Die Karnevalswagen aus der Werkstatt von Jacques Tilly zeichnen sich durch eine besonders bissig-satirische Art aus, die vor allem aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen thematisiert. Diese Karnevalswagen haben dem Düsseldorfer Rosenmontagszug eine verstärkte bundesweite und internationale Aufmerksamkeit verschafft. Viele seiner Wagen und Entwürfe haben lautstarke Proteste hervorgerufen.
Auflistung einiger umstrittener Motivwagen:
1994 ein nackter Kanzler Kohl: Nachdem ein Bonner CDU-Anwalt mit einstweiliger Verfügung gedroht hatte, musste eine Figur umgebaut werden, die den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl als nackten Indianerhäuptling darstellte.
1996 Kruzifixwagen: Eine bundesweite Protestwelle stoppte den Weiterbau eines politischen Wagens, der die Reaktion bayerischer Politiker auf den Kruzifix-Beschluss aufs Korn nahm.
1997 Busenkrieg: Als auf einem Wagen das vom Kölner Dachverband der Karnevalisten ausgesprochene „Busenverbot“ im Karneval verspottet wurde, kam es zum „Busenkrieg“ zwischen Köln und Düsseldorf.
2000 Stichwahl in Düsseldorf: Ein Wagen, der die in einer Stichwahl unterlegene Düsseldorfer SPD-Oberbürgermeisterin Marlies Smeets ins Bild setzte, konnte nach Protesten nicht realisiert werden. Seit diesem Vorfall hält Tilly unter Inanspruchnahme der Narrenfreiheit alle politischen Wagen Düsseldorfs bis zum Rosenmontagszug geheim, manche werden erst in den letzten Stunden vor dem Zug fertiggestellt.
2009 Skinhead Rüttgers: Ein Wagen, auf dem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als Skinhead das Cello des Musikers Thomas Beckmann zerstört, kritisierte die Streichung von Geldern für Beckmanns Obdachlosenhilfe. Dies führte direkt zur Rücknahme der Streichung der Obdachlosenhilfe.
2009 Papst-Wagen: Kardinal Meisner kritisierte den Wagen, auf dem Papst Benedikt XVI. dem mit „Antisemitismus“ beschrifteten Teufel in der Gestalt von Richard Williamson die Hand schüttelte: „Es ist mir ein Anliegen, dies nicht unwidersprochen zu lassen. Die Darstellung ist nicht nur falsch, sie ist auch verletzend.“
2015 Charlie-Hebdo-Wagen: Die Düsseldorfer Karnevalisten ließen, im Gegensatz zu vorsichtigeren anderen Städten, gleich vier Wagen von Jacques Tilly zum islamistischen Terror fahren, um die Narrenfreiheit zu verteidigen. So wurde über den Rosenmontagszug auch in den Fernsehnachrichten von ARD und ZDF besonders als politisches Ereignis und nicht nur als Brauchtum berichtet.
2016 Jarosław-Kaczyński-Wagen, auf dem dieser, in Militäruniform, den Fuß auf den Kopf einer vor ihm niederknienden Polin stellte. Neben ihm stand dabei ein Radio mit der Beschriftung Radio Maryja.
2023 entstand ein Wagen, auf dem ein als Indianer verkleideter Karnevalist, ein Ureinwohner Amerikas sowie ein bunter Papagei zu sehen waren. Der Vogel zeigte auf den Indianer mit Vogelfederschmuck und dieser wiederum auf den biertrinkenden Weißen mit Indianerfederschmuck. Auf beiden Sprechblasen stand: „Das ist kulturelle Aneignung!“
Tilly gibt Kurse, in denen der Karnevalswagenkünstler die Anfertigung von Großplastiken schult.
Sein Team übernimmt in der karnevalsfreien Zeit auch Auftragsarbeiten. Mit den Großplastiken, wie zum Weltjugendtag Köln 2005, zum G20-Gipfel in Hamburg 2017 oder zum Brexit, beziehen der Künstler und sein Team immer wieder Stellung zu politischen und weltanschaulichen Fragen.
Auflistung einiger nennenswerter Großplastiken:
Anlässlich der Schließung der Galeria-Karstadt-Kaufhof-Filiale in der Straße Am Wehrhahn in Düsseldorf (2020) installierte Tilly für eine ver.di-Protestveranstaltung eine drei Meter hohe Plastik von René Benko. Mitarbeiter durften mit Boxhandschuhen darauf einschlagen, bis die Skulptur auseinanderfiel.
2022 entstand ein Wagen, mit dem nach der Flutkatastrophe im Ahrtal für die Unterstützung der Opfer geworben wurde. Drei Affen symbolisierten die Untätigkeit von Politik, Bürokratie und Versicherungen.
Neben den politischen Wagen bauen Tilly und sein Team jährlich dutzende Prunk- und Werbewagen für Städte wie Aachen, Düsseldorf, Hilden, Krefeld und Ratingen. Außerdem entstehen in seiner Werkstatt karnevalistische Bühnendekorationen, so für die Fernsehsitzung (Düsseldorf Helau) des Düsseldorfer Karnevals.
Russischer Strafprozess
Tillys Putin-Karikatur von 2022
Ende 2025 wurde gegen Tilly in Russland ein Strafverfahren eingeleitet, und im Februar 2026 begann in Moskau das Gerichtsverfahren: Tilly wurde die Verunglimpfung von Staatsorganen – einschließlich der Armee und des Präsidenten – vorgeworfen. Präsident Wladimir Putin war im Lauf der Jahre auf elf Wagen in den Düsseldorfer Rosenmontagszügen karikiert worden. So hatte 2025 ein Wagen die Aufschrift „Hitler-Stalin-Pakt 2.0“: Putin und US-Präsident Donald Trump geben sich die Hände und zerquetschen dazwischen den ukrainischen Staatschef Selenskyj.
Tilly kündigte an, seine russlandkritische Arbeit fortzusetzen: Der Despot werde 2026 erst recht als Motiv auftauchen. Er wolle aber als Reaktion auf das Verfahren keine „besonders extremen“ Wagen machen, sondern „gute politische Satire, so wie immer“. Er verstehe die Anklage als Ermutigung, dass seine Arbeit denjenigen weh tue, die gemeint seien. Er bezeichnete Rosenmontag für sich als „normalen, wenn auch sehr harten Arbeitstag“ und verwies darauf, dass ihn das Verfahren über Aschermittwoch hinaus beschäftigen werde.
In Mainz und Köln verzichteten die Organisatoren 2026 hingegen auf neue Putin-kritische Motivwagen und verwiesen auf bisherige Solidaritätsbekundungen bzw. auf Vermeidung von Wiederholungen. In Mainz wurden stattdessen Bundeskanzler Merz, Bayerns Ministerpräsident Söder und Donald Trump satirisch thematisiert. Mehrere Politiker, so Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst, riefen zur Solidarität mit Tilly auf. Dazu äußerte sich NRW-EuropaministerNathanael Liminski so: „Wir wussten […], dass Putin ein Kriegstreiber und Diktator ist.“ Mit dem „Scheinprozess“ zeige er, dass er „eine ziemliche Mimose ist und nicht einmal einen guten Witz über sich selbst aushalten kann“.
Am 2. April 2026 verurteilte ein Moskauer Gericht Tilly in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von achteinhalb Jahren und einer Geldstrafe von 200.000 Rubel (rund 2200 Euro). Ein Moskauer Berufungsgericht bestätigte am 9. Juni 2026 das Urteil. Gegenüber dpa erklärte Tilly: „Damit ist der Fall abgeschlossen. Ich sehe keinen Anlass, diesen absurden Schauprozess zu verlängern. Das Urteil ist ohnehin eine Farce. Es wird unsere satirische Arbeit im Karneval nicht beeinflussen. Wir machen weiter wie bisher.“
Auszeichnungen
2008: Verleihung der Klinzingplakette
2013: Verleihung der Leo-Statz-Plakette
2013: Verleihung des Düsseldorfer des Jahres in der Rubrik Kultur
2016: Verleihung des Jan-Wellem-Rings der Stadt Düsseldorf
2017: Menschenrechtspreis von Amnesty International
2019: Preis für Zivilcourage durch den Heinrich-Heine-Kreis
2019: Preis für bildende Künstler durch die Düsseldorfer Jonges
2020: Verleihung des Rheinlandtalers durch den Landschaftsverband Rheinland
Jochen-Martin Gutsch:Der Zugphilosoph: Ortstermin: Wie in Düsseldorf Politik zur Rosenmontagsware wird. In: Der Spiegel. Nr.8, 2007, S.69 (online–17.Februar 2007).
↑Ronja Wirts:Politik beim Karneval: „Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Satiriker“. In: Die Zeit. 3.März 2025, ISSN0044-2070 (zeit.de[abgerufen am 4.April 2026]).
↑Rosenmontag nun doch mit „Charlie Hebdo“: Karneval im Rheinland: „Satire kann man nicht töten“. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN1865-2263 (tagesspiegel.de[abgerufen am 26.Februar 2024]).
↑ Polska pod butem Kaczyńskiego na niemieckiej paradzie. In: TVN24.pl. (tvn24.pl[abgerufen am 4.April 2026]).
↑„Erstick dran!!!“: Gieriger Putin vom Düsseldorfer Karneval vor Brandenburger Tor. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN1865-2263 (tagesspiegel.de[abgerufen am 4.April 2026]).
↑Rosenmontag: Jacques Tilly reagiert mit neuem Putin-Wagen auf Moskauer Prozess. In: Der Spiegel. 16.Februar 2026, ISSN2195-1349 (spiegel.de[abgerufen am 4.April 2026]).