Keuschheitsprobe

Feuerprobe des Prinzen Siyawasch: Illustration von Riza-yi Musavvir, MS St. Petersburg, Dorn 333, f. 265v, von 1651

Als Keuschheitsprobe bezeichnet man Verfahren zur Prüfung oder zum Beweis dafür, dass eine Person ihre Keuschheit, verstanden als Jungfräulichkeit, geschlechtliche Enthaltsamkeit oder eheliche Treue, bewahrt hat.

Keuschheitsprobe und Jungfräulichkeitsprüfung

Keuschheitsproben umfassen medizinische, magische und – in der Form des Gottesurteils – rechtliche Verfahren. Sie sind als kultische oder rechtliche Praxis, Element des Volksglaubens oder Motiv der Sage und Literatur in vielen Kulturen verbreitet und gehen einher mit je eigenen physiologischen, moralischen und religiösen Vorstellungen, insbesondere auch mit kulturell geprägten Vorstellungen von den Geschlechterrollen von Mann und Frau.

Für die Prüfung vorehelicher Unberührtheit wurde in älteren Kulturen, wie zum Teil noch heute, nach Blutfluss als Folge des ersten ehelichen Geschlechtsverkehrs gesucht oder man suchte durch Beschauen und Betasten des Unterleibes nach Merkmalen wie Schwellung und Weichheit des Uterus, die in der antiken und mittelalterlichen Medizin als typische Auswirkungen des Geschlechtsverkehrs auf den weiblichen Körper galten.

Daneben finden sich jedoch auch vielfältige andere Verfahren, bezeugt als reale Praxis oder zumindest als Glaubens- oder Erzählmotiv, die geschlechtliche Enthaltsamkeit – sei es vor der Ehe und insofern als Jungfräulichkeit im engeren Sinn, oder während der Ehe (eheliche Treue) oder auch unabhängig von einer Ehe – beweisen oder widerlegen sollten. Sie erscheinen oft als ein Sondertyp der Unschulds- oder Wahrheitsprobe, bei der eine Person durch Gottesurteil oder Magie in ihrer Schuld erwiesen oder als Lügner überführt werden soll. Und sie verbinden sich zum Teil mit der Vorstellung, dass Keuschheit oder Jungfräulichkeit mit besonderen Fähigkeiten einhergehe und sich deshalb am Besitz dieser Fähigkeiten auch die Keuschheit oder Jungfräulichkeit dieser Person erkennen lasse.

Beispiele

Sita, Heldin des indischen Ramayana, erduldet die Feuerprobe (Mughal von ca. 1600)
Claudia Quinta: Aus der Handschrift einer französischen Übersetzung von Boccaccios De mulieribus claris, 15. Jh.

Keuschheitsprobe als Bewährungsprobe

Die Versuchung des hl. Thomas von Aquin, Gemälde von Giovan Francesco Gessi (1588–1649)

Im weiteren Sinn bezeichnet man als Keuschheitsprobe auch einen Sondertyp der Tugend- oder Bewährungsprobe, bei der es nicht um die Wahrheitsfindung über vergangenes Verhalten geht, sondern eine Person einer aktuellen erotischen Versuchung widersteht und dadurch ihre Tugendhaftigkeit oder Treue beweist. Sie ist ein weit verbreitetes Erzählmotiv, das in der christlichen Tradition besonders in den Heiligenleben der Wüstenväter, am bekanntesten in der Versuchung des Heiligen Antonius, und in den Viten anderer Heiliger zu einem vielfach variierten Topos wurde.

Beispiele

Unkeusche Handlungen als Keuschheitsprobe

Gegen verschiedene häretische Bewegungen des Mittelalters wie die Brüder des Freien Geistes, die Adamiten und die Luziferaner wurde von Seiten der Kirche der Vorwurf sexueller Ausschweifungen erhoben, dem die Beschuldigten zuweilen mit der Rechtfertigung entgegentraten, dass die inkriminierten Handlungen nicht der Unzucht dienten, sondern im Zustand spiritueller Vollkommenheit und damit ohne Sünde oder auch als Beweis besonderer Keuschheit vorgenommen wurden.

Ein bekannter Fall dieser Art war Gerardo Segarelli, der 1260 in Parma die franziskanisch und joachitisch inspirierte Armutsbewegung der Apostelbrüder und -schwestern ins Leben rief, die später von Fra Dolcino angeführt wurde. Nach der Darstellung des franziskanischen Chronisten Salimbene de Adam, der die anfänglichen Erfolge der Bewegung bei der Bevölkerung und auch bei Anhängern seines eigenen Ordens mit eifersüchtiger Missgunst beobachtete, war Segarelli ein scheinheiliger Narr, der sich unter anderem mit Windeln bekleidet in eine Wiege legte und „Milch aus den Brüsten einer unwissenden Frau saugte“, sich vor allem aber „nackt mit nackten“ Anhängerinnen in dasselbe Bett legte, „um zu prüfen, ob er seine Keuschheit bewahren könne oder nicht“, und auch seinen Anhängern geschlechtlichen und gleichgeschlechtlichen Verkehr gestattete. Bei der in den 1290er Jahren einsetzenden Verfolgung der Sekte durch die Inquisition wurden Verhöre auch über solche Praktiken angestellt, wobei dann etwa Zaccaria di Sant'Agata aus der Gegend von Bologna, der seit 1290 ein Leben als Prediger der Bewegung führte, sich 1299 vor dem Inquisitor zu der Auffassung bekannte,

„… daß ein Mann und eine Frau, die nicht miteinander verheiratet sind, und ebenso ein Mann mit einem Mann oder eine Frau mit einer Frau sich umarmen und gegenseitig unbekleidet an unzüchtigen Stellen und anderen Körperteilen berühren können, und dies ohne Sünde sein könne, […] wenn es im Zustand der Vollkommenheit geschehe.“

Weiterführende Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ Vgl. 5. Buch Mose, Kap. 22, 13–20, wonach die Eltern einer Frau, der von ihrem Mann vorehelicher Geschlechtsverkehr vorgeworfen wird, den Ältesten eine „Decke“ als Beweis der Jungfräulichkeit vorweisen sollen
  2. ↑ Kathleen Coyne Kelly: Performing Virginity and Testing Chastity in the Middle Ages (2000), Kap. I
  3. ↑ Bernhard Kummer: Jungfrau. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band IV (1932), Sp. 841–854; Eugen Fehrle: Keuschheit. ebenda Sp. 1291–1303.
  4. ↑ Kethuboth 10b (Memento des Originals vom 28. September 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (engl. Online-Version), die Deutung, dass der Weingeruch bei der Nichtjungfrau speziell am Mund gerochen wurde, stammt von Raschi, vgl. ebenda Anm. 10 (Memento des Originals vom 28. September 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  5. ↑ Linda Hess: Rejecting Sita: Indian Responses to the Ideal Man's Cruel Treatment of His Ideal Wife. In: Journal of the American Academy of Religion. 67,1 (1999), S. 1–32; Cristiano Grottanelli: The King's Grace and the Helpless Woman: A Comparative Study of the Stories of Ruth, Charila, Sita. In: History of Religion. 22,1 (1982), S. 1–24.
  6. ↑ Pausanias, Periegesis, VII, 25, 13 in französischer Übersetzung von Abbé Gédoyn (1731, édition de 1794)
  7. ↑ Franz Boll: Zum griechischen Roman. In: Philologus. 66 (1907), S. 1–15, hier S. 11–15 zu den Quellen.
  8. ↑ Woldemar Görler: Tiberaufwärts nach Rom: ein Thema und seine Variationen. In: Klio. 75 (1993), S. 228–243, hier S. 236 ff.
  9. ↑ Arthur George Warner/Edmond Warner: The Shahnama of Firdausi. Kegan Paul, Trench, Truebner and Co, London 1909, Band II, S. 200–225 (Online-Version (Memento des Originals vom 19. August 2008 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.), zu Parallelen des Stoffes vgl. Stephen Beler: The Diffusion of the Book of Sindbad. In: Fabula. 28, 1–2 (1987), S. 34–58, bes. S. 41 ff.
  10. ↑ Annales monasterii de Wintonia. In: Henry Richard Luard (Hrsg.): Annales monastici. (= Rerum britannicarum medii aevi scriptores, 36). Band II. Longmann, London 1865, S. 20–24.
  11. ↑ Matthias Wemhoff: Kunigunde, empfange die Krone. Bonifatius-Verlag, Paderborn 2002, S. 85 ff.
  12. ↑ Nathalie Koble (Hrsg.): „Le lai du cor“ et „Le manteau mal taillé“. Les dessous de la Table ronde. Éditions Rue d'Ulm, Paris 2005, ISBN 2-7288-0347-1;
    Fredrik Amadeus Wulff: Le conte du Mantel, texte français des dernières années du XIIe siècle, édité d'après tous les mss. In: Romania. 14 (1885), S. 343–380 (Online-Version)
  13. ↑ Werner Schröder: Das Ambraser Mantel-Fragment, nach der einzigen Handschrift neu herausgegeben. (= Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Band 33, Nr. 5). Steiner, Stuttgart 1995, ISBN 3-515-06836-8;
    Werner Schröder: Der Mantel. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters - Verfasserlexikon. 2. Ausgabe, Band 11. Verlag de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-016832-4, S. 962–965.
  14. ↑ Beate Schmolke-Hasselmann: L'intégration de quelques récits brefs arthuriens (Cor, Mandel, Espine) dans les romans arthuriens du XIIIe siècle. In: Danielle Buschinger (Hrsg.): Le récit bref au moyen âge: actes du colloque des 27, 28 et 29 Avril 1979. Champion, Paris 1980, ISBN 2-901121-04-7, S. 107–128.
  15. ↑ Rudolf Simek: Zwei Rittersagas. Die Sage vom Mantel und vom schönen Samson. Möttuls Saga und Samsons saga fara. Aus dem Altnordischen übersetzt und mit einer Einleitung versehen. (= Fabulae medievales, 2). Wilhelm Braumüller, Wien 1982, ISBN 3-7003-0333-5.
  16. ↑ Werner Schröder: Herstellungsversuche an dem Text der Crône Heinrichs von dem Türlin. (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Jg. 1996, Nr. 2 und Nr. 4). Steiner, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06900-3.
  17. ↑ Bernhard Kummer: Jungfrau. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band IV (1932), Sp. 841–854, hier Sp. 846.
  18. ↑ G. S. Radhakrishna: Lift red-hot crowbar, prove you're a virgin. In: The Telegraph. (Calcutta, India), 20. Februar 2005.
  19. ↑ Edmund Stengel: Huons von Auvergne Keuschheitsprobe. Episode aus der franco-venezianischen Chanson de geste von Huon d'Auvergne nach den drei erhaltenen Fassungen, der Berliner, Turiner und Paduaner. In: Mélanges de philologie romane et d'histoire littéraire offerts à M. Maurice Wilmotte, professeur à l'Université de Liège à l'occasion de son 25e anniversaire d'enseignement. Champion, Paris 1910, Band II, S. 685–713.
  20. ↑ Edmund Colledge: The Legend of St. Thomas Aquinas. In: St. Thomas Aquinas 1274–1974: Commemorative Studies. Pontifical Institute of Medieval Studies, Toronto 1974, Band I, S. 13–28.
  21. ↑ Jeffrey Button Russell: Witchcraft in the Middle Ages. Cornell University Press, London/Ithaca 1972, S. 140 ff.
  22. ↑ Salimbene de Adam: Cronica. hrsg. von Giuseppe Scalia, CCCM 125 (1998–1999), S. 369 ff., Online-Version im Archivio della Latinità del Medio Evo (ALIM) (Memento des Originals vom 25. Juni 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. Zu Salimbenes Darstellung Segarellis vgl. Brian R. Carniello: Gerardo Segarelli as the Anti-Francis: Mendicant Rivalry and Heresy in Medieval Italy, 1260–1300. In: The Journal of Ecclesiastical History. 57 (2006), S. 226–251.
  23. ↑ Salimbene de Adam: Cronica. S. 371: „… in cunabulis iacuit fasciis involutus et lac et mammas suxit cuiusdam nescie mulieri“
  24. ↑ Salimbene: Cronica. S. 383: „cum mulieribus, nudus cum nudis, in eodem lecto iacebat ad probandum utrum castitatem tenere posset necne“, vgl. S. 371, wo Salimbene die schwankhafte Erzählung bietet, dass Segarelli von einer Witwe mit einer heiratsfähigen und hübschen Tochter beherbergt worden sei und seiner Gastgeberin erklärt habe, ihm sei von Gott offenbart worden, dass er mit der Tochter „nudus cum nuda“ im gleichen Bett schlafen müsse, um zu prüfen, „ob er die Keuschheit bewahren könne oder nicht“ („ut probaret si castitatem servare posset necne“)
  25. ↑ Salimbene: Cronica. S. 390: „masculi in masculos turpitudinem operantur, maxime senes cum iunioribus, qui ingrediuntur ad eos, ut dixerunt michi“
  26. ↑ Vgl. Raniero Orioli: Fra Dolcino. Nascita, vita e morte di un'eresiarca medievale. (= Le origini: storie e cronache, 4). Europía, Novara / Jaca Book, Mailand 1984, S. 29–39.
  27. ↑ Lorenzo Paolini/Raniero Orioli (Hrsg.): Acta S. Officii Bononie ab anno 1291 usque ad annum 1310. (= Fonti per la storia d'Italia, 106). Band I, Nr. 25, Istituto Storico Italiano, Rom 1982, S. 53 f.: „… quod homo et mulier, que non sint in matrimonio, et homo cum homine et mulier cum muliere, possunt se contractare et tangere mutuo ad nudum in locis impudiciis et in aliis partibus corporis, quod potest esse sine peccato, talis potest esse intentio, si est in perfectione“, „… set possent exerceri sine peccato in homine perfecto“