Kunstharmonium

Mustel Kunstharmonium mit Celesta (Orgue-Célesta Mustel), um 1890
Titz Kunstharmonium um 1905, ein exakter Nachbau des einmanualigen Mustel-Kunstharmoniums
Mustel Kunstharmonium, Jugendstilgehäuse nach 1910
Mustel Kunstharmonium mit Celesta (Orgue-Célesta Mustel), Jugendstilgehäuse, nach 1910
Lindholm Kunstharmonium „Imperial“
Mannborg Saugwind-Kunstharmonium, „Stil 55“
Balthasar-Florence Kunstharmonium mit Celesta, ca. 1910. Ein ähnliches Instrument gehörte zeitweise Arnold Schönberg

Das Kunstharmonium ist die höchstwertige Art des Harmoniums, die speziell für den künstlerisch-solistischen Einsatz konzipiert wurde. Wesentliches Kennzeichen des Kunstharmoniums ist eine „Doppelexpression“ genannte Winddruckteilung, die mit speziellen Kniehebeln gesteuert wird (nicht zu verwechseln mit den Kniehebeln anderer Harmoniumtypen, die eine andere Funktion haben). Die Doppelexpression erlaubt es, Bass- und Diskanthälfte der Klaviatur in unterschiedlicher Lautstärke und Dynamik zu spielen. Die Disposition des Kunstharmoniums ist typenspezifisch und standardisiert, die Windversorgung erfolgt klassischerweise mit Druckwind.

Geschichte

Alexandre-François Debain (1809–1877) ließ sich 1842 das klassische französische Druckwindharmonium patentieren. Seine Weiterentwicklung zum eigentlichen Kunstharmonium (französisch harmonium d'artiste oder harmonium d'art) ist dem französischen Instrumentenbauer Victor Mustel (1815–1890) zu verdanken, der sich 1853 die von ihm „Doppel-Expression“ genannte Winddruckteilung patentieren ließ. Die Doppelexpression war eine Weiterentwicklung einer ähnlichen bereits zuvor von Alexandre Martin de Provins konstruierten Vorrichtung, einem Erbauer, von dem Mustel auch andere Innovationen, wie etwa die Perkussionsvorrichtung (s. o.) aufgriff. Mustels Entwicklung dieses Instruments sollte eine Reihe von Beschränkungen aufheben, die mit den bis dahin gebräuchlichen Harmonien verbunden waren. Außerdem sollte ein einheitlicher Typ geschaffen werden, der es erlaubte, auch anspruchsvolle Kompositionen bei einer einigermaßen einheitlichen Handhabung zu spielen. Typische mit dem Harmonium verbundene negative Eigenschaften, wie etwa das dynamische Missverhältnis der Bass- und Diskantlage sowie die ungenügende dynamische Differenzierung sollten mit dem Kunstharmonium beseitigt werden.

Aufgrund seines hohen Preises und der großen Kunstfertigkeit, die zu seinem Spiel benötigt wurde, entwickelte sich das Kunstharmonium (im Gegensatz zum Saugwindharmonium) jedoch nie zu einem Masseninstrument. Hinzu kam, dass nur relativ wenige bedeutende Komponisten wie etwa César Franck, Alexandre Guilmant, Georges Bizet und Sigfrid Karg-Elert speziell für das Kunstharmonium komponierten. Andererseits bringt jedoch gerade das Kunstharmonium die spezifischen Vorteile des Instrumentes Harmonium, d. h. seinen ganzen klanglichen und dynamischen Reichtum, in besonderer Weise zur Geltung. Darum ist auch neuerdings in Fachkreisen das Kunstharmonium wieder ein geschätztes Instrument.

Ausstattung

Nach den Worten eines seiner wichtigsten Komponisten, Sigfrid Karg-Elert (in: Die Kunst des Registrierens, 1. Teil, Berlin 1911), sollte ein typisches Kunstharmonium folgende technische Ausstattung haben:

Disposition

Die Register des Kunstharmoniums sind genau festgelegt. Sie werden in den entsprechenden Kompositionen oder Bearbeitungen durch Ziffern ausgedrückt, und zwar wie folgt:

NotationBassDiskant
(1)Cor Anglais 8′ (Englischhorn)Flûte 8′ (Flöte)
das Hauptregister („Grundspiel“) mit einem direkten, klaren Klang
(2)Bourdon 16′Clarinette 16′
mit rundem, weichem Klang
(3)Clairon 4′Fifre 4′
mit nasalem, kräftigem Klang
(4)Basson 8′Hautbois 8′
mit markantem Klang
(5)Harpe éolienne 2′ (Aeolsharfe)
ein schwebendes Register
Musette 16′
mit schalmeiartigem Klang
(6)Voix céleste 16′
eine schwebende Stimme für mystische Effekte
nur bei größeren Instrumenten vorhanden
(7)Baryton 32′
eine tiefliegende nasale Stimme
(8)Aeolsharfe 8′

Die Register der Gruppen (3) und (4) sind im hinteren Bereich des Harmoniums verbaut.

Im Allgemeinen sind in Kompositionen für das Kunstharmonium die Stimmen in der Tonhöhe notiert, in der sie gespielt werden sollen, nicht in der sie klingen. Eine scheinbar hochliegende Melodie mit Bezeichnung (2) klingt also, da ein 16′-Register gefordert ist, eine Oktave tiefer. (Bei der Wiedergabe auf einem Harmonium oder einer Orgel ohne 16′ müsste man dann eine Oktave nach unten transponieren.)

Hersteller und Modelle

Kunstharmonien wurden von folgenden Herstellern produziert:

Frankreich

Mustel stellte auch Kombinationsinstrumente aus Kunstharmonium und Celesta (orgue-célesta Mustel) mit zwei und drei Manualen sowie zweimanualige „Kunstharmoniums“ und Pedalharmoniums (sogar dreimanualige Harmonium-Celesten mit Pedal) her. Während Mustel alle seine Modelle als Kunstharmonien bezeichnete, handelt es sich nach heutiger Begrifflichkeit und der oben zitierten Definition von Karg-Elert jedoch nur bei den einmanualigen Harmonien und den zweimanualigen Harmonium-Celesten um Kunstharmonien im eigentlichen Sinne, nicht hingegen bei den anderen (experimentellen) Modellen.
Ab etwa dem Jahr 1913 weisen die Mustel-Kunstharmoniums eine erweiterte Disposition auf: Im Bass wurden zusätzlich die Register Contrebasse 16′ (zuerst ca. 1905, gesondert schaltbare tiefste Oktave des Bourdon) sowie Basse 8′ (gesondert schaltbare tiefste Oktave des Cor anglais) eingebaut, um tiefe Töne im Prolongement (einer Tastenfessel) halten zu können (das Prolongement erstreckte sich nur auf die tiefste Oktave), gleichzeitig aber die Möglichkeit einer anderen Registrierung in der restlichen Baßhälfte zu haben. Seit ca. 1924 findet sich das Diskantregister Salicional 16′ (die normal gestimmte Zungenreihen der Schwebestimme Voix célèste als Vorabzug). Ab dieser Zeit wird überdies auf den Einbau des Forte-Fixe-Registers verzichtet.
Kunstharmonien mit Selbstspieleinrichtung wurden unter dem Markennamen Concertal vertrieben, preisgünstige Modelle mit weniger reichhaltiger Disposition (sogenannte Spar-Kunstharmonien) und billigerem Zungenmaterial unter dem Namen Mustel-Studio.

Die Modelle aller anderen hier aufgeführten Hersteller stellen mehr oder weniger freie Kopien des Mustel’schen Vorbilds dar, ohne dass einer dieser Fabrikanten das Kunstharmonium wesentlich weiterentwickelt hätte.

Deutschland

Wie in den späteren Mustel-Instrumenten Extraregister für die das Einschalten lediglich der tiefsten Baßoktave einiger Register vorhanden sind, so finden sich bei Schiedmayer standardmäßig für die Register (6), (5) und (2) im Bass solche „Halbzüge“. Neben dem herkömmlichen Prolongement wurde von Schiedmayer ein Prolongement piano gebaut, in einigen Modellen auch mehrere einzeln schaltbare Prolongements über den ganzen Klaviaturbereich hinweg.
Das Modell Scheola mit Selbstspieleinrichtung ist eine Entsprechung des Concertal von Mustel.

Belgien

Vereinigte Staaten

Skandinavien

Ähnliche Modelle

Instrumente mit Kunstharmoniumdisposition (und kunstharmoniumähnlicher Disposition) aber ohne Doppelexpression bauten die Hersteller:

Die Firma Trayser konstruierte bei einigen ihrer Instrumente mit nicht kunstharmoniumspezifischer Disposition eine (irrigerweise) "Doppelexpression (bzw. "Double expression") genannte Vorrichtung, wobei es sich jedoch um einen einfachen Windschweller ohne Bass- und Diskant-Teilung handelt, der konstruktiv nicht mit der Mustel’schen Doppelexpression verwandt ist.

Literatur