





Kaufruf, Händlerruf, Ausrufbild ist eine Gattung der populären Druckgrafik, deren Sujet die Darstellung von auf eigene Rechnung arbeitenden Straßenhändlern, Hausierern und Kolporteuren oder von Ausrufern sowie die Wiedergabe von deren charakteristischen Ausrufen ist. Entsprechende Grafikfolgen erlebten während des 18. und 19. Jahrhunderts große Verbreitung und befassten sich mit den handelstreibenden Personen beiderlei Geschlechts in den größeren europäischen Städten wie Paris, London, Hamburg, Wien, Basel oder Zürich. Der Name solcher Reihen leitet sich von dem unter die dargestellten Personen gesetzten Kaufruf ab. Teilweise findet sich bei einzelnen Grafikfolgen auch in Notenschrift festgehalten die Tonfolge der Händlerrufe.
Hubert Kaut hatte 1970 sämtliche Originalausgaben der Wiener Kaufrufe katalogmäßig erfasst. Er plädierte dafür, dieses Teilgebiet der Wiener Graphik „nicht einseitig kunsthistorisch“ zu behandeln, sondern der „kulturgeschichtliche Gesichtspunkt muß ebenso wie der soziologische gleichwertig berücksichtigt werden.“
Um die systematische internationale Erfassung hat sich Karen F. Beall verdient gemacht, deren Bibliografie „Cries and itinerant trades“ 1975 unter dem Paralleltitel „Kaufrufe und Straßenhändler“ veröffentlicht wurde. Unter dem Titel „Kaufrufe und Strassenhändler. Einzelblätter und Graphikfolgen des 16.–19. Jh.“ folgte in den Jahren 1976 bis 1978 eine Serie von Ausstellungen in Bremen, Frankfurt (Main), Wolfenbüttel und Hamburg. Die Bezeichnung Kaufruf schien damit auf dem deutschen Grafikmarkt fest etabliert, als Heimeran 1978 das reich illustrierte Werk „Händlerrufe aus europäischen Städten“ von Robert Massin veröffentlichte. C. P. Maurenbrecher festigte 1980 mit seiner an ein breites Publikum gerichteten Edition Europäische Kaufrufe den von Ernst L. Hauswedell im Grafikhandel eingeführten Gattungsbegriff, bedauerte aber zugleich, dass „das zunächst gebräuchliche ‚Ausruf‘ heute von dem weniger glücklichen, weil begrifflich engeren ‚Kaufruf‘ verdrängt ist.“ Hilfreich ist ein „Register der entwerfenden und ausführenden Künstler“.
Seitens der volkskundlichen Arbeits- und Geräteforschung hatte bereits 1969 Wilhelm Hansen auf „eine förmliche Schwemme an Ausruferzyklen“ des 18. Jahrhunderts verwiesen und als Beleg die Lipperheidesche Kostümbibliothek und deren Sammlungsbestände genannt.
Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit waren viele Menschen nicht des Lesens und Schreibens kundig. Sie waren auf Nachrichtenübermittlung per Ausruf angewiesen. „Offizielle Verlautbarungen, Waren, verlorene Kinder, Einberufungen, Beerdigungen, Versammlungen der Bruderschaften usw. wurden durch vereidigte öffentliche Beamte ausgerufen.“ Die Anbieter von Waren und Dienstleistungen waren ebenfalls auf marktschreierisches Verhalten angewiesen, um ihre Kundschaft zu erreichen. „Der ‚Ausruf‘ oder ‚Kaufruf‘ unterscheidet die Wanderhändler grundlegend vom bodenständigen Handel.“ Fernand Braudel betonte, „die Kunst des Hausierers besteht ja gerade darin, Waren in kleinen Mengen an den Mann zu bringen, unterversorgte Zonen zu erschließen, zögernde Kunden zum Kauf zu bewegen und dabei weder Worte noch Mühen zu sparen […].“ Robert Büchner befasste sich 2011 ausführlich mit den Wanderhändlern in Tirol und den Tirolern im Ausland und untersuchte die bevorzugten Handelsrouten und -plätze sowie die Art der gehandelten Waren. Am Beispiel der Wiener Verhältnisse wird zudem die regionale und jahreszeitliche Vielfalt des ambulanten Handels deutlich, den die Kaufrufe im Hinblick auf Kleidung und Sprache einzufangen hatten.
„So strömten hier in Wien aus allen Teilen der Monarchie Menschen in ihren bunten Nationaltrachten zusammen, sie bevölkerten die Straßen der Stadt und boten die Waren, die sie mitgebracht hatten, in gebrochenem Deutsch oder in einem Dialcktgemisch singend an: der schlesische Leinwandhändler, der kroatische Zwiebelverkäufer, der slowakische Rohrdeckenhändler, der italienische Salamiverkäufer, der Tiroler Teppichkrämer oder der Orangenverkäufer aus der Gottschee (Krain).“
Einzelne Motive aus ‚Le Cris de Paris‘ wurden von der Porzellanmanufaktur in Meissen nach einem 1750 erfolgten Paris-Besuch von Johann Joachim Kändler anhand mitgebrachter Grafiken von dem Modelleur Peter Reinicke in Form von 16 weiblichen und 15 männlichen Ausruferfiguren realisiert. Auch die Capodimonte Porzellanmanufaktur in Neapel produzierte während ihrer aktiven Zeit zwischen 1743 und 1759 Ausruferfiguren. Auch die Chelsea Porcelain Manufactory, die erste bedeutende Porzellanfabrik in England, die um die Jahre 1743–45 in Betrieb kam, fertigte derartige Figuren. In Wien ging die Fertigung derartiger Figuren durch die Wiener Porzellanmanufaktur dem großen Kupferstichwerk von Christian Brand von 1775/76 voraus.
„Gleichzeitig befaßten sich auch Musiker mit dem Tonmaterial der Rufe und verwerten es in Quodlibets und Chorsätzen. In Wien traten etwa nach 1740 fast gleichzeitig beide Gestaltungsmöglichkeiten, die visuelle und die musikalische, auf und beeinflussten einander wechselweise.“