
Kain Karawahn (* 24. März 1959 als Ralf Karamann in Salzgitter) ist ein deutscher bildender und darstellender Künstler. Er beschäftigt sich seit 1983 mit dem Thema Mensch und Feuer.
Er wurde bekannt durch die Inflammensetzung der Berliner Mauer 1984 und der daraus resultierenden Foto- und Videoarbeit „The Berliner Summernightdream“. Aus ununterbrochener Verwendung von Feuerthematiken und künstlerischen Brennprozessen folgten Werke und Projekte in den Ausdrucksformen Aktionskunst, Expedition, Fotografie, Film, Musik, Performance, Radio-Feature, Theater, Videokunst sowie internationale Ausstellungen und Präsentationen in Galerien und Museen, Inszenierungen in Theatern und auf Festivals, Aufträge für Radio und Fernsehen, Lehraufträge in den Bereichen, Fotografie, Theater, Video und Performance sowie Veröffentlichungen als Autor von Artikeln und Büchern. Ab 1999 begannen jährliche Aufenthalte auf dem Vulkan Stromboli zwecks künstlerischer Auseinandersetzung mit Vulkanismen. Aus dem Anspruch, mit künstlerischen Mitteln gesellschaftlich nachhaltiger zu wirken, entstand 2003 unter dem Begriff „mitfeuerSPIELEN“ sein wichtigstes Kunstwerk, ein „Lernmodell Feuer für Kitas“, und ab 2008 das „Lernmodell Feuer und Kunst“ für Schulen. Parallel dazu entwickelte er die „Lehrkompetenz Feuer (und Kunst)“, welche er seit 2007 in Seminaren an Pädagogen vermittelt im Auftrag von Behörden, privaten und öffentlichen Bildungseinrichtungen sowie Versicherungen und Feuerwehren. Karawahn erhielt mehrfach Auszeichnungen. Seine Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen.

Nach Abschluss einer Ausbildung zum Bankkaufmann begann Karawahn 1979 ein Wirtschafts- und Sportstudium an der Georg-August-Universität Göttingen. Reisen nach Jamaika 1980 und 1981 offenbarten seine Leidenschaft für Fotografie und führten zum Studienabbruch nach dem Vordiplom, ersten Ausstellungen und dem 1983 erschienenen Fotobuch „Überdosis Uni!“ Am 26. November 1983 anlässlich der Vernissage der gleichnamigen Ausstellung in der Göttinger Galerie Apex verwirklichte Karawahn seine erste Performance mit Feuer „Nötiges Blutvergießen“ unter musikalischer Begleitung der lokalen Punkband Tin Can Army. Weitere Inszenierungen mit kleinen Brennprozessen, der erfolgreiche Start einer eigenen Postkartenedition und fortlaufende Veröffentlichungen seiner Fotos in der taz ließen ihn im Juli 1984 von Göttingen nach West-Berlin umziehen. Sofort nach Bezug seines Ateliers in der Kreuzberger Taborstraße am Landwehrkanal begann Karawahn mit brennendem Benzin unmittelbar an der Berliner Mauer zu experimentieren. Hierbei gewonnene Erkenntnisse führten zusammen mit Tom Skapoda zur aktionistischen, unangekündigten und wiederholten Inflammensetzung der Berliner Mauer am 8., 9. und 15. August 1984 innerhalb des Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz, in der Stresemannstraße (zwischen Martin-Gropius-Bau und Abgeordnetenhaus von Berlin) und am Landwehrkanal Kreuzberg. Umsetzung, Verarbeitung und Verwertung dieser Inszenierung stehen exemplarisch für die feuer- und kunstspezifische Arbeitsweise Karawahns: Eine schadenfreie Aktivität mit Brennprozessen im urbanen Raum wird sowohl fotografisch als auch videografisch dokumentiert, um nach Erlöschen der Flammen anhand der künstlerischen Möglichkeiten der jeweiligen Ausdrucksform weitere Perspektiven, Inspirationen und Aussagen zu formulieren. Fotoserie und Video der Aktion „The Berliner Summernightdream“ werden demzufolge auch unabhängig voneinander präsentiert und erworben. Darüber hinaus machte Karawahn flammendes Benzin zum wiederholt verwendeten Werkstoff in seinen Inszenierungen. Nach zwanzigjähriger Erfahrung mit zahlreichen und international verwirklichten Brennprozessen verfolgte er zunehmend sein Vorhaben, mit künstlerischen Mitteln gesellschaftlicher zu wirken. 2003 leitete er das „Lernmodell Feuer und Kunst“ für Kitas, Schulen und Erwachsenenbildung ab.
Aus Karawahns Verbindung mit Kai Karolin Ilchmann gingen zwei Kinder hervor (1989 und 1991). Zwei weitere Kinder (2011 und 2013) stammen aus der Verbindung mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Anne Arnz. Seit 2017 sind beide miteinander verheiratet und leben zusammen in Berlin und Blossin.
Auf Grund der vielfachen Bedeutungen, die das Wort Feuer hervorbringen kann, begann Karawahn frühzeitig, seine disziplinübergreifende Thematisierung und Verwendung von Feuer als bildender und darstellender Künstler nach eigenen Kriterien zu kategorisieren.
Aus einer autodidaktischen Phase des Entwickelns von Schwarzweißfilmen samt Anfertigung von Abzügen auf Fotopapier folgten 1982 die erste Einzelausstellung in der Georg-August-Universität Göttingen, regelmäßige Abbildungen in der taz und 1983 das erste Fotobuch „Überdosis Uni!.“ Karawahn konzentrierte sich beim Fotografieren überwiegend auf Inszenierungen mit Personen aus seinem Freundeskreis, um künstlerische Aussagen zu verschiedenen Themen zu formulieren. Es kam zu Veröffentlichungen auf Postkarten, zuerst durch den „BIZARR Verlag“ München. Von 1984 bis 2016 vermarktete Karawahn weitere Motive selber. 1984 wurde er redaktioneller Mitarbeiter des Göttinger Magazins „Fotografie Kultur Jetzt“ und lieferte stetig Foto- und Textbeiträge einschließlich der Verantwortung für den zweiten Teil der Doppelausgabe im Jahre 1985, Karawahns subjektive Bestandsaufnahme damaliger Kreuzberger Subkultur.

1983 begann Karawahns Spezialisierung auf Inszenierungen von Brennprozessen plus gleichzeitigem Foto- und Videografieren derselben. Aus Wärme, Licht und Dynamik eines Brennprozesses lassen sich mittels Fotografie Material- und Lichtkompositionen einfrieren, die losgelöst von der Schnelligkeit des wirklichen Ereignisses einen eigenständigen künstlerischen Wert erlangen. Anfangs fotografierte Karawahn Feuer ausschließlich in Schwarzweiss. Ab 1988 in Farbe und bedingt durch einen Wohnungseinbruchdiebstahl seiner analogen Kameraausrüstung ab 2005 nur noch digital. Derart entstanden zahlreiche thematische Serien, welche zu Ausstellungen, Katalog- und Buchveröffentlichungen führten.

Zwischen 1984 und 1997 übermalte er selbst angefertigte Schwarzweiss-Porträt-Fotoabzüge damaliger Zeitgenossen gezielt mit Feuer. Dadurch entstanden sowohl auf der Vorderseite als auch auf der Rückseite des Fotopapiers Zeichnungen, Strukturen, Färbungen, die zusammen eine reliefähnliche Verkrustung auf dem Fotoabzug hinterließen, somit jedes „Feuerporträt“ zu einem Original machten. Die Serie „Feuerporträts“ wurde international mehrfach ausgestellt, als Zeitschriften-, Buch- und Plattencover verwendet, als auch für Sammlungen erworben.
Im Rahmen des transmedia-Festivals 1997 haben Karawahn und der Musiker Blixa Bargeld das Projekt „7.000 Bücherfeuer“ verwirklicht. Diese öffentliche Selbstorganisation licht- und wärmespendender Bücherbrennprozesse lieferte Fotografien, literarische Fragmente und Erkenntnisse, welche 1999 als wortwörtlich brandneues Buch veröffentlicht wurden: „233° Celsius - Ein Feuerbuch“. Aus einem Zensurfeuer, in welchem pornografische Druckerzeugnisse während ihrer Verflammung fotografiert wurden, entstand 2002 das Buch „Pyroporno“. Eine Collage aus Bildern, Texten und Essays zum Thema Feuer und Sexualität in Mythen, Ritualen, Alltagssprache, pornographischer Sprache von der Antike an bis zur Kunst und Trivialkultur der Gegenwart. 2023 erschien das umfangreiche Foto- und Textbuch „brenn W E I T E N - Ein Feuerbuch. Eine gebilderte Erzählung der Brenngeschichte des Universums vom Urknall bis zum Burn out und darüber hinaus …“ Darin sind ausschließlich Karawahns Bilder aus vier Jahrzehnte währendem Fotografieren von Brennprozessen präsentiert in Verbindung mit zahlreichen Texten über Feuerverständnisse von der Antike bis heute.
Mit der ersten Performance unter Verwendung von Feuer am 16. November 1983 in der Galerie Apex Göttingen beginnt die Nummerierung aller Aktionen und Performances mit Angaben zu Titel, Ort, Datum, mitwirkenden Personen und veranstaltenden Institutionen. Die Zählung endet mit der performativen Inszenierung Nr. 216 „parkzünderzündrom“ im Rahmen der Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa veranstaltet vom Staatstheater Wiesbaden am 19. und 20. Juni 2004. Spätere Performances und Aktionen sind ab 2006 per website veröffentlicht.

Die Konzeption einer öffentlichen Performance oder Aktion unter Verwendung von Brennprozessen erfordert immer eine massgeschneiderte Mixtur aus inhaltlichen, situationsspezifischen, wetterbedingten, personellen, materiellen, finanziellen und behördlichen Einflussfaktoren. Auf der Basis seitenlanger Beschreibungen von Inhalt und Dramaturgie, Material und Technik, Persönlichkeit und Funktion der Mitwirkenden und zuvorderst der räumlichen und zeitlichen Dimensionen samt Kontrolle der Brennprozesse waren bereits im Vorfeld wiederholt ausführliche Vorbesprechungen und langwierige Ortstermine mit Veranstaltern und Behörden erforderlich, in denen es jedoch am Ende immer wieder gelang, das Vertrauen aller Verantwortlichen zu gewinnen. Konzeption und Planung hatten hierbei immer nur einen Rahmen zu stecken, innerhalb dessen sich die Brennprozesse nach Entzündung selbstorganisieren sollten, sodann entweder gelöscht wurden oder ausbrannten. Das Wetter konnte kurzfristig wechseln, worauf die Feuermachenden augenblicklich zu reagieren hatten unter der Prämisse, die künstlerische Qualität und Aussage nicht zu verfehlen.
Karawahn begrüßte jede Aufführung immer mit den Worten: Liebes Publikum, was jetzt folgt, weiss ich auch nicht, denn wir erleben nun gemeinsam und gleichzeitig Probe, Generalprobe, Welturaufführung und Abschiedsvorstellung. Wiederholt mitwirkende Akteure und Darsteller waren zwischen 1985 und 2002 der Berliner Künstler Käthe Be, zwischen 1993 und 2003 Mr. Logo Lard, zwischen 1995 und 2018 Eddie Egal. Im stetigen Wechsel waren Schauspieler, Musiker, Dichter, Tänzer, Feuerwehrmusikkapellen, Feuerwehren und immer wieder Laien als Performer eingebunden. Eine Auswahl der ersten 80 Performances und Aktionen ist in dem 1991 erschienenen Buch „Wie mache ich Kunst, ohne mit die Finger zu verbrennen …“ veröffentlicht. Innerhalb der Performances kristallisierten sich dann vier Begriffe heraus, auf deren konzeptioneller Basis sich musterhaft folgenden Formate entwickelten:

1989 kam es zur Begegnung mit dem Komponisten und Musiker Rolf Baumgart. Unter seiner musikalischen Leitung, ab 1989 („Wenn das unsere Eltern wüßten …“, 7. Pantomimenfestival Marburg) bis 2002 („beTRIEBsausFLUG“, Eröffnung Theaterfestival Ruhr), resultierte sowohl die Kreation eigener Sounds und Musik für Performances und Theaterinszenierungen, als auch das verstärkte Mitwirken von Musikern, Chören und Feuerwehrmusikkapellen. Zusätzlich erfolgten in den „ZünFonien“ wiederholt Inflammensetzungen von Instrumenten („fireselfmusicianized - the Jimi Hendrix tribute pyrophony No. 18“, Center on Contemporary Art Seattle 2000), Musikabspielgeräten („ins feuer hören“, Festival Neue Musik Rümlingen 2001), brandakustischen Konstruktionen („Wie schön brennt ein Rockkonzert?“, Kunsthalle Faust 2003), „Brennkammerkonzerten“ (Kulturbahnhof Kassel 2004) sowie mehrfachen Einbindungen des pyrophonen Instrumentariums des Künstlers Bastiaan Maris („Ruhrknall Zünfonie No. 17“, Internationale Bauausstellung Emscher Park, Eröffnung der Route der Industriekultur, Zeche Zollverein Essen 1999). Jedes dieser experimentell-feuermusikalischen Werke wurde als „ZünFonie“ nur einmal aufgeführt. Die Feuer, die zu sehen sind, machen Musik und die Töne, die zu hören sind, machen Feuer. Aus dem Live-Konzert „Kerzengesenge / Zünfonie No. 16“, aufgeführt mit Ensemble-Schauspielern im Theater Baden-Baden 1997 entstand in Ko-Produktion mit dem SWR das gleichnamige Musikvideo.
Es handelt sich um eine Soziale Skulptur im öffentlich-städtischen Raum als Mittel gegen Einsamkeit, denn sie ermöglicht eine zufällige und doch verbindende Begegnung und Verständigung mit zuvor unbekannten Menschen. Das Projekt besteht aus Tischen, auf denen es brennt samt straßencafe-gestalteter Bestuhlung drumherum.

Jede zufällig passierende Person ist eingeladen, sich ans Feuer zu setzen und zur Verfügung gestellte Kartoffeln eigenhändig zu garen und zu verköstigen. Die Dauer des Brennens, die einfache Art des gemeinsamen und generationenübergreifenden Seins, Sprechens, Zubereitens und Essens am Feuer stiften während der Begegnung große Gemeinschaftsgefühle – eine Restauration der ursprünglichen, urmenschlichen, sozialen Nutzung des Feuers. Es wurde zum ersten Mal im Auftrag der Siemens Stiftung im Deutschen Museum in München 1995 verwirklicht. Weitere Stationen waren u. a. Kulturamt Oberhausen 2003, Landesgartenschau Niedersachsen 2004, Nachbarschaftszentren Berlin 2023, Stadtteilkulturzentren Hannover 2023 und 2024.

Nach der Vermittlung familiärer und künstlerischer Feuerkompetenz kreieren Kita-Kinder, Grundschüler, Schüler und Studenten im öffentlichen Raum (Fussgängerzone, Park, Festival, Kongress usw.) ungewöhnliche Szenarien unter Verwendung poetischer Brennprozesse. Ihre Verantwortung liegt hierbei nicht nur in künstlerischer, sondern auch in feuerdarstellerischer und -sicherheitsspezifischer Dimension. Zum ersten Mal realisiert von Studenten als „parkzünderzündrom“ im Rahmen der Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa Staatstheater Wiesbaden am 19. und 20. Juni 2004. Es folgten Aufführungen im Auftrag der Lange Nacht der Museen Berlin 2004, im Auftrag der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes Deutscher Feuerwehrverband Berlin 2011, im Auftrag der Landeshauptstadt Hannover in der Fussgängerzone Hannover 2015, im Auftrag der Trier Tourismus und Marketing GmbH zur Illuminiale im Palastgarten des Kurfürstlichen Palais 2018, im Auftrag des Kulturamt Göttingen vor dem Alten Rathaus 2025.

Besucher einer Veranstaltung erhalten eine Kerze, welche sie entzünden und innerhalb einer markierten Fläche aufstellen. Derart bilden hunderte tänzelnder Kerzenflammen eine innenräumliche Feuerstelle, in deren mehrstündiger Brenndauer sich farbige Wachsflüsse verschichten, zum selbstorganisierten Relief erkalten, welches abschließend als Gemeinschaftswerk ausgestellt wird. Die erste Präsentation fand 1992 statt im Verein Prima Kunst in Kiel.

Mit der ersten öffentlichen Videopräsentation 1985 in der Galerie am Chamissoplatz Berlin beginnt die Durchnummerierung aller nationalen und internationalen Videopräsentationen in Galerien, Museen und auf Festivals usw. Die Zählung endet zwar 1996 bei 220 mit dem Festival experiMENTAL 96 in Zürich, doch darüber hinaus folgten weiterhin Präsentationen. Es kam zu zahlreichen nationalen und internationalen TV-Ausstrahlungen, Verwendungen von Videos in anderen TV-, Video- und Filmwerken sowie Jurierungen für internationale Tourneeprogramme wie z. B. für den „2., 3., 4., 5., 7. und 8. Marler Video-Kunst-Preis“, zu Präsentationen in zahlreichen Goethe Instituten weltweit, der Festival-Tourneeauswahl European Media Art 1989/90, im Videomagazin Infermental No. 10, der „EuroVideoArt-Tour“ und dem Tourneeprogramm der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen 1996/97. Karawahns Arbeit mit dem Medium Video ist kategorisiert in sechs Serien.

1. Die Videoarbeiten der Jahre 1984 bis 1989 entstanden auf Basis künstlerischer Inszenierungen von Brennprozessen und ohne eigenen Besitz von Videotechnik. 1986 ermöglichten kostenlose Ausleihen von Kamera und Schnittstudio des Offenen Kanal Berlin weitere Videowerke. 1990 und 1991 erfolgten Videoproduktionen in Kooperation mit dem NDR, 1991 mit dem Museum Folkwang, mit dem SWR 1994 und 1998, mit dem Neuen Berliner Kunstverein 1996 und mit Arte 2000.
2. Die Videoarbeiten ohne Feuer umfassten Experimente wie die Serie „Bona Zero“ (1986–1988), ausgestrahlt vom Offenen Kanal Berlin. Es handelte sich hierbei um eine Persiflage auf das TV-Format Frühstückfernsehen der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender. Oder um Videos für befreundete Künstler oder die ungewöhnliche Dokumentation „Allein auf einer Insel - Teil Zwei“ über das Lebens- und Kunstverständnis des Berliner Bürgers Engelbert Kievernagel (1927–1987).

3. Für die Serie „Kameratransformationen“ wurden zwischen 1988 und 1994 Video- und Fernsehstudiokameras sowohl als Werkzeug auch als zu bearbeitender Rohstoff verwendet. Es begann mit einer öffentlichen Performance vor Publikum (Videofestival, Medienfestival, Theater, Fernsehstudio usw.), welche von der betreffenden Videokamera live aufgezeichnet wurde. Die Videokamera wurde während ihrer Aufnahmen sodann durch weiteres Werkzeug (Feuer, Straßenwalze, Boxen, Bildhauerei, Strom, Kreissäge) künstlerisch derart bearbeitet, dass am Ende sowohl das Geschehen vor der Kamera als auch die chemisch-physikalischen Reaktionen in der Kamera eine mediumspezifische Einzigartigkeit an Bildern und Tönen hervorbrachten. Diese originären Bilder und Töne wurden von einem externen Videorekorder solange aufgezeichnet, bis der Abbruch der Stromzufuhr die Kamerakonstruktion technisch nicht mehr funktionieren ließ. Am Ende bezeugen der performativ und bildhauerisch geformte Kamerakörper als Skulptur, die entsprechende Video- und Tonsequenz als Videoarbeit sowie videostills als Fototableaus eine selbstorganisierte Freisetzung originärer, audiovisueller Wahrheit. Die fünfte von insgesamt sechs „Kameratransformationen“ brachte die Volksbühne Berlin 1994 nach einem Konzept von Kain Karawahn und in der Bühnenfassung von Rolf Baumgart, Kain Karawahn und Michael Zeyfang als Theaterstück heraus. Eine zusätzliche Aufführung erfolgte am 28. Oktober 1994 im Auftrag des ZKM im Filmtheater Schauburg Karlsruhe.
4. Ab 2001 entstanden feuer-, film-, musik- und theaterspezifische Videoarbeiten von Studenten im Rahmen von mehreren Lehraufträgen Karawahns am Institut für Theaterwissenschaft, Freie Universität Berlin. Seit 2008 bringen zahlreiche, öffentlich geförderte Kooperationen zwischen Karawahn und Schulklassen wiederholt Video-Ambiente-Loops hervor für Präsentationen in Ausstellungen und Theaterstücken. Es handelt sich hierbei um von Schülern erstellte Videos auf der Grundlage inszenierter Inflammensetzungen von Gegenständen aus eigenem Besitz der Schüler.
Für das Buch und den Film „Feuerzeugen“ ermittelten Kain Karawahn und Schüler zweier 11. Klassen der Fritz-Karsen-Schule Berlin 2009 mit Feuer, am Feuer und über Feuer in Videointerviews mit Angehörigen der damaligen Seniorengeneration das erste feuerbiographische Profil des 20. Jahrhunderts. 2010 erhielt der Film im Rahmen des Bundesfestival Film in der Filmakademie Baden-Württemberg den Sonderpreis des Projektebüros Dialog der Generationen. Die Kulturstiftung der Länder und die Deutsche Bank haben unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten das Projekt „Feuerzeugen“ zum Preisträger im „KINDER ZUM OLYMP! Wettbewerb Schulen kooperieren mit Kultur“ 2009/2010 in der Sparte Film und Neue Medien, Altersgruppe Klasse 10–13 gekürt.
5. Ab 2002 kamen Videoarbeiten hinzu auf der Grundlage von Aufenthalten im Rahmen des „Internationalen Feuersalons auf dem Vulkan Stromboli“, sodann in Verbindung von Lehraufträgen am Institut für Theaterwissenschaft, Freie Universität Berlin, welche zusammen mit Studenten und Chorsängern 2015 realisiert wurden.
6. Ab 2006 setzt Karawahn zunehmend Videoarbeiten ein zur Veranschaulichung des „Lernmodells feuerMACHEN kulturell“ in Seminaren für Pädagogen und Feuerwehr. Seit 2012 erfahren ausgewählte Videodokumentationen über feuermachende Kinder ihre Verbreitung über den YouTube-Kanal „mitfeuerspielen“.
Mit zunehmenden Budgets und dem Anliegen, eine Geschichte erzählen zu wollen, erweiterten sich die Performances ab 1987 („Reisefieber in Ägypten“, Skulpturenmuseum Marl) um theatrale Elemente wie Schauspiel, Text, Gesang und Bühnenbild, sodass es neben Kooperationen mit Theatern (Volksbühne Berlin 1990 und 1994, Kampnagel Hamburg 1995, Schauspielhaus Bochum 1995, dietheater Wien 1998, Theaterfestival Ruhr 1999 und 2002, Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa 2004) auch zu Lehraufträgen im Bereich der Film- und Theaterwissenschaft kam.

1994 brachte die Volksbühne Berlin nach einem Performancekonzept von Kain Karawahn und in der Bühnenfassung von Rolf Baumgart, Kain Karawahn und Michael Zeyfang das Theaterstück „Angeklagt“ heraus (Premiere am 26. Mai 1994, Volksbühne Berlin). Eine Videokamera wird in einem Schau-Prozeß angeklagt, weil sie Bilder machen kann. Richter, Ankläger, Verteidiger, Gutachter, Zeugen und Einschalt-Tote setzen sich laut und deutlich hierüber auseinander. Bilderfluten, -breie, -berge und -teppiche beleben – brennt’s oder brennt’s nicht – das Gerichtsgeschehen. Im Verlauf der Be-handlung (Jury-Vorsitzender: Käthe Be) wird die Angeklagte (Videokamera) durch Stromfolterungen zur Wahrheitsschilderung ermuntert. Gibt es ein fröhlicheres Erlöschen?. 2001 erschienen Karawahns Betrachtungen über das Thema Feuer und Theater in Form des Artikels „Am Anfang brannte Theater ...“.
Im Auftrag des WDR verfasste Kain Karawahn 1997 als Autor das Radio-Feature „Listen to the Fire - Ins Feuer hören“. Im Auftrag des Deutschlandradio entstand 1998 zusätzlich unter seiner Regie das Radio Feature „Pyrophonie“. Keine Feier ohne Feuer – und Musik. Vom Tanz ums Feuer über Feuerwerksmusik über Feuerschlachtmusik über brennende Gitarren, über „Brandsätze“ in der Popmusik bis hin zu Feuerwehrmusikkapellen, Feuerpausen und Pyrophonen (Pressetext Deutschlandradio 1998).
Aus der Notwendigkeit von der Kunst leben zu können, betrieb Karawahn von 1982 bis 2012 die Selbstvermarktung seiner Fotos und Texte als Postkarten. Ab 1989 erfolgten die ersten öffentlich vorgetragenen Verschriftlichungen kultureller und künstlerischer Bezüge über das Arbeiten mit Brennprozessen. Derlei Artikel, Bücher und Vorträge erweisen sich heute noch als äußerst hilfreich, nicht nur in die Tiefen einzelner Bedeutungen des vielseitig verwendbaren Feuerbegriffs vorzudringen, sondern hierbei gewonnene Erkenntnisse und Thesen gegenüber einer feuerthematisch eher oberflächlich gebildeten Allgemeinheit differenzierter und verständlicher vermitteln zu können. Seit 1989 existieren zahlreiche Veröffentlichungen zu folgenden Erweiterungen von Karawahns Feuerverständnis:
In seinen Lehraufträgen hat Karawahn die Teilnehmer zuerst mit Materialien, Techniken und Einflussfaktoren für eine Inszenierung mit Brennprozessen vertraut gemacht. Derlei Feuerkompetenz ermöglichte jedem Studenten die Mitwirkung in jeweils anliegenden Performances und Theaterinszenierungen sowie Theater- und Videoexpeditionen unter Karawahns Regie.

Das Interesse an der Wirkung von Vulkanismen auf Befindlichkeit und Kunst führte von 1999 bis 2009 zur jährlichen Organisation des „Internationalen Feuersalon Stromboli“. Es handelte sich hierbei um ein experimentelles Zusammenwirken internationaler von Karawahn eingeladener Teilnehmer auf dem aktiven Vulkan Stromboli. 2005 initiierte und organisierte Karawahn zusammen mit Barbara Engele auf Stromboli das Projekt „Eruzione d’arte a Stromboli,“ eine Begegnung von internationalen Künstlern mit einheimischen Kunstschaffenden in Form öffentlicher Ausstellungen und Performances. Im weiteren Verlauf resultierten aus den wiederholten Aufenthalten und Erkundungen auf Stromboli diverse vulkan-und-kunstthematische Projekte, Expeditionen, Ausstellungen, sowie Lehraufträge am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin, in denen die teilnehmenden Studenten abschließend theatrale Projekte auf Stromboli verwirklichten. Die daraus resultierenden Fotografien, Texte und Videoarbeiten wurden mehrfach ausgestellt.
Verteuerungen der Reise- und Aufenthaltskosten nach und auf Stromboli beendeten den „Internationalen Feuersalon“ als für jeden Künstler finanziell machbares Zusammenkommen. Ab 2011 startete dann zusammen mit Astrid Böttger das Format „fireTAGE mit einem VULKAN“. Es handelt sich um ein jährliches Seminar mit Teilnehmern jeglichen Alters und dementsprechender Lebensläufe zum salonistischen Zelebrieren von Pausenkultur, Müßiggang und Begegnung in einer naturphilosophisch empfundenen Sphäre der Vier Elemente.
Seit 1999 entstanden in der Bild- und Tonkulisse des aktiven Vulkans Stromboli mehrere Videoarbeiten unter dem Serientitel „VocalsVolcanoVideoVenture“. Ab 2015 resultierten daraus zweijährlich stattfindende Projekte ausschließlich unter der musikalischen Leitung von Tina Paar mit singenden und vielfach stimmlich ungeübten Teilnehmern, deren Leidenschaft darin besteht ausschließlich mit ihrer Stimme auf die Stimmung vulkanischer Natur zu reagieren.

Das Lernmodell „feuerMACHEN kulturell“ für Kitas ist 2003 von Karawahn als Kunstwerk konzipiert worden. Auf Grundlage altersgerechter, soziokultureller und ästhetischer Kriterien erspielen sich Kita-Kinder ab 5 Jahren aufwärts ihre „Familiäre Feuerkompetenz“, den eigenhändigen und verantwortungsbewussten Umgang mit Streichholz, Feuerzeug, Kerze und Holzfeuer. Im Auftrag der Kita St. Petrus in Wolfsburg anlässlich der Landesgartenschau Niedersachsen 2004 hat Karawahn das Kunstwerk „feuerMACHEN kulturell“ zum ersten Mal umgesetzt. 2007 kam als weiteres Kunstwerk die Grundschulvariante „GEGENfeuer: Schüler machen Feuer und Kunst“ hinzu. Gebildet mit „Familiärer Feuerkompetenz“ inszenieren und fotografieren Schüler mit Feuer, sie malen mit Feuer, sie filmen mit Feuer, sie machen Performances und Theater mit Feuer, sie singen mit Feuer, sie schreiben Texte mit Feuer und präsentieren abschließend ihre Werke in Form von Ausstellungen, Büchern, Chorgesängen und Videos öffentlich. Zahlreiche Projektkooperationen mit Kitas und Schulen erhielten wiederholt sowohl öffentliche Fördermittel als auch Unterstützungen von Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen. In der Terra Xpress-Themensendung „Spiel mit dem Feuer“ präsentiert das ZDF Ausschnitte eines mehrstündigen Experiments unter konzeptioneller, beratender und leitender Mitwirkung von Kain Karawahn, in welchem Kindern im Alter zwischen 6 und 10 Jahren im SOS-Schulhort der Ersten Gemeinschaftsschule Berlin-Mitte mit versteckten Kameras gefilmte Begegnungen mit Streichholz, Feuerzeug, Kerze und ermöglicht wurden. 2016 erweiterte Karawahn in Kooperation mit der Berliner Kita Arche das Lernmodell Feuer um die Variante „Lernpatenschaft Feuer“. Hierbei vermitteln „familiär feuerkompetente“ Kinder ab fünf Jahren ihre Feuerbildung spielerisch sowohl an jüngere als auch an ältere Personen.
2020 hat das Portal YouTube das Video „Kinder spielen mit Feuer“ zum dritten Mal zensiert und endgültig gelöscht, "weil es gegen unsere Richtlinien zum Schutz von Kindern verstösst." Das Lernmodell ist mehrfach ausgezeichnet worden. Es bewährt sich sowohl bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen als auch bei Kindern und Jugendlichen mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen, so auch in dem Projekt „Sonderpädagogisch betreute Schüler machen Feuer“ mit insgesamt 50 Schülern (Klassenstufe 1 bis 13) in der Paul-und-Charlotte-Kniese-Schule Berlin 2022, welches auf Grund des Erfolgs 2023 wiederholt worden ist.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Vivantes Netzwerk für Gesundheit veranstaltete am 10. und 11. März 2006 in Berlin unter der Leitung von Kain Karawahn das zweitägige „Symposium Kind und Feuer“ unter Beteiligung der Berliner Feuerwehr und zahlreichen Referenten aus unterschiedlichen Disziplinen. Seit 2007 wird Karawahn als Künstler vom Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB), der Unfallkasse Berlin, der Unfallkasse Sachsen-Anhalt, dem Eigenbetrieb Kindertagesstätten der Stadt Halle, Kindergärten NordOst Eigenbetrieb von Berlin, sowie von Versicherungen, Kita- und Schulträgern, pädagogischen Fachschulen, Feuerwehren und weiteren pädagogischen Einrichtungen beauftragt, Erziehern, Lehrern, Feuerwehrmitarbeitern und Berufstätigen in Jugend- und Freizeiteinrichtungen eine „Lehrkompetenz Feuer“ zu vermitteln. Dieses Weiterbildungsmodell ist 2012 vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg ausgezeichnet worden. Seit 2024 vermittelt Karawahn auch eine „Soziale Feuerkompetenz“ an Tätige in Familien- und Nachbarschaftszentren.
Im Zuge seiner Tätigkeit als Dozent hat Karawahn zahlreiche Artikel zum Thema Kind und Feuer veröffentlicht, darunter auch einen Beitrag für Schadenprisma über drei tragische Kerzenunfälle in Kitas (1999, 2004, 2008). Pädagogen hatten Kerzen angezündet, als deren Folge sich Kinder lebensgefährliche Verbrennungen zuzogen. Gerichtlich wurde festgestellt, dass niemand der Pädagogen gegen eine Vorschrift verstoßen hatte. Im Vergleich der drei Ereignisse stellt Karawahn dar, dass der unfallentscheidende Faktor weder erkannt noch beseitigt worden ist, demzufolge weitere von Pädagogen verursachte Unfälle mit Kerzen bzw. Feuer in Kitas und Schulen folgen werden.
2012 gegründet von Kain Karawahn und seiner Frau Anne Arnz zur Veröffentlichung von Feuergeschichten, in denen Kinder nicht als Brandstifter und -opfer vorgeführt werden, sondern ausschließlich die schönen Seiten des menschlichen Feuermachens vermittelt bekommen. Die Illustrationen zum ersten Buch „Die Feuersalamanderin oder wie das Feuer zu unseren Eltern kam“ stammen von Sibylle Anderl, vom zweiten Buch „Strombolina“ von Carola Göllner und vom dritten Buch „Feuerabenteuer“ von Kindern der Kreuzberger Kita Arche. Hier haben Kinder, die eigenhändig mit „Familiärem Feuer“ spielen, malen und kochen, ein Buch für all die Kinder und Erwachsenen kreiert, welche mehr über die poetischen, spielerischen und nützlichen Seiten des Feuers erfahren wollen.

Aktionen und Performances von 1983–2004 (werknummeriert)


1985
1986
1987
1988
1989
1990
1991
1992
1993
1994
1995
1996
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Karawahn, Kain |
| ALTERNATIVNAMEN | Karamann, Ralf (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Bildender und Darstellender Künstler |
| GEBURTSDATUM | 24. März 1959 |
| GEBURTSORT | Salzgitter |