Katja Hoyer

Katja Hoyer (2024)

Katja Hoyer (* 1985 in Guben, DDR) ist eine deutsche Historikerin und Autorin, die seit 2010 in Großbritannien arbeitet.

Leben

Hoyer wurde 1985 in Guben geboren, damals offiziell Wilhelm-Pieck-Stadt Guben. Ihr Vater war Offizier in den Luftstreitkräften der NVA, die Familie lebte in einer Wohnsiedlung für NVA-Berufssoldaten in Jänschwalde-Ost. Kurz nach der Geburt von Katja Hoyer setzte ihre Mutter das Studium zur Geschichtslehrerin in Dresden fort. Dann zog die Familie nach Strausberg, wohin Hoyers Vater versetzt worden war. Beim Fall der Mauer war Katja Hoyer vier Jahre alt, sie wuchs weiter in Strausberg auf.

Hoyer studierte Geschichte an der Universität Jena; das Studium schloss sie mit einem M.A. ab.

Um 2010 zog sie nach England, wo sie seitdem arbeitet. Hoyer ist Visiting Research Fellow am King’s College London und Fellow der Royal Historical Society. Sie arbeitet als Journalistin für den Spectator (seit 2021), die Washington Post (2021–2023), den Guardian (seit 2023) und Bloomberg (seit 2024). Seit April 2024 schreibt sie eine Kolumne in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung. Die Sunday Times bezeichnete sie als „Britain’s favourite German historian“.

Gesellschaftliche Rezeption und Rezensionen

Beyond the Wall / Diesseits der Mauer

Das Buch Beyond the Wall wurde in elf Sprachen übersetzt. In Großbritannien wurde es sehr positiv aufgenommen, 2023 für den Baillie Gifford Prize for Non-Fiction nominiert und kam mit zwölf anderen Titeln auf die Long List. Die deutsche Übersetzung erhielt in Deutschland hingegen überwiegend negative Kritiken, verkaufte sich aber gut: Im Juni 2023 kam der Titel auf Platz 7 einer Sachbuch-Bestenliste. Zusammen mit der Polemik Der Osten: eine westdeutsche Erfindung von Dirk Oschmann bildete Hoyers Buch 2023 den Kern einer Debatte über Deutungshoheit über DDR-Geschichte, Nachwendezeit und ostdeutsche Identität.

Rezensionen in überregionalen Medien

Der Journalist Norbert F. Pötzl warf Hoyer in der Süddeutschen Zeitung eine „SED-Lesart“ vor, wonach vor allem der Westen für das Scheitern der DDR verantwortlich sei. Die journalistische Kommentatorin Sabine Rennefanz vermutete hingegen in ihrer Spiegel-Kolumne, dass die „wenigen, brutalen Verrisse das letzte Aufbäumen der kalten Krieger“ sein könnten. Der in der DDR geborene Journalist Marko Martin fand in der taz kein gutes Wort für das Buch. Nichts darin sei neu oder originell, vieles falsch und beschönigend, der Einsatz von Zeitzeugen erinnere an Guido Knopp. Der amerikanische Historiker John Connelly bezeichnete das Buch als gescheitert und warf Hoyer „frappierende Unkenntnis […] über die realen Verhältnisse im real existierenden Sozialismus“ vor.

Wissenschaftliche und fachliche Rezeption

Während die deutsche Übersetzung in Deutschland überwiegend kontroverse und kritische Reaktionen auslöste, fiel die Aufnahme im westeuropäischen Ausland – insbesondere in Frankreich – nach Analysen von Beobachtern wie der Historikerin Sonia Combe deutlich positiver aus. Sie sieht in dem Buch eine wichtige Ergänzung zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte, da in der traditionellen Forschung die Sozial- und Alltagsgeschichte sowie der Staatsfeminismus weitgehend vernachlässigt worden seien und man sich einseitig auf den Repressionsapparat (Stasi) und die Stasi-Archive konzentriert habe.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk äußerte sich mehrfach sehr kritisch über das Buch, so im Tagesspiegel oder im Freitag. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung urteilte er: „Es taugt nichts, weil es Alltag und Diktatur getrennt voneinander betrachtet. […] Von SED über Mauer bis politische Indoktrination fehlt praktisch alles, was ihren Erzählfluss vom kuscheligen Leben stören würde. Dieses Buch ist aus wissenschaftlicher Sicht unmöglich. Gleichwohl bedient es eine Lücke. Wir haben es bisher alle in der Öffentlichkeit nicht geschafft, Gesellschaftsbilder über die DDR tragfähig zu machen, in denen sich viele Menschen wiederfinden. Die meisten fühlen sich ausgeschlossen von historischen Debatten über die DDR. Das ist ein Problem und die Begründung, warum diese populistischen Bücher so einen Erfolg haben.“

Der Historiker Hermann Wentker (Leiter der Abteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte) bezeichnete Katja Hoyers Werk als „reines Ärgernis“. Der DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin bezeichnete Hoyers Umgang mit biographischen Deutungen der Beteiligten als problematisch. Die „Grenzen von Zustimmung, Anpassung, Einordnung, Unterordnung und Mittäterschaft“ in der DDR würden so verschwimmen. Das Buch sei insgesamt eine „vertane Chance“. Der Historiker Jens Gieseke bezeichnete das Buch als „historiografisch […] ohne Belang“, es stelle „methodisch und in seinen analytischen Befunden einen deutlichen Rückschritt dar“. Letztlich praktiziere Hoyer „Geschichtsrevisionismus“.

Der Historiker, Journalist und Radiomoderator Marcus Heumann setzt sich in seiner Rezension zu Katja Hoyers Buch „Diesseits der Mauer“ kritisch mit deren Darstellung des DDR-Alltags auseinander. Einerseits gelingt es Hoyer durch die geschickte Verknüpfung von Alltagsgeschichte und politischer Realität darzustellen, „[...] wie die DDR tickte [...]“, welche Ambivalenzen den Alltag prägten – etwa dass Begeisterungen und das ignorierende Ausspionieren des Privatlebens nebeneinander existierten, um im System zu funktionieren. Andererseits kritisiert Heumann – ausgehend von der englischsprachigen Originalausgabe – ein zu „grobkörniges“ und „rotstichiges“ Bild der DDR, das durch faktische Unrichtigkeiten, Widersprüche und Übersetzungsfehler getrübt wird.

Inhaltsangabe Bücher

Blood and Iron / Im Kaiserreich (2021)

Katja Hoyers Sachbuch Blood and Iron (deutscher Titel: Im Kaiserreich) zählt fünf Kapitel, gegliedert nach den Zeitabschnitten Befreiungskriege bis zur Reichsgründung, von der Reichsgründung bis zum Dreikaiserjahr, das Dreikaiserjahr selbst, vom Abtritt Bismarcks bis zum Kriegsausbruch 1914, und über den Ersten Weltkrieg.

Beyond the Wall / Diesseits der Mauer (2023)

Katja Hoyers Sachbuch Beyond the Wall (deutscher Titel: Diesseits der Mauer) erschien 2023 als ihr zweites Buch, eine Geschichte des Lebens in der DDR aus Sicht der „normalen“ Leute. Es ist in zehn chronologisch angeordnete Kapitel gegliedert, die von 1918 bis 1990 reichen. Die meisten davon öffnen mit anekdotischen Ereignissen, die Personen der Zeitgeschichte, aber auch unbekannte Frauen und Männer betreffen. Unter den von der Autorin interviewten Personen sind auch Egon Krenz und Frank Schöbel.

Weimar: Life on the Edge of Catastrophe / Weimar: Glanz und Grauen der deutschen Geschichte (2026)

Im Mai 2026 erschien ihre dritte historische Monographie Weimar: Life on the Edge of Catastrophe (deutscher Titel Weimar: Glanz und Grauen der deutschen Geschichte).

Veröffentlichungen

Commons: Katja Hoyer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ https://buechermenschen.de/interview/exklusiv-interview-mit-katja-hoyer/
  2. 1 2 Jens Gieseke: Rezensionsessay: K. Hoyer: Diesseits der Mauer. In: H-Soz-Kult, 31. August 2023.
  3. ↑ „Es wird wenig darüber gesprochen, wie die DDR in die deutsche Geschichte passt“. Interview mit Katja Hoyer, RBB, Erstausstrahlung am 7. Mai 2023 (Online)
  4. ↑ Beiträge von Katja Hoyer für den Spectator, vom 1. März 2021 an.
  5. ↑ Beiträge von Katja Hoyer für die Washington Post, vom Juli 2021 bis März 2023.
  6. ↑ Katja Hoyer | The Guardian. Abgerufen am 20. August 2026.
  7. ↑ Katja Hoyer, Journalist. In: Bloomberg. Abgerufen am 20. August 2026 (englisch).
  8. ↑ Tomasz Kurianowicz, Moritz Eichhorn: In eigener Sache: Katja Hoyer wird Kolumnistin der Berliner Zeitung am Wochenende. In: Berliner Zeitung. 28. März 2024, abgerufen am 6. April 2024.
  9. ↑ Katja Hoyer: Katja Hoyer: About. Abgerufen am 13. September 2026 (englisch).
  10. ↑ 2023: The Baillie Gifford Prize for Non-Fiction (Abgerufen im März 2024)
  11. ↑ ZDF, Deutschlandfunk Kultur, ZEIT: Die Sachbuch-Bestenliste für Juni 2023 (Abgerufen im März 2024)
  12. ↑ Charlotta Seiler Brylla: „Auch-Deutsche“? Zur Diskurssemantik von ostdeutsch und (west)deutsch in der Oschmann-Debatte. In: Kersten Sven Roth, Steffen Pappert (Hrsg.): Ost-West-Konflikte. Interdisziplinäre Perspektiven auf den Diskurs über Deutschland und die Welt. Helmut Buske, Hamburg 2024, S. 87–106, hier S. 87.
  13. ↑ Norbert F. Pötzl: Eine ganz kommode Diktatur. In: Süddeutsche Zeitung, 4. Mai 2023.
  14. ↑ Sabine Rennefanz: Neue Ost-Debatte: Wider den DDR-Hass - Kolumne. In: Der Spiegel, ISSN 2195-1349, 11. Mai 2023
  15. ↑ Marko Martin: Mit Mutti zum Kaffee bei Egon Krenz. In: taz, 13. Mai 2023.
  16. ↑ John Connelly: „Eindeutig deutsches Experiment“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Juni 2023.
  17. ↑ Sonia Combe: Katja Hoyers Buch jenseits des Rheins gelesen. Eine einhellig positivere Aufnahme als in Deutschland. In: Deutschland Archiv. Bundeszentrale für politische Bildung, 30. Mai 2025.
  18. ↑ Ilko-Sascha Kowalczuk: Sozialismus in Pastell. Katja Hoyers substanzlose DDR-Geschichte. In: Tagesspiegel, 9. Mai 2023.
  19. ↑ Ilko-Sascha Kowalczuk: Kleine, feine DDR. Katja Hoyers Buch „Diesseits der Mauer“ ist jetzt schon ein Bestseller. Unser Autor ist entsetzt. In: Freitag, 11. Mai 2023.
  20. ↑ Ilko-Sascha Kowalczuk: „Ich bin nun mal diktaturgeschädigt.“ Wie erinnern wir uns an die DDR und wer bestimmt das. Interview von Stefan Locke. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. Mai 2023.
  21. ↑ Hermann Wentker: Rezension von: Katja Hoyer: Diesseits der Mauer. In: sehepunkte 23 (2023), Nr. 7/8 (15. Juli 2023).
  22. ↑ Wolfgang Templin: Die neue ostdeutsche Welle. In: Deutschland-Archiv, ZDB-ID 2594575-0, eine Reihe der Bundeszentrale für Politische Bildung, 7. Juli 2023.
  23. ↑ Marcus Heumann: Rotstichiges Bild der DDR. 15. Mai 2023.
  24. ↑ Katja Hoyers »Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte« steigt auf Platz 1 der besten Sachbücher des Monats Juni ein. In: Hoffmann und Campe: Neuigkeiten. 28. Mai 2026, abgerufen am 13. September 2026.
Personendaten
NAME Hoyer, Katja
KURZBESCHREIBUNG deutsche Historikerin und Autorin
GEBURTSDATUM 1985
GEBURTSORT Guben