Beckert ist der Bruder des Historikers Sven Beckert. Jens Beckert besuchte das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Offenbach am Main. Er studierte als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen VolkesSoziologie und Betriebswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin und an der New School for Social Research, New York, mit den Schwerpunkten Wirtschaftssoziologie, politische Soziologie und soziologische Theorie. Anschließend war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin am Lehrstuhl von Hans Joas tätig. Seiner Promotion 1996 in Berlin zum Thema Grenzen des Marktes: Die sozialen Grundlagen wirtschaftlicher Effizienz folgte 2003 die Habilitation im Fach Soziologie zur Soziologie des Erbrechts ebenfalls an der Freien Universität Berlin.
Beckert ist Fakultätsmitglied der International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE), einer internationalen Doktorandenschule, die vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, der Universität zu Köln und der Universität Duisburg-Essen gemeinsam getragen wird.
Beckert ist Mitherausgeber des European Journal of Sociology und ist Mitglied im Herausgebergremium oder Beraterausschuss verschiedener soziologischer Fachzeitschriften, darunter der Socio-Economic Review.
Beckert ist ein Vertreter der neuen Wirtschaftssoziologie. Seine Forschung nimmt das Konzept der Ungewissheit zum Ausgangspunkt und leitet davon die eigenständige Rolle der Soziologie für die Erforschung wirtschaftlicher Phänomene her. Dafür folgt Beckert dem Wirtschaftswissenschaftler Frank Knight, demzufolge Ungewissheit die probabilistische Vorhersage zukünftiger Zustände der Welt unmöglich macht und damit auch die Bestimmung ökonomisch optimaler Entscheidungen. Wie aber handeln intentional rationale Akteure in solchen Situationen? Beckert zeigt, dass Akteure Ungewissheit reduzieren, indem sie sich an sozialen Makrostrukturen wie Institutionen und kulturellen Skripten orientieren sowie Macht einsetzen. Zusammen mit Kollegen hat Beckert diesen Ansatz der Wirtschaftssoziologie mithilfe einer Vielzahl empirischer Studien ausgearbeitet. Untersuchungen behandeln etwa den Kunstmarkt, den Weinmarkt, Lotteriemärkte und illegale Märkte.
Imaginierte Zukunft
In dem Buch Imaginierte Zukunft weitet Beckert diesen Ansatz aus. Er argumentiert, dass sich Entscheidungen unter Bedingungen von Ungewissheit an kontingenten Zukunftsbildern orientieren, die als „fiktionale Erwartungen“ bezeichnet werden. Innovationen und wirtschaftliche Dynamik entstehen gerade aus solchen imaginierten Zukünften, denen Unternehmer und Investoren aber auch Konsumenten nachgehen.
Märkte aus soziologischer Perspektive
Ausgehend von diesen Grundlagen skizziert Beckert eine soziologische Theorie der Funktionsweise von Märkten. Im Vordergrund steht die Frage nach den Voraussetzungen stabiler Marktstrukturen. Marktteilnehmern muss es gelingen, unter Bedingungen von Ungewissheit bestimmte Koordinationsprobleme (Wert, Kooperation und Wettbewerb) zu bewältigen, was nur unter Einbeziehung von sozialen Makrostrukturen gelingen kann.
Weitere Forschungsthemen
Neben der Beschäftigung mit der Funktionsweise von Märkten befasste sich Beckert ausführlich mit Vermögensvererbung aus einer rechtssoziologischen und historischen Perspektive und den Mechanismen der Reproduktion von Reichtum. 2024 veröffentlichte er das viel beachtete Buch Verkaufte Zukunft zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimawandel.
2005: Juristisches Buch des Jahres, gewählt durch die Neue Juristische Wochenzeitschrift (Heft 46/2005), für „Unverdientes Vermögen“ (Frankfurt a.M.: Campus 2004)
2005: Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, gestiftet von der Commerzbank Stiftung. In der Laudatio wird Beckert als einer der „national wie international originellsten und produktivsten Soziologen seiner Generation“ bezeichnet: „Er gilt schon heute als führender Vertreter einer neuen Wirtschaftssoziologie …“
Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. Berlin: Suhrkamp Verlag 2024, ISBN 978-3-518-58809-3
Uncertain Futures: Imaginaries, Narratives, and Calculation in the Economy. Oxford: Oxford University Press 2018 (mit Richard Bronk (Hrsg.)), ISBN 978-0-19-882080-2
Imaginierte Zukunft: Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp Verlag 2018, ISBN 978-3-518-75722-2
The Architecture of Illegal Markets: Towards an Economic Sociology of Illegality in the Economy. Oxford: Oxford University Press 2017 (mit Matías Dewey (Hrsg.)), ISBN 978-0-19-879497-4
Imagined Futures: Fictional Expectations and Capitalist Dynamics. Cambridge, MA: Harvard University Press 2016, ISBN 978-0-674-08882-5
Constructing Quality: The Classification of Goods in Markets. Oxford: Oxford University Press 2013 (mit Christine Musselin (Hrsg.)), ISBN 978-0-19-967757-3
Erben in der Leistungsgesellschaft. Reihe Theorie und Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Campus 2013, ISBN 978-3-593-39867-9
The Worth of Goods: Valuation and Pricing in the Economy. New York: Oxford University Press 2011 (mit Patrick Aspers (Hrsg.)), ISBN 978-0-19-959465-8
Agency, Entrepreneurs and Institutional Change: The Role of Strategic Choice and Institutionalized Practices in Organizations. In: Organization Studies 20(5), 777–799 (1999). doi:10.1177/0170840699205004.
↑Interview: Jens Beckert answers ten questions about economic sociology. In: Olav Velthuis (Hrsg.): economic sociology the european elect ronic newsletter. Volume 7, Number 2, Juli 2006, S.34–39 (mpifg.de[PDF; abgerufen am 23.Juni 2022]).
↑Jens Beckert:Was ist soziologisch an der Wirtschaftssoziologie? Ungewissheit und die Einbettung wirtschaftlichen Handelns. In: Zeitschrift für Soziologie. Nr.25, 1996, S.125–146.
↑Jens Beckert:Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus. Suhrkamp, Berlin.
↑Jens Beckert:The Social Order of Markets. In: Theory and Society. Nr.38, 2009, S.245–269.
↑Jens Beckert:Unverdientes Vermögen. Soziologie des Erbrechts. Campus, Frankfurt 2004.
↑Jens Beckert:Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht. 3. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2024.