Ngũgĩ wa Thiong’o

Ngũgĩ wa Thiong’o (2012)

Ngũgĩ wa Thiong’o (Aussprache auf Kikuyu: ᵑɡoɣe wá ðiɔŋɔ, * 5. Januar 1938 in Kamiriithu, Limuru, Kenia; † 28. Mai 2025 in Buford, Georgia, Vereinigte Staaten) war ein kenianischer Schriftsteller und Kulturwissenschaftler. Er schrieb zunächst auf Englisch, seit 1977 aber in seiner Erstsprache Kikuyu, die vom gleichnamigen Volk gesprochen wird. Ngũgĩ galt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Ostafrikas. Sein literarisches Werk, das rund sechs Jahrzehnte umspannt, dokumentierte vor allem Kenias Wandel von einer Kolonie zu einer Demokratie. Ngũgĩ lehrte Vergleichende Literaturwissenschaft unter anderem an der Yale University, an der New York University und an der University of California, Irvine.

Leben

Jugend und Studium

Ngũgĩs Familie wurde wegen des Mau-Mau-Aufstands gefangen genommen, sein Stiefbruder starb und seine Mutter wurde gefoltert. Sein Bruder Gitogo wurde während des Mau-Mau-Aufstands von einem britischen Soldaten erschossen, weil er einen Befehl nicht gehört hatte – Gitogo war taub. Als er die englischsprachige Missionsschule Alliance High School im Ort Kikuyu besuchte, wurde er ein gläubiger Christ. Danach studierte er an der Makerere-Universität in Uganda und an der University of Leeds im Vereinigten Königreich. Während einer Konferenz an der Makerere-Universität hatte er sein Manuskript dem nigerianischen Autor Chinua Achebe gezeigt, der es an seinen britischen Verlag weiterleitete. Dort veröffentlichte er 1964 seinen ersten Roman Weep Not, Child, der von einem Jungen vor dem Hintergrund des Mau-Mau-Aufstands handelt. Es handelte sich dabei um den ersten englischsprachigen Roman eines Afrikaners, der in Ostafrika erschien und ein wichtiger Bestandteil des antikolonialen Widerstands wurde.

Lehrtätigkeiten

Ngũgĩ unterrichtete an der Universität Nairobi am Fachbereich für Englisch, an der Yale University, an der University of Massachusetts Amherst, an der New York University und war darüber hinaus Professor der vergleichenden Literaturwissenschaft an der University of California, Irvine. 1989 erhielt er eine Professur in den Vereinigten Staaten, nachdem er auch als Gastprofessor in Bayreuth und als Filmstudent in Stockholm tätig gewesen war. Nach jahrzehntelangem Exil kehrte er 2004 erstmals wieder nach Kenia zurück, wo ihm tausende Menschen einen enthusiastischen Empfang bereiteten.

Standpunkte und politische Verfolgung

Der Autor verstand sich als antikolonialer Schriftsteller. Vor diesem Hintergrund publizierte er seit 1978 in seiner Muttersprache, dem Kikuyu (auch Gikuyu genannt). Alle Werke wurden ins Englische und in zahlreiche andere Sprachen übersetzt. Populär machten ihn nicht nur die aufklärerischen Themen, sondern auch sein Widerstand gegen die britische Kolonialpolitik und die spätere postkoloniale Herrschaft der Regierung von Daniel arap Moi sowie sein Bezug auf traditionelle afrikanische Theater- und Erzählkunst. Ngũgĩ verstand Englisch als Mittel und Ausdruck eines anhaltenden politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und linguistischen Kolonialismus und Imperialismus. Sein radikales Konzept der „Dekolonisierung des Denkens“ forderte die Befreiung von kolonialer Sprache und Leitkultur, die Afrikaner auch nach der Unabhängigkeit innerlich unterdrückten.

In seinen kulturkritischen Essay-Sammelbänden Decolonising the Mind und Moving the Centre findet sich eine Auswahl von Vorträgen und Artikeln, die grundlegend seine postkoloniale Kritik und seine kulturwissenschaftlichen Thesen verdeutlichen:

„I believe that my writing in Gikuyu language, a Kenyan language, an African language, is part and parcel of the anti-imperialist struggles of Kenyan and African peoples. In schools and universities our Kenyan languages – that is the languages of the many nationalities which make up Kenya – were associated with negative qualities of backwardness, underdevelopment, humiliation and punishment. We who went through that school system were meant to graduate with a hatred of the people and the culture and the values of the language of our daily humilation and punishment. I do not want to see Kenyan children growing up in that imperialist-imposed tradition of contempt for the tools of communication developed by their communities and their history. I want them to transcend colonial alienation.“

– Ngũgĩ wa Thiong’o: Decolonising the Mind. The Politics of Language in African Literature. London 1986, S. 32.

(deutsch)

„Ich glaube, dass mein Schreiben in der Kikuyu-Sprache, einer kenyanischen Sprache, einer afrikanischen Sprache, fester Bestandteil des antiimperialistischen Kampfes der Völker Kenyas und Afrikas ist. In Schulen und Universitäten wurden unsere Sprachen – die vielen Sprachen, die das Wesen Kenyas ausmachen – mit negativen Eigenschaften von Rückständigkeit, Unterentwicklung, Demütigung und Bestrafung besetzt. Von uns, die wir dieses Schulsystem durchlaufen haben, wurde erwartet, dass wir bei unserem Studienabschluss mit Hass auf diese Menschen und ihre Kultur blicken, dass wir die Kultur und die Werte unserer täglichen Erniedrigung und Züchtigung verinnerlicht haben würden. Ich will nicht zusehen müssen, wie kenyanische Kinder mit dieser vom Imperialismus aufgezwungenen Tradition der Verachtung der Kommunikationswerkzeuge aufwachsen, die ihre Gemeinschaft und ihre Geschichte entwickelt hat. Ich will, dass sie die koloniale Entfremdung überwinden.“

Das Theaterstück Ich heirate dich, wann ich will (Ngaahika Ndeenda) war Anlass für das Regime unter Präsident Jomo Kenyatta, ihn 1977 zu foltern und im Kamithi-Hochsicherheitsgefängnis in Nairobi ohne Prozess zu inhaftieren. Seine Bücher und Theaterstücke wurden von der Moi-Regierung verboten. Im Jahr 1982, während eines Aufenthalts in London, erfuhr Ngũgĩ, dass bei einer Rückkehr nach Kenia ein Anschlag auf sein Leben geplant war, woraufhin er in ein freiwilliges Exil ging, das 22 Jahre dauerte. Nur mit Schwierigkeiten fand er Anfang der 1980er Jahre in England politisches Asyl. 2004 besuchte er nach dem Regierungswechsel zur „Regenbogenkoalition“ unter Präsident Mwai Kibaki erstmals wieder Kenia, reiste aber nach einem Überfall mit unbekannter Täterschaft in seinem Apartment auf sich und seine Frau, die vergewaltigt wurde, wieder zurück in die Vereinigten Staaten. Ngũgĩ bezeichnete diesen Angriff als politisch motiviert.

Lebensabend, Tod und Nachkommen

Später in seinem Leben kämpfte Ngũgĩ mit gesundheitlichen Problemen; er überlebte Prostatakrebs, unterzog sich 2019 einer dreifachen Herzbypass-Operation und litt zuletzt an Nierenversagen. 2025 starb er im Alter von 87 Jahren. Er hinterließ zehn Kinder, darunter die Schriftsteller Mũkoma wa Ngũgĩ, Wanjikũ wa Ngũgĩ, Ndũcũ wa Ngũgĩ und Tee Ngũgĩ.

Werk

Romane

Sein Roman Weep Not, Child wurde 1964 veröffentlicht und machte ihn weltweit bekannt. In den frühen 1970er Jahren galt Ngũgĩ bereits als einer der herausragenden zeitgenössischen Autoren Afrikas. Es folgten The River Between (1965), A Grain of Wheat (1967) und Petals of Blood (1977). Devil on the Cross (1980) schrieb er während seiner Gefangenschaft auf Toilettenpapier. Es wurde sein erster Roman auf Kikuyu. Die folgenden zwei Romane, Matigari (1986) und Wizard of the Crow (2006), wurden ebenfalls zuerst auf Kikuyu geschrieben. Seine späteren Werke fanden außerhalb Kenias trotz Übersetzung ins Englische wenig Resonanz, obwohl ihm viele Kritiker den Literaturnobelpreis zugedacht hatten.

Werke in Übersetzung

Auszeichnungen

Literatur

Commons: Ngũgĩ wa Thiong’o – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 Kenianischer Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o ist tot. In: Die Zeit. 29. Mai 2025, abgerufen am 29. Mai 2025.
  2. 1 2 Rezension von Birgit Koß im Deutschlandradio Kultur vom 1. März 2012: Unverbrüchlicher Glaube an die Kraft der Menschen.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 Ngũgĩ wa Thiong'o - a giant of African literature - dies aged 87. 28. Mai 2025, abgerufen am 30. Mai 2025 (britisches Englisch).
  4. 1 2 3 4 Dominic Johnson: Tod von Schriftsteller Ngugi wa Thiong’o: Der Säer von Worten. In: Die Tageszeitung: taz. 29. Mai 2025, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 30. Mai 2025]).
  5. 1 2 Christian Mair: English Linguistics – An Introduction. 3. Auflage. Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2015, ISBN 978-3-8233-6956-1, S. 233 f.
  6. ↑ Andreas Platthaus: Zum Tod des kenianischen Autors Ngũgĩ wa Thiong'o / „Der Herr der Krähen“ ist ein Epos, wie es die Literatur nur selten hervorbringt. Seitdem galt der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong'o als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Man hat ihn zu lange darauf warten lassen. In: faz.net. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Mai 2025, abgerufen am 29. Mai 2025.
  7. ↑ Honorary Members: Ngũgĩ wa Thiong’o. American Academy of Arts and Letters, abgerufen am 26. März 2019.
  8. ↑ Ehrendoktorwürde der Universität Bayreuth für Professor Ngũgĩ wa Thiong’o. Pressemeldung vom 23. April 2014 beim Informationsdienst Wissenschaft (idw-online.de).
  9. ↑ Yale awards honorary degrees to eight individuals for their achievements. In: Yale News. Yale University, Mai 2017, abgerufen am 22. Mai 2017.
  10. ↑ Ngũgĩ wa Thiong’o erhält den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2019. In: Stadt Osnabrück. 22. Mai 2019, archiviert vom Original am 12. Juni 2021; abgerufen am 29. Mai 2025.
Personendaten
NAME Thiong’o, Ngũgĩ wa
ALTERNATIVNAMEN Ngugi wa Thiong’o
KURZBESCHREIBUNG kenianischer Schriftsteller und Kulturwissenschaftler
GEBURTSDATUM 5. Januar 1938
GEBURTSORT Kamiriithu, Limuru, Kenia
STERBEDATUM 28. Mai 2025
STERBEORT Buford, Georgia, Vereinigte Staaten