Jurij Andruchowytsch

Jurij Andruchowytsch at Frankfurter Buchmesse 2022

Jurij Ihorowytsch Andruchowytsch (ukrainisch Юрій Ігорович Андрухович; wiss. Transliteration Jurij Ihorovyč Andruchovyč; * 13. März 1960 in Stanislaw, Ukrainische SSR) ist ein ukrainischer Schriftsteller, Dichter, Essayist und Übersetzer. Er gilt als einer der herausragendsten ukrainischen kulturellen und intellektuellen Persönlichkeiten des frühen 21. Jahrhunderts. Internationale Übersetzungen und Veröffentlichungen kennzeichnen Andruchowytschs literarischen Einfluss.

Leben

Geboren im westukrainischen Stanislaw, heute Iwano-Frankiwsk, schloss Andruchowytsch 1982 ein Studium an der journalistischen Fakultät des Lemberger Polygraphischen Instituts ab und leistete anschließend (1983/84) zunächst seinen zweijährigen Wehrdienst in der Sowjetarmee ab. Seine 1982 geborene Tochter Sofija Andruchowytsch wurde später ebenfalls Schriftstellerin.

Bereits seit 1982 wurden seine ersten Gedichte in Literaturzeitschriften veröffentlicht; 1985 gründete er zusammen mit Wiktor Neborak und Oleksandr Irwanez die literarische Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (steht für бурлеск – балаган – буфонада, übersetzt etwa: Burleske, Rummel, Possenreißer). Im gleichen Jahr erschien Andruchowytschs erster Gedichtband Nebo i ploschtschi („Himmel und Plätze“) und wurde von der Kritik positiv aufgenommen. Seine Armeezeit verarbeitete er satirisch in sieben Kurzgeschichten und einem Drehbuch, das der Regisseur Andrei Dontschyk 1991 für den Film Oxygen Starvation (Кислородное голодание) verwendete. Sie erschienen 1989 unter dem Titel Links, wo das Herz schlägt (Зліва, де серце: Оповідання) und wurden 1994 in Teilen von Anna-Halja Horbatsch ins Deutsche übersetzt und herausgegeben. Der Erzählband markiert den Beginn von Andruchowytschs Hinwendung zur Prosa. 1991 verabschiedete er sich mit dem letzten Gedichtband Exotische Pflanzen und Vögel von der Lyrik.

1989 bis 1991 belegte Andruchowytsch am Moskauer Maxim-Gorki-Institut Kurse für Fortgeschrittene Literatur. Im November 1989 führte ihn eine Lesereise durch mehrere US-amerikanische Universitätsstädte. Seine Romane werden erfolgreich in der Ukraine und im Ausland verlegt, zuletzt erschien im August 2008 Geheimnis (Таємниця. Замість роману, 2007) in deutscher Sprache. Die ersten drei Romane griffen in satirisch-kontroverser Art Themen der post-sowjetischen Realität auf: Mit Rekreaziji („Seitensprünge“) persiflierte er die nationale Renaissance in der Ukraine, Moscoviada zielt auf russischen Kulturchauvinismus gegenüber den Emanzipationsbewegungen früherer Sowjetrepubliken. Zwölf Ringe handelt von einem fiktiven österreichischen Fotografen, der auf der Suche nach seinen galizischen Wurzeln die chaotische Gegenwart der Ukraine erlebt.

Neben seiner eigenen schriftstellerischen Arbeit übersetzt Andruchowytsch aus dem Deutschen, Polnischen, Russischen und Englischen ins Ukrainische, so beispielsweise Gedichte von Rilke und Boris Pasternak, sowie Shakespeares Hamlet, aber auch Dichter der amerikanischen Beat Generation.

Jurij Andruchowytsch 1992, einen Telefonhörer am Ohr
Jurij Andruchowytsch während eines Aufenthalts in der Villa Waldberta (1992)

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wandte sich Jurij Andruchowytsch erneut der Poesie zu – obwohl reifer in Stil und freier in der Form als in den frühen Gedichten, bleibt der Dichter in seiner Lyrik experimentell und verspielt.

Der Schriftsteller hatte im Gespräch mit Jürg Vollmer im Frühjahr 2015 erklärt, er habe seit den Ereignissen auf dem Euromaidan kein Buch mehr schreiben können und in der Rezension des Buches von 2016, dem Kleinen Lexikon der Städte, erläuterte die NZZ seine Enttäuschung über «Europa» mit seiner folgenden Aussage: „Am 21. Februar 2014 wurde ich von Anrufen [aus dem Ausland] überschüttet.“ Er habe den Anrufern vom Heroismus der auf dem Maidan Erschossenen erzählen wollen, aber „die erschossenen Helden interessierten niemanden. Alle interessieren nur die ‚Nazis‘, ‚ultrarechten Faschisten‘, ‚Ultraextraneofaschinazis‘.“ Andruchowytsch gehört zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefs an die deutsche Bundeskanzlerin und den Bundesaußenminister, in dem diese darum gebeten werden, sich für die Freilassung des in Russland inhaftierten ukrainischen Filmemachers Oleh Senzow einzusetzen. Nicht einmal die Anerkennung der besetzten Gebiete im Osten am 21. Februar 2022 habe die Gelassenheit der Ukrainer verschwinden lassen können, jedoch die „wahnsinnige“ Rede Wladimir Putins danach. Andruchowytsch stellte darin Orwell’sche Elemente fest; Putin nenne Krieg Frieden, Attacke nenne er Verteidigung und seine Ideologie stamme aus dem 19. Jahrhundert. Putin, der nur geopolitisch denke, habe jeglichen Kontakt zur Realität verloren und interessiere sich weder für die realen Probleme Russlands noch für die reale Ukraine.

Auszeichnungen

Jurij Andruchowytsch wurde mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter 2001 mit dem Antonowytsch-Preis und dem Herder-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung, mit dem kulturelle Leistungen in Osteuropa gewürdigt werden. 2005 erhielt Jurij Andruchowytsch den Sonderpreis zum Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück und war Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. 2006 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und bekam den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 2014 erhielt er zusammen mit Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa den Hannah-Arendt-Preis. In seiner Heimat ist er Vizepräsident des Ukrainischen Schriftstellerverbands (Assoziazija ukrajinskych pysmennykiw – AUP).

2016 wurde Jurij Andruchowytsch die Goethe-Medaille des Goethe-Instituts, 2022 der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und 2026 der Internationale Stefan-Heym-Preis verliehen.

Werke (Auswahl)

Gedichtbände

Romane

Kurzgeschichte

Erzählungen

Essays

Als Herausgeber

Musik

Theater

Literatur

Siehe auch

Commons: Yurii Andrukhovych – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Norbert Mayer: „Denken Sie, dass Prosa keine Poesie ist?“ In: Die Presse. 12. April 2012, abgerufen am 6. Juli 2023.
  2. ↑ Ulrich Pohlmann, Maximilian Westphal (Hrsg.): Vertrauliche Distanz – Fotografien von Barbara Niggl Radloff 1958–2004. Schirmer/Mosel, München 2021, ISBN 978-3-8296-0923-4, S. 129, 147.
  3. ↑ Jurij Andruchowytsch: „Putin hat etwas erreicht, das die Ukrainer in 23 Jahren Unabhängigkeit nicht schafften“ (Memento vom 6. Februar 2016 im Internet Archive), Jürg Vollmer Homepage, 3. April 2015.
  4. ↑ Das Untier der fünf stalinistischen Meere; NZZ, 26. November 2016.
  5. ↑ Den Tod von Oleg Sentsov verhindern! Heinrich-Böll-Stiftung, 29. Mai 2018, abgerufen am 18. Februar 2019.
  6. ↑ Juri Andruchowytsch: «Die Ukraine wird ihre Freiheit verteidigen», SRF Tagesgespräch, 23. Februar 2022
  7. ↑ Hannah-Arendt-Preis 2014. Freie Hansestadt Bremen – Pressemitteilungen, 27. November 2014, abgerufen am 8. Dezember 2014.
  8. ↑ Heine-Preis an Ukrainer Andruchowytsch orf.at, 10. Dezember 2022, abgerufen am 11. Dezember 2022
  9. ↑ Mitteilung auf der Website der Stadt Chemnitz
  10. ↑ Oleksandr Zabirko: Andruchovyč, Jurij: Rekreaciji. In: Kindlers Literatur Lexikon (KLL). J.B. Metzler, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-476-05728-0, S. 1–2, doi:10.1007/978-3-476-05728-0_23584-1.
  11. ↑ Kochancii Justyciji
  12. ↑ Literaturforum in FAZ vom 19. April 2014, S. 11.
Personendaten
NAME Andruchowytsch, Jurij
ALTERNATIVNAMEN Andruchowytsch, Jurij Ihorewytsch
KURZBESCHREIBUNG ukrainischer Schriftsteller, Dichter, Essayist und Übersetzer
GEBURTSDATUM 13. März 1960
GEBURTSORT Stanislaw (heute Iwano-Frankiwsk), Ukrainische SSR