Janet L. Nelson

Janet Nelson (private Aufnahme aus dem Jahr 1999)

Dame Janet Laughland Nelson oft auch Jinty Nelson DBE (* 28. März 1942 in Blackpool; † 14. Oktober 2024; geborene Janet Muir) war eine britische Historikerin. Sie gehörte zu den führenden Expertinnen der Karolingerzeit.

Leben und Werk

Janet L. Nelson wurde in Blackpool als älteste von drei Töchtern schottischer Eltern geboren. Ihre Mutter hatte eine Ausbildung zur Lehrerin absolviert. Ihr Vater war ein Allgemeinmediziner. Sie besuchte die Keswick School in Cumbria und studierte anschließend Geschichte am Newnham College in Cambridge. Im Jahr 1967 folgte der Ph.D. bei Walter Ullmann mit der Arbeit „Rituals of Royal Inauguaration in Early Medieval Europe. From dux populi to athleta christi“. Im Jahr 1965 hatte sie Howard Nelson, einen auf chinesische Kultur spezialisierten Anthropologen geheiratet. Sie begleitete sie ihren Mann für sozialanthropologische Feldforschungen nach China. Nach der Rückkehr nach Großbritannien war sie zunächst im Foreign and Commonwealth Office tätig. Im Jahr 1970 wurde sie Lecturer in Geschichte am King’s College London, 1987 wurde sie Reader und 1993 Professor für mittelalterliche Geschichte. London wurde unter Nelson ein Zentrum für frühmittelalterliche Studien. Im Jahr 2007 ging sie in den Ruhestand. Nelson betreute 32 Doktorarbeiten. Zu ihren akademischen Schülern gehörten unter anderem Alex Burghart, Paul Fouracre, Sarah Hamilton und Alice Rio. Am King’s College London war sie Director of the Centre for Late Antiques. Aus ihrer Ehe mit Howard Nelson gingen zwei Kinder hervor. Die Ehe wurde 2010 geschieden. Nelson war Mitglied der Campaign for Nuclear Disarmament und eine langjährige Unterstützerin der Labour Party. In ihren letzten Lebensjahren litt sie an der Alzheimer-Krankheit.

Nelsons Forschungsschwerpunkt war die Karolingerzeit. Sie legte mehr als 140 Veröffentlichungen vor. Rund die Hälfte davon wurde in vier Sammelbänden zusammengefasst: Politics and Ritual in Early Medieval Europe (1986), The Frankish World (1996), Rulers and Ruling Families in Early Medieval Europe (1999) und Courts, Elites and Gendered Power in the Early Middle Ages (2007). In ihren Forschungen standen das Königtum, die politischen Ideen und Rituale im Blickpunkt. Ihre Studien Society, theodicy and the origins of heresy (1971) und Royal saints and early medieval kingship (1973) machten sie einer größeren Fachwelt bekannt. Nelson bearbeitete die Übersetzungsreihe Manchester Medieval Sources von 1991 bis 2009. Im Jahr 1991 legte sie eine kommentierte Übersetzung der Annalen von St. Bertin vor. Nelson veröffentlichte zahlreiche Studien über den westfränkischen Herrscher Karl den Kahlen und seine Zeit. Im Jahr 1992 folgte mit der Biographie eine Synthese ihrer langjährigen Forschungsarbeit. Es war die erste umfassende Biographie Karls des Kahlen überhaupt. Nelson unterzog dabei die vorherrschende Sichtweise Karls als eines schwachen Herrschers in einer Verfallszeit („a reputation as an unsuccessful participant in a process of decline and disintegration“ S. VII.) einer Revision. Ihr Ziel war es, „to understand Charles in his own times: what he did, what world he moved in, what sort of man he was“ (S. 4). Für Nelson war Karl ein fähiger Herrscher, dem es unter schwierigsten äußeren Umständen gelang, sich die Unterstützung des Adels und der Kirche zu sichern und dadurch die königliche Macht zu konsolidieren. Beim Entstehungsprozess des späteren Frankreichs wies Nelson ihm eine wichtige Rolle zu. Nelson legte mehr als zwei Jahrzehnte mehrere Aufsätze zu Einzelaspekten der Zeit Karls des Großen vor. Im Jahr 2019 erschien von ihr eine umfassende Biographie (King and Emperor) über Karl den Großen.

Im Gegensatz zu ihrem Lehrer Ullmann vertrat sie in einem Aufsatz mit dem Titel On the Limits of the Carolingian Renaissance (veröffentlicht 1977 in „Studies in Church History“) den Standpunkt, dass der karolingischen Herrschaft die Mittel für ein ehrgeiziges Kulturprogramm fehlten. Nach dieser Sichtweise konnte die sogenannte „karolingische Renaissance“ nicht als entscheidender Moment in der europäischen kulturellen und politischen Entwicklung angesehen werden.

Gemeinsam mit Peter Linehan gab sie mit The Medieval World (2001) ein Standardwerk heraus. Zusammen mit Henrietta Leyser war sie Herausgeberin von The Oxford History of Medieval Europe. Nelson leitete zusammen mit Simon Keynes und Stephen Baxter die Prosopography of Anglo-Saxon England.

Für ihre Forschungen wurden Nelson zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen. Im Jahr 1996 wurde sie Fellow der British Academy und war dort von 1999 bis 2001 Vizepräsidentin. 2000 wurde sie Corresponding Fellow der Medieval Academy of America. Sie wurde 1982 Fellow der Royal Historical Society und hatte von 2001 bis 2005 als erste Frau die Präsidentschaft inne. Sie war außerdem Präsidentin der Ecclesiastical History Society. Nelson erhielt Ehrendoktorate der Universitäten UEA (2004), St Andrews (2007), Queen’s Belfast (2009), York (2010), Nottingham und Liverpool (2010). Im Jahr 2006 wurde ihr die seltene Ehre der Dame Commander of the Order of the British Empire zugesprochen.

Schriften

Aufsatzsammlungen

Monographien

Herausgeberschaften

Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ Dame Jinty Nelson (1942-2024), historian and former President of the Royal Historical Society, royalhistsoc.org, 15. Oktober 2024
  2. ↑ Paul Fouracre: Obituary. Dame Janet Nelson obituary. In: The Guardian 5. November 2024 (online).
  3. ↑ Vgl. dazu die Besprechungen von Joachim Ehlers in: Francia 16/1, 1989, S. 247–249 (Digitalisat); Rudolf Schieffer in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 43, 1987, S. 593 (online).
  4. ↑ Janet Nelson: Charles the Bald. London 1992.
  5. ↑ Vgl. dazu die Besprechungen von Irmgard Fees in: Historische Zeitschrift 258, 1994, S. 468f. und Martina Stratmann in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 49, 1993, S. 711–712 (online).
  6. ↑ Vgl. dazu die Besprechungen von Karl Ubl in: Francia-Recensio 2020/2 (online); Matthias Becher in: Historische Zeitschrift 311, 2020, S. 747–748; Brigitte Merta in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 129, 2021, S. 184–186 (online).
  7. ↑ Janet Nelson: On the Limits of the Carolingian Renaissance. In: Studies in Church History 14, 1977, S. 51–69.
Personendaten
NAME Nelson, Janet L.
ALTERNATIVNAMEN Nelson, Janet Laughland (vollständiger Name); Nelson, Jinty; Muir, Janet (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG britische Historikerin
GEBURTSDATUM 28. März 1942
GEBURTSORT Blackpool
STERBEDATUM 14. Oktober 2024