K1820 war ein Arbeitsplatzrechner (Workstation). Seine genauere Bezeichnung lautete RVS (Rechnersystem mit virtuellem Speicher) K1820 und seine Chiffre im System der Kleinrechner (SKR) der früheren Länder des RGW (Comecon) war CM1720. Er wurde ab Oktober 1988 in der DDR vom VEBRobotron-Elektronik Dresden in Dresden entwickelt und sollte im Januar 1991 in die Serienproduktion gehen.
Entwicklungsgeschichte
K1822 mit abgenommener Frontabdeckung
Der K1820 war ein Nachbau der MicroVAXII der Firma Digital Equipment Corporation (DEC). Der Import westlicher 32-Bit-Computer in das Gebiet des RGW wurde durch das CoCom-Technologieembargo behindert. Außerdem war die CPU der MicroVAXII der erste Mikroprozessor der durch den Semiconductor Chip Protection Act von 1984 geschützt wurde. Deshalb musste zur damaligen Zeit eine Eigenentwicklung zur Deckung des Bedarfes an moderner, auf einer 32-Bit-Architektur basierender CAD-Rechentechnik erfolgen. Nachbauten der MicroVAXII sind ebenfalls aus Ungarn (MicroSTAR32 oder TPA-11/510) und der Sowjetunion (СМ 1702) bekannt.
Der K1820 erweiterte die Reihe der DEC-VAX-kompatiblen Rechnerlinie im SKR, wobei die Modelle des K1820 etwa 90% der Leistung des K 1840 (RVS K 1840, kompatibel zur DEC-VAX 11/780) von Robotron erreichten. Der K1820 war als leistungsfähiger CAD-Arbeitsplatzrechner beim Schaltkreis- und Leiterplattenentwurf sowie für die Konstruktion mechanischer Komponenten vorgesehen. Weiterhin sollte er als CAM-Rechner in der Fertigungsplanung und -steuerung und in der Büroautomatisierung eingesetzt werden. Der K1820 war voll softwarekompatibel zum K1840, so dass bereits entwickelte System- und Anwendersoftware genutzt werden konnte.
Der K1820 sollte ab 1991 mit einer jährlichen Stückzahl von bis zu 10.000 Geräten in der Version K1821/1822 (Workstation) sowie mit bis zu 1.500 Stück/Jahr in der Version K1823 (Prozessrechner, Abteilungsserver) bis 1995 produziert werden. Der Industrieabgabepreis für eine K1822 wurde mit etwa 125.000 Mark kalkuliert. Für die Entwicklung des K1820 wurde ein Aufwand von 36,4MioM und für deren Überleitung in die Produktion 16,5MioM veranschlagt.
Der K1820 basiert auf dem VLSI U80700-Mikroprozessorsystem, dessen 32-Bit-CPU U80701 nach dem Vorbild der MicroVAX CPU MicroVAX 78032 entwickelt wurde. Neben der CPU mussten eine Reihe von Schaltkreisen entsprechend den Vorbildern von DEC entworfen werden. Die Schaltkreisentwicklung erfolgte bis zum Funktionsmuster teilweise bei Robotron-Elektronik Dresden selbst unter Federführung des VEB Mikroelektronik „Karl-Marx“ Erfurt und in Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern Carl-Zeiss Jena (Zentrum Mikroelektronik Dresden) und dem Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse Berlin der Akademie der Wissenschaften der DDR. Das Leiterplattendesign und Konstruktion folgten eigenen Entwürfen. Es bestand funktionelle und Steckkompatibilität zum Q22-Bus von DEC.
VT220-kompatibles Terminal K8941 in den Technischen Sammlungen Dresden
Zum Betrieb des K1820 war ein VT220-kompatibles Terminal K8941 entwickelt worden. Für den Einsatz der K1822 als CAD-Workstation wurde auf Basis des EC 1834.01 ein interaktives grafisches Terminal K8919.11 mit einer maximalen Bildschirmauflösung von 1280 × 1080 Pixeln bereitgestellt.
Ab 1995 sollte ein Nachfolgemodell K1830 (entsprechend MicroVAXIII) auf Basis des Mikroprozessorsystem U80900 (Vorbild CVAX78034) den K1820 ablösen.
Vom K1820 wurden bis März 1990 etwa zehn Funktionsmuster gebaut. Mitte 1990 wurde die Entwicklung abgebrochen, da eine wirtschaftliche Herstellung unter marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion und dem damit verbundenen Wegbrechen traditioneller Märkte in der Sowjetunion und in Osteuropa nicht mehr gegeben war.
Ein Funktionsmuster des K1822 befindet sich in der Dauerausstellung „Büro- und Rechentechnik“ der Technischen Sammlungen Dresden.
Hardware
U80701FC im CQFP-Gehäuse.
Der K1820 wurde in drei Grundvarianten ausgeführt:
K1821 – OEM-Version als 19″-Einschub mit Frontblende zum Einbau in 19″-Schrank
K1822 – Einzelgerät als Beistellung zum Arbeitsplatz, ausgeführt mit feststehendem Sockel oder mit Fahrgestell mit den Abmessungen (Höhe × Breite × Tiefe) 650 × 490 × 367mm und einer Masse von etwa 65kg
K1823 – Schrankausführung mit erweiterter Speicherperipherie bzw. E/A-Hardware, z.B. Server für ein geplantes Betriebsdatenerfassungssystem BDS oder als Prozessrechner
Alle Varianten hatten als Basis den 19″-Einschub KBE1, der max. 12 Logikmodule (als Steckeinheiten mit direktem Steckverbinder), die Frontbaugruppe, die Rückverdrahtungsbaugruppe, das Stromversorgungsmodul sowie bis zu acht 5,25″-Laufwerke aufnehmen konnte.
Der KBE1 konnte mit folgenden Logikmodulen bestückt werden:
ZVE-Platine
Zentrale Verarbeitungseinheit ZVEKAC20 mit folgenden Hauptbestandteilen:
eine Verarbeitungseinheit; im Wesentlichen bestehend aus dem 32-bit-Mikroprozessor (CPU) U80701 und dem 32-bit-Gleitkommaprozessor (FPU) U80703
eine CPU-Interfacesteuerung auf der Basis des CPU-Interface-Gate-Array (CIGA) U80709
eine KBUS (entspricht Q-Bus von DEC)-Interfacesteuerung auf der Basis des Bus-Interface-Gate-Array (BIGA) U80711
ein lokales Speichersubsystem mit maximal 16MByte Speicherkapazität, davon 1MByte direkt auf ZVE-Modul realisiert,
eine KBUS-Mapeinrichtung, als Bestandteil des Speichersubsystems, für die Zuordnung von Adressen des KBUS-Adreßraumes zu lokalen Speicheradressen
ein lokales E/A-Subsystem inkl. Echtzeituhr (MC146816) mit Batteriepufferung
ein Konsolesubsystem einschließlich V.24-Schnittstelle (DIGITAL Link asynchronous receiver/transmitter DLART U80707), das die Steuerung des Rechnersystems bei jedem Halt-Zustand übernimmt, die Bedienung ermöglicht und eine Selbstdiagnose realisiert
eine Taktversorgung auf der Basis von drei Oszillator-Schaltkreisen zur Bereitstellung der systembestimmenden Takte:
40MHz Systemtakt für CPU und FPU, der prozessorintern auf reale 5MHz (CPU-Mikrozyklus: 200 ns) herabgesetzt wurde
32,768kHz für Uhr und Interfacetakt
Intervallzeitgebertakt von 614,4kHz
ein zentrales Steuerwerk auf der Basis von programmierbaren Logiksequenzern (PLS 82S167A oder 82105A) und programmierbaren Logik-Arrays (PLA 16L8A)
Speichermodul MSC20
Speichermodul
Der Modul MSC20 hat eine Speicherkapazität von 8 MByte, realisiert mit 1-MBit DRAM-Schaltkreisen U61000 vom Zentrum Mikroelektronik Dresden (ZMD) des KombinatsCarl Zeiss Jena. In einem Rechner K1820 können 1 oder 2 Module installiert werden. Der Datenaustausch zwischen KAC20 und MSC20 erfolgt über spezielle Steckverbindungen.
Externspeicherkontroller PKDX2
Externspeicherkontroller
Der intelligente Externspeicherkontroller PKDX2 dient dem Anschluss von 5,25"-Disketten- und Festplattenspeicherlaufwerken. Das Interface ist kompatibel zum Seagate-Interface ST506/412 mit 5Mbit/s Transferrate. Der PKDX2 wird durch einen Mikroprozessor (DC 310) gesteuert. Der Datenaustausch zwischen Kontroller und Hauptspeicher erfolgt über DMA. Die Kommunikation mit dem Kontroller erfolgt über das MSCP-Protokoll (Mass Storage Control Protocol). Durch die Firmware des Kontrollers werden Festplatten des Typs K5504.50 (46,77MByte) sowie Diskettenlaufwerke des Typs K5601 (einseitig, 80 Spuren, 10 Sektoren. 512Byte/Sektor) unterstützt. In einem K1820 können ein bis zwei Module PKDX2 eingebaut werden.
Lokalnetzkontroller RONAK
Der RONAK realisiert den Anschluss des Rechners an das Lokalnetz ROLANET2. Das ROLANET2 hält sich vollständig an die Ethernet-Spezifikation (Koaxialkabel, Datenrate 10MBit/s) und damit auch an den internationalen Standard ISO802/3. In einem K1820 können bis zu zwei RONAK eingesetzt werden.
Multiplexer AHV16
Der AHV16 ist ein intelligenter, durch zwei Einchip-Mikroprozessoren gesteuerter Multiplexer. Er realisiert 8 asynchrone Vollduplexkanäle, DMA-gesteuerte oder programmierte Einzelzeichenübertragung beim Senden, FIFO-Puffer (256 Zeichen) für Empfangsdaten, getrennt programmierbare Sende- und Empfangsdatenraten in einem Kanal, Anschlussmöglichkeit von Geräten mit den Interfaces V.24, V.10 oder IFSS durch Verwendung eines entsprechenden Verteilers oder Umsetzers.
DMA-Kontroller ARV16W
DMA-Kontroller
Der ARV16W ist ein universell anwendbares DMA-Interface zur direkten Übertragung von 16-Bit-Datenworten zwischen dem Hauptspeicher und einem Nutzer-E/A-Gerät. Datenausgabe (DATO) und Dateneingabe (DATI) finden nach einer DMA-Anforderung über den KBUS statt, wenn der ARV16W Busmaster ist. Das Interface arbeitet mit unsymmetrischen Signalen mit TTL-Pegel. Mit dem ARV16W sind Burst-Übertragungen (wortweise oder kontinuierlich), Byte-Adressierung und Lese-Modifiziere-Schreibe-Zyklen möglich. Durch Schalter sind die Adresse und der Vektor einstellbar. Der Anschluss des E/A-Gerätes erfolgt über zwei 37-polige D-Subminiaturbuchsen.
Diagnosemodul DARXAT
Stromversorgungsmodul STM 1820
Die Stromaufnahme des K1820 kann bei 220V Netzspannung maximal 6A betragen. Das Netzteil stellt die Spannungen 5V mit max. 66A sowie 12V mit max. 17A bei einer maximalen Leistung von 450W bereit. Als Bussignale werden DCOK (Gleichspannung o.K.), POK (Netzspannung o.K.) und LTC (50Hz Impulsspannung) erzeugt. Die drei Lüfter des Rechnergrundgerätes werden vom STM 1820 mit einer von der Umgebungstemperatur abhängigen Lüfterspannung versorgt und auf Mindestdrehzahl überwacht.
Betriebssysteme/Software
Als Betriebssysteme waren das VMS-kompatible SVP1820, der UNIX-Klon MUTOS1820 sowie das Echtzeitbetriebssystem RVSDES1800 vorgesehen. Für den K1820 waren Compiler für Programmiersprachen C, Modula-2, Fortran77/88 sowie für COBOL, Common Lisp, Prolog und Ada verfügbar.
Zahlreiche Anwendungsprogramme für den K1840 sollten auch für den K1820 verfügbar werden, wie z.B. die CAD-Softwares PROCAD (Vorbild: MEDUSA) und GBS1800 (3D-CAD auf Basis GKS1800) sowie die Datenbanksoftwares DABA32 (Ingres-kompatibel) und ALLDBS (Vorbild: Oracle).
Nachfolger
Für Workstations/Minicomputer im Leistungsbereich um 3MIPS sollte basierend auf der Entwicklung des Schaltkreissystems MP900 (U80900, CMOS, Strukturbreite 1,5µm, Vorbild CVAX78034) für das System K1830 (MicroVAXIII) im VEB Robotron-Elektronik Dresden die MicroVAX-Architekturlinie von 32-Bit-Mikrorechnersystemen fortgesetzt werden. Ziel war es sogar, bereits in den ersten Implementierungen die Leistungsparameter der skalierten Version des Prozessors (Strukturbreite 1,0µm, Vorbild CVAX+, 3-4MIPS) zu erreichen und für ausgebaute Minicomputer-Varianten (K1833) das symmetrische Multiprocessing mit 4 Prozessoren (entsprechend VAX6340) einzuführen, so dass ein Leistungsbereich bis zu 15MIPS erzielt werden konnte. Die Produktionseinführung des K1830-Systeme war für 1994/95 vorgesehen.