Kugelmugel

Die „Republik“ Kugelmugel (2010)
Der Innenraum der Sphäre, Dachluke im Zenit offen (2018)
Kugelmugel, mit Baugerüsten und Leiter auf das Dach (von oben, 2010)
Eingang mit rot-weißem Bakenmuster (2024)

Kugelmugel ist ein im Wiener Wurstelprater auf einem kleinen mit Stacheldraht umzäunten Stück Grund aufgestelltes Kugelhaus von acht Meter Durchmesser, das vom Künstler Edwin Lipburger (* 1928 in Lauterach/Vorarlberg; † 8. Jänner 2015) geschaffen und 1982 hierher verlegt wurde, nachdem er es elf Jahre davor ohne amtlichen Konsens in Niederösterreich errichtet hatte. Lipburger erklärte Kugelmugel zur eigenständigen Republik, was das Gebäude zur Mikronation machen würde.

Geschichte

1971 stellte Edwin Lipburger in Katzelsdorf bei Wiener Neustadt in Niederösterreich in der Nähe der Landesstraße 4091 ein Kugelhaus auf eine Wiese. Da keine Baugenehmigung vorlag, rechtfertigte sich Lipburger damit, dass seine „nur vorübergehend stabilisierte Kugel“ ein „positiv konstant gekrümmter, zweidimensionaler Raum und daher kein Begriff im Sinne der Niederösterreichischen Bauordnung“ bzw. ein „Konstruktionsmodell für eine 20 Meter dicke Kugel aus Stahlbeton“ sei. Außerdem stellte er gekrümmte Ortstafeln auf, die jedoch von der Gendarmerie beschlagnahmt wurden und einen Rechtsstreit auslösten, weshalb er vom Bezirksgericht Wiener Neustadt 1979 wegen Amtsanmaßung zu zehn Wochen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, die auch verbüßt werden mussten. Bereits 1976 hatte „Revolutionsführer“ Lipburger die nicht offiziell anerkannte Republik Kugelmugel ausgerufen.

Anfang Juni 1982 wurde das Kugelhaus mit Unterstützung des damaligen Kulturstadtrats Helmut Zilk in den Wiener Prater in den jetzigen Ort hinter dem Planetarium Wien verlegt. Dieser Ort liegt an der Prater Hauptallee nahe der Vivariumstraße. Der mit Wiese bewachsene Platz von kaum 100 m² Fläche wurde vom Künstler mit einem offiziell wirkenden Straßenschild Antifaschismusplatz bezeichnet, welches Lipburger ebenso als Kunstobjekt bezeichnete. Die Straßenbezeichnung findet sich in keinem offiziellen Verzeichnis. Er ist im Wesentlichen regelmäßig achteckig eingezäunt. Die neun etwa 2,60 m hohen Betonzaunsäulen tragen Maschendrahtzaun, von deren obersten Abschnitt knicken jedoch nach außen Spanndrähte und Stacheldraht. An einem Eck befindet sich der Eingang in Form einer Holztür, die mit rot-weißem Bakenmuster, wie es für Schildwachen üblich ist, lackiert ist.

Eine liegend-rechteckige Tafel mit waagrechten Streifen in weiß-rot-weiß, mittigem schwarz-weißem Signet eines Porträts und der Aufschrift „Republik Kugelmugel / Grenzübergang“ flaggt den „Staat“ über dieser mit Briefschlitz versehenen Zauntür aus. Kommunikation findet statt über Anschläge in einem Schaukasten mit A4-Papieren sowie zwei etwa 1,50 m × 3 m großen weißen Plakattafeln mit Text, die von zwei Alu-Baugerüsten in etwa 2,50 m Höhe über Grund gehalten werden. Die unter der Unterschrift „Generalvolksanwalt Edwin Lipburger-Kugelmugel“ angegebene Webadresse www.republik-kugelmugel.com führte zu einer eigenwilligen Selbstdarstellung, die heute noch im Webarchiv abrufbar ist. 2014 prangte am Pkw Lipburgers, abgestellt bei seiner Wohnung in Penzing, die Aufschrift „Staat im Staat. Kugelmugel. Exterritorial.“ Die „Republik“ gab etwa 600 Pässe aus.

„[…] Vollends ins Wanken gebracht wurde der Kunstbegriff durch den akademischen Maler Edwin Lipburger. Er errichtete in Katzelsdorf ohne Baubewilligung ein Kugelhaus und rief den Staat Kugelmugel aus. Die künstlerische Aussage des Lipburger’schen Gesamtkunstwerkes Kugelmugel, bestehend aus Kugelhaus samt Schranken, Wachhäuschen und Ortstafeln sowie aus dem schriftlichen Auftreten Lipburgers als Bürgermeister einer Phantasiegemeinde oder als Organ eines erfundenen Staatsgebildes mit eigenen Briefmarken usw. liegt darin, dass gegen Borniertheit, Engstirnigkeit, irrationale Machtstrukturen, unverhältnismäßige Autoritätsentfaltung und Verbote um der Verbote willen Stellung genommen wird. Die echte Behörde wird dadurch entzaubert, da der gegen sie auftretende Künstler sich ebenfalls Behördencharakter zulegt und so die Absurdität und Unmenschlichkeit der Entfaltung behördlicher Macht auch dort, wo dies nicht rational begründet ist, bloßlegt. Seine Aktivitäten bringen immer wieder ein Warum nicht? zum Ausdruck: Warum nicht ein Kugelhaus statt eines normalen Hauses bauen? Warum nicht annehmen, dass dieses hölzerne Kugelhaus mit nur kleiner Standfläche kein eine Baubewilligung erforderndes Gebäude, sondern ein symbolträchtiges Kunstwerk ist? Warum nicht als besonders legitimierter Amtsträger auftreten, wenn dies die Gegner der geistigen Auseinandersetzung tun könnten? Der Künstler provoziert mit diesem Verhalten die (oft allerdings unvermeidliche) Anwendung von – von ihm für unflexibel und daher inhuman gehaltenen – Gesetzen, was ihn in die Lage versetzt, das unbefriedigende Ergebnis in der Realität demonstrieren zu können (damit gelingt ihm die Überwindung der Gefahr der Musealisierung seines Kunstwerks!). Die Strafjustiz, die Lipburger wegen Amtsanmaßung durch Aufstellen von Ortstafeln verfolgt hat, hat nolens volens ihre Rolle in diesem Gesamtkunstwerk gespielt. […]“

– Christoph Mayerhofer

Reaktivierung

Im August 2022 wurde bekannt, dass die Unternehmerin Linda Treiber, die mit Nikolaus Lipburger, dem Sohn des Errichters, das Bauwerk ab Herbst 2022 generalsanierte, Kugelmugel reaktivieren wollte. Laut Medienbericht sollte die „Republik“ ab Frühling 2023 wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Am 9. September 2023 wurde Linda Treiber als „Staatspräsidentin“ vereidigt und mit der Führung der Amtsgeschäfte betraut.

Literatur

Commons: Kugelmugel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Bitzan / Die Presse 2014
  2. ↑ www.republik-kugelmugel.com (Memento vom 28. Juni 2015 im Internet Archive)
  3. ↑ Christoph Mayerhofer: Die Freiheit der Kunst vor strafrechtlichen Eingriffen. In: Österreichische Juristen-Zeitung (ÖJZ). Band 1984/8, S. 197–201, Absatz zur „Republik Kugelmugel“ auf Seite 199.
  4. ↑ Draßmarkterin als Managerin des „Kugelmugel“ im Prater. Auf bvz.at, 20. August 2022, zuletzt abgerufen am 29. August 2023.
  5. ↑ Kronen Zeitung, Wien-Ausgabe vom 30. Mai 2024, Seite 29.
  6. ↑ Erich Kocina: Kugelmugel: Die runde Republik öffnet ihre Grenzen. In: Die Presse, 5. Juni 2024.

Koordinaten: 48° 12′ 55,9″ N, 16° 23′ 45,9″ O