Kapitaltheorie (Bourdieu)

Die Kapitaltheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu ist eines der Elemente seiner Ökonomie der Praxis. Er konstruiert vier grundlegende und diverse feldspezifische Kapitalsorten, um alles zu erfassen, was Handlungsmöglichkeiten eröffnet und Bewahrung oder Verbesserung der sozialen Position einer Person ermöglicht. Sein Kapitalbegriff geht weit über den der Wirtschaftswissenschaft hinaus.

Kapitalbegriff in der Ökonomie der Praxis

Für Bourdieu ist es nur möglich, die Struktur und das Funktionieren der gesellschaftlichen Welt zu verstehen, wenn man den Begriff des „Kapitals in allen seinen Erscheinungsformen“ einführt, nicht nur in der Form, wie sie aus der Wirtschaftswissenschaft bekannt ist. Die Wirtschaftstheorie habe sich nämlich ihren Kapitalbegriff von einer ökonomischen Praxis aufzwingen lassen, „die eine historische Erfindung des Kapitalismus ist.“ Dieser herkömmliche Begriff reduziere die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen Warenaustausch, der auf eigennützige Profitmaximierung ausgerichtet sei. Damit mache die Wirtschaftstheorie alle anderen Formen des sozialen Austausches zu nicht-ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen. Mit der Begründung einer derartig engen Wirtschaftswissenschaft habe man zugleich das Entstehen einer „allgemeinen Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“ verhindert. Eine solche Ökonomie der Praxis würde den Warenaustausch lediglich als speziellen Fall unter mehreren möglichen Formen von sozialem Austausch behandeln.

Bei Bourdieu umfasst der Kapitalbegriff alle Ressourcen, die gesellschaftlich wertvoll sind, nicht nur ökonomische. Sein erweiterter Kapitalbegriff bezieht sich auf alles, was Handlungsmöglichkeiten eröffnet und Bewahrung oder Verbesserung der sozialen Position ermöglicht.

„Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Material oder in verinnerlichter, „inkorporierter“ Form. Wird Kapital von einzelnen Aktoren oder Gruppen privat und exklusiv angeeignet, so wird dadurch auch die Aneignung sozialer Energie in Form von verdinglichter oder lebendiger Arbeit möglich.“

– Pierre Bourdieu

Kapitalsorten

Im Aufsatz Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, der 1983 erstmals erschien, spricht Bourdieu von drei grundlegenden Arten des Kapitals: Ökonomisches Kapital, Kulturelles Kapital und Soziales Kapital. Im 1992 erstmals erschienenem Interview mit Loïc Wacquant nennt er eine vierte Kapitalsorte: „Zu diesen drei Sorten kommt noch das symbolische Kapital hinzu, das die Form ist, die eine dieser Kapitalsorten annimmt, wenn sie über Wahrnehmungskategorien wahrgenommen wird, die seine spezifische Logik anerkennen (...).“ .

Diese vier Sorten sind die die Grundformen des bourdieuschen Kapitals, auch wenn Bourdieu in seinen Schriften diverse weitere Kapitalformen anführt.

Ökonomisches Kapital

Zum ökonomischen Kapital gehören alle Formen des materiellen Besitzes, die in entwickelten Gesellschaften gegen Geld getauscht werden können. Im Gegensatz zum marxistischen Kapitalbegriff geht es nicht nur um den Eigentum an Produktionsmitteln.

Kulturelles Kapital

Das kulturelle Kapital hat drei Erscheinungsformen:

Soziales Kapital

Elemente des sozialen Kapitals sind Freundschaften, Vertrauensbeziehungen, Bekanntschaftsbeziehungen, Geschäftsverbindungen sowie Mitgliedschaften in Gruppen, Organisationen, Berufsverbänden oder Clubs. Zur Bildung und Aufrechterhaltung eines solchen Netzes sozialer Beziehungen bedarf es aufwändiger Beziehungsarbeit. Das soziale Kapital dient hauptsächlich dazu, die Chancen zur Erhaltung und Vermehrung des ökonomischen und kulturellen Kapitals zu steigern und zu sichern.

Bourdieus soziales Kapital hat wenig mit dem gleichlautenden Begriff von Robert Putnam und James Samuel Coleman zu tun, der eher die Ressourcen bezeichnet, die sich aus der Gesellschaftsstruktur zur ökonomischen Kapitalakkumulation ergeben.

Symbolisches Kapital

Symbolisches Kapital hat die Form von Anerkennung und Prestige. Es ist abhängig vom Vorhandensein und Volumen der drei anderen Kapitalsorten.

„Die soziale Welt vergibt das seltenste Gut überhaupt: Anerkennung, Ansehen, das heißt ganz einfach Daseinsberechtigung. (...) Weniges ist so ungleich und nichts grausamer verteilt als das symbolische Kapital, das heißt die soziale Bedeutung und die Lebensberechtigung.“

– Pierre Bourdieu

Weitere Kapitalsorten

In seinen Schriften verwendet Bourdieu neben den bekannten vier Grundformen noch zahlreiche andere Arten von Kapitalbezeichnungen, wie beispielsweise das psychische, das informationelle, das politische Kapital. Laut Bourdieu-Handbuch gibt es so viele Kapitalsorten wie Felder.

Feldspezifische Kapitalien sind entweder Unterkategorien oder Abwandlungen von kulturellem, ökonomischen und sozialem Kapital. Sie unterliegen wie die drei Grundformen unterschiedlichen Transformations- und Reproduktionsregeln und verweisen damit auf die jeweils eigene Logik jeden Feldes.

Kapital und Feld

Das soziale Feld ist für Bourdieu grundsätzlich ein Bereich sozialer Kämpfe. Die Akteure bemühen sich um die bestmöglichen Positionen auf dem Feld. Dafür setzen sie alles ein, über das sie verfügen und was auf dem Feld zählt. Zugleich versuchen sie die Regeln des Feldes so zu ändern, das das, worüber sie verfügen am deutlichsten zur Geltung kommt. Die Ökonomie der Praxis besteht darin, die Ziele, die sich aus der Logik eines bestimmten Feldes ergeben, mit dem geringsten Aufwand zu erreichen.

„Ein Kapital oder eine Kapitalsorte ist das, was in einem bestimmten Feld zugleich als Waffe und als umkämpftes Objekt wirksam ist, das, was es seinem Besitzer erlaubt, Macht oder Einfluß auszuüben, also in einem bestimmten Feld zu existieren und nicht bloß eine »quantité négligeable« zu sein. In der empirischen Arbeit ist die Bestimmung eines Feldes und seiner Grenzen und die Bestimmung der in ihm wirksamen Kapitalsorten und der Grenzen ihrer Wirkungen usw. ein und dasselbe (Zwischen den Begriffen Kapital und Feld besteht, wie man sieht, eine enge wechselseitige Abhängigkeit).“

– Pierre Bourdieu

Literatur

Einzelnachweise

  1. Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. Herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen von Maria Keil, Reclam (Great Papers Soziologie), Ditzingen 2026, ISBN 978-3-15-014740-5.
    1. ↑ S. 7 f.
    2. ↑ S. 5.
  2. Boike Rehbein/Gernot Saalmann: Kapital (capital). In: Gerhard Fröhlich, Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02235-6, S. 134–140.
    1. ↑ S. 134 f.
    2. ↑ S. 137.
    3. ↑ S. 138.
  3. ↑ Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Reinhard Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. In: Soziale Welt, Sonderband 2. Schwartz, Göttingen 1983, ISBN 3-509-01341-7, S. 183–198
  4. ↑ Loïc Wacquant mit Pierre Bourdieu: An Invitation to Reflexive Sociology. The University of Chicago Press, Chicago 1992, ISBN 022606-740-8; deutschsprachige Übersetzung: Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996, ISBN 978-3-518-58229-9.
  5. Loïc Wacquant mit Pierre Bourdieu: Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996, ISBN 978-3-518-58229-9.
    1. ↑ S. 151.
    2. ↑ S. 128.
  6. Werner Fuchs-Heinritz und Alexandra König: Pierre Bourdieu. Eine Einführung. 3., überarbeitete Auflage, UVK, Konstanz/München 2014, ISBN 978-3-8252-4233-6.
    1. ↑ S. 129.
    2. ↑ S. 129 f.
    3. ↑ S. 133.
    4. ↑ S. 135 f.
    5. ↑ S. 138.
  7. ↑ Pierre Bourdieu: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Übersetzt von Achim Russer, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-58307-7, S. 309 f.
  8. Maria Keil: Nachwort. In: Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. Reclam (Great Papers Soziologie), Ditzingen 2026, ISBN 978-3-15-014740-5. S. 63–125, hier S. 96 f.
    1. ↑ S. 97.
    2. ↑ S. 88.
    3. ↑ S. 77.
  9. ↑ Boike Rehbein/Gernot Saalmann: Feld (champ). In: Gerhard Fröhlich, Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02235-6, S. 99–103, hier S. 101.