Jan Neruda

Jan Neruda

Jan (Nepomuk) Neruda (* 9. Juli 1834 in Prag, Kaisertum Österreich; † 22. August 1891 ebenda) war ein böhmischer Journalist und Schriftsteller.

Leben

Geboren wurde Neruda auf der Prager Kleinseite in der steil ansteigenden Spornergasse Nr. 233 in dem Haus zu den zwei Sonnen als Sohn eines Kleinhändlers. Seine Mutter Barbora Nerudová (1795–1869) war die langjährige Haushälterin des Geologen Joachim Barrande. Die Spornergasse wurde später nach ihm in Nerudova ulice umbenannt. Dort verbrachte Jan Neruda mit Unterbrechungen fast sein gesamtes Leben. Obwohl aus einfachen Verhältnissen stammend, absolvierte er ab 1845 zunächst das Kleinseitner Gymnasium und wechselte 1850 in das Clementinum, ein akademisches Gymnasium, und studierte einige Semester auf Wunsch des Vaters an der juristischen und später an philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag, arbeitete vorübergehend als Lehrer und bei Tageszeitungen. Ab 1856 war er Mitarbeiter des deutschsprachigen Tagesboten aus Böhmen, ab 1865 bis 1891 Redakteur der bedeutenden liberalen tschechischen Zeitung Národní listy, später bei Bilder der Heimat (Obrazy domova) und der Zeit (Čas). Er war Mitbegründer der literarischen Zeitschriften Květy und Lumír und der Lyrikreihe Poetické besedy. Seit Ende der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts stand er im Zentrum des tschechischen kulturellen Lebens, geriet aber in den 1880er Jahren, schwer erkrankt, zunehmend in Vereinsamung und wirtschaftliche Not.

Neruda-Denkmal am Karlsplatz (Prag)

Jan Neruda schrieb im Lauf seines Lebens über 2000 Feuilletons, veröffentlichte Gedichte, Dramen, Reisebeschreibungen, Kunstkritiken, sympathisierte mit der Künstlergruppe Májovci, fühlte sich der Aufgabe der tschechischen nationalen Wiedergeburt verbunden und schätzte die Romane seines Zeitgenossen Jules Verne. 1871 wurde er von nicht näher bekannten Institutionen als Verräter der Nation bezeichnet, verließ Prag und reiste durch andere Länder der Monarchie Österreich-Ungarn, kam nach Wien und Graz und war in Deutschland, Frankreich, Ungarn, Italien, Griechenland und Ägypten, wie seinen Reiseberichten aus dieser Zeit zu entnehmen ist, die ein interessantes Zeugnis über sein Leben und die zeitgenössische Gesellschaft darstellen.

Jan Neruda blieb unverheiratet, widmete jedoch seiner ersten Jugendliebe Anna Holinová viele seiner Liebesgedichte. Eine weitere Liebe war die verehelichte Schriftstellerin Karolína Světlá, die er als ideelle Frau bezeichnete. Seine dritte von ihm geliebte Frau, der er mehrere seiner Publikationen widmete, war Terezie Marie Macháčková (1847–1863), Tochter des Beamten und Politikers Josef Macháček, die nach kurzer Bekanntschaft starb. Im Alter von 50 Jahren soll er sich in ein junges Mädchen namens Božena verliebt haben.

Da sich Neruda zeit seines Lebens verkannt fühlte, entwickelte sich bei ihm eine ablehnende Haltung gegenüber seinen Mitmenschen, die durch eine schwere Erkrankung verstärkt wurde. Er hatte Alkoholprobleme und lebte sein ganzes Leben lang in wirtschaftlich bedrängten Verhältnissen.

Nerudas Grab auf dem Vyšehrader Friedhof in Prag

Die Armut ist in allen Publikationen des Jan Neruda ein wiederkehrendes Motiv. Nostalgisch verklärende Elemente wechseln sich hierbei mit dem Gefühl von Bedrückung, Entfremdung und Lebendig-Begrabenseins ab. Ab den 1860er Jahren veröffentlichte er mehrere antijüdische Texte, und in der (an Richard Wagners Aufsatz Das Judenthum in der Musik angelehnten) Publikation Die Angst vor dem Judentum (Pro strach židovský) (1869) unterstellte Neruda den Juden eine aufgrund ihrer angeblichen Affinität zum Geld gefährliche, die ganze Welt bedrohende Macht, forderte die Völker auf, sich gegen diese „Gefahr“ (vor allem wirtschaftlich) enger zusammenzuschließen, und vertrat eine „Emanzipation weg vom Judentum“.

Der chilenische Nobelpreisträger für Literatur Neftali Ricardo Reyes Basualto wählte den Nachnamen seines Pseudonyms Pablo Neruda in Erinnerung an Jan Neruda.

Durch Jan Neruda wurde eine besondere Art von Realismus in die tschechischsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts eingeführt. Sein selbstbewusstes journalistisches Engagement drückte er – durchaus modern und allgemeingültig – mit den Worten aus:

„Es ist vor allem notwendig, dass wir lernen, die Menschen zu verstehen, dass wir ihre Nöte, Ihre Freuden und Leiden studieren, wir brauchen also zum Beispiel in der Hauptsache getreue Erzählungen aus dem Leben, Bilder von Menschen aller Schichten, Sammlungen wahrhaftiger Beispiele einer nicht erdachten und wirklichen Erfahrung.“

Werke (Überblick)

Einige seiner Bücher enthalten Illustrationen von Adolf Kašpar.

Literatur

Wikisource: Jan Neruda – Quellen und Volltexte
Commons: Jan Neruda – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Johanna von Herzogenberg: Prag. Ein Führer. Prestel Verlag, 1966, S. 113 ff.
  2. ↑ Karl Plicka, Emanuel Poche: Prag, ein Bildführer. Texte zur Nerudova, Panorama 1982, S. 74f.
  3. ↑ Mariánské Lázně - Der Weg der Schriftsteller: Jan Neruda. Abgerufen am 12. Oktober 2026.
  4. ↑ Heribert Sturm: Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder. Herausgegeben im Auftrag des Collegium Carolinum (Institut), Band II, R. Oldenbourg Verlag, München 2984, ISBN 3-486-52551-4, S. 531.
  5. ↑ Radio Prague’s Virtual Cemetery – Jan Neruda, www.archiv.radio.cz
  6. ↑ Oskar Donath: Jüdisches in der neuen tschechischen Literatur. In: Samuel Steinherz (Hrsg.): Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik. 1931 (Jahrgang III). Textor Verlag, Frankfurt 2008, S. 7f.
  7. ↑ Michal Frankl: Neruda, Jan. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Band 2/2, de Gruyter, Berlin 2009, S. 579 f.
  8. ↑ The Nobel Prize in Literature 1971 – Pablo Neruda In der offiziellen Kurzbiografie auf der Seite des Nobelpreiskomitees heißt es: „In 1920, he became a contributor to the literary journal ‚Selva Austral‘ under the pen name of Pablo Neruda, which he adopted in memory of the Czechoslovak poet Jan Neruda.“