Das Kreis-Ellipse-Problem ist ein prominentes, wiederholt diskutiertes Problem aus dem Bereich der objektorientierten Programmierung im Zusammenhang mit der Modellierung von Vererbungsbeziehungen. Einerseits ist ein Kreis eindeutig eine Ellipse, was dafür spricht, dass es sich um einen Subtyp der Ellipse handelt. Andererseits führt die Unterstützung einer nachträglichen, unabhängigen Veränderung der Länge der beiden Halbachsen, die für eine Ellipse sinnvoll sein kann, bei einem Kreis zu einem Problem, das häufig im Zusammenhang mit dem Liskovschen Substitutionsprinzip diskutiert wird.
Ein analoger Fall ist die Beziehung zwischen Quadrat und Rechteck.
In einer typischen Klassenhierarchie zur Implementierung einer Grafiksoftware könnte von einer Basisklasse GrafischesElement – neben anderen Unterklassen – die Klasse Ellipse abgeleitet werden und von dieser wiederum die Klasse Kreis. Bereits in der Basisklasse gibt es eine Methode Zeichne, die das jeweilige Grafikelement auf den Bildschirm darstellt. Nun ist durchaus denkbar, dass die Methoden SkaliereX und SkaliereY in der Klasse Ellipse eingeführt werden, um dem Benutzer die nachträgliche Anpassung der Halbachsen zu ermöglichen. Kreis als Spezialisierung der Ellipse erbt diese Methoden. Allerdings ist ein Kreis nach Anpassung nur einer der beiden Halbachsen kein Kreis mehr. Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma wäre, bei einem Kreis bei Anpassung einer der Halbachsen die andere automatisch anzugleichen. Allerdings wäre dies ein Verstoß gegen das liskovsche Substitutionsprinzip, da ein Objekt der Klasse Kreis sich nicht mehr verhält, wie man es für eine Ellipse erwarten würde.
Hauptsächlich werden folgende Lösungsmöglichkeiten dieses Problems diskutiert:
Kreis: Stattdessen kann in Ellipse eine zusätzliche Methode IstKreis vorgesehen werden. Der Nachteil dieser Variante ist, dass die Eigenschaften eines Kreises, die spezifisch für diesen sind und für eine Ellipse nicht gelten (beispielsweise der Radius), nicht in der Schnittstelle der Klasse untergebracht werden können. Der Vorteil ist, dass Ellipsen, die über eine nachträgliche Skalierung zu Kreisen werden, gleichberechtigt zu Kreisen sind, die seit Konstruktion solche sind.GrafischesElement verwendet wird, hat das den Nachteil, dass gemeinsame Funktionalität von Kreis und Ellipse doppelt implementiert werden muss, das heißt, redundant ist. Um diese Redundanz zu vermindern, könnte ein Mixin verwendet werden, falls die Sprache so etwas unterstützt.Es lässt sich nicht unabhängig vom konkreten Anwendungsfall festlegen, ob Kreis sich als Spezialisierung von Ellipse eignet oder nicht. Im Wesentlichen hängt es davon ab, ob eine Ellipse nach Instanziierung in der Größe anpassbar sein soll oder nicht.