Karl Spazier wurde in Berlin aus einer zur mährischen Brüdergemeinde gehörigen Familie geboren und wuchs dort auf. Er besuchte dort die Heckersche Realschule und das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster. Er interessierte sich für Philosophie, Literatur und Musik.
Obwohl er keine tiefergehende musikalische Ausbildung erhalten hatte, wirkte er in seiner Jugend als Konzert- und Kirchensänger in Berlin (Diskantist). Später sang er am Hof von Prinz Heinrich in Rheinsberg französische Opern.
In Halle studierte er Theologie und Philosophie. Ausgangspunkt seiner philosophischen Arbeiten war der zu dieser Zeit dominierende Wolffianismus, noch in Halle wandte er sich aber dem Sensualismus und dem Materialismus zu.
Von 1784 bis 1787 wurde Spazier Lehrer und Aufseher am Philanthropin in Dessau, seine Erfahrungen fasste er in der Schrift „Einige Bemerkungen über deutsche Schulen, besonders über das Erziehungsinstitut in Dessau“ zusammen.
Er begleitete den Dessauer Zögling Baron von Mengden (Violinvirtuose) auf die Universität zu Halle und Göttingen. Dann wurde er Schriftsteller in Halle mit vorwiegend philosophischem Schwerpunkt. Er wurde 1787 in der Churfürstlich Mayntzischen Academie nützlicher Wissenschaften aufgenommen. Er nahm einen Ruf als Professor der Philosophie in Gießen an, den er jedoch nach Anfeindungen und auf Druck der Theologischen Fakultät wegen zu freimütiger Schriften vor Antritt wieder aufgeben musste. Darauf lebte er in der Grafschaft Mark in Westfalen und unternahm Reisen durch Deutschland, Dänemark, Holland, Schweiz und Teile Italiens als Begleitung eines westfälischen Grafen.
In Neuwied am Rhein wurde er um 1791 Professor und schließlich Hofrat des Fürsten von Neuwied. Nach dem Tod des Fürsten zog er nach Berlin und wurde Mitdirektor der Dr. Schulzschen Handelsakademie und lehrte Deutsche Sprache und Schöne Wissenschaften, musste dies nach zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen wieder aufgeben. 1793 gründete Spazier die Berlinisch musikalische Zeitung, die er bis 1794 herausgab.
Im Jahr 1796 erhielt er von der philosophischen Fakultät Halle das Doktordiplom. Er zog einige Jahre später nach Dessau und wurde Mitdirektor der Olivierschen Erziehungsanstalt und begleitete vermutlich das 1797 neu errichtete Hofschauspiel. Im Jahr 1796 oder 1797 heiratete er Johanne Caroline Wilhelmine, geb. Mayer.
Er übernahm die Redaktion der Zeitung für die elegante Welt und zog deshalb im Oktober 1800 mit seiner Familie nach Leipzig. Im Jahr 1805 starb er nach kurzer Krankheit und hinterließ seine Witwe mit vier kleinen Kindern, darunter Richard Otto Spazier. Gerber bezeichnete Karl Spazier als „einen der beliebtesten deutschen Schriftsteller“.
Werke
Schriften
Karl Spazier: Anti-Phädon oder Prüfung einiger Hauptbeweise für die Einfachheit und Unsterblichkeit der menschlichen Seele. In Briefen, Crusius, Leipzig 1785.
Karl Spazier: Einige Bemerkungen über deutsche Schulen. Bes. über das Erziehungs-Inst. in Dessau. Crusius, Leipzig 1786
Karl Spazier: Freymüthige Gedanken über die Gottesverehrungen der Protestanten. Von Karl Spazier, der Churmainz. Akademie der Wissenschaften Mitglied. Ettinger, Gotha 1788
Karl Spazier: Wanderungen durch die Schweiz, Ettingersche Buchhandlung, Gotha 1790
Karl Spazier: Das Theater der Religionen oder Apologie des Heidenthums., Athen/Leipzig 1791
Karl Spazier: Versuch einer kurzen und faßlichen Darstellung der teleologischen Principien – ein Auszug aus Kants Kritik der teleologischen Urtheilskraft. Johann Ludwig Gehra, Neuwied 1791
Karl Spazier: Beytrag zur Erziehung und Bildung des Kaufmanns in einer Darstellung der Berl. Handlungs- und Bürgerschule. Einladungsschrift zum Michaelisexamen., Berlin 1791
Karl Spazier: Ueber die Macht früher Gewohnheit. Eine Rede für Jünglinge. Zum Schluß der öffentlichen Prüfung der Zöglinge der Berlin. HSch. im Gorsicaischen Säle gehalten. Acad. Kunst- und Buchhdlg., Berlin 1791
Karl Spazier: Der neue Origenes. Berlin 1792, (Nachdruck ISBN 3-598-52781-0)
Karl Spazier: Carl Pilger's Roman seines Lebens. Von ihm selbst geschrieben; ein Beitrag zur Erziehung und Kultur des Menschen. 3 Bände, Verl. d. Königl. Preuss. Akad. Kunst- u. Buchh., Berlin 1792–1796, (Nachdruck ISBN 3-598-52781-0)
Karl Spazier: Entmannung aus Religionsschwärmerey: Eine neuere merkwürdige Geschichte; Erzählt und mit einer Abhandlung über die Quellen und Gefahren der Schwärmerey begleitet. Verl. der Kön. Preuß. Akad. Kunst- und Buchh., Berlin 1796 (Neuauflage des Werks Der neue Origenes)
Karl Spazier: Ueber Kants Kritik der Urtheilskraft. Neue Auflage.Johann Ludwig Gehra, Neuwied 1798
Denis Diderot’s Erzählungen. Übersetzt von Karl Spazier. Keil, Magdeburg 1799
Herausgeberschaften
Berlinische Musikalische Zeitung. Historischen und kritischen Inhalts., Im Verlage der Neuen Musikhandlung, Berlin, 1794.
Etwas über Gluckische Musik und die Oper Iphigenia auf Tauris auf dem Berlinischen Nationaltheater, Berlin 1795
Karl Adolf Zumbach: Das Theater der Religion oder Die Apologie der natürlichen Religion. Hrsg. Karl Spazier, Coblenz 1798
André-Ernest-Modeste Grétry: Gretry's Versuche über die Musik: im Auszuge und mit kritischen und historischen Zusätzen (Originaltitel Mémoires ou essais sur la musique). Hrsg. Johann Gottlieb Karl Spazier, Breitkopf und Härtel, Leipzig 1800
Karl von Dittersdorf: Karl von Dittersdorfs Lebensbeschreibung seinem Sohne in die Feder diktirt. Hrsg. Karl Spazier, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1801
Zeitung für die elegante Welt. Hrsg. Karl Spazier (später: August Mahlmann, Karl Ludwig Methusalem Müller, Heinrich Laube); Janke, Berlin 1801–1859 (Erscheinen eingestellt)
Musik
Lieder und Gesaenge am Klavier / in Musik gesezt von J. Karl Gottlieb Spazier. Halle 1781
Groß ist Gott, Leipzig 1785
Karl Spazier: Zwanzig vierstimmige Chöre im philantropinischen Betsale gesungen. Crusius, Leipzig 1785
Karl Spazier: Rosaliens Klagen eine Kantate, Hoffmann, Hamburg und Leipzig 1785
Karl Spazier: Sammlung erbaulicher Lieder bey Leichenbegräbnissen. Zittau & Leipzig 1788.
Carl Spazier: Einfache Clavierlieder, 1. Heft., Berlin 1790
Domenico Cimarosa: Der Direkteur in der Klemme. Ein komisches Singspiel in zwei Aufzügen. (Originaltitel L’impresario in angustie, „Von Pilger nach dem Italienischen frei bearbeitet“). Übersetzt von Karl Spazier, Langen, Köln 1791
Karl Spazier: Lieder und andere Gesänge für Freunde einfacher Natur. Neuwied und Leipzig 1792
Karl Spazier: Zwey Lieder in Musick gesetzt ... no. 3. Offenbach André, 1793
Karl Spazier: Melodieen zu Hartungs Liedersammlung. Zum Gebrauch für Schulen, und zur einsamen und gesellschaftlichen Unterhaltung am Klavier. Bei G.A. Lange, Berlin, 1794.
Ohne Jahresangabe
Die Feier-am Grabe des Menschen- freundes kompenirt von Carl Spazier.
Johann Heinrich Voß (Text), Karl Spazier (Melodie): Wie hehr im Glase blinket (auch: Trommellied)
Claudius (Text), Karl Spazier (Melodie): Stimmt H an mit hellem hohen Klang
Gleim (Text), Karl Spazier (Melodie): Rosen pflücken, wenn sie blühn
Karl Spazier: LIEDER einsamer und gesellschaftlicher Freude Componirt und dem Hochgebohrnen Freyherrn Herrn Carl Ludwig von Mengden Ehrfurchtsvoll zugeeignet von Carl Spazier.
Karls Spazier: LIEDER AM KLAVIER in Musik gesezt und der Frau Präsidentin von Schewe in Berlin ehrerbietig zugeeignet von Karl Spazier.
Weitere
Saepius ventis agitatur…
Fritz Adolf Hünich; Georg Witkowski: Gesicht und Arsch…, Stadelmann-Gesellschaft, Schriften, 5. Bd., Spamersche Buchdruckerei, Weimar/Leipzig 1923: „Reproduktion einer auf Goethes Anregung (wahrscheinlich von Hans Heinrich Meyer) hergestellten ’Visitenkarte’ für Karl Spazier“
Hermann Gilow, Karl Spazier: Karl Spaziers Tagebuch 1781-1783. Weidmann, Berlin 1911.
Sebastian Abel: Religionskritik als »medicina mentis«? Karl Spazier zwischen Tschirnhaus und Wittgenstein. In: Elisabeth Décultot u.a. (Hg.): Halle als Ort der Unruhe. Schwabe Verlag, Basel 2026 (Wege der Aufklärung, 5), S. 213–236.
Edierte Briefe von und an Karl Spazier im Webservice correspSearch der BBAW
Einzelnachweise
123Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte (Hrsg.): Monumenta Germaniae Paedagogica, Band XXXV: Das Berliner Handelsschulwesen des 18. Jahrhunderts, A. Hofmann & Comp., Berlin 1906
12Werner Krauss, Manfred Naumann, Martin Fontius, Werner Bahner: Das wissenschaftliche Werk: Aufklärung III. Deutschland und Spanien. Walter de Gruyter, 1996, ISBN 3-11-014547-2
123Ernst Ludwig Gerber: Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler: Bd. 4, S-Z., 1831, Seite 225. Volltext auf books.google.com
12Einige Bemerkungen…, Bestand der Martin-Opitz-Bibliothek, Herne
↑Johanne Karoline Wilhelmine Spazier-Uthe * 18. Mai 1776 in Berlin nach den Angeben der bei FamilySearch ausgewerteten Taufurkunde (Web-Ressource, nach Anmeldung entgeltfrei zugänglich); † 11. März 1825 in Dresden; genannt Minna; Dichterin, Schriftstellerin und Herausgeberin des von Brockhaus verlegten Jahreskalenders Urania; älteste Tochter des geheimen Obertribunalrates und Professors der Medizin Dr. Johann Siegfried Wilhelm Mayer; 1797 Hochzeit mit Karl Spazier; nach dessen Tod verlobt mit Friedrich Arnold Brockhaus; in zweiter Ehe verheiratet mit dem königlichen Hoforgelbauer Johann Andreas Uthe; Quelle: Damen Conversations Lexikon, Band 9. [o.O.] 1837, S. 344–345 (Web-Ressource).
↑Richard Otto Spazier, * 1803 in Leipzig; † 1854 in Leipzig; Schriftsteller; lebte 1825–1826 bei seinem Onkel Jean Paul; Quelle: ADB
↑Einfache Clavierlieder, genannt in Hoffmann von Fallersleben: Unsere volksthümlichen Lieder, Wilhelm Engelmann, Leipzig 1859, Volltext auf books.google.com
↑Der Direkteur…, Bestand Lippische Landesbibliothek, Detmold
↑Lieder und andere Gesänge..., genannt in Hoffmann von Fallersleben: Unsere volksthümlichen Lieder, Wilhelm Engelmann, Leipzig 1859, Volltext auf books.google.com
↑Trommellied. In: Fr. K. von Erlach, Friedrich Karl Erlach, Freiherr von, Fr. K. Freiherr von Erlach: Die Volkslieder der Deutschen: Eine vollständige Sammlung der vorzüglichen deutschen Volkslieder von der Mitte des Fünfzehnten bis in die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, H. Hoff, 1835, auf Google Books
Spazier, Johann Gottlieb Karl; Spazir, Karl; Spazier, Johann Carl Gottlieb; Pilger, Karl (Pseudonym); Pilger, Carl (Pseudonym); Spazier, D. Karl
KURZBESCHREIBUNG
Sänger, Hofmeister und Lehrer am Philanthropin in Dessau, Professor, Hofrat, Lehrer an einer Handelsschule in Berlin, Autor, Liedkomponist und Publizist