geistesgeschichte. Herausgegeben von Aleida Assmann und Jan Assmann, Wolf-Daniel Hartwich und Winfried Menninghaus. Wilhelm Fink, München 1996, 2. Auflage 2007, ISBN 3-7705-3027-6, Seite 13. Rosenzweig dagegen habe den „Kern des Judentums“ in einem „liturgischen Existenzialismus“ und Buber in der chassidischen Bewegung gefunden.
↑eine längere Rezension von Wolfgang Palaver: Die politische Theologie des Paulus. Vorträge, gehalten an der Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg 23.–27. Februar 1987. (...), in: Zeitschrift für katholische Theologie, Vol. 118, No. 2 (1996), pp. 249–252