
Der Dashavatara (Daśāvatāra) Kalki (Sanskrit: कल्कि Kalki, auch कल्किन् Kalkin) ist im Hinduismus die zehnte und letzte Inkarnation Vishnus (Viṣṇu) bzw. Mahavishnus (Mahāviṣṇu). Im Gegensatz zu den anderen neun Avataras (avatāra), die bereits erschienen sind, wird seine Herabkunft noch erwartet und steht aus.
Kalki hat im Hinduismus seinen festen Platz bei Vaishnavas, im Pancharatra, im Natyashastra, in den Shilpa Shastras sowie in den Puranas (Purāṇa) und auch im Itihasa-Purana. Im Jainismus und im Sikhismus wird er ebenfalls anerkannt, und auch im Buddhismus ist sein Prinzip vertreten (so wird in der buddhistischen Literatur des späten ersten Jahrtausends ein zukünftiger Buddha Maitreya als Kalki dargestellt).
Der männliche Name Kalki (auch Kalkyāvatāra – कल्क्यावतार) ist eine Metapher für Ewigkeit oder Zeit → siehe Kalpa (कल्प) oder auch Kāla (काल). Sein Ursprung dürfte in dem Sanskrit-Wort kalka liegen – mit der Bedeutung „Fäulnis, Schmutz“. Kalki oder Kalkin ist somit ein „Zerstörer von Fäulnis und Schmutz“, ein „Zerstörer von Finsternis“ (Kāla bedeutet neben Zeit auch Finsternis oder Dunkelheit) oder ein „Zerstörer von Unwissenheit“. Mit dem Namen Kalki wird auch „weißes Pferd“ assoziiert. Diese Annahme gründet sich auf das Prakrit-Wort (Prākṛta) Kakki bzw. kakka aus der Pāiya-Sprache, das eben weißes Pferd bedeutet – und später erst zu Kalki sanskritisiert wurde.
Das männliche Substantiv des i-Stamms Kalki erscheint in vielen indischen Sprachen, neben Sanskrit sind dies Hindi (कल्कि), Kannada (ಕಲ್ಕಿ), Marathi (कल्की), Nepali (कल्की), Tamil (கல்கி), Telugu (కల్కి) und andere. In Nepali bedeutet Kalki „Kamm, Grat, Feder“. Als Adjektiv kann es mit „faul, trüb, sedimentreich“ aber auch als „dreckig und übel“ übersetzt werden. Kalkī (कल्की) kar bezieht sich auf „verkneten, zu einem Teige verarbeiten“. Der Nominativ Singular lautet kalkiḥ (कल्किः).
Angeführt wird das Wort Kalki in zahlreichen Purāṇas, im Mahabharata, im Harivamsha, in der Gitagovinda und anderen.

Kalki ist ein zukünftiger Avatara und Befreier der Welt, der gemäß dem Bhagavatapurana (Bhāgavata Purāṇa), Agni Purana (Agni Purāṇa), Vishnu Purana (Viṣṇu Purāṇa) und Padma Purana (Padma Purāṇa) am Ende des gegenwärtigen Kali-Yugas als Sohn Vishnuyasas (Viṣṇuyaśas) erscheint, um die korrupten Herrscher, Atheisten und Mlecchas (Barbaren) auszulöschen und den Dharma (Gesetz und Tugend) wiederherzustellen. Darauf soll das nächste Zeitalter, das Krita-Yuga, beginnen.
Nach einer südindischen, volkstümlichen Überlieferung wird Vishnu in der Gestalt des weißen Pferdes Kalki, nach der literarischen Tradition der Brahmanen aber als Reiter mit dem Namen Kalki auf dem weißen Pferd Devadatta erscheinen. Kalkin wird in der traditionellen indischen Skulptur nur äußerst selten dargestellt; eventuell existierende Malereien sind nicht erhalten. Erst in der während und nach der Mogul-Zeit aufblühenden Miniaturmalerei erscheint er häufiger; seine blaue Hautfarbe erinnert an Krishna.
In der Literatur der Veden besteht kein direkter Hinweis auf Kalki. Wohl findet sich für Rudra (und später Shiva) die Bezeichnung Kalmallkinam, die als „ausgezeichneter Vertreiber der Finsternis“ wiedergegeben werden kann. Rudra/Shiva kann somit als Vorläufer von Kalki angesehen werden.
Kalki erscheint dann zum ersten Mal im großen Kriegerepos Mahabharata (Mahābhārata). Er wird darin aber nur einmal erwähnt, und zwar in den Versen 3.188.85 bis 3.189.6. Etwas häufiger findet sich Kalki in den Maha Puranas (Mahā Purāṇa), beispielsweise im Vishnu Purana, im Matsya Purana (Matsya Purāṇa) und im Bhagavata Purana. Jedoch sind die einzelnen Details der Kalki-Mythologien zwischen dem Epos und den einzelnen Puranas voneinander abweichend und auch zwischen den jeweiligen Puranas bestehen wiederum Unterschiede.
Gemäß Alf Hiltebeitel ist Kalki im Mahabharata eine Ausdehnung/Erweiterung der Parashurama-Legende. In dieser zerstört ein Brahmanenkrieger Kshatriyas, die ihre Macht missbrauchten, um Chaos und Leid zu verbreiten und Wehrlose zu verfolgen. Der epische Held Kalki gründet diese Welt erneut auf Rechtsprinzipien, beendet aber nicht den Daseinszyklus. Innerhalb des Mahabharatas taucht Kalkin im Markandeya-Abschnitt auf. Laut Luis Reimann
„... kann kein Zweifel bestehen, dass der Markandeya-Abschnitt als Zusatz erst später dem Epos angeheftet wurde. Yudhisthiras Fragen in diesem Kontext über die Zustandsbedingungen am Ende des Kali Yugas und den darauffolgenden Übergang zum Krita Yuga (etwas weit jenseits seines eigenen Horizonts), sind nur ein Vorwand, um diesen Einschub zu rechtfertigen.“
Cornelia Dimmitt ist der Ansicht, dass sich in keinem der Maha Puranas eine klare und saubere Einteilung weder von Kalki noch der übrigen Inkarnationen Vishnus finden lässt. Im Vergleich zu den Legenden um die Avataras Matsya, Kurma, Varaha, Vamana, Narasimha und Krishna, die alle wiederholt und ausführlich beschrieben werden, wird Kalki eigentlich nur sehr spärlich erwähnt. Hierzu liefert Dimmitt als sehr plausible Erklärung, dass das Kalki-Konzept
„noch stark im Fluss war, als die Maha Puranas zusammengestellt wurden – vergleichbar mit Buddha als neunte Inkarnation Vishnus – wobei dieses Inkarnations-Konzept Buddhas von vielen Buddhisten abgelehnt wird.“

Es ist gut möglich, dass das Kalki-Konzept in Hindu-Manuskripten sich als Reaktion auf die Invasionen des indischen Subkontinents weiter entwickelte. Diese waren über mehrere Jahrhunderte hinweg durch verschiedene, von Nordwesten eindringende Armeen erfolgt. Denkbar ist auch eine Reaktion auf die von den Invasoren mitgebrachten Mythologien.
Nach John E. Mitchiner geht das Kalki-Konzept in gewisser Weise auf Vorstellungen des Judentums, des Christentums, des Zoroastrismus und anderer Glaubensrichtungen zurück. Auch verweist er auf die Tatsache, dass in einigen Puranas, wie beispielsweise dem Yuga Purana, Kalki gar nicht erwähnt wird und außerdem eine ganz unterschiedliche Kosmologie unterbreitet wird. Das Yuga Purana geht ausführlicher auf die Mythologie nach der Maurya-Zeit, nach der indisch-griechischen Epoche und nach der Saken-Epoche ein. Andere Puranas wiederum stellen das Manvantara-Thema, das die Kalki-Idee beherbergt, in den Vordergrund. Hierin stimmt Luis Gonzales-Reimann mit Mitchiner überein, auch er kommt zu dem Ergebnis, dass das Yuga Purana Kalki überhaupt nicht erwähnt. Gonzales-Reimann gibt ferner zu bedenken, dass in anderen Puranas wie z. B. dem Vayu Purana (2.36 und 2.37), nicht Kalki das Kali Yuga beendet, sondern Pramiti.
Laut Arvind Sharma verknüpfen die meisten Historiker des Hinduismus die Entwicklung der Kalki-Mythologie mit dem durch fremde Invasoren zugefügten Leid. Der Zweck Kalkis unterscheidet sich sehr wohl von anderen messianischen Heilsvorstellungen. Kalkis Aufgabe ist es, die Invasoren und auch die internen Häretiker zu vernichten, um dadurch das gegenwärtige Zeitalter allen Übels – das Kali Yuga – zurückzudrehen und in sein Gegenteil zu verkehren.

„In dem Zeitalter, in dem selbst die Erinnerung Dharma vergisst, in dem Worte nicht mehr das bedeuten, was sie einst taten, und Menschen Wahrheit vorgeben, nur um zu täuschen – in diesem letzten, noch ausstehenden Zeitalter herrscht Stille. Keine friedliche Stille, sondern eine Stille des Vergessens.
Es stehen zwar noch Tempel, jedoch nicht für Andacht und Gebet. Selbst die Veden sind noch nicht ganz verschwunden, sie werden aber nicht mehr laut verkündet. Die Herzen sind nach wie vor auf der Suche – was sie jedoch suchen liegt in ihrem eigenen Selbstinteresse. Dieses Zeitalter heißt Kali – das dunkle Viertel des großen Rades, in dem Rechtschaffenheit so dünn und flach wie der Atem in einer sterbenden Brust wird.
Dennoch muss sich das Rad weiter drehen – und die Umnachtung ihrem Ende entgegengehen.“
In einem kleinen Dorf namens Śāmbhala, versteckt unter zerfallenden Königreichen und verkommener Rede, lebte ein Mann mit ruhigem Feuer. Sein Name war Viṣṇuyaśas, dessen Ruhm sich nicht auf Reichtum oder Kriegswesen begründete, sondern auf innere Wahrhaftigkeit. Ihm wurde ein Sohn geboren. Nicht von Donner begleitet und auch nicht mit himmlischen Anzeichen. Sondern in Stille. Jene Stille, die sich immer vor einem bedeutenden Wechsel einstellt.
Sie nannten ihn Kalki – jemand, der die Vollendung herbeiführt. Nicht die Vollendung eines Kapitels, sondern die Vollendung eines gesamten Buches.
Kalki wuchs nicht an Höfen oder in Ashramas auf. Über seine Kindheit finden wir keine Geschichten. Aber in der Stille der Nacht, wenn selbst die Dunkelheit schlummert, wisperte ihm die Erde zu. Sie hatte allzu lange die Bürde der Unwahrheiten ertragen. Sie hatte die Schreie der Unschuldigen aushalten müssen, aber auch das Hohngelächter der Tyrannen und das Verdrehen des Dharmas in ein Werkzeug der Gier. Die Erde rief jetzt nach Feuer – nicht Feuer der Zerstörung, sondern Feuer der Reinigung.
Kalki lernte. Nicht von Menschen, sondern von dem uralten Parashurama (Paraśurāma), der nie fortgegangen war – der Weise, der sich am Rande der Zeitalter und des Waldes aufhielt. Von ihm empfing Kalki nicht nur Waffen, sondern auch die Stille und Konzentration für ihre Handhabung.
Das Schwert empfängt nur derjenige, der begreift, wann sein Einsatz unnötig ist.
„Die Zeit kam. Ohne Vorzeichen – jedoch aus innerer Notwendigkeit. Ein Weißes Pferd stand bereit – mit Namen Devadatta – Von den Göttern Verliehen. Weder unter Seinesgleichen noch im Stall geboren – vielmehr durch die Kraft des Willens und des Windes. Kalki stieg auf. Er gab keine Erklärungen und auch keine Drohungen von sich. Er ritt einfach. Dort, wo er hinritt konnten die Falschen und Heuchler sich nicht mehr halten. Nicht, weil er sie niederstreckte, sondern weil die Zeit für Falschheiten abgelaufen war. Könige, die mittels Lügen herrschten, fielen nieder, ehe sie erneut Luft holen konnten. Priester, die Erlösung verkauften, verloren ihre Zungen. Diebe, die sich als Lehrer ausgaben, wurden zerstreut. Kalki bestrafte nicht, er beendete. Es gab keine Auseinandersetzungen mehr, das Yuga hatte seinen Endpunkt erreicht.“
Kalki's Schwert khadga besteht nicht aus Eisen (die Wurzel khad bedeutet „auseinanderbrechen“). Es zerbricht Illusionen. Es durchtrennt die Bande des Karmas aus unzähligen, vorangegangenen Leben. Die Klinge ist in Wirklichkeit reines Licht.
Kalki ist weder aufgebracht noch erzürnt. Seine Augen sengen nicht. Sie sehen – und mehr nicht. Wer jedoch von Kalkis Augen erblickt wird, fällt augenblicklich der vollständigen Bloslegung preis, ohne jeden Schutz.
„Nach Ausführung seiner Mission wird es keine Applaudierende geben. Weder gibt es ein Königreich zu gewinnen. Kalki hinterlässt keine Spuren, nur leeren Raum – ein offenes Feld, in dem neue Wahrheiten Platz finden. Und die Welt, als ob sie von einem langen Albtraum endlich erwachen würde, atmete ganz langsam aus. Satya (Wahrheit) kehrt wieder zurück. Kinder sprechen, ohne Angst haben zu müssen. Der Regen fällt, so wie er es soll. Bäume blühen ohne Anstrengung. Der Zyklus beginnt erneut wie gehabt und so wie es vorgesehen ist. Dennoch bleibt in der tiefen Erinnerung der Zeit der Name Kalki bestehen. Nicht als Retter. Nicht als Richter. Sondern als derjenige, der sich an das erinnert, was andere vergessen – dass selbst die Zeit einer Reinigung bedarf, damit die Wahrheit erneut frei atmen kann.“
Die langen Schatten des Kali Yugas verdüsterten sich und Dharma war daran, seinen Geist auszuhauchen. Alte Schriften sprechen dennoch in aller Ruhe von Anzeichen des herannahenden Avatars. Das Bhavishya Purana, das Vishnu Purana und das Bhagavata Purana, sie alle verleihen einen Blick auf diese Grenzsituation des zuendegehenden Kali Yugas sowie auf das neuerliche Inschwungkommen des kosmischen Rades.
Diese Anzeichen sind nicht nur rein äußerlicher Natur, sondern tiefgehende Zerwürfnisse im Innenleben, in zwischenpersönlichen Verhältnissen, in der Wahrheitsfindung und im Wertesystem.
Im Satya Yuga stand Dharma noch fest auf den vier Beinen Wahrheit, Empathie, Bescheidenheit und Reinheit. Mit jedem weiteren Yuga wurde eines dieser vier Beine sukzessive schwächer. Gegen Ende des Kali Yugas blieb nur noch Wahrheit übrig – schwach und zittrig. Sobald aber auch dieses letzte Licht verglimmt, ist die Zeit des Avatars gekommen.
Wenn Worten nicht mehr vertraut werden kann, wenn Täuschung mehr zählt als Ehrlichkeit, wenn niemand mehr weiß, was wahr und richtig ist – dann beginnen die Fundamente dieser Welt zu wanken. Das Herankommen des Avatars wird nicht allein durch Kriege und Hungersnöte angezeigt, sondern vor allem durch den Zusammenbruch von Wahrheit im Herzen der Menschen.
Wenn die Hilferufe der Reinen und Sprachlosen in unsichtbare Himmelsregionen aufdringen, werden sie Wolken ähnlich des Herrn Herzen umhüllen. Wenn Bhudevi Adharma nicht mehr ertragen kann, wird sie selbst aufsteigen und Vishnu aufsuchen, und ihn um die Erlösung der Welt anflehen.
Die Hilflosen werden aufschreien, ohne dass ihnen jemand zu Hilfe eilt und sie beschützt. Kinder werden ihre Kindheit aufgrund von Ausbeutung verlieren. Die Alten werden zur Seite geräumt. Die Armen werden für ihre Armut auch noch getadelt. Tempel werden beraubt – nicht nur ihres Reichtums, sondern auch ihrer Heiligkeit. Ungerechtigkeit wird sich nicht länger verstecken, sondern keck in Kronjuwelen und Machtinsignien auftreten.
Diejenigen, die vorgeben spirituelle Lehrer (Gurus) zu sein, werden die Menschen in die Irre führen. Dharma wird als reine Unterhaltung verkauft. Die Veden werden ohne jeglichen inneren Sinn rezitiert. Pilgerfahrten werden aus Eitelkeit heraus unternommen. Und Mantras werden zur Vermehrung des eigenen Egos eingesetzt – und nicht aus Bescheidenheit.
Dies alles ist eine letzte große, offene Wunde der Welt, da vormals befreiend wirkende Praktiken von nun an Seelen verknechten.
Überschwemmungen, Feuersbrünste, Seuchen und Dürren werden keine seltenen Ereignisse mehr sein, sondern häufig wiederkehrende Widerspiegelungen eines aus dem Gleichgewicht geratenen Kollektivs. Die fünf Elemente (Pancha Bhuta), die normalerweise mittels kosmischer Harmonie geregelt werden, kommen aus dem Tritt, sobald sich menschliches Bewusstsein zu weit vom Dharma entfernt.
Missernten treten auf, die Jahreszeiten verkehren sich in ihr Gegenteil und der Himmel verliert jede Beständigkeit.
Zu diesem Zeitpunkt lockert sich die Kontinuität des Erinnerungsvermögens. Familienbande zerbrechen. Die Veden werden nur noch ganz selten wahrheitsgemäß rezitiert. Das Wissen fragmentiert und ist losgelöst von jeglicher Erfahrung. Selbst Angehörige höhergestellter Familien vergessen ihr Dharma.
Hierbei handelt es sich nicht um einen Verlust an Kultur, vielmehr haben wir es mit einer Amnesie des seelischen Wegs zu tun. Ohne Bewusstsein für seine Wurzeln verliert der Jiva (Seele) seine Kohärenz und fängt an, sich im Chaos zu verlieren und aufzulösen.
Dennoch ...
gibt es selbst in diesem Nebel immer noch Leuchttürme – Seelen, die an der Wahrheit festhalten, Gott lieben und sich in Ruhe und Frieden bewegen. Jeder ihrer Atemzüge hält die Brücke frei. Zu jeder Zeit gibt es Bhaktas (Gottesdiener), Tapasvins (Sich Läuternde) und Jnanins (Opfernde), die unbewusst die Erde aufrechterhalten. Und dank ihrer lautlosen Gebete wird der Avatar herabsteigen – vollkommen ohne Zorn, sondern um den Puls des Dharmas wiederzubeleben.
Die Anzeichen der Wiederkunft kommen nicht plötzlich. Vielmehr entfalten sie sich wie die Dämmerung. Aber wenn die Nacht voll hereinbricht und alles Licht verloren scheint, selbst dann wird Helligkeit wiederkehren – nicht aus dieser Welt, sondern von sehr weit weg. In diesem Augenblick erscheint Kalki.
Das Agni Purana (Agni Purāṇa) liefert folgenden Bericht:
„Gegen Ende des Kali-Yugas verlieren sämtliche Leute ihren Glauben an Gott und werden irreligiös. Vielmehr nehmen sie jetzt Geschenke von Schurken entgegen. Auch die Kasten beginnen sich zu vermischen. Menschen werden zu Dieben und Übeltätern. Fünfzehn Abschnitte aus dem Veda Vājasaneya werden zur alleinigen Richtschnur. Obwohl die Menschen sauber angezogen sind, verfallen sie Untugenden. Die unterste Klasse der Menschheit (so genannte mlecchas) schwingen sich zu Herrschern auf und fangen an, andere Menschen auszubeuten. Zu diesem Zeitpunkt wird sich Vishnu als Kalki inkarnieren, als Sohn Viṣṇuyaśas und spiritueller Nachkomme Yājñavalkyas. Er wird mit sämtlichen Emporkömmlingen aufräumen. Er wird unter den Menschen erneut das Varnashrama-System etablieren, damit sie korrekte Anstandsregeln befolgen. Nach getaner Arbeit wird der Herr die Formgestalt seiner Inkarnation aufgeben und wieder gen Himmel steigen. Ein neues Kritayuga kann jetzt beginnen ...“
Das Kalki Purāṇa ist ein kleineres Upapurāṇa der Vaishnavas. Es handelt von Kalki, der zehnten Inkarnation Vishnus gemäß der Hindu-Mythologie. In mehreren Kapiteln werden das Leben Kalkis, seine Taten, seine Lehren, seine zeitliche Stellung und seine eventuelle Historizität erörtert.
Einige indische Autoren wie Aurobindo Ghose sehen in den zehn Avataras ein Symbol für die Stufen der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, d. h. von der tierischen Stufe bis zum erwachten Geist in seiner höchsten Vollendung. Kalki repräsentiert für sie die zukünftige, supramentale Bewusstseinsstufe.
Der Theosoph Benjamin Creme sieht in Kalki das hinduistische Pendant zum buddhistischen Maitreya, dem zukünftigen Buddha, dem Mahdi des Islam und dem wiederkehrenden Jesus Christus. Alle diese Figuren verkörpern das „Prinzip Hoffnung“.
Von vorrangiger Bedeutung dürfte jedoch die Tatsache sein, dass die hinduistische Eschatologie im Gegensatz zum abendländischen Denken zyklisch abläuft – veranschaulicht durch Kalpas, Yugas und Manvantaras – und der Zeitbegriff eben nicht linear voranschreitet. Jede Zyklizität beruht auf der Wechselwirkung zwischen Energie und Materie, die dazu neigt, mit der Zeit instabil zu werden und Schadstoffe anzusammeln. Siehe Leben und Tod unbelebter wie belebter Materie. Es gibt keine hundertprozentige Reaktion und auch keine Sonne, die ewig scheint ...
Daher Kalki als Gesandter Gottes – er reinigt sogar noch die Zeit, um einen Neubeginn zu ermöglichen.
Das Kali-Yuga begann mit dem Tod Krishnas an Mitternacht vom 17. zum 18. Februar (Julianischer Kalender) vor 5.128 Jahren (3.102 v. Chr.). Da seine Dauer auf 432.000 Jahre festgesetzt ist, wird noch eine geraume Zeit vergehen (426.872 Jahre), ehe Kalki erscheinen wird.