Juri Popko

Grabstein von Juri Popko auf dem Waldfriedhof St. Ilgen (2018)

Juri Popko (belarussisch Юры Попка; * 7. Oktober 1912 in Vysoki Hrud, Russisches Kaiserreich; † 29. April 1990 in Leimen, Deutschland) war ein belarussischer Schriftsteller, Verleger, Exilaktivist und Gründer des Belarussischen Museums in Leimen. Er setzte sich für die Bewahrung des kulturellen Erbes von Belarus in der Emigration ein und gilt als eine bedeutende Persönlichkeit der belarussischen Diaspora in Deutschland.

Leben

Juri Popko wurde 1912 in einem Dorf bei Pruschany im heutigen Belarus geboren. Er arbeitete als Autor für belarussischsprachige Zeitungen. Seine Familie war von den sowjetischen Repressionen betroffen; mehrere Angehörige wurden nach Sibirien deportiert.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion war Popko zunächst in der zivilen Verwaltung tätig. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs gelangte er im Rahmen der deutschen Kriegswirtschaft nach Deutschland, wo er unter schwierigen Bedingungen in der Industrie arbeitete. Die körperlich belastende Arbeit führte zu erheblichen gesundheitlichen Schäden, weshalb er nach Kriegsende in mehreren Krankenhäusern behandelt werden musste.

Eine Rückkehr in die Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik kam für ihn nach dem Krieg nicht infrage, da er politische Verfolgung durch die sowjetischen Behörden befürchtete. Stattdessen blieb er in Deutschland und arbeitete über viele Jahre in der Verwaltung eines US-amerikanischen Militärlagers. Popko war Mitglied der Auslandssektion der Belarussischen Unabhängigen Partei. Von 1952 bis 1954 war er Leiter der politischen und propagandistischen Abteilung des Hauptstabs der Belarusischen Befreiungsbewegung.

Seit 1971 lebte Popko in Leimen bei Heidelberg.

Belarussisches Museum in Leimen

Ab den 1970er Jahren begann Popko, eine umfangreiche Sammlung zur Geschichte und Kultur von Belarus aufzubauen. In seiner Wohnung in der Goethestraße 1 in Leimen entstand schrittweise ein privates Museum. Wichtige Unterstützung erhielt er vom belarussischen Raketenforscher Barys Kit, der ihn unter anderem mit Literatur aus den Vereinigten Staaten versorgte. Kit machte als Professor an der University of Maryland auch die Stadtverwaltung von Leimen auf das Projekt aufmerksam.

1982 wurde das Belarussische Museum im Beisein des Leimener Bürgermeisters Herbert Ehrbar feierlich eröffnet. Ein eigens gegründeter Arbeitskreis rief Belarusen weltweit dazu auf, historisch bedeutsame Objekte für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Die Sammlung umfasste Exponate aus der Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik sowie aus der belarussischen Diaspora in Deutschland, Polen, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Australien, den Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien. Zu den ausgestellten Objekten gehörten Bücher und Zeitschriften, Fotografien, Kleidungsstücke, Ikonen, Geschirr, Porträts sowie weitere Alltags- und Erinnerungsgegenstände. Besondere Bedeutung hatten originale Schriftstücke und Dokumente bedeutender Persönlichkeiten der belarussischen Kulturgeschichte, darunter Janka Kupala, Jakub Kolas, Branislau Taraschkewitsch, Maksim Harezki und Usievalad Ihnatoŭski. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Literatur der belarusischen Emigration.

Gedenkstein für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Belarussen auf dem Waldfriedhof St. Ilgen, errichtet auf Initiative von Juri Popko im Jahr 1987

Durch die Unterstützung der Stadt Leimen entwickelte sich das Museum zu einer anerkannten kulturellen Sehenswürdigkeit und zu einem wichtigen Treffpunkt der belarussischen Diaspora. Neben dem Museum gründete Popko in Leimen das Institut der Belarussischen Kulturwissenschaften. Die Einrichtung veröffentlichte eigene Schriften und widmete sich der Erforschung und Dokumentation der belarussischen Kultur und Geschichte. 1987 wurde auf Initiative Popkos auf dem Waldfriedhof St. Ilgen ein Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Belarussen errichtet. Das Denkmal befindet sich gegenüber seinem späteren Grab.

Juri Popko starb am 29. April 1990 in Leimen. Die Unabhängigkeit von Belarus im Jahr 1991 erlebte er nicht mehr.

Nachwirkung

Popkos Wirken hatte nachhaltigen Einfluss auf die deutsch-belarusischen Beziehungen. Sein langjähriger Weggefährte Barys Kit würdigte ihn als einen Menschen, der fern der Heimat deren kulturelles Erbe bewahrte und sammelte.

Nach der Unabhängigkeit von Belarus besuchten Delegationen, Wissenschaftler und Studierende das Museum in Leimen. Im Jahr 1994 gründete der erste belarussische Botschafter in Deutschland, Piatro Sadoŭski, ein Kuratorium zur Verwaltung des Nachlasses Popkos. Nach dessen Abberufung verlor die belarussische Botschaft jedoch das Interesse an dem Projekt.

1995 reiste eine Delegation der Stadt Leimen unter Bürgermeister Herbert Ehrbar nach Nawahrudak. In den folgenden Jahren organisierte der Verein „Hilfe für Weißrussland“ zahlreiche Hilfslieferungen nach Belarus. Zwischen 1995 und 2006 wurden unter anderem Fahrzeuge, Medikamente, medizinische Geräte, Schulmöbel, Kleidung und Hilfsgüter in das Land transportiert.

Schicksal der Sammlung

Nach Popkos Tod wurde die Ausstellung zeitweise im Heimatmuseum St. Ilgen gezeigt. Aufgrund geringer Besucherzahlen wurde sie später geschlossen. Die Sammlungsstücke wurden daraufhin in mehreren Depots eingelagert. Während dieser Zeit kam es zu Schäden an den Beständen. Unbekannte drangen in einen Lagerraum ein und beschädigten einen Teil der Exponate. Darüber hinaus führte ein Wasserschaden zur Zerstörung weiterer Sammlungsstücke. Ab Januar 2026 wurden die erhaltenen Objekte durch die Belarusische Gemeinschaft „Razam“ im Stadtarchiv Leimen neu verpackt. Im März 2026 erfolgte der Transport nach Vilnius. Seitdem werden die verbliebenen Bestände im Lutskevich-Museum aufbewahrt und ausgestellt.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Gerettetes Kulturerbe: Belarussisches Museum von Leimen jetzt in Vilnius. Abgerufen am 31. März 2026.
  2. ↑ Попка Юры. Abgerufen am 31. März 2026 (englisch).
  3. ↑ How 25-year-old Ales saved a collection of Belarusian exhibits from disappearance. He was born and raised in Germany, but speaks Belarusian. Abgerufen am 31. März 2026 (englisch).
Personendaten
NAME Popko, Juri
ALTERNATIVNAMEN Попка, Юры (weißrussisch)
KURZBESCHREIBUNG belarussischer Schriftsteller, Verleger, Exilaktivist und Gründer des Belarussischen Museums in Leimen (Baden)
GEBURTSDATUM 7. Oktober 1912
GEBURTSORT Vysoki Hrud, Russisches Kaiserreich
STERBEDATUM 29. April 1990
STERBEORT Leimen (Baden), Deutschland