Jacques Rotter

Jacques Rotter (* 21. November 1878 in Lemberg, Österreich-Ungarn; † 11. April 1972 in Wien; auch Jaques Rotter, Hans Rotter, Jack Rotter, Jakob (Jacques) Lauterstein, Jakob Lautterstein, Stefan Putzi-Plattner, C. Seidl) war ein österreichischer Tenor.

Leben

Rotter wurde am 21. November 1878 als Jakob Lautterstein in Lemberg, Galizien geboren, wuchs aber im ungarischen Sopron auf und ging in Wien zur Schule. Dort, im Chor des Carl-Theaters, begann auch seine Sängerlaufbahn, ehe er auch mit kleineren solistischen Aufgaben betraut wurde. Nach einem Auftritt als lyrischer Tenor, bei dem er großen Erfolg verbuchen konnte, ging er auf Tournée: 1911 sang er in Budapest, 1912 in Dresden.

Der Erste Weltkrieg unterbrach Rotters Künstlerkarriere; er musste einrücken und konnte erst nach Ableisten des Militärdienstes seinen Weg als Unterhaltungssänger fortsetzen.

Nach Engagements an verschiedenen Häusern holte ihn 1922 Samuel Schöngut an sein “Etablissement Ronacher”, ein großes Wiener Varietétheater. 1924 sang er in der Mary-Bar, Wien 1, Johannesgasse 37. 1928 gastierte 'der beliebte Wiener Liedersänger' zusammen mit der Soubrette Charlotte Waldow im Café Sachergarten, Helenental.

Daneben versuchte er sich mit Erfolg auch selbst als Unternehmer in der Gastronomie: Er eröffnete ein Lokal in der Elisabethstraße 4 in Wien, welches er bis 1929 betrieb. In diesem Jahre eröffnete er seine „Rotter Opern-Bar“ in der Goldschmiedgasse 7, die zu einem Treffpunkt der Künstler-Prominenz in Wien werden sollte. Von Robert Stolz über Richard Tauber bis zu Joséphine Baker verkehrten sie alle in der exklusiven Vergnügungsstätte, wo der Chéf selbst sang.

Nach dem Einmarsch der Hitlertruppen in Österreich 1938 floh Rotter vor der nun verstärkt einsetzenden Verfolgung politisch und rassisch Unerwünschter nach Paris. Gemeinsam mit ebenfalls geflohenen Kollegen wie Oskar Karlweis und Karl Farkas trat er dort im Kabarett des Nobelrestaurants “L’Impératrice” auf, das ebenfalls zu einem Künstlertreff geriet, diesmal aber für die aus Österreich und dem “Reich” nach Frankreich geflohenen Emigranten. Am 10. Januar 1943 wurde er in Lyon von der Gestapo festgenommen und bis zum 18. Januar in Haft gehalten. Vom 19. Januar bis zum 15. November 1943 war er in einem Arbeitslager bei Lyon gefangen. Erst am 16. November konnte er zusammen mit einem Kameraden fliehen.

Die Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht überlebte er, untergetaucht, in Verstecken. Nach zwei Monaten gelang es ihm, mit gefälschten Papieren, wieder zurück nach Paris zu gehen, wo er die Befreiung abwartete. Erst im Frühjahr 1946 konnte er nach Wien heimkehren.

Dort übernahm er wieder sein Lokal, das von seiner Frau und seiner Tochter weitergeführt worden war. Zu seinen Gästen zählten jetzt statt der Wiener Operetten-Prominenz aber amerikanische, britische, französische und russische Offiziere. Doch werden nun seine Gesangsauftritte immer seltener.

Aus dem Schaugeschäft zieht sich Rotter aus Altersgründen allmählich zurück. Er stirbt am 11. April 1972 in Wien.

Werk

Jacques Rotter genoss in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts große Popularität im deutschen Sprachraum. Dieses lag in seiner Vielseitigkeit begründet, denn er sang gleichermaßen leichte klassische Gesangsstücke, Lieder aus Operette und Kabarett, folkloristische Musik ebenso wie Wiener Lieder und aktuelle Tagesschlager.

Beim Schlager wie beim Kabarettlied konnte er auf erstrangige Textdichter zurückgreifen: Fritz Loewy/Loehner alias Beda, Peter Herz, Hermann Leopoldi, Arthur Rebner, Willy Rosen, Fritz Rotter und Theodor Waldau alias Wauwau.

Eine besondere Spezialität Rotters waren seine erotischen Chansons, in denen er, nur mit Klavier oder Klavier und Violine begleitet, einen ganz eigenen, intimen Ton traf.

Die aufstrebende Schallplattenindustrie konnte einen so vielseitigen Sänger natürlich gut gebrauchen, weshalb sich Rotter zu einem der meistbeschäftigten und erfolgreichsten Künstler dieses neuen Mediums in Österreich entwickelte. Bereits 1912 wagte er sich neben seinem herkömmlichen europäisch geprägten Repertoire auch an neue, amerikanische Musikformen und sang z. B. Ragtime-Songs wie Max Hoffmanns „Zamona“ auf die Grammophonplatte.

Rotter war dabei vertraglich wohl an keine bestimmte Firma gebunden. So sind 78rpm-Schellack-Aufnahmen von ihm auf den unterschiedlichsten Labels überliefert: auf Favorite, Zonophone und Columbia bis etwa Mitte der 1920er Jahre, dann bei der Gramophone/HMV und ihren deutschen bzw. österreichischen Tochterfirmen Electrola und Gramola, bei Ultraphon sowie bei den Lindström-Marken Odeon und Parlophon/Beka. Auch auf kleineren Marken wie der österreichischen Flexibelplatte Novaphon war er noch nach 1930 zu hören. Pressungen von HMV-Matrizen auf amerikanischen „Victor“-Platten trugen seinen Ruhm sogar nach Übersee.

Wenn ihn nicht Anton Zilzer solo am Klavier oder, zusammen mit Dol Dauber, Violine, oder Isy Geiger, Violine begleitete, trat Rotter mit nahezu allen zu seiner Zeit in Österreich und Deutschland namhaften Orchestern auf: belegt sind Einspielungen mit dem Orchester Erwin Buchbinder bei Odeon, mit Dol Dauber und seinem Jazz- und Tanz-Orchester auf HMV, mit Paul Godwin und seinen Jazz-Sinfonikern und dem Jazz-Orchester Ernst Holzer auf Polydor, mit dem „Polydor“ Salon-Orchester, mit Ilja Livschakoff und seinem Orchester, ebenfalls bei Polydor, und dem Orchester Frank Fox bei Columbia.

Aus seinem Leben ist indes trotz seiner früheren Popularität heute nur verhältnismäßig wenig bekannt.

Tondokumente (Auswahl)

als Jacques Rotter:

CHARM nennt 8 Titel von Rotter/Zilzer, DISMARC 55 Titel

als Hans Rotter:

als „C. Seidl, Wiener Liedersänger“ auf Zonophone vor 1914:

DISMARC nennt 4 Titel für C. Seidl.

als “Stefan Putz(i)-Plattner” auf Favorite nach 1918:

DISMARC nennt 7 Titel für Stefan Putzi-Plattner.

Wiederveröffentlichungen

auf CD

online

andere Quellen:

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ so LexM Hamburg
  2. ↑ bei DISMARC werden 7 Titel für genannt, bei CHARMS 12 Titel für 1907; es entsteht der Eindruck, Rotter habe für Aufnahmen bei Favorite und Columbia den Übernamen „Putzi-Plattner“ verwendet, bei Zonophone das Pseudonym „C. Seidl“ mit dem Epitheton „Wiener Liedersänger“. Auch die Diskographie der österreichischen Populärmusik (PDF; 1 MB), gibt an: „Stefan Plattner (pseudonym = Jacques Rotter)“ und „gesungen von Stefan Putzi-Plattner“, vgl. Seite 134, und „Stefan Putz“, Seite 135.
  3. 1 2 3 so Berthold Leimbach: Tondokumente der Kleinkunst und ihre Interpreten 1895–1945. Göttingen, im Selbstverlag, 1991
  4. ↑ es sind von ihm aber auf österr. Columbia Aufnahmen „patriotischer“ Lieder überliefert: Mariankas Feldpostbrief. Columbia D-7490 (68 424) / Im U-Boot (Petrie & Martell) Columbia D-7500 (68 422), den Autoren nach zu schließen wohl eine Contrafaktur aus der Zeit des Ersten Weltkrieges zu dem beliebten Liede „Seemanns Los“ („Stürmisch die Nacht und die See geht hoch...“) von Henry W. Petrie mit dem Text von Adolf Martell (Text bei ), eine Postkarten-Serie zu dem Liede in der Sammlung Giesbrecht, Osnabrück u. / Hände weg vom deutschen Land. Columbia D-7553 (68 535) / Die Wacht an der Adria (P. Wenrich, dt. Text: A. Rebner) Columbia D-7537 (68 507) Das ist der amerikanische Schlager “Moonlight Bay” von Percy Wenrich, dessen deutscher Text von Arthur Rebner -zeitgemäss- wohl auf „Die Wacht am Rhein“ anspielt.
  5. ↑ vgl. Annonce in der “Stunde” vom 4. September 1924, S. 4, zit. nach Kraus, Originale S. 23
  6. ↑ vgl. Annonce in der Badener Zeitung Nr. 58 vom 21. Juli 1928, Seite 3: „Ein Abend bei Jacques Rotter. Dienstag den 24.d.M. tritt der beliebte Wiener Liedersänger Jacques Rotter und Charlotte Waldow [sic] im Café Sachergarten, Helenental, auf.“ (zit. nach: ÖNB Anno Histor. Österr. Zeitungen und Zeitschriften)
  7. ↑ vgl. Merighi 2004, S. 70, “Im Kaiserstöckl spielte die Jazzband Harry Kopfstein, in der Opern-Bar sang Jacques Rotter”. und Fritz/Kretschmer, Musikgeschichte S. 349
  8. ↑ vgl. Andreas Sperlich: Vienne à Paris, Programmheft 2006, und Clemens Drössler 2008, Seite 63.
  9. ↑ Angaben von Rotter selbst, gemacht 1946 in einem Antragsschreiben an den KZ-Verband Wien, vgl. Cullin/Driessen Gruber: Douce France, S. 27.
  10. ↑ vgl. Mehr_wissen_info und LexM Hamburg
  11. ↑ vgl. Duette mit Rosl Wagschal auf Odeon A 44 816/17 aus „Gräfin Mariza“ (Kálmàn) und seine Solovorträge mit Zigeunerkapelle auf Odeon O-1144 (A 44 806) (Ve 1143) Komm Zigány! Lied, und Odeon A 44 807 (Ve 1144) Grüß mir mein Wien! Lied, beide aus der Operette „Gräfin Mariza“ (Kálmán)
  12. ↑ unnachahmlich seine Interpretationen jüdischer Couplets wie „Der Bobby Cohn is' kein Verkehr für dich“ auf Odeon A 44 823 (Ve 1182) oder „Gut, gut, gut !“ auf A 44 809 (Ve 1167), wo er unvermutet an einer Stelle den Kehrreim in „Jud, Jud, Jud !“ abwandelt.
  13. ↑ berühmt geworden ist sein Duett mit der Wiener Volkssängerin Maly Nagl, recte Amalie Wolfsecker (1893–1977), vgl. Archivlink (Memento des Originals vom 3. Dezember 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. „Auf der Lahmagruab'n da steht an altes Haus...“ von Heinrich Strecker, aufgenommen 1924 auf Columbia D-7952 (H 307)
  14. ↑ vgl. die Aufnahmen auf HMV A.M.1613 “Ein armes Mädi” und “Eine kleine Liebelei”, auf A.M.1563 “Wenn ich Dich mein eigen nennen könnte” oder auf HMV 942 885 “Ich hätte dich so gerne noch einmal geseh’n”, wo Dol Dauber sein Violin-Solo beisteuert, um die Wirkung noch zu vertiefen.
  15. ↑ vgl. Hirschenberger 2006 Der Tenor Jacques Rotter (*Lemberg 1878; † Wien 1972) war zweifellos einer der populärsten österreichischen Gesangsstars auf frühen Schallplatten. In seinem Repertoire findet sich so ziemlich alles, was singbar war: Tagesschlager ebenso wie leichte klassische Gesangsstücke, Balladen, Wiener Lieder, Operette, Folkloristisches. Die Anzahl seiner Aufnahmen ist nahezu unüberschaubar.
  16. ↑ vgl. Simon Géza Gábor & Wolfgang Hirschenberger: Ragtime-Diskographie zu “Hühnertanz” (= Die Liebeslaube, von Karl Hoschna) und „Bärentanz“ (= Alexander's Ragtime Band, von Irving Berlin), Duett mit Lotti Zalden, vor Dezember 1912
  17. ↑ vgl. Diskographie der österreichischen Populärmusik Seite 142: »Favorite 1-25 049, Wien, vor März 1912« und Hirschenberger 2006: Seine Darbietung des 1912-er Hits „Zamona“ ist nicht nur ein Beispiel für einen frühen deutschsprachig gesungenen Rag-Song. Die Aufnahme schlachtet so ziemlich alles aus, was die modischen Klischees der Zeit offenbar hervorragend bediente … Rotters unverwechselbares Gesangspathos ertönt hier in schönstem Einklang mit den romantisierenden Textzeilen dieses Saisonschlagers: »Weit von hier, fern im Tropenland, unter Palmenbäumen dort am Strand, wo von Kultur noch nichts bekannt, lebte einst ein Mägdlein zart … weißer Mann war ihr so neu … « etc. etc. Songs wie „Zamona“ verleiten heute in bestimmter Weise dazu, eine Art mitteleuropäisches Pendant zu den US-amerikanischen Coon-Songs zu erkennen, auch wenn solche Gegenüberstellungen immer mit einiger Vorsicht erfolgen sollten.
  18. ↑ z. B. Victor 79 486 A (von HMV-Matrize Bw-656) Ich bin verliebt in Dich, mein Wien / Jacques Rotter 12/17/1926, Rückseite Victor 79 486 B (von HMV-Matrize Bw-664) Heimweh / Jacques Rotter 12/18/1926. Release Date: 10/1927
  19. ↑ vgl. HMV AM 1563 „Gnädige Frau, Sie müssen mir gestatten“ von Pordes-Milo und Brammer, oder Odeon A 44 809 „Gut, gut, gut !“ von Oscar Steiner
  20. ↑ so bei HMV AM 1256 „Ich hätte dich so gerne noch einmal geseh'n“ von Willy Engelberger und Wilhelm Sterk
  21. ↑ Isidor 'Isy' Geiger, Violinist (* 20. November 1886 Jaroslaw (Polen) – † 2. Februar 1977 London) vgl. Bosworth Verlag , Orpheus Trust: Musikschaffende und Brian Reynolds (englisch), z. B. auf Odeon A 44 828 (Ve 1187) „Drausst im Wienerwald, drob'n am Hameau“: Jacques Rotter, am Klavier Anton Zilzer, Violine Isy Geiger, Wien.
  22. ↑ vgl. entry 18. Oktober 2010 Paul Godwin With Jacques Rotter - Der Onkel Eduard Aus Bentschen (Memento des Originals vom 23. Oktober 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., wo genannt werden: Erwin Buchbinder on Odeon, Dol Dauber Jazz band on HMV, Paul Godwin and Ernst Holzer on Polydor, Polydor Salon Orchester, Ilja Livschakoff also on Polydor, Frank Fox on Columbia. He also recorded as Stefan Plattner …
  23. ↑ Rotter/Zikzer bei CHARM
  24. ↑ Rotter bei CHARM
  25. ↑ Diese Ausstattungsrevue von Ernst Marischka mit der Musik von Ralph Benatzky und dem Libretto von Karl Fárkás und Fritz Grünbaum hatte am 10. Oktober 1926 im Neuen Wiener Stadttheater Premiére, vgl. A. Sperlich, Vienne à Paris, Programmheft, und Wiener Bürgertheater. Beinahe wie ein bitterer Scherz muss es anmuten, dass Karl Farkas der Revue, die er mit Mithäftlingen im französischen Internierungslager Meslay du Maine zur Jahreswende 1939/40 zur Aufführung brachte, den Namen “Meslay lacht wieder” gab; vgl. Bolbecher/Kaiser S. 181 ff., und .
  26. ↑ Seidl bei DISMARC
  27. ↑ Jacques Rotter: Der Geiger der Aristokraten. In: Neues Wiener Journal, Nr. 14.575 (XLII. Jahrgang), 20. Juni 1934, S. 6, Spalten 1–3. (online bei ANNO).
  28. ↑ Putzi-Plattner bei DISMARC
Personendaten
NAME Rotter, Jacques
KURZBESCHREIBUNG österreichischer Tenor
GEBURTSDATUM 21. November 1878
GEBURTSORT Lemberg
STERBEDATUM 11. April 1972
STERBEORT Wien