Kinderrepublik

Unter dem Begriff Kinderrepubliken, welcher in der Reformpädagogik geprägt wurde, sind ganz verschiedene, teilweise sogar gegensätzliche Ansätze von gemeinschaftlichem Leben von Kindern und Erwachsenen beschrieben, in denen Kinder Demokratie, die Funktionsweise von Staaten und/oder einfaches Zusammenleben praktisch einüben. Der Begriff wird dabei für die unterschiedlichsten Grundkonzepte der Kinder- und Jugendarbeit verwendet. So findet man ihn heute unter anderem bei Selbstverwalteten Jugendzentren, in Ferienlagern, Ferienfreizeitveranstaltungen und anderen, außerhalb Deutschlands auch bei Schulversuchen. Auf Grund der Verschiedenartigkeit der Grundkonzepte ist eine generelle Aussage über die wirklichen Entscheidungsbefugnisse und Entscheidungskonsequenzen bei Kinderrepubliken nicht zu treffen, sie reichen vom einfachen Spiel bis hin zur alleinigen Entscheidungsbefugnis und den damit verbundenen Konsequenzen. Davon unabhängig ist die pädagogische Bedeutung nicht über den Grad der Beteiligung ableitbar.

Vorbild dieser Kinderrepubliken waren ähnliche Institutionen in gewissen Stammeskulturen wie z. B. das Ghotul bei den Ureinwohnern in Chhattisgarh, Indien.

Konzepte der Selbstregierung

Es bestehen grundsätzlich drei unterschiedliche, gegensätzliche Konzepte der Selbstregierung:

  1. Die unechte Selbstregierung, bei der erwachsene Erzieher die Entscheidungen der Kinder und Jugendlichen geschickt fernsteuern und manipulieren. Theoretischer Hauptvertreter war der deutsche Pädagogikprofessor und international anerkannte Moralpädagoge Friedrich Wilhelm Foerster (in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts), dem es nicht um Selbstbestimmung, sondern um Charakterformung und letztlich um Willensunterwerfung ging. Der bekannteste Praktiker war Anton Semjonowitsch Makarenko. Auch Ansätze von Rousseau lassen sich hier einordnen.
  2. Es wird ein Selbstregierungssystem mit einem auf Geld beruhenden Wirtschaftssystem (mit Währung, Bank, Unternehmen etc.) eingerichtet, das automatisch wirkende Belohnungen (Geld) und Bestrafungen (Geldverlust) enthält. Danach gilt pädagogische Untätigkeit und radikales Nichteingreifen der Erwachsenen als Konzept. Dies ist als Erziehungskonzept eindeutig unzureichend und hat in der Praxis (bei der George Junior Republic im Staat New York) zum Scheitern der Selbstregierung geführt (siehe auch: Token-System).
  3. Das Konzept der geteilten Verantwortung zwischen erwachsenen Erziehern einerseits und Kindern und Jugendlichen andererseits, das vor allem von psychoanalytisch orientierten Heimerziehern in Großbritannien ausgearbeitet und praktiziert wurde (Homer Lane, David Wills, Alexander Sutherland Neill u. a.; Siegfried Bernfeld und John Patrick Caroll-Abbing arbeiteten ähnlich). Dieses Konzept ist pädagogisch durchdacht, ermöglicht weitestgehende demokratische Selbstregierung der Kinder und Jugendlichen und funktioniert, z. B. seit über 100 Jahren in Summerhill. Vor allem um dieses Konzept geht es hier.

Techniken der Selbstregierung

Die Technik der Selbstregierung ist meist sehr einfach: Sämtliche Heimmitglieder – die Erwachsenen sind eine kleine Minderheit – stimmen in regelmäßigen Vollversammlungen über neu vorgeschlagene Regeln ab. Regelverstöße können bei einer Gerichtsinstanz angezeigt werden und können bestraft oder sonst wie gehandhabt werden. Die Heimleitung erlässt gemäß der geteilten Verantwortung die notwendigsten Sicherheitsregeln einschließlich der dem Heim von außen auferlegten (z. B. gesetzlichen) Regeln (Schulpflicht, Drogenverbote etc.).

Grenzen der Selbstregierung

Auch wenn einige Kinderrepubliken (etwa die George Junior Republics) einen Staat und sein Wirtschaftssystem so genau wie nur möglich nachbilden, und Benposta sogar gelegentlich behauptet, ein eigener Staat zu sein, sind es faktisch immer Heime, d. h. Erziehungseinrichtungen, und Erwachsene bleiben stets letztendlich verantwortlich. Wer alle Entscheidungen an die Kinder und Jugendlichen abgibt, riskiert entweder den raschen Ruin des Heims oder ist zur geschickten Manipulation der Entscheidungen gezwungen. Gerade die radikalen Befürworter der Selbstregierung betonen klar die Grenzen der Selbstregierung – die allerdings so weit gezogen sind, dass nahezu das gesamte Alltagsleben im Zuständigkeitsbereich der Kinder und Jugendlichen liegt.

Demokratie ist eine höchst künstliche Lebensform; sich selbst überlassene Kinder würden keine demokratischen Musterstaaten bilden, sondern allenfalls Banden. Nur wo erwachsene Erzieher die Selbstregierung sehr bewusst zu ihrem Konzept machen, sie herstellen und tatkräftig unterstützen, kann sie existieren.

Selbstregierung ist kein Selbstzweck; das Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen hat oberste Priorität. Wo Selbstregierung trotz Unterstützung längere Zeit nicht funktioniert, greifen die Erzieher ein, helfen beim Neuaufbau, provozieren u. U. die Abschaffung aller Gesetze per Mehrheitsbeschluss („Anarchieperioden“, die sich nach wenigen Tagen als unerträglich herausstellen und zum Beschluss neuer Regelsysteme motivieren) oder der vorübergehenden (möglichst schlechten und unangenehmen) „Diktatur“ der Erwachsenen.

Beispiele

William Reuben George

Beispiele für das Modell einer Kinderrepublik sind:

Gründe für die Schließung

Viele dieser Einrichtungen wurden geschlossen und existieren nicht mehr.

Die Kinderrepubliken sind jedoch nicht „wegen interner pädagogischer Probleme mit den Jugendlichen geschlossen [worden], oder weil die Selbstregierung nicht funktionierte und fehlschlug. Die Republiken scheiterten nicht an pädagogischen Problemen, auch nicht, weil die angeblich unersetzbare geniale Erzieherpersönlichkeit starb, sondern sie scheiterten politisch an veränderten politischen Verhältnissen (Faschismus!) und inszenierten sexuell-politischen Skandalen, sowie organisatorisch, weil sie kein geeignetes ausgebildetes oder befähigtes Personal fanden, oder wirtschaftlich an Geldnot oder Erbschaftsproblemen nach dem Tod des Gründers.“ (Kamp 1995, S. 78.)

Neben den schon genannten Gründen gibt es noch einen weiteren, der sicherlich schwer wiegen dürfte: Kinderrepubliken verlangen von den dort lebenden Menschen ein hohes Maß an Idealismus und gefestigte Überzeugungen. Nicht jeder Erwachsene oder ältere Jugendliche (und diese sind es, die in einer Kinderrepublik das höchste Maß an sozialer und politischer Verantwortung übernehmen) ist auf Dauer in der Lage, das selbst gewählte Ziel des altruistischen, pädagogisch orientierten Lebens auch überzeugend zu vertreten. Der menschliche Hang zur (vielleicht unbewussten) Suche nach dem eigenen Vorteil ist bisweilen sogar stärker als die pädagogische Befähigung und Ausbildung des Einzelnen: Das Leben in Gemeinschaft ist eine große persönliche und kollektive Herausforderung, der nicht jeder Einzelne und nicht jedes Projekt auf Dauer erfolgreich begegnen kann.

An genau diesem Punkt [Quelle?] scheiterte Benposta, die Nación de Muchachos, in Orense (Spanien) in den vergangenen Jahren: Das Projekt ist inzwischen geschlossen.

Aber auch ein ganz banaler, bereits im Kamp-Zitat genannter Grund führte im spanischen Benposta neben anderen Gründen zum allmählichen Niedergang: Schon sehr lange vor der Schließung fehlten zunehmend finanzielle Mittel, woraus sich folgenschwere Einschränkungen ergaben in den Betreuungsmöglichkeiten (Ausbilder in den Werkstätten, Lehrer, Betreuer für die Unterkünfte der jüngeren Kinder), der Instandhaltung der Gebäude usw. (vgl. Poschkamp, 1985).

Folgerungen

Es fällt auf, dass bis auf das Buch von Kamp (Kinderrepubliken) dieses Thema in der pädagogischen Diskussion wenig beachtet wird. Dieses Schicksal teilen z. B. Summerhill oder Reformschulen um 1920, z. B. die Versuchsschule Telemannstraße in Hamburg, die Schülerselbstregierung praktizierten. Wenn man die Vorlesungsverzeichnisse der deutschsprachigen Hochschulen durchsieht, findet man zu den Kinderrepubliken nichts. In Schulmuseen wird fast ausschließlich der Paukunterricht der Kaiserzeit – vor allem in vorgeführten Schulstunden – in Erinnerung gehalten, während die erfolgreichen Ansätze der Weimarer Republik schlicht nicht vorhanden sind. Ausnahme: Hamburger Schulmuseum.

In der Freinet-Pädagogik ist nicht der Staat, die Republik das Vorbild, sondern die genossenschaftliche, selbstverwaltete Kooperative (aus dem ländlichen Raum in Frankreich).

Die Dissertation von Kamp zeigt, dass es möglich ist, dass Kinder sich selbst regieren. In Deutschland gibt es möglicherweise wieder Ansätze zu Kinderrepubliken: z. B. der Schulstaat Haubinda.

Verwandte Themen

Literatur

Deutschsprachig

Englischsprachig

Existent mit Bezug zur Gründerphase

Noch existent, aber ohne Bezug zur Gründungsphase

Nicht mehr existent