Kathleen Stock

Kathleen Stock (2023)

Kathleen Stock, OBE (* 18. November 1972 in Aberdeen) ist eine britische Philosophin. Sie war bis Oktober 2021 Professorin an der University of Sussex. Grund für die Aufgabe der Stelle waren Anfeindungen, denen sie aufgrund ihres Buches zum Thema Transidentität ausgesetzt war. 2022 erschien eine deutsche Übersetzung des Buches und wurde positiv rezensiert.

Leben

Stock studierte zunächst Französisch und Philosophie in Oxford, schloss ihr Masterstudium der Philosophie an der University of St Andrews ab und promovierte in Philosophie an der University of Leeds. Sie lehrte an der Lancaster University und der University of East Anglia, bevor sie im Jahr 2003 nach Sussex berufen wurde. Nach anhaltenden Protesten gegen Stock im Jahr 2021 trat sie im Oktober des Jahres von ihrer dortigen Position zurück. Im November 2021 wurde ihre Anstellung als Fellow an der University of Austin bekanntgegeben, die im selben Jahr als konservativ-libertäre Initiative gegründet wurde.

Stock verfasste zahlreiche Beiträge zur Philosophie der Fiktion und Imagination.

Kontroverse

Seit 2018 beschäftigt sich Stock auch akademisch mit Genderthemen. Stock zählt zu den akademischen Vertreterinnen eines von ihr „genderkritisch“ genannten Feminismus. Stock weist in ihren Schriften wiederholt das Konzept einer von der Anatomie unabhängigen „Genderidentität“ zurück und besteht darauf, trans Frauen als „Männer“ zu bezeichnen. Stock ist außerdem politisch bei der LGB Alliance aktiv, die sich gegen das Einbeziehen von trans Personen in queeren Bündnissen (LGB steht für LGBT ohne Transgender) stellt und sich gegen Reformen zugunsten der Anerkennung von trans Personen einsetzt. In der Folge wurde Stock als transfeindlich oder „TERF“ kritisiert und angefeindet.

Im Januar 2021 protestierten 600 Philosophen gegen Stocks „gefährliche Rhetorik“, nachdem sie in den Order of the British Empire aufgenommen worden war. Anfang Oktober 2021 forderten Studierende bei einem Protest mit Plakaten und Graffiti die Entlassung Stocks und in sozialen Medien kursierten Bilder mit der Parole Stock out („Stock raus“). Im Oktober 2021 trat sie nach den anhaltenden Anfeindungen von ihrer Professur in Sussex zurück, obwohl sich 200 Akademiker für Stock ausgesprochen hatten. Stock begründete ihren Rücktritt mit der „absolut schrecklichen Zeit“ für ihre Familie und sie selbst. Ohne Stocks Position einer biologischen Fundierung des Geschlechts zu teilen, solidarisierte sich die Gesellschaft für Analytische Philosophie (GAP) in ihrer Stellungnahme Für eine freie und kritische Auseinandersetzung in den Wissenschaften mit Stock. Die GAP erklärt es als inakzeptabel, „wenn an die Stelle der (auch scharfen) inhaltlichen Kritik an Positionen die Forderung nach institutionellen Sanktionen gegen Personen tritt, wenn statt der Prüfung von Gründen für oder wider kontroverse Standpunkte die Entlassung von Personen gefordert wird, wenn massiver öffentlicher Druck auf Universitätsleitungen ausgeübt wird, Vortrags- und Lehreinladungen zurückzunehmen.“ Im März 2025 belegte die britische Hochschulaufsichtsbehörde Office for Students die Universität Sussex mit einer Strafe von umgerechnet 700.000 Euro, weil sie die Meinungsfreiheit der Philosophieprofessorin Stock nicht ausreichend geschützt habe. Im April 2026 gewann die Universität in dieser Sache einen Prozess vor dem High Court. Das Gericht hob die Geldstrafe auf, weil das Office for Students die Untersuchung voreingenommen geführt habe und ein Exempel habe statuieren wollen, um andere Universitäten zu einer bestimmten Politik zu drängen.

Material Girls

2022 erschien die deutsche Übersetzung des Buchs Material Girls. Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist. Laut der Philosophin Petra Gehring ist es durchaus „kein Skandaltext, sondern eine lesenswerte […] im Ergebnis liberale Studie, die sich mit begrifflichen Grundlagenfragen rund um Geschlechterkonzepte befasst, aber auch wissenschafts- und rechtspolitische Empfehlungen äußert. Meisterhaft handhabt die Autorin das Werkzeug des geduldigen Arguments.“ Stock trete für Solidarität mit und Respekt für Transpersonen ein und empfehle, von ihnen in dem gewünschten Geschlecht zu sprechen. Doch sei Geschlecht nicht ausschließlich eine soziale Tatsache, sondern habe auch biologische Aspekte. Abschließend trete Stock für mehr Intersektionalismus ein, um Mehrfachdiskriminierungen auch jenseits von Transidentitäten ins Auge zu fassen, und für einen „evidenzbasierten Feminismus“.

Der Journalist Patrick Bahners bescheinigte dem Buch „beträchtlichen Scharfsinn“ in der Auseinandersetzung mit dem Paradigma, Geschlecht werde nicht nach intersubjektiven Kriterien festgestellt, sondern „zugewiesen“. Stocks Analyse zeitige für diese transaktivistische Grundannahme ein „vernichtendes Resultat“. Die Politikwissenschaftlerin Eszter Kováts lobte Material Girls als „besonnene und kluge“ Einladung, eine notwendige Debatte zu führen, statt sie den Rechten zu überlassen. Mit diesem Buch beweise Stock, dass es möglich ist, „empathisch gegenüber Minderheiten zu sein und gleichzeitig haltlose Argumente und Praktiken, die Schaden anrichten, zu entlarven“.

Deborah Shaw hingegen wirft in der Women’s History Review Stock vor, sich in ihrer Argumentation transfeindlicher Rhetorik zu bedienen. Eine Gefährdung von cis Frauen durch trans Frauen, wie Stock sie beschreibe, sei nicht belegt, trans Personen hingegen nachweislich doppelt so häufig selbst Opfer von Gewaltverbrechen, was dem unter anderem von Stock vermittelten Bild entgegenstehe. Shaw wie auch der Philosoph Adam Briggle kritisieren an Stocks Argumentation, sie greife eine Handvoll problematischer Einzelfälle heraus und vermische sie mit Einzelinformationen über sexuelle Dimorphismen, um daraus umfassende, trans Menschen ausschließende Politikempfehlungen abzuleiten. Briggle zufolge betreibe Stock ein selektives Framing zuungunsten von trans Personen, das wie ihre politischen Schlussfolgerungen keine logische Konsequenz ihrer dargelegten Theorie sei und vielmehr ihre bereits vorher feststehende Meinung wiedergebe.

Familie

Kathleen Stock war mit einem Mann verheiratet, mit dem sie zwei Söhne hat. Sie hatte ihr lesbisches Coming-out relativ spät und lebt heute mit ihrer Partnerin in Sussex.

Auszeichnungen

Schriften (Auswahl)

Commons: Kathleen Stock – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Kathleen Stock Books. In: hachette.com.au. Abgerufen am 31. Oktober 2021 (englisch).
  2. 1 2 Gina Thomas: Philosophin Kathleen Stock tritt zurück. In: FAZ.net. 31. Oktober 2021, abgerufen am 31. Oktober 2021.
  3. ↑ Patrick Kelleher: Anti-trans prof Kathleen Stock joins new 'university' with 'forbidden courses'. In: PinkNews. 8. November 2021, abgerufen am 8. August 2026 (amerikanisches Englisch).
  4. ↑ Boris Fishman: I’m a Liberal at a ‘Conservative’ University. How Did I End Up Here? In: The Free Press. 22. März 2025, abgerufen am 8. August 2026 (englisch).
  5. 1 2 3 4 5 Tilmann Warnecke: 9000 Pfund für ein diskriminierungsfreies Seminar? In: Der Tagesspiegel. 3. November 2021, abgerufen am 4. November 2021.
  6. 1 2 Peter Weissenburger: Transfeindliche Professorin tritt zurück: Nicht das Ende der Debatte. In: taz.de. 6. November 2021, abgerufen am 8. November 2021.
  7. ↑ Craig McLean: The Growth of the Anti-Transgender Movement in the United Kingdom. The Silent Radicalization of the British Electorate. In: International Journal of Sociology. Band 51, Nr. 6, 2. Dezember 2021, ISSN 0020-7659, S. 473–482, doi:10.1080/00207659.2021.1939946 (englisch).
  8. ↑ Niklaus Nuspliger: Kathleen Stock – wie eine lesbische Professorin im Kulturkampf um Transsexuelle zur Hassfigur wurde. NZZ, 22. April 2022.
  9. ↑ Philosophy Transphobia Letter. In: sites.google.com. 4. Januar 2020, abgerufen am 7. November 2021 (englisch).
  10. 1 2 bor/dpa: Kathleen Stock: Philosophin der Uni Sussex tritt nach angeblicher Transgender-Diskriminierung zurück. In: Der Spiegel. 31. Oktober 2021, abgerufen am 1. November 2021.
  11. ↑ Gesellschaft für Analytische Philosophie: Für eine freie und kritische Auseinandersetzung in den Wissenschaften: Eine Stellungnahme der Gesellschaft für analytische Philosophie. (PDF) In: GAP-im-netz.de. November 2021, abgerufen am 20. Februar 2022.
  12. ↑ Hohe Strafe für Uni Sussex, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. März 2025, S. 14.
  13. ↑ The Guardian, Richard Adams, University of Sussex overturns £585,000 fine as high court rejects free speech breach claim, 29. April 2026
  14. ↑ Petra Gehring: Das gefühlte Geschlecht. zeit.de, 7. April 2022.
  15. ↑ Patrick Bahners: Kritik des Transaktivismus : Gegen die Rückkehr der Sexualmagie. faz.net, 7. Mai 2022.
  16. ↑ Eszter Kováts: „Voller Empathie und Mitgefühl“. Ipg-journal, 7. Juli 2023.
  17. 1 2 3 Deborah Shaw: A tale of two feminisms: gender critical feminism, trans inclusive feminism and the case of Kathleen Stock. In: Women's History Review. 15. Dezember 2022, ISSN 0961-2025, S. 1–13, doi:10.1080/09612025.2022.2147915 (englisch, Online [abgerufen am 30. Mai 2023]).
  18. 1 2 Adam Briggle: Which Reality? Whose Truth? A Review Kathleen Stock’s Material Girls: Why Reality Matters for Feminism, Adam Briggle. In: Social Epistemology Review and Reply Collective. 24. November 2021, abgerufen am 7. August 2026 (amerikanisches Englisch).
  19. ↑ Joanna Moorhead: Interview Kathleen Stock: taboo around gender identity has chilling effect on academics. The Guardian, 22. Mai 2021.
  20. ↑ Kathleen STOCK – Order of the British Empire – The … In: thegazette.co.uk. 30. Dezember 2020, abgerufen am 4. November 2021 (englisch).
Personendaten
NAME Stock, Kathleen
ALTERNATIVNAMEN Stock, Kathleen Mary Linn (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG britische Philosophin
GEBURTSDATUM 18. November 1972
GEBURTSORT Aberdeen