Al-Dschunaid

Lehrversammlung des Dschunaid al-Baġdādī

Dschunaid al-Baġdādī (arabisch: الجنيد البغدادي), mit vollständigem Namen (arabisch: أبو القاسم الجنيد بن محمد الخزاز الكواريـري; DMG: Abū l-Qāsim al-Ǧunayd b. Muḥammad al-Ḫazzāz al-Kawārīrī; gest. 909), gilt als Autorität des frühen Sufismus und prägte die Entwicklung der islamischen Mystik nachhaltig. Er ist auch unter dem Ehrentitel „Sayyid al-Ṭāʾifa“ („Meister der Gemeinschaft“) bekannt.

Unter der geistigen Führung seines Onkels Sarī as-Saqaṭī wurde er ausgebildet und prägte mit seinem auf dem Konzept der spirituellen Nüchternheit (ṣaḥw) beruhenden Sufismusverständnis zahlreiche spätere Mystiker und Denker, darunter al-Qušairī, al-Hudschwīrī, al-Ġazālī und Ibn al-ʿArabī.

Dschunaid al-Baġdādī gehörte der schāfiʿitischen Rechtsschule an und studierte Fiqh bei Abū Ṯawr (Abū ʿAbdillāh Ibrāhīm al-Kalbī al-Baġdādī), einem Schüler von aš-Šāfiʿī. Bereits mit 20 soll er in seiner Gegenwart schon Rechtsurteile abgegeben haben. Andere biographische Überlieferungen berichten, dass er den Rechtsauffassungen des Gelehrten Sufyān ath-Thaurī folgte, der bei Dschaʿfar aṣ-Ṣādiq sowie bei Ḥammād b. Sulaymān, einem Lehrer von Abū Ḥanīfa, studierte und als Begründer der Thaurīya-Rechtsschule gilt. Von Abū ʿAlī al-Ḥasan ibn ʿArafa al-ʿAbdī soll er die Hadithwissenschaften erlernt haben. Außerdem gehörte er auch zu den Schülern von az-Zaʿfarānī, einem Lehrer von aṭ-Ṭabarī.

Zu seinen bekanntesten Schülern gehörten Abū Bakr Schiblī, Abū Muḥammad al-Ǧarīrī, ar-Rūḏbārī, Abū ʿAmr az-Zaqqāq sowie Ibn Nuǧaid.

Leben

Dschunaid al-Baġdādī stammte aus einer Familie, die ursprünglich aus Nehawand kam und sich in Bagdad niederließ. Seine Familie war im Handel tätig. Sein Vater war wahrscheinlich Glashändler, während Dschunaid selbst im Seidenhandel tätig war. Schon in jungen Jahren verlor er seinen Vater und wurde von seinem Onkel Sarī as-Saqatī erzogen, einem bedeutenden frühen Mystiker Bagdads.

Auf Empfehlung seines Onkels schloss er sich etwa für zehn Jahre Hāriṯ al-Muḥāsibī an. as-Saqatī erkannte diesen zwar grundsätzlich an, warnte Dschunaid jedoch davor, sich von dessen ausschweifenden und übertriebenen Aussagen beeinflussen zu lassen.

Lehre und Position

Dschunaid sah im Sufismus einen Weg der ständigen Läuterung und des seelischen Kampfes (siehe auch nafs). Er verurteilte manche andere Sufis scharf, die meinten, sich über Moral und religiöse Pflichten hinwegsetzen zu können oder die Vorschriften des Koran nicht mehr beachten zu müssen. Für Dschunaid waren Koran und Sunna die Grundlagen des Glaubens, und diese können durch keine mystische Erfahrung außer Kraft gesetzt werden. Außerdem galten für ihn für das Beschreiten des mystischen Wegs eine bestimmte Lebensweise als Voraussetzung: rituelle Reinheit (tahāra), ständiges Gottesgedenken (dhikr) periodisches Fasten (saum), Klausuren, Zeiten des Schweigens, Aufgeben des eigenen Besitzes und die Führung durch einen Sufi-Meister (sheikh).

Nach Dschunaid ist das Ziel des Sufismus nicht das „Einheitserlebnis“, sondern der Zustand nach der Rückkehr dieses Erlebnisses zum Bewusstsein seiner selbst. Nach dieser Rückkehr besitzt man die Klarheit der Gotteserkenntnis, d. h. das Leben ist ein Leben in Gott. Jedoch sagte Dschunaid, dass man nicht ein von Gott geleitetes Leben in einsamer Abgeschiedenheit führen solle. Vielmehr soll man fest in der Gemeinschaft der Mitmenschen stehen, um ihnen ein Vorbild sein und ihnen helfend zur Seite stehen zu können. Er lehnte jedoch den Sufi Mansur al-Halladsch ab, der seiner Meinung nach die Geheimnisse des Sufipfades in aller Öffentlichkeit preisgab.

Dschunaid wird von verschiedenen Richtungen und Schulen als Meister angesehen, und die meisten spirituellen Ketten (Silsila) der späteren Sufiorden (Tariqas) gehen auf ihn zurück.

Kritische Grundhaltung

Dschunaid tritt damit hervor, dass er die Vorstellung kritisierte, Zustände der Ekstase (sukr) und Entrückung stellten den Höhepunkt des spirituellen Weges dar. Gegenüber Vertretern wie Abū Yazīd al-Bisṭāmī, al-Hallādsch, den er persönlich kannte und seinem eigenen Schüler Schiblī betonte er die Bedeutung von Nüchternheit (ṣaḥw), innerer Festigkeit und Besonnenheit. Nach seiner Auffassung kennzeichnen anhaltende ekstatische Zustände nicht die Vollendung des Weges, sondern weisen vielmehr darauf hin, dass die betroffene Person das eigentliche Ziel noch nicht erreicht hat. In diesem Zusammenhang soll er sogar geäußert haben, von al-Bisṭāmī noch kein Wort gehört zu haben, das erkennen lasse, dass dieser das Ziel des Weges erreicht habe. Obwohl Dschunaid al-Bisṭāmī schätzte und die im Zustand der Ekstase (sukr) geäußerten Worte nicht verwarf, räumte er dem Zustand der Nüchternheit und Besonnenheit (ṣaḥw und tamkīn) den Vorrang ein. Dadurch machte er die geistige Ausgeglichenheit und Selbstkontrolle zu einem zentralen Grundprinzip seines Verständnisses von Sufismus. Diese Grundauffassung übten sowohl auf seine Zeitgenossen als auch auf spätere Generationen von Sufis einen nachhaltigen Einfluss aus.

Nach einer von Hudschwīrī überlieferten Erzählung suchte al-Hallādsch nach seinem Zerwürfnis mit ʿAmr b. ʿUṯmān al-Makkī die Nähe von Dschunaid und bat um Aufnahme in dessen Gemeinschaft. Dieser habe es jedoch mit dem Hinweis abgelehnt, dass eine solche Gemeinschaft innere Ausgeglichenheit und geistige Stabilität voraussetze. Wie streng Dschunaid hierbei urteilte, zeigt sich auch an seiner Einschätzung seines eigenen Schülers Abū Bakr Schiblī. Obwohl er dessen spirituellen Rang anerkannte, hielt er ihn für eine Zeit aufgrund seines damaligen Zustandes nicht für geeignet, Menschen anzuleiten. Nach Dschunaid sollte jemand erst dann als Vorbild und geistlicher Führer gelten, wenn er diese Phasen überwunden und einen Zustand dauerhafter innerer Festigkeit erreicht hatte.

„Wer sich dem Sufismus widmet, ohne den Koran auswendig zu lernen und die Hadithe zu kennen, ist kein geeigneter spiritueller Wegweiser.“

Dschunaid al-Baġdādī selbst berichtet von einer Person, die über Maʿrifa (Gotteserkenntnis) erklärt haben soll, dass diejenigen, die diese Stufe erreichen, sich nicht mehr mit guten Taten oder gottesdienstlichen Handlungen befassen müssten. Dem widerspricht er und bezeichnet diese Ansicht als einen schweren Irrtum. Er führt aus, dass der Zustand eines Diebes oder eines anderen Sünders besser sei als der Zustand solcher Personen. Wahre Gotteserkenntnis führt nach Dschunaid al-Baġdādī nicht zur Aufgabe religiöser Pflichten, sondern zu ihrer Vertiefung. Seine Ausführungen schließt er mit den Worten:

„Wenn ich tausend Jahre zu leben hätte (...), würde ich meine guten Taten nicht einmal um ein Stäubchen vermindern.“

Die Schilderung macht deutlich, dass entsprechende Vorstellungen bereits früh innerhalb des Sufismus aufgetreten sein müssen. Dschunaid begegnete dem nicht nur mit Kritik, sondern stellte eine konsequente Orientierung an Koran und Sunna in den Vordergrund. Für ihn waren spirituelle Erkenntnis und religiöse Praxis untrennbar miteinander verbunden. Entsprechend verstand er den Sufismus als einen Weg, der sich innerhalb der Grenzen von Koran und Sunna bewegt und nicht von ihnen löst.

Zentrale Stellung

Dschunaid al-Baġdādī gehört zum Kreis früher Sufis, deren Aussprüche, Begriffsbestimmungen und Lehrmeinungen von den Verfassern der klassischen Sufi-Handbücher als grundlegende Orientierung übernommen werden.

Seine Aussagen werden in den Werken von as-Sarrāǧ, al-Makkī, al-Kalābāḏī, al-Qušairī und al-Huǧwīrī immer wieder herangezogen, um zentrale Lehren des Sufismus zu erläutern und zu begründen. Er erscheint dabei nicht als Vertreter einer einzelnen späteren Tarīqa, sondern als eine Übergreifende Autorität, auf die sich unterschiedliche Strömungen des klassischen Sufismus berufen. Seine Bedeutung zeigt sich auch darin, dass al-Ġazālī ihn in al-Munqiḏ min aḍ-Ḍalāl zu den maßgeblichen Meistern zählt, durch deren Schriften und überlieferte Aussprüche er sich mit dem Sufismus vertraut machte. Ebenso wird in der Risāla des al-Qušairī kaum eine andere Persönlichkeit so häufig zitiert wie Dschunaid al-Baġdādī; seine Aussprüche und Lehrmeinungen bilden dort an zahlreichen Stellen einen zentralen Bezugspunkt für die Darstellung und Legitimation sufischer Lehren.

Literatur

Wikiquote: Dschunaid – Zitate

Belege

  1. ↑ Abdülkerim Kuşeyrî: Kuşeyrî Risâlesi. Hrsg.: Süleyman Uludağ. 5. Auflage. Dergâh Yayınları, 2009, ISBN 978-975-7032-63-2.
    1. ↑ S. 117
  2. 1 2 3 4 CÜNEYD-i BAĞDÂDÎ. Abgerufen am 28. Juli 2026 (türkisch).
  3. ↑ Süleyman Ateş: Tasavvuf. Cüneyd-i Bağdadi. In: İslam Medeniyeti. 15. Juni 1968, S. 10–11.
    1. 1 2 S. 11
    2. ↑ S. 10
  4. ↑ Kenan Mermer: The Contribution of Sufi Networks to Mystical Knowledge: The Hypothetical Path from Dschunaid al-Baġdādī to Ahmad al-Yasawī. Sufilerin İlişkiler Ağının (İttisâlât) Tasavvufi Bilgiye Katkısı: Cüneyd-i Bağdâdî’den Ahmed-i Yesevî’ye Giden Farazi Yol. In: The Journal of Ottoman Literature Studies. Heft, Nr. 34, Juni 2025, ISSN 1308-6553, S. 382–395, doi:10.15247/1631405.
    1. 1 2 S. 386
    2. ↑ S. 389
  5. ↑ İlhan Yıldız, Mansur Özgül und Ömer Yıldız (Hrsg.): İslam Düşüncesini Etkileyen Şahıslar. FCR Yayın, 2022, ISBN 978-6-25830469-5.
    1. ↑ S. 82
  6. ↑ Zehra Betül Aksoy: Cüneyd-i Bağdâdî’de İnsanın Kemali (Perfection of the Human Being in Junayd al-Baghdadi). Hrsg.: Istanbul University. Istanbul 2021.
    1. ↑ S. 93
    2. ↑ S. 94
Personendaten
NAME Dschunaid, al-
ALTERNATIVNAMEN Dschunaid, Abu'l-Qasim Muhammad; Abu al-Qasim ibn Muhammed al Dschunaid; Dschunaid Bagdadi
KURZBESCHREIBUNG persischer Mystiker
GEBURTSDATUM 9. Jahrhundert
STERBEDATUM 910