Kallanai (Tamil கல்லணை ‚Steindamm‘), auch als Grand Anicut bezeichnet, ist ein historisches Wehr am Fluss Kaveri im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Das Bauwerk dient der Wasserverteilung und Bewässerung im Kaveri-Delta. Seine Errichtung wird traditionell dem Chola-Herrscher Karikala zugeschrieben und häufig in das 2. Jahrhundert n. Chr. datiert. Die genaue Entstehungszeit des ursprünglichen Bauwerks ist jedoch nicht zweifelsfrei gesichert.
Kallanai gehört zu den ältesten noch genutzten Bewässerungsbauwerken der Welt. Es ist ein bedeutendes Zeugnis der historischen Wasserbaukunst Südindiens und der Wasserwirtschaft im tamilischen Siedlungsgebiet.
Kallanai befindet sich am Kaveri im heutigen indischen Bundesstaat Tamil Nadu, östlich von Tiruchirappalli und westlich von Thanjavur. Der Unterlauf des Kaveri bildet ein ausgedehntes Flussdelta, das seit Jahrhunderten intensiv landwirtschaftlich genutzt wird.
Das Bauwerk ist Bestandteil eines Wasserverteilungssystems, das die Flussarme und Bewässerungskanäle des Kaveri-Deltas miteinander verbindet. Der nördliche Flussarm, der Kollidam (auch Coleroon), spielt dabei eine wichtige Rolle bei der Ableitung von Hochwasser.
Die Errichtung des Kallanai wird traditionell dem frühen Chola-Herrscher Karikala zugeschrieben. Als Entstehungszeit wird häufig das 2. Jahrhundert n. Chr. genannt. Diese Datierung beruht auf der historischen Überlieferung und ist nicht als exakt archäologisch gesicherter Baubeginn zu verstehen.
Das Bauwerk wird mit der Entwicklung der Bewässerungswirtschaft im Kaveri-Delta in Verbindung gebracht. Die Regulierung und Verteilung des Flusswassers war eine wesentliche Voraussetzung für die landwirtschaftliche Nutzung der Region, insbesondere für den Reisanbau.
Kallanai gilt als bedeutendes Beispiel der Wasserbautechnik im historischen tamilischen Siedlungsgebiet und wird mit der frühen Geschichte der Chola verbunden.
Im frühen 19. Jahrhundert untersuchten britische Ingenieure die vorhandenen Bewässerungsanlagen des Kaveri-Systems und führten Veränderungen durch.
Nach Angaben der International Commission on Irrigation and Drainage ließ Captain Coldwell im Jahr 1804 Reparaturen am Grand Anicut ausführen und den Wehrscheitel erhöhen. 1829 schlug Major Sim zusätzliche wasserbauliche Einrichtungen zur Verringerung von Sedimentablagerungen vor.
Der britische Wasserbauingenieur Arthur Cotton war im 19. Jahrhundert an der Weiterentwicklung der Bewässerungssysteme in Südindien beteiligt. Zu den späteren Anlagen gehörte auch das Lower Anicut am Kollidam, das nach dem Vorbild des Kallanai errichtet wurde.
Durch die wiederholten Veränderungen lässt sich die ursprüngliche Gestalt des Kallanai heute nur eingeschränkt rekonstruieren.
Kallanai ist ein massives Steinwehr, das ursprünglich aus großen, weitgehend unbearbeiteten Steinen errichtet wurde. Das Bauwerk ist ungefähr 329 Meter lang und 20 Meter breit. Die in Veröffentlichungen genannten Höhenangaben unterscheiden sich; die International Commission on Irrigation and Drainage nennt sowohl 4,5 als auch 5,4 Meter.
Im Unterschied zu einem Staudamm, dessen Hauptaufgabe die Speicherung von Wasser in einem Stausee ist, dient ein Wehr wie Kallanai vor allem der Beeinflussung des Wasserstandes und der Verteilung des Flusswassers.
Die historische Konstruktion wurde unter anderem von der Ingenieurwissenschaftlerin Chitra Krishnan untersucht. Sie kombinierte historische Beschreibungen, Geländeuntersuchungen und hydraulische Analysen, um die ursprüngliche Gestalt des Bauwerks zu rekonstruieren.
Nach ihrer Rekonstruktion besaß das historische Wehr gekrümmte Bauabschnitte, einen geneigten Wehrscheitel und ein unregelmäßiges Profil. Hydraulische Modellversuche deuteten darauf hin, dass solche Konstruktionsmerkmale die Wasserführung beeinflussen und Sedimentablagerungen verringern können. Die Rekonstruktion ist jedoch von der heutigen, mehrfach veränderten Gestalt des Bauwerks zu unterscheiden.
Das Kaveri-System besteht aus mehreren Flussarmen und Bewässerungskanälen. Kallanai beeinflusst die Verteilung des Flusswassers und unterstützt die Versorgung landwirtschaftlicher Flächen im Delta.
Bei hohen Wasserständen konnte überschüssiges Wasser über eine Verbindung zum Kollidam abgeleitet werden. Dieser Flussarm war aufgrund seines Gefälles und seiner Wasserführung besonders für die Ableitung von Hochwasser geeignet.
Die Kombination von Bewässerung und Hochwasserableitung gehört zu den wesentlichen Funktionen des historischen Bauwerks.
Kallanai ist ein wichtiges Zeugnis der historischen Wasserbaukunst Südindiens. Seine lange Nutzungsgeschichte zeigt die Bedeutung technischer Anlagen für die landwirtschaftliche Entwicklung und die Bewirtschaftung der Flusslandschaft des Kaveri-Deltas.
Die Untersuchung des Bauwerks durch Chitra Krishnan und seine Behandlung in der wissenschaftshistorischen Forschung verdeutlichen, dass traditionelle südindische Wasserbausysteme technisch differenzierte Lösungen für die Wasserverteilung, Hochwasserführung und Sedimentkontrolle entwickelten.
Kallanai wird insbesondere mit der Wasserwirtschaft des historischen tamilischen Chola-Reiches in Verbindung gebracht. Die überlieferte Zuschreibung an Karikala ist dabei von der ingenieurwissenschaftlichen Untersuchung des erhaltenen Bauwerks zu unterscheiden.
Kallanai ist weiterhin Bestandteil des Bewässerungssystems im Kaveri-Delta. Die historische Anlage wurde im Laufe ihrer Nutzungsgeschichte mehrfach verändert und ergänzt.
Im Jahr 2021 wurde das Grand-Anicut-Bewässerungssystem von der International Commission on Irrigation and Drainage im Rahmen ihres Programms World Heritage Irrigation Structures als historisch bedeutende Bewässerungsanlage anerkannt.
Diese Anerkennung ist nicht mit einer Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste gleichzusetzen.
Koordinaten: 10° 49′ 51,6″ N, 78° 49′ 8″ O